Samstag, 7. Dezember 2013

Auch das "Verzichten können" und das "Durchstehvermögen" müssten Kinder lernen!

So wurden Kinder zu Narzisten und Egomanen

 

Nach Michael Winterhoff, Jugendspsychiater, tun die Eltern mit Ihrer aufopfernden Liebe ihren Kindern keinen Gefallen. Bereits mit seinem letzten Buch "Warum werden Kinder zu Tyrannen" löste er eine heftige Erziehungsdebatte aus. Laut Winterhoff hat sich seither die Situation in den Augen des Autors und Arztes sogar weiter verschärft.
Die Kinder dominieren in zunehmendem Masse in der Gesellschaft. Sie werden nicht mehr zurechtgewiesen. Die Eltern sehen im Kind einen Teil der eigenen Persönlichkeit und können somit die Spannungen in der Beziehung nicht ertragen. Sie lesen ihren Kindern jeden Wunsch von den Augen ab und versuchen ihnen möglichst alle Wünsche zu erfüllen.


Wenn sich jedoch alles um ein Kind dreht,  wird seine Entwicklung gebremst. Die emotionale und soziale Psyche wird nicht mehr ausgebildet. Die Kinder werden lebensuntüchtig und beziehungsunfähig. Soziale Bindungen sind aber notwendige Voraussetzung, damit Menschen miteinander klarkommen.
Wenn Eltern Kindern nicht mehr lernen, auf Wünsche verzichten zu können, kommt es zu einem Entwicklungsdefizit. Es fehlt die Frustrationstoleranz und das Unrechtsbewusstsein wird nicht entwickelt. Die Empathie fehlt.  Kindern die auf nichts mehr verzichen können, sehen sich dauernd als Opfer. Alles muss sich um das Erfüllen Ihrer Bedürfnisse kümmern.
Die sogenannte Schulreife zeigte sich früher bei den Erstklässern, wenn sie vier Stunden lang auf einem Stuhl sitzen konnten und gelernt haben, Anforderungen zu akzeptieren und zuzuhören. Wer aber lustorientiert - im Moment lebt - meidet jegliche Anstrengung.
Wie kann ein Schulstoff erworben werden, wenn man nie gelernt hat, still zu sitzen und etwas zu tun, worauf man derzeit keine Lust hat? 



 

Das  Entwicklungsdefizit verunmöglicht dem Kind, die Intelligenz auszuschöpfen.
Die derzeitige imbefriedigende Situation müsste ernst genommen werden. Nach Winterhoff gab es 1995 pro Klasse zwei auffällige Schüler. Heute ist es umgekehrt. Es sind zwei die unauffällig sind. Das ist für ihn besorgniserregend.

Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Winterhoff erwähnt die gesellschaftlichen Veränderungen und den technischen Fortschritt. Der Computer veränderte sehr viel. Auch die Erwachsenen sind derzeit meist überfordert. Viele wissen  nicht mehr was sie eigentlich im Leben wollen.
Weil wir nicht mehr in der Lage sind, Freude und Zufriedenheit zu verspüren, wird stellvertretend die Freude  der Kinder zur eigenen Zufriedenheit gemacht. Erziehende denken und  fühlen durch das Kind.

Eltern wollen ihren Kindern vermeintlich Gutes tun, indem sie sich ständig um deren Bedürfnisse kümmern.
Lehrer, Eltern, Lehrer und Grosseltern wollen unbedingt von den Kindern geliebt werden. Dies führt zu einer Machtumkehr: Der Erwachsene ist bedürftig und braucht das Kind, um dessen Bedürfnis zu stillen.

Was wäre wichtig?

Erwachsene müssten in sich ruhen. Das überträgt sich aufs Kind. Doch dies ist heute selten der Fall. Die meisten Erwachsenen sind dauergestresst.
Ferner dürfen wir Selbständigkeit und Selbstbestimmung nicht verwechseln. Wir arbeiten zwar selbständig, sind aber immer wieder fremdbestimmt (durch die Familie  und den  Beruf)
Wenn ein Kind nicht lernt, dass es auch fremdbestimmt ist, dass es sich auf eine Situation oder ein Gegenüber einstellen und anpassen muss, wird es im Leben mit anderen Menschen nicht klarkommen. In Oesterreich soll es in Kindergärten allen Ernstes Kindern möglich sein, dass sie jederzeit individuell das Trinken und Essen beziehen können. Dies im Glauben, dies fördere die Individualität, weil jeder Mensch zu einem anderen Zeitpunkt Hunger oder Durst habe. Eigentlich ist diese Einstellung völlig absurd.

Autorität und Hierarchie wurden ausgeblendet

Die Negierung jeglicher Autorität oder Hierarchie basiert auf der irrigen Vorstellung, dass man einem Kind auf Augenhöhe nur alles genug lang erklären muss, damit es arbeitet. Entwicklungspsychologisch kann das nicht funktionieren, weil man so dem Kind Erwachseneneigenschaften abverlangt.

Die Auswirkungen dieser Haltung sind verheerend. Es gibt bereits viele Firmen, die finden für ihre Ausbildung kaum noch Jugendliche, weil diese zu hause und in der Schule nie gelernt haben, auf die Zähne zu beissen. Der Umgang mit Autorität oder Kritik wirft sie sofort aus der Bahn.
Wenn wir nicht sofort  Gegensteuer geben, muss die Gesellschaft später die Zeche bezahlen.

Was tun?

1. Die Symbiosebeziehung lösen.




2. Kinder zur Ruhe kommen lassen. Ein paar Stunden allein arbeiten lassen -  ohne Ablenkung - ohne Handy.

 

3. Das Kind muss lernen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Menschen und Gegenständen.

6. Kinder müssen lernen, längere Zeit sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren.




Der Mensch reagiert nämlich nicht auf Knopfdruck.

Quelle: M. Winterhoff: SOS Kinderseele, Bertelsmann, München 2013

Zur Einstimmung schon heute eine Weihnachtsgeschichte


Aus „Als ich ein kleiner Junge war“: 

Dreierkonferenz unterm Christbaum


Nur einmal in jedem Jahr hätte ich sehnlich gewünscht, Geschwister zu besitzen: am Heiligabend! Am ersten Feiertag hätten sie ja gut und gerne wieder fortfliegen können, meinetwegen erst nach dem Gänsebraten mit den rohen Klößen, dem Rotkraut und dem Selleriesalat. Ich hätte sogar auf meine eigene Portion verzichtet und stattdessen Gänseklein gegessen, wenn ich nur am 24. Dezember abends nicht allein gewesen wäre! Die Hälfte der Geschenke hätten sie haben können und es waren wahrhaftig herrliche Geschenke! Und warum wollte ich gerade an diesem Abend, am schönsten Abend eines Kinderjahres, nicht allein und nicht das einzige Kind sein? Ich hatte Angst. Ich fürchtete mich vor der Bescherung! Ich hatte Furcht davor und durfte sie nicht zeigen.
Es ist kein Wunder, dass ihr das nicht gleich versteht. Ich habe mir lange überlegt, ob ich darüber sprechen solle oder nicht. Ich will darüber sprechen!
Also muss ich es euch erklären. Meine Eltern waren, aus Liebe zu mir, aufeinander eifersüchtig. ( … ) Wochenlang, halbe Nächte hindurch, hatte mein Vater im Keller gesessen und zum Beispiel einen wundervollen Pferdestall gebaut. Er hatte geschnitzt und genagelt, geleimt und gemalt, Schriften gepinselt, winziges Zaumzeug zugeschnitten und genäht, die Pferdemähnen mit Bändern durchflochten, die Raufen mit Heu gefüllt, und immer noch war ihm, beim Blaken der Petroleumlampe, etwas eingefallen, noch ein Scharnier, noch ein Beschlag, noch ein Haken, noch ein Stallbesen, noch eine Haferkiste, bis er endlich zufrieden schmunzelte und wusste: »Das macht mir keiner nach!« ( … )
Es waren Geschenke, bei deren Anblick sogar Prinzen die Hände überm Kopf zusammengeschlagen hätten, aber Prinzen hätte mein Vater sie nicht geschenkt. Wochenlang, halbe Tage hindurch, hatte meine Mutter die Stadt durchstreift und die Geschäfte durchwühlt. Sie kaufte jedes Jahr Geschenke, bis sich deren Versteck, die Kommode, krumm bog. Sie kaufte Rollschuhe, Ankersteinbaukästen, Buntstifte, Farbtuben, Malbücher, Hanteln und Keulen für den Turnverein, einen Faustball für den Hof, Schlittschuhe, musikalische Wunderkreisel, Wanderstiefel, einen Norwegerschlitten, ein Kästchen mit Präzisionszirkeln auf blauem Samt, einen Kaufmannsladen, einen Zauberkasten, Kaleidoskope, Zinnsoldaten, eine kleine Druckerei mit Setzbuchstaben und, von Paul Schurig und den Empfehlungen des Sächsischen Lehrervereins angeleitet, viele, viele gute Kinderbücher. ( … )
Es war ein Konkurrenzkampf aus Liebe zu mir und es war ein verbissener Kampf. Es war ein Drama mit drei Personen und der letzte Akt fand, alljährlich, am Heiligabend statt. Die Hauptrolle spielte ein kleiner Junge. Von seinem Talent aus dem Stegreif hing es ab, ob das Stück eine Komödie oder ein. Trauerspiel wurde. Noch heute klopft mir, wenn ich daran denke, das Herz bis in den Hals. ( … )
Ich stand also am Küchenfenster und blickte in die Fenster gegenüber. Hier und dort zündete man schon die Kerzen an. Der Schnee auf der Straße glänzte im Laternenlicht. Weihnachtslieder erklangen. Im Ofen prasselte das Feuer, aber ich fror. Es duftete nach Rosinenstollen, Vanillezucker und Zitronat. Doch mir war elend zumute. ( … ) Und dann hörte ich meine Mutter rufen: .Jetzt kannst du kommen! Ich ergriff die hübsch eingewickelten Geschenke für die beiden und trat in den Flur. Die Zimmertür stand offen. Der Christbaum strahlte. Vater und Mutter hatten sich links und rechts vom Tisch postiert, jeder neben seine Gaben, als sei das Zimmer samt dem Fest halbiert. „Oh“, sagte ich, „wie schön!“, und meinte beide Hälften. Ich hielt mich noch in der Nähe der Tür, sodass mein Versuch, glücklich zu lächeln, unmissverständlich beiden galt.
Der Papa, mit der erloschenen Zigarre im Munde, beschmunzelte den firnisblanken Pferdestall. Die Mama blickte triumphierend auf das Gabengebirge zu ihrer Rechten. Wir lächelten
zu dritt und überlächelten unsre dreifache Unruhe. Doch ich konnte nicht an der Tür stehen bleiben!
Ach, wenn ich allein gewesen wäre, allein mit den Geschenken und dem himmlischen Gefühl, doppelt und aus zweifacher Liebe beschenkt zu werden! Wie selig wär ich gewesen und was für ein glückliches Kind! Doch ich musste meine Rolle spielen, damit das Weihnachtsstück gut ausgehe. Ich war ein Diplomat, erwachsener als meine Eltern, und hatte dafür Sorge
zu tragen, dass unsre feierliche Dreierkonferenz unterm Christbaum ohne Missklang verlief. ( … )
Ich stand am Tisch und freute mich im Pendelverkehr. Ich freute mich rechts, zur Freude meiner Mutter. Ich freute mich an der linken Tischhälfte über den Pferdestall im Allgemeinen. Dann freute ich mich wieder rechts, diesmal über den Rodelschlitten, und dann wieder links, besonders über das Lederzeug. Und noch einmal rechts, und noch einmal links, und nirgends zu lange, und nirgends zu flüchtig. Ich freute mich ehrlich und musste meine Freude zerlegen und zerlügen. Ich gab beiden je einen Kuss auf die Backe. ( … )
Nebenan; bei Grüttners, sangen sie „0 du fröhliche, 0 du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“
Mein Vater holte ein Portemonnaie aus der Tasche, das er im Keller zugeschnitten und genäht hatte, hielt es meiner Mutter hin und sagte: „Das hätt ich ja beinahe vergessen!“ Sie zeigte auf ihre Tischhälfte, wo für ihn Socken, warme lange Unterhosen und ein Schlips lagen. Manchmal fiel ihnen, erst wenn wir bei Würstchen und Kartoffelsalat saßen, ein, dass sie vergessen hatten, einander ihre Geschenke zu geben. Und meine Mutter meinte: „Das hat ja Zeit bis nach dem Essen.“


Welcher Drestner Schriftsteller könnte diese Geschichte geschrieben haben?


Freitag, 6. Dezember 2013

St. Nikolaus ist eigentlich auch ein Hofnarr

Ein guter Coach ist eine Person, die den Coachés den Spiegel vorhält, damit sie die blinden Flecken erkennen und sich selbst verbessern können.



 

Heute Abend kommt  wieder der St. Nikolaus. Er ist im Grunde genommen auch ein Hofnarr, der den Kindern den Spiegel hinhält.
Ein guter Profi Klaus sorgt dafür, dass unsere Kinder  am 6. Dezember wenigstens ein Mal im Jahr ihr Tun reflektieren und dabei Gutes betont und allfällige blinde Flecken bewusst macht. Ebenfalls mit dem Zweck, dass sich unsere Kinder sich dank der Spiegeltechnik auf der bevorstehenden Etappe des Lebensweges  verbessern können. Kritik darf auch für Kläuse nie Selbstzweck sein!
Kennen Sie das Vorbild des heiligen Nikolaus?  Hier eine Zusatzinformation:



  Heute ist Nikolaus: Die sechs größten Wunder des Heiligen von Myra
Nikolaus von Myra ist das historische Vorbild für unseren heiligen Nikolaus. Der lebte im 4. Jahrhundert in der heutigen Türkei
Foto: bpk / Scala / Scala

Duell: Mauch-Leutenegger

FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger will der Sozialdemokratin Corine Mauch das Stadtpräsidium abjagen. Ein Streitgespräch über neue Jobs in Zürich, rote Zahlen – und wo die Beiden am liebsten essen.(Quelle Tagi)
Streitgespräch: Corine Mauch und ihr Herausforderer Filippo Leutenegger.
Streitgespräch: Corine Mauch und ihr Herausforderer Filippo Leutenegger.
Bild: Dominique Meienberg

Frau Mauch, Sie schreiben in einer Broschüre: Wenn Sie Gästen Zürich zeigten, staunten diese über die Qualität und Vielfalt des kulturellen Angebots. Welche Veranstaltung haben Sie privat als letzte besucht?

Corine Mauch: Privates und Offizielles ist kaum mehr zu trennen. Letzte Woche besuchte ich ein Konzert von Irène Schweizer am Jazzfestival Unerhört.

Und Sie, Herr Leutenegger?

Filippo Leutenegger: Ich besuche mit den Kindern sehr oft die Märlibühne, das Kunsthaus und die Filmfestivals in Zürich, Solothurn und Locarno.

Ihre Kontrahentin will das Literaturmuseum schliessen. Würden Sie das als Stadtpräsident auch tun, Herr Leutenegger?

Leutenegger: Ich habe nur darüber gelesen – und kritisiere Frau Mauch nicht für das, was sie macht.

Die «Süddeutsche Zeitung» spricht von einem Skandal. Und beide wollen Sie das Museum schliessen.

Leutenegger: Nein, ich nicht, ich bin ja noch nicht im Amt. Die Hintergründe zum Entscheid kenne ich zu wenig.

Frau Mauch, für Jugendliche wollen Sie dort ein Schreiblabor einrichten. Ist das ein richtungsweisender Schritt weg von der etablierten Kultur zur Kultur für alle?

Mauch: Nein, das wäre eine falsche Interpretation. Im Zusammenhang mit der Pensionierung des Leiters, der das Museum geprägt hat, und seiner Assistentin haben wir den Literaturbereich überprüft. Laut Kulturleitbild wollen wir die Vermittlungsarbeit verstärken und die Zielgruppe der Jungen stärker berücksichtigen. Darum liessen wir das Konzept des Jungen Literaturlabors ausarbeiten. Das Projekt finde ich unglaublich spannend.

Es gibt aber Widerstand: 4000 Leute haben eine Petition unterschrieben.

Leutenegger: Mich hat dieser riesige Mais erstaunt. Da muss in der Kommunikation etwas schiefgelaufen sein.

Mauch: Der Widerstand hat mich nicht erstaunt, im Gegenteil. Dass die Angestellten nicht glücklich sind, dafür habe ich vollstes Verständnis. Die 4000 Unterschriften zeigen ein lebendiges Interesse am Kulturleben. Mich hätte mehr beunruhigt, wenn nichts passiert wäre. Literaturausstellungen sollen in Zürich weiterhin stattfinden – an verschiedenen Orten.

Was würden Sie als Kulturchef verändern, Herr Leutenegger?

Leutenegger: Kultur ist etwas Lebendiges, darum müssen wir priorisieren. Veränderungen sehe ich dabei dynamisch.

Dynamisch? Was meinen Sie damit?

Leutenegger: Das Theater Rigiblick ist mit viel Eigeninitiative gewachsen und hat eine hohe Eigenfinanzierung. Darum sollte es mehr Anerkennung erhalten. Wir müssen die Verhältnisse, wer wie viel erhält, überprüfen. Heute werden solche Veränderungsprozesse zu wenig thematisiert. Besitzstandswahrung ist der falsche Weg. Mauch: Wir machen nicht auf Besitzstandswahrung. Früher investierten wir stark in grosse Institutionen wie das Museum Rietberg, das Kunsthaus und das Schauspielhaus. Nun setzten wir einen Schwerpunkt bei kleineren Institutionen und haben in der Förderung der freien Szene viel bewirkt.

Würden Sie als Kulturchef in der Kultur sparen, Herr Leutenegger?

Leutenegger: Nein, nicht die Kultur verursacht die Finanzprobleme, sondern das grosse Ausgabenwachstum der Stadt. Und ich rede auch da nicht vom Sparen, sondern davon, dieses Wachstum runterzufahren. Auf die Kultur bezogen heisst das: kein Subventionswachstum.

Sie wollen also Geld umlagern. Wem würden Sie etwas wegnehmen?

Leutenegger: Das kann ich nicht sagen, ich bin noch nicht Stadtpräsident. Ich will aber die Richtung aufzeigen.

Die Stadtpräsidentin gibt der Stadt ein Gesicht. Was glauben Sie, wie dieses ausschaut, Frau Mauch?

Mauch: Ich gebe Zürich ein Gesicht einer weltoffenen, solidarischen Stadt. Einer Stadt, die sich nicht selber genügt, sondern sich bewusst ist, Hauptstadt des Kantons und grösste Schweizer Stadt zu sein, die elf Prozent des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. Sie ist sich auch bewusst, dass sie mit Partnern zusammenarbeiten muss. Ohne das Umland wäre Zürich nicht die Stadt, die sie ist.

Stimmt das Bild von Frau Mauch für Sie, Herr Leutenegger?

Leutenegger: Nicht ganz. Zürich ist für mich das grösste Dorf der Schweiz und die kleinste Weltstadt. Beide Seiten müssen wir zusammenbringen. Offenheit braucht es auch gegenüber Unternehmen und dem Finanzplatz. In Finanzplatzfragen dürfte sich die Stadt gegenüber dem Bund durchaus auch lauter artikulieren. Sie macht das zu verschämt. Die Stadt muss verlässlich sein – bei den Finanzen, bei der Stadtentwicklung.

Frau Mauch, wo haben Sie sich in den letzten Wochen konkret für den Finanzplatz Zürich eingesetzt?

Mauch: In den letzten vier Wochen traf ich die Spitzen der ZKB, der UBS, der CS sowie etwa 20 Vertreter verschiedener Banken. Was wir den Finanzunternehmen in erster Linie bieten müssen, sind hervorragende Infrastrukturen und Rahmenbedingungen. Vor allem für Mitarbeitende internationaler Finanzdienstleister ist das extrem wichtig.

Mit tiefen Steuern zum Beispiel?
Mauch: Es braucht ein spannendes Kulturangebot, ein gutes Bildungsangebot, verlässliche Infrastrukturen für ausserfamiliäre Betreuung und eine hohe Sicherheit. Das sind die Faktoren.

Leutenegger: Immer mehr grosse Firmen behalten zwar ihren Hauptsitz aus Imagegründen in Zürich, die Arbeitsplätze lagern sie aber aus. Finanzinstitute machen das, aber auch Firmen der Technologiebranche. Das hat Auswirkungen auf die Steuern: Die Zahl der juristischen Personen steigt zwar, die Steuereinnahmen hingegen kaum.
Mauch: Und wie lautet Ihre Lösung? Leutenegger: Man muss den Firmen bessere Rahmenbedingungen geben, aber auch das Gefühl, willkommen zu sein.

Mit einem Essen im Muraltengut?

Leutenegger: Nein, nein. Der Stadtpräsident muss mit dem Stadtrat eine Stimmung schaffen, damit Zürich wieder attraktiv wird für wertschöpfungsintensive Unternehmen.
Mauch: Seit 2009 wurden in der Stadt Zürich 15'000 Arbeitsplätze geschaffen . . .
Leutenegger: . . . die Steuereinnahmen sind nicht gestiegen . . .
Mauch: . . . 2008 hatten wir wegen der Finanzkrise 400 Millionen Franken Steuerausfälle bei den Banken. Einen Teil davon konnten wir bei den natürlichen Personen kompensieren, einen Teil im Versicherungsbereich, der stark gewachsen ist. Und in der Internetbranche.
Leutenegger: Wir haben zwar mehr Arbeitsplätze, aber nicht mehr Steuern . . .
Mauch: . . . und trotzdem haben wir rekordhohe Steuereinnahmen.
Leutenegger: Ja, wegen der natürlichen Personen. Das Problem ist, dass die Ausgaben doppelt so schnell wachsen wie die Einwohnerzahl. Das führt zu den Defiziten und irgendwann zu höheren Steuern. Die sind ein Unsicherheitsfaktor für Ansiedlungen von Firmen.

Von Steuererhöhungen spricht aber niemand, nicht einmal die SP.

Leutenegger: Ich glaube nur die Hälfte von dem, was Frau Mauch sagt. Ich möchte von ihr das Bekenntnis, dass sie sich die ganze nächste Legislaturperiode gegen Steuererhöhungen wehrt. Gegen höhere Steuern werde ich mich mit Händen und Füssen wehren.

Mauch: Unter Druck in Zürich kommt das produzierende Gewerbe. Es wandert ab, weil Grundstücke ausserhalb der Stadt günstiger sind. Dort setzen wir an: Für dieses Gewerbe wollen wir Flächen sichern, damit wir auch künftig eine durchmischte Stadt haben.
Leutenegger: Was nützt das, wenn das Gewerbe bei Zufahrten geplagt wird und die Stadt laufend Parkplätze abbaut?
Mauch: Wir haben in der Stadt einen historischen Verkehrskompromiss . . .
Leutenegger: . . . ich meine nicht in der City, sondern ausserhalb. Und ich meine auch die Schikanen mit Tempo 30. Die Stadt macht eine ideologische Verkehrspolitik: Sie behindert den Individualverkehr und beschleunigt dadurch nicht einmal den öffentlichen Verkehr. Gewerbler nerven sich.
Mauch: Das ist kreuzfalsch. Oberstes Ziel unserer Verkehrspolitik ist, den Verkehr flüssig zu halten. Der Raum ist aber begrenzt. Um möglichst effizient zu sein, hat der ÖV erste Priorität.

Frau Mauch, die Stadt rutscht in tiefrote Zahlen. Wird es Ihnen nicht angst und bange?

Mauch: Die Situation ist ganz eindeutig schwieriger geworden. Wir haben es aber geschafft, Eigenkapital zu halten. Das Budget, das wir dem Gemeinderat vorlegen, schreibt bei Gesamteinnahmen von 8,2 Milliarden ein Defizit von über 200 Millionen Franken. Klar ist, dass wir das Eigenkapital von einer halben Milliarde, die wir heute haben, nicht aufbrauchen wollen. 2017 wollen wir wieder schwarze Zahlen schreiben.

Sie sind also zuversichtlich?

Mauch: Wir sind gefordert und werden das packen. Panikmache bringt nichts. Wir müssen die Gesamtsicht wahren und mittel- und langfristig planen. Darum haben wir vor einem Jahr eine Leistungsüberprüfung in Auftrag gegeben.

Wo wollen Sie genau sparen?

Mauch: Ein Beispiel: Beim Wettbewerb für das Schulhaus Schauenberg haben wir Vorgaben gemacht: 10 Prozent weniger Kosten, 15 Prozent weniger Fläche. Lehrer- und Elternschaft müssen wir aber überzeugen können, dass der Lernerfolg der Kinder damit gewährleistet bleibt.

Herr Leutenegger, Sie werfen dem Stadtrat vor, er handle ruinös.

Leutenegger: Die Stadt hat 2,5 Milliarden Franken Steuereinnahmen. Wir budgetieren über zehn Steuerprozente Defizit, das hausgemacht ist. Wir leben massiv über den Verhältnissen. Die Stadt hält die Stellenplafonierung nicht ein. Für 2014 sind 350 neue Stellen geplant – bei 230 Millionen Franken Defizit. Das ist keine seriöse Politik. Zwei Monate vor den Wahlen gibt der Stadtrat nicht einmal die Ergebnisse der Leistungsüberprüfung bekannt.
Mauch: Der Finanzvorstand hat das im September bei der Vorstellung des Budgets veröffentlicht . . .
Leutenegger: . . . aber nicht die konkreten Resultate . . .
Mauch: . . . aber selbstverständlich. Die arbeiten wir nun ja bereits aus.

Wo würden Sie als Stadtpräsident sparen?

Leutenegger: Für mich sind die 350 neuen Stellen nicht nachvollziehbar. Das Problem könnte man über die natürliche Fluktuation lösen. Es braucht eine Schuldenbremse und einen Abbau der Defizite.

Zum Schluss drei kurze Fragen: Braucht es einen Mindestlohn, und wie hoch muss er allenfalls sein?
Mauch: 4000 Franken. Wer 100 Prozent arbeitet, muss davon leben können. Andernfalls werden Leute in die Sozialhilfe abgedrängt.

Leutenegger: Ein Mindestlohn nützt Betroffenen mit tiefen Löhnen nicht, sondern vernichtet Arbeitsplätze.

In welches Restaurant laden Sie Ihre Partnerinnen ein?

Leutenegger: Am Dienstag habe ich meine Frau ins «Stadelhöfli» eingeladen.
Mauch: Am liebsten lade ich sie daheim zu Spaghetti ein. Da ich so viel unterwegs bin, ist das ein Highlight.

Was muss ein Tourist in Zürich unbedingt sehen?

Leutenegger: Den geschichtsträchtigen Lindenhof und New Oerlikon.
Mauch: Die Vielfältigkeit Zürichs: den See im Zentrum, aber auch die dynamische Entwicklung in Zürich-West. (Tages-Anzeiger)


Kommentar: Lesen Sie die Antworten nochmals genau durch. Wen würden Sie wählen? Haben Sie die Kernbotschaften Mauch und Leutenegger erkannt? In welchem Punkt bestehen die grössten Differenzen? Hat der Herausforderung eine Chance die bisherige Präsidentin zu verdrängen?

Nach meiner Meinung hat Mauch immer noch die Nase vorn.

Ausser bei den Finanzfragen kann Leutenegger zu wenig zusätzlich punkten.  

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Der Sturm kommt

Xaver erreicht Norddeutschland

Xaver erreicht Norddeutschland: Einsatzskräfte in Alarmbereitschaft

Das kann ungemütlich werden:

Was denken Sie: Wahr oder Witz?

Folgende fragwürdigen Geheimvereinbarungen könnte ein Prise Wahrheit haben:

Sieben geheime Gesetze der GroKo?

Eine Satire, die eine Prise Wahrheit haben könnte (Quelle SPIEGEL)

Koalitionäre Gabriel, Merkel, Seehofer: Grün ist in Zukunft zu vermeiden Zur Großansicht
DPA
Koalitionäre Gabriel, Merkel, Seehofer: Grün ist in Zukunft zu vermeiden
Was kaum einer weiß: Die Spitzen von Union und SPD haben einige pikante Details ausgehandelt, die sie aber - wie in solchen Fällen üblich - nicht in den öffentlichen Koalitionsvertrag geschrieben haben. SPIEGEL ONLINE enthüllt sieben geheime GroKo-Nebenabreden.
§1 Zusammensetzung der Bundesregierung
CDU, SPD und CSU einigen sich über die Besetzung der Bundesministerien nach folgenden Kriterien, für die jeweils nach absteigender Priorität Punkte vergeben werden: (1) Parteiproporz nach Wahlergebnis, (2) Proporz nach Mitgliederzahl der jeweiligen Partei-Landesverbände, (3) Geschlechterparität, (4) Dauer der Parteizugehörigkeit, (5) Anzahl der Talkshow-Auftritte. (6) Bei Punktgleichheit entscheidet das Los. (7) Bei Losgleichheit entscheidet die Kompetenz.

§2 Das letzte Wort
CDU, SPD und CSU legen einvernehmlich fest: (1) Bei gemeinsamen (presse)öffentlichen Auftritten der drei Parteivorsitzenden hat zwingend die Parteivorsitzende der Christlich Demokratischen Union, Dr. Angela Merkel, das letzte Wort. (2) Satz 1 gilt dann nicht, wenn dem Parteivorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sigmar Gabriel, danach noch ein treffendes Bonmot einfallen sollte, womit das letzte Wort Gabriel zufällt. (3) Satz 2 gilt nicht für den Fall, dass der Vorsitzende der Christlich Sozialen Union, Horst Seehofer, noch einen Witz parat hat, der aber gut sein muss, um als letztes Wort zu gelten. (4) Unabhängig von den Sätzen 2 und 3 gilt weiterhin Satz 1. §3 Die Steinbach-Äquivalenz
CDU, SPD und CSU beschließen: (1) Für jede eine stramm konservative Neuerung begrüßende Äußerung der Abgeordneten Erika Steinbach (CDU) in dem Internetdienst "Twitter" ("Steinbach-Tweet") werden von politisch links einzuordnenden Mitgliedern der Bundestagsfraktion der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands anderthalb "Tweets" abgesetzt, die eine folgenlose, stramm linke Forderung aufstellen ("Links-Tweets"). (2) Ausgleichend ist die Christlich Soziale Union berechtigt, proportional europakritische Äußerungen durch ihren stellvertretenden Vorsitzenden Peter Gauweiler bei regionalen und kommunalen Parteiveranstaltungen zu verbreiten ("Gauweiler-Stammtisch"). (3) Es gilt die Berechnungsformel: 1 Gauweiler-Stammtisch = 4 Steinbach-Tweets = 6 Links-Tweets. (4) Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands wird sich zeitnah (bis Mitte 2015) bemühen, politisch links einzuordnende Positionen zu ersinnen und politisch links einzuordnende Mitglieder in ihrer Bundestagsfraktion zu identifizieren.

§4 Farbliche Abstimmung der Kanzlerbekleidung
CDU, SPD und CSU einigen sich wie folgt: (1) An jedem Montag, Mittwoch und Freitag bestimmt das Präsidium der Christlich Demokratischen Union Deutschlands die Farbe der Oberbekleidung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. (2) An jedem Dienstag und Donnerstag entscheidet das Präsidium der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands über die Farbe der Oberbekleidung Merkels. (3) An jedem Sonntag entscheidet Horst Seehofer. (4) Die Farben Grün und Gelb sind künftig zu vermeiden. (5) Die Farbe der Anzughose wird durchgängig auf den Farbton "Steingrau" festgelegt.

§5 Überparteilicher Beisprung und Vertrauenserklärung
CDU, SPD und CSU vereinbaren: (1) Im Fall eines konfrontativ geführten, im Fernsehen ausgestrahlten Interviews mit einem Regierungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands oder der Christlich Sozialen Union ("Slomka-Situation") ist der jeweils andere Parteivorsitzende aufgefordert, zeitnah die Medien zu kritisieren ("Überparteilicher Beisprung"). (2) Die Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union ist zum überparteilichen Beisprung nur sich selbst gegenüber verpflichtet, erklärt aber nach eigenem Ermessen ihr "volles" bzw. "vollstes Vertrauen". (3) Nachdem die Bundeskanzlerin einem Regierungsmitglied öffentlich zwei Mal das "vollste Vertrauen" ausgesprochen hat, ist dieses aufgefordert, unverzüglich seinen Rücktritt einzureichen.

§6 Paritätische Wartezeiten
CDU, SPD und CSU stimmen überein: (1) Zur angemessenen Außendarstellung von Unabhängigkeit erhält jeder Parteivorsitzende der Koalitionsparteien für die Dauer der Legislaturperiode ein Zeitkonto von vier Stunden (240 Minuten). (2) Im Rahmen dieses Zeitkontos sind die Parteivorsitzenden berechtigt, die jeweils anderen beiden Parteivorsitzenden bei gemeinsam anberaumten Treffen auf sich warten zu lassen. (3) Bei vorzeitiger Ausschöpfung des Zeitkontos ist eine Wiederauffüllung nur einvernehmlich möglich. Landestypische Einreden ("In Bayern gehen die Uhren anders" etc.) sind nicht zulässig. (4) Erscheint 120 Minuten nach dem anberaumten Termin keiner der drei Parteivorsitzenden am verabredeten Ort, wird unverzüglich die Pressemitteilung "Geheimtreffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit" abgesetzt.

§7 Kommunikation von Regierungshandeln
CDU, SPD und CSU verabreden: (1) Kürzungen von staatlichen Sozialleistungen oder Lockerungen des Umweltschutzes werden ausschließlich von Regierungsmitgliedern verkündet, die der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands angehören. (2) Die Verkündung von Steuererhöhungen für Konzerne und von verschärften Umweltauflagen obliegt Regierungsmitgliedern von der Christlich Demokratischen Union. (3) Der Vorsitzende der Christlich Sozialen Union kann sich zu jedem Thema äußern, allerdings nur so kryptisch, dass seiner Äußerung nicht zu entnehmen ist, ob er das Regierungshandeln nun positiv oder negativ bewertet ("Seehofer-Orakel"). (4) Die Bundeskanzlerin äußert sich erst, wenn das (presse-) öffentliche Echo auf das jeweilige Regierungshandeln eine positive oder negative Einschätzung zulässt. (5) Sämtliche Abreden in dieser Vereinbarung erfolgen ohne Gewähr.

Roger Schawinski in die Mangel genommen

In der 100. Talksendung des Medienpioniers wird der Spiess umgedreht.

Am Montag, dem 16. Dezember strahlt das Schweizer Fernsehen die 100. Talksendung mit Roger Schawinski aus. Für einmal führt der Talkmaster aber nicht selber durch die mit seinem Namen überschriebene Sendung, sondern lässt sich von einem anderen SRF-Moderator in die Mangel nehmen.
Wer das Rennen macht, entscheidet das Publikum in einem Online-Voting. Zur Auswahl stehen die "Club"-Moderatorin Mona Vetsch, "10vor10"-Moderator Stephan Klapproth oder Marathon-Mann Sandro Brotz von der "Rundschau". Abgestimmt werden kann bis am 9. Dezember um 10 Uhr. (pd/as)
KOMMENTAR:
Ich werde mir diese Sendung anschauen. Bekannte und Freunde haben mir gesagt, was sie Schawi fragen würden:
Weshalb muss ein Moderator den Gesprächspartner ständig unterbrechen?
Wie werden die persönlichen Aussagen oder Vorwürfe "die den Gesprächspartner meist in ein schlechtes Licht rücken" beschafft?