Nachbarschaft:
Wie viele Nachbarn verträgt der Mensch?
Experimente mit Ratten zeigen: Beengter Raum macht aggressiv.
In dichter Nachbarschaft schließen sich die Menschen
zu Supergruppen zusammen. | AFP/Getty Images
Die Schweizer sind bekannt als besonnene Zeitgenossen. Doch Anfang
des Jahres war alles anders: Da diskutierten sie hitzig über eine Volksinitiative gegen Zuwanderung. Die Schweiz leide an "Dichtestress",
argumentierten die Befürworter, und 50,3 Prozent folgten ihnen in der
Abstimmung. An Dichtestress? Das Wort mag seltsam klingen, aber
Stadtsoziologen und Psychologen beschäftigt das Thema tatsächlich seit
Langem. Es geht um die Frage, wie viele Nachbarn der Mensch verträgt.
Forscher unterscheiden dabei zwischen zwei Formen von Dichte.
Zum einen gibt es die rein statistische Dichte, die beschreibt, wie
viele Menschen auf einem Fleck leben und wie sie das empfinden
("perceived density").
Und dann gibt es noch das "Crowding", eine Beengtheit, die als
bedrohlich oder gar unerträglich empfunden wird. Crowding kann Stress
auslösen, dadurch das Immunsystem schwächen und auch psychische
Krankheiten zur Folge haben. Vielleicht zielten die Befürworter der
Schweizer Volksinitiative darauf ab, als sie von Dichtestress sprachen.
Dieses Missverständnis geht auf Versuche zurück, die der
US-Psychologe John Calhoun Anfang der sechziger Jahre mit Ratten machte.
Er sperrte sie auf engstem Raum ein und beobachtete, wie sie immer
aggressiver wurden und sich zuletzt gar zerfleischten. Die Experimente
wurden in politischen Debatten immer wieder als Beleg dafür angeführt,
dass ab einer bestimmten Bevölkerungsdichte die Kriminalität
unweigerlich zunehme. Das Problem daran ist: Calhouns Ergebnisse lassen
sich nicht einfach übertragen. Dies zeigen etwa
Studien des
Primatenforschers Frans de Waal
mit Rhesusaffen und Schimpansen. Pfercht man sie auf engstem Raum
zusammen, nimmt ihre Aggressivität kaum zu. Stattdessen reagieren
Schimpansen damit, dass sie sich intensiver als zuvor lausen und
freundschaftlich berühren. Zudem werden sie leiser. Auf den Menschen
übertragen, lässt sich laut de Waal festhalten: "Wir haben ein
natürliches, unterschätztes Talent, mit Crowding fertig zu werden."
Dieses Talent hat sich der Mensch in der Evolution erworben. "Es
erlaubte mit Religion verbundene Rituale und machte Supergruppen
möglich", sagt der britische Anthropologe
Robin Dunbar.
Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 6/2014,
"Die erfolgreichsten Quartiere mit hoher Bewohnerdichte sind
diejenigen, in denen Privatsphäre und Gemeinschaft als Teile eines
größeren Ganzen gesehen werden",
urteilen Christopher Boyko und Rachel Cooper von University of Lancaster. Dann verträgt der Mensch ziemlich viele Nachbarn.
KOMMENTAR:
Dass der Mensch sich hinsichtlich Dichtestress besser arrangieren kann als Tiere, ist unumstritten.
Anderseits ist auch erwiesen, dass Dichte und Nähe, der Mangel an individuellen Freiräumen
unangenehme Gefühle - mithin Aggressivität
auslösen kann.
Politiker bagatellisieren gerne das Wort Dichtestress,
so wie die US- Psychologen.
Wahrscheinlich hat das Problem der Ueberbevölkerung
in der politischen Landschaft und beim Abstimmungsverhalten der Bevölkerung
in allen Ländern eine grosse Bedeutung.
Dieses Problem ist wahrscheinlich dem politischen Personal zu wenig bewusst.
Das menschliche Lebewesen hat ein grosses Bedürfnis nach persönlichem Freiraum.
Die Versuche mit aufgezwungenen Grossgruppen,
Kommunen oder Supergruppen sind langfristig gescheitert. Immer wieder zeigt sich: Der Mensch sehnt sich gerne nach den eigenen vier Wänden, nach dem "Bünzli"- Einfamilienhaus, nach Rückzugszonen, wo er sich ungestört bewegen kann.
Dichtestress
In der
Provinz Sichuan in Südwestchina: Die Wasserparks
sind überfüllt - die Badenden störte das Hitzetagen anscheinend wenig.