Mittwoch, 3. Dezember 2014

Volksentscheid rückgängig machen

Das Rad soll mit einer Initiative zurückgedreht werden.

Initiative gegen Zuwanderungs-Ja 

ist lanciert

Die Schweiz soll den neuen Verfassungsartikel wieder streichen, der verlangt, die Zuwanderung mit Kontingenten zu begrenzen. Das fordert eine Volksinitiative, die die Gruppierung «Raus aus der Sackgasse» (RASA) am Dienstag wie angekündigt lanciert hat.

Die Volksinitiative trägt den Titel «Raus aus der Sackgasse! Verzicht auf die Wiedereinführung von Zuwanderungskontingenten». Die Initiantinnen und Initianten haben gemäss Bundesblatt bis zum 2. Juni 2016 Zeit, um die für das Zustandekommen erforderlichen 100'000 Unterschriften zu sammeln.

Der Initiativtext ist kurz und bündig: Der mit dem Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative vom 9. Februar in die Bundesverfassung geschriebene Artikel 121a soll wieder gestrichen werden. Der neue Artikel schreibt vor, dass die Schweiz die Zuwanderung von Ausländern eigenständig und mit Kontingenten steuert.

Aus der Verfassung wieder gestrichen werden soll gemäss der Initiative auch die neu aufgenommene Bestimmung, wonach völkerrechtliche Verträge, die diesem Artikel widersprechen, bis zum 9. Februar 2017 neu verhandelt und angepasst werden müssen.

Die Gruppe RASA ist gemäss eigenen Angaben eine Bürger- und keine Parteieninitiative. Sie wird von rund 300 Personen unterstützt.

Unter ihnen sind der designierte Rektor der Universität Genf, Yves Flückiger, die Künstlerin Pipilotti Rist, der Fussballer Andy Egli, Alt-Bundesgerichtspräsident Giusep Nay, Clown Dimitri sowie die Professoren Georg Kreis, Brigitte von Rechenberg, Andreas Auer und Thomas Geiser. Unterstützt wird die Gruppe auch vom Verband des Personals Öffentlicher Dienste (VPOD) und dem Verband swisscleantech.

Ebenfalls hinter dem Anliegen steht der Schweizer Unternehmer und Milliardär Hansjörg Wyss. Er hatte bereits Anfang Oktober angekündigt, er sei bereit, eine allfällige Initiative zur Erhaltung der bilateralen Verträge finanziell zu unterstützen. (SDA)


KOMMENTAR:
Vermutlich wird die Initiative zustande kommen.
Die Initianten haben nach der wuchtigen Ablehnung der
Ecopop (Ecoflop)- Initiative Aufwind. 
Das Sackgasseplakat scheint gewirkt zu haben. 
Es wird bestimmt zu einer gewaltigen
Werbeschlacht kommen.
Milliardär BLOCHER gegen Milliardär WYSS.



An Spannung wird es nicht fehlen.
Die Argumente liegen auf der Hand:
Zwängerei gegen Rettung der Bilateralen.    

Dienstag, 2. Dezember 2014

Umfrage FLOPS

Wieder eine Ohrfeige für Longchamp


Longchamps Institut Gfs versucht nach dem jüngsten Flop  den Umschwung seit der letzten Umfrage mit schlauen Formulierungen zu erklären: Das Momentum in Richtung «Zeichen setzen» sei situativ geblieben. Longchamp will zudem eine «Demobilisierung» festgestellt haben. Letztlich muss er zugeben: Es gebe bei der Meinungsbildung «neuartige Muster». Eines steht fest: Einmal mehr hat sich Longchanp verrechnet.


Auch er ist ein Verlierer des Abstimmungs-Sonntags: SRF-Politologe Claude Longchamp. play Auch er ist ein Verlierer des Abstimmungs-Sonntags:
SRF-Politologe Claude Longchamp.

Umfragen-Debakel für Longchamp 

Das Volk verarscht die «Fliege»

Die deutliche Schlappe der Ecopop-Initiative ist auch eine schallende Ohrfeige für den SRG-Umfragepapst Claude Longchamp.
Während Claude Longchamps Umfrage vor 10 Tagen noch von einem Ja-Stimmenanteil von 39 Prozent ausging, wird die Initiative an der Urne mit einem 26-Prozent-Ja-Anteil abgeschmettert. Das Stimmvolk verarscht damit den Mann mit der Fliege.
Dafür gibt es eine mögliche Erklärung: Die Befragten haben bei der Longchamp-Umfrage noch gesagt, sie würden Ja stimmen, um so ein Zeichen gegen die Zuwanderung zu setzen. Die gleichen haben dann an der Urne aber ein «vernünftiges» Nein eingelegt.
Damit hat Longchamp wohl nicht gerechnet. Damit hätte sich auch ein bekannter Umfrage-Effekt ins Gegenteil gekehrt. Normalerweise gehen Demoskopen bei emotionalen und auch zuwanderungskritischen Abstimmungen davon aus, dass die Befragten in der Umfrage sich nicht getrauen, ihre ausländerkritische Haltung offenzulegen.
Kommentar:
Schon bei bei der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar sagte das Volk am der Urne eine andere Sprache, als Longchamp in seiner Umfrage 10 Tage vor der Abstimmung. Damals war es jedoch umgekehrt. Während die Umfrage von und 43 Prozent Ja ausging, wurde die Initiative an der Urne mit 50,3 Prozent angenommen. Die Menschen hatten bei Befragungen gesagt, sie würden NEIN stimmen. Zu Hause jedoch im stillen Kämmerlein schrieben sie dann ein JA auf den Stimmzettel.
Longchamps grösster Flop war bei der Umfrage vor der Minarett-Abstimmung. Er hatte eine Nein-Mehrheit von 53 Prozent prognostiziert. Das Stimmvolk nahm dann aber die Initiative Ende November 2009 mit 57 Prozent Ja an. Der Umfragepapst muss nun über die Bücher. Er kann sich keine weiteren Flops mehr leisten.
NACHTRAG:
Watson publiziert eine Liste von Umfragen, die genauer waren als Longchamps Prognosen. Peinlich. Sogar 126 Teilnehmer einer Umfrage bei Facebook waren genauer als die Gfs
Ich zitiere:
Das Ranking des Demoskopie-Debakels:

1. GfS / SRG

Abstimmungsbarometer 19. November: 39 Prozent JA*
Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA
Differenz: 13,1 Prozentpunkte
Das GfS erhob zwei Wochen vor der Abstimmung einen viel zu hohen Ja-Anteil zu Ecopop. Der statistische Störfaktor der «sozialen Erwünschbarkeit» bei zuwanderungskritischen Vorlagen (die Befragten trauen sich nicht, zuzugeben, dass sie fremdenfeindlich stimmen) hat also nicht gespielt. Das methodisch nach allen Regeln der Kunst erhebende GfS konstatiert «neuartige Muster» in der Meinungsbildung bei zuwanderungskritischen Vorlagen. Im konkreten Fall von Ecopop hätten in den letzten zwei Wochen vor allem die schwache Mobilisierung im SVP-Lager und die sehr kritisch-warnende Haltung der Medien eine «Rationalisierung gegen die Initiative» ausgelöst.

2. «20 Minuten»

Prognose am 24. November: 36 Prozent JA
Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA
Differenz: 10,1 Prozentpunkte
«20 Minuten» hat in insgesamt drei Wellen die Stimmabsichten seiner User erhoben. Obwohl der Ja-Anteil zu Ecopop von Welle zu Welle abnahm, lag der am 17. und 18. November erhobene Wert noch 10 Prozent zu hoch. «20 Minuten» hat die in einer Online-Umfrage erhobenen Daten von Politologen nach demografischen, geografischen und politischen Variablen gewichten lassen, um die Bevölkerung möglichst gut abzubilden.
Zwar bleiben Online-Umfragen methodisch immer problematisch, da die Angaben zur Person der Teilnehmenden mit verhältnismässigem Aufwand nicht zu überprüfen sind. Aber «20 Minuten» hat den Vorteil, auch junge Leute erreichen zu können, womit das GfS mit der klassischen Telefonumfrage auf Festnetznummern eher Mühe hat. Zudem kann man davon ausgehen, dass die Online-Umfrage mit 14'000 Teilnehmern die kritische Masse für eine repräsentative Stichprobe erreicht hat. «20 Minuten»-Chefredaktor Marco Boselli sagte auf Anfrage, dass die involvierten Politologen derzeit nach einer Erklärung für die Abweichung suchen.

3. Politikprognosen.ch

Prognose am 24. November: 35 Prozent JA
Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA
Differenz: 9,1 Prozentpunkte
Politikprognosen.ch schürt bereits im Firmennamen zu hohe Erwartungen. Niemand kann Abstimmungsergebnisse prognostizieren, sondern nur Momentaufnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt vor der Abstimmung erheben. Politikprognosen rühmt sich jedoch damit «präzise und zuverlässige Wahl- und Abstimmungsprognosen in der Schweiz und anderen europäischen Ländern zu erstellen». Das ist bei Ecopop schief gegangen, aber nicht so schief wie beim GfS. Politikprognosen erstellt seine Vorhersagen aufgrund eines eigens entwickelten Prognosemarktes, in dessen Rahmen junge Politologen auf den erwarteten Abstimmungs- oder Wahlausgang wetten. Oliver Strijbis, Gründer von Politikprognosen.ch, führt die Abweichung ebenfalls auf die aussergewöhnliche Situation zurück, dass die SVP-Führung eine zuwanderungskritische Vorlage nicht unterstützt hat. 

4. Politnetz.ch

Prognose am 24. November: 35 Prozent JA
Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA
Differenz: 9,1 Prozentpunkte
Das Politnetz lag gleich weit daneben wie Politprognosen.ch. Politnetz erhebt seine Daten via Facebook-Radar (Anzahl Likes für eine Vorlage) und einer Umfrage auf Facebook und Website. Die Teilnehmerzahl für die Ecopop-Umfrage liegt derzeit bei 126 Teilnehmern, das ist rund ein Zehntel der Teilnehmer, die für eine korrekt randomisierte Telefonumfrage nötig wären. Dennoch hat Politnetz.ch ein um 6 Prozentpunkte korrekteres Abstimmungsbarometer geliefert als die SRG und das GfS von Claude Longchamp. (thi)

Montag, 1. Dezember 2014

Die erste Kerze wurde gestern angezündet

Wir wünschen allen Lesern 
eine besinnliche Adventszeit

EIne Aussage im kleinen Kreis führt zu einem Medienwirbel

 Die Folgen einer Indiskretion. Wo ist das Leck?

Wenn der Unterhaltungschef intern eine pikante Aussage macht, so ist es erstaunlich, dass seine Bemerkung an die Medien gelangen konnte. 
Nach meinem Dafürhalten muss sich im Team ein Maulwurf befinden, der das Wort "Teufelszeug"öffentlich gemacht hat.
Uebrigens kam es auch bei internen Sitzungen des Bundesrates immer wieder  zu ähnlichen Vorkommnissen. Internas gelangten an die Medien.










So wurden die Landfrauen zu "Teufelszeug"

Christoph Gebel habe die Äusserungen im kleinen Kreis gemacht.
Grosse Aufregung um zu viel Folklore: In einem internen Papier fordert Unterhaltungschef Christoph Gebel eine Neuausrichtung. Es gebe "definitiv zu viele Kühe und Alpen im Programm", soll Gebel an einer Sitzung über die künftige Ausrichtung des Fernsehens gesagt haben.
Laut "Weltwoche", die am Donnerstag Auszüge aus einem "internen Papier" zitierte, soll Gebel weiter formuliert haben: "Die Swissness ist Teufelszeug." Das Problem sei, dass sie einen "unkritischen, oft idealisierten und teils verkitschten Blick auf unser Land wirft". Als positive Gegenbeispiele nennt er hingegen die Castingshow "The Voice of Switzerland", in der viele Secondos mitmachen, sowie die Doku­soaps "Jobtausch" und "Verkehrte Welt".
Aussagen in einem Workshop
Nach Veröffentlichung dieser Aussagen Gebels herrschte Aufregung. "20 Minuten" etwa berichtete auf der Frontseite und der "Blick" fragte besorgt: Werden nun beliebte Sendungen wie "Wunderland" mit Nik Hartmann, "Landfrauenküche" oder "Hüttengeschichten" verschwinden? In einem Gespräch mit dem "Blick" wiegelt TV-Direktor Ruedi Matter dann aber ab. Gebel habe die Äusserungen in einem Workshop im kleinen Kreis vor rund zwanzig Personen gemacht.

"Die Aufgabe lautete, stichwortartig zu formulieren, was heute im Programm funktioniert und was mit­telfristig weiterentwickelt werden muss", sagt Matter. Der Ausdruck "Teufelszeug" sei nur eine ironisch-pointierte Aussage. Gebel habe nur einen Vorwurf aufgegriffen, den man SRF immer wieder mache: Es sei zu ländlich und altmodisch.
Migranten kommen zu wenig vor
Im "Blick" kommen zudem Politiker zu Wort, die Matter nicht nur beipflichten. Für ihn gibt es aber keinen Grund zur Sorge. Der TV-Direktor weist jedoch auf den hohen Anteil an Migranten hin, die "relativ wenig im Programm vorkommen". Er fügt an: "Auch für sie müssen wir etwas tun, damit unser Programm attraktiv bleibt." Und er verspricht: "Nik Hartmann ist nicht in Gefahr. Und die Abschaffung der 'SRF bi de Lüt'-Sendungen ist kein Thema."
(Blick)

KOMMENTAR:
Im Fall der publizierten pointierten Formulierung Gebels führt nach meinem Dafürhalten die Publikation dieser Aussage dazu, dass Swissness erst recht erhalten bleibt.
Der Aufschrei führt nun dazu, dass das Fernsehen das Volk nicht weiter vor den Kopf stossen kann.
Wahrscheinlich kann der Unterhaltungschef auch seine geplante moderate Korrektur nicht mehr so leicht durchsetzen Ihm wird auf die Finger geschaut.
Nach meinem Dafürhalten ist das Fernsehen nach wie vor verpflichtet, sachgerecht und ausgewogen zu informieren.
Bei den Unterhaltungssendungen hat somit  Swissness auch ihre Daseinsberechtigung.  Emigranten dürfen selebstredend zu Wort kommen. Hätten nun die Fernsehverantwortlichen 'SRF bi de Lüt' aus dem Programm gekippt, wäre dies fürs Schweizer Fernsehen zum Eigencoal geworden.

Urs Peter Naef verkörperte 13 Jahre lang die MIGROS nach aussen




Ich schätzte Urs Peter Naef  stets als vorbildlichen Kommunikator in Krisensituationen.
Ich wünsche Dir viel Glück bei der nächsten Lebensphase - lieber Urs Peter!



Sonntag, 30. November 2014

Geduld lohnt sich


Die Entdeckung der Geduld

oder:

Geduld macht sich bezahlt

Wer früh Geduld hat, kann im Erwachsenenalter mit besseren Chancen rechnen.
Wer früh Geduld hat, kann im Erwachsenenalter mit besseren Chancen rechnen. (Bild: Reuters)

Wer als Kind über Geduld verfügt, wird im Erwachsenenalter mehr Erfolg haben. Dies zeigen neue Erkenntnisse aus dem Bereich der experimentellen Ökonomie.
Ich habe es an mir persönlich erlebt, wie ich durch Ungeduld mir geschadet habe. Das gilt auch beim Coaching. Ein Coach muss geduldig warten können, bis der Coaché seine Gedanken ausformuliert hat. Das erleben wir beim Zuhören. Schweigen und warten können kostet Energie. Beim einem Psychiater zahle sich eigentlich auch seine Geduld, mir zuzuhören. 
 
(Quelle:

 M. Sutter (2014): Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent. Ecowin, Salzburg.M. Sutter, D. Glätzle-Rützler (2015): Gender differences in the willingness to compete emerge early in life and persist. Management Science, im Druck. M. Sutter, M. Kocher, D. Glätzle-Rützler, S. Trautmann (2013): Impatience and uncertainty: Experimental decisions predict adolescents' field behavior. American Economic Review 103: 510–531.E. Fehr, D. Glätzle-Rützler., M. Sutter (2013): The development of egalitarianism, altruism, spite and parochialism in childhood and adolescence. European Economic Review 64: 369–383.)



Der dreijährige Daniel muss nicht lange nachdenken, als er gefragt wird, ob er die 30 Meter Laufstrecke lieber allein oder im Wettbewerb gegen ein anderes dreijähriges Kind rennen will. Er entscheidet sich sofort für den Wettbewerb. Wenn er den gewinnt, bekommt er doppelt so viele Geschenke, etwa Smarties, Äpfel oder Abziehbildchen, als wenn er allein rennt. Daniel ist auch fest davon überzeugt, dass er gewinnen wird, noch bevor das Rennen losgeht. Für die dreijährige Sophie ist die Entscheidung schwieriger. Beim individuellen Rennen einen Tag zuvor war sie zwar die Schnellste, sie entscheidet sich heute aber dennoch dafür, lieber allein zu laufen. Wettbewerb – vor allem gegen Burschen – mag sie nicht so gern, und sie ist sich, trotz ihrer Leistungsfähigkeit, nicht ganz sicher, ob sie wirklich gewinnen würde.


Unrast und Alkoholkonsum

Ein anderes wichtiges Feld, in dem verstärkt auch Verhaltensökonomen Forschung mit Kindern und Jugendlichen machen, betrifft intertemporale Entscheidungen. Dabei geht es um die Frage, wie Kinder und Jugendliche zwischen einer Option wählen, die sofort verfügbar ist, und einer zumeist grösseren Alternative, die erst in der Zukunft erhältlich ist. Zum Beispiel wurden ungefähr 700 Tiroler Jugendliche vor die Wahl gestellt, 10 € sofort am Tag des Experiments oder einen höheren Betrag (von bis zu 14 €) drei Wochen später zu erhalten. Die Bandbreite der Entscheidungen in einem solchen Experiment ist bemerkenswert: Während etwa 20% der Jugendlichen bereits für 20 Cent mehr drei Wochen lang zuwarten, sind 10% selbst beim Höchstbetrag von 14 € nicht zu warten bereit, sondern wählen den kleineren Betrag von 10 € sofort. Zwischen beiden Extremen sind die Entscheidungen ungefähr gleich verteilt.

Das Interesse der Verhaltensökonomie endet aber nicht bei der Erkenntnis, dass manche Jugendliche geduldiger sind als andere, sondern kreist auch um die Frage, ob und wie die Entscheidungen im Experiment mit wichtigen Verhaltensdimensionen der Jugendlichen ausserhalb des Labors in Verbindung stehen. Dabei lassen sich statistisch signifikante Zusammenhänge finden. Wer weniger geduldig auf einen höheren Betrag in drei Wochen warten kann (also häufiger die 10 € sofort einkassiert, als einen grösseren Betrag in der Zukunft zu wählen), ist mit höherer Wahrscheinlichkeit Raucher und gibt zudem häufiger Geld für alkoholische Getränke aus. Ausserdem geben die ungeduldigeren Jugendlichen eher an, dass sie von ihrem Taschengeld nichts zur Seite legen und damit keine Ersparnisse haben. Die ungeduldigeren Jugendlichen haben auch schlechtere Schulnoten und häufiger disziplinäre Schwierigkeiten in der Schule. Der letztgenannte Aspekt ist jener, der die Direktoren der beteiligten Schulen erfahrungsgemäss am meisten interessiert, zumal sie der (naheliegenden) Ansicht sind, dass disziplinäre Schwierigkeiten in der Schule häufig auf ähnliche Schwierigkeiten später am Arbeitsplatz hindeuten, was für die Berufschancen dieser Jugendlichen wenig Gutes verheisst.

Die ökonomische Methode zur Messung von Geduld (also beim Abwägen zwischen einem kleineren, aber früheren Betrag und einem grösseren, indes in der Zukunft liegenden Betrag den späteren zu wählen) liefert ähnliche Erkenntnisse wie die berühmten Marshmallow-Experimente des Psychologen Walter Mischel. In diesen Experimenten – erstmals in den 1960er Jahren durchgeführt – konnten Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren entweder ein einziges Marshmallow sofort oder noch ein zweites bekommen, wenn sie zirka eine Viertelstunde der Versuchung widerstanden, das erste zu essen. Mischel war ursprünglich daran interessiert, welche Strategien den Kindern am besten helfen, der Versuchung zu widerstehen, das erste Marshmallow sofort zu essen. Die Hände vor das Gesicht schlagen oder bekannte Kinderlieder singen waren erfolgreiche Strategien. Hingegen führte das Anfassen und Riechen am Marshmallow meist zum unmittelbaren Verzehr.




    1. Marshmallow Test mit Kindern! - YouTube

      www.youtube.com/watch?v=Y7kjsb7iyms

Erst Jahre später entdeckte Mischel, dass die geduldigeren Kinder sich als Jugendliche durch höhere Sprachkompetenz, besser integriertes Sozialverhalten, höhere Frustrationstoleranz und mehr Erfolg in der Schule auszeichneten. In Langzeitstudien über mehrere Jahrzehnte wurde auch gezeigt, dass geduldige Kinder im Erwachsenenalter meist besser ausgebildet sind und ein höheres Einkommen haben und weniger oft in finanzielle Schwierigkeiten geraten, dass sie als Teenager seltener ungewollt schwanger werden und dass sie als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit einen besseren Gesundheitszustand hatten.

Ökonomen interessieren sich für diese Zusammenhänge, weil Geduld positiv mit der Ausbildung und dem späteren Einkommen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch mit dem Gesundheitszustand eines Menschen zusammenhängt. Die rasch steigenden Gesundheitskosten werfen auch aus volkswirtschaftlicher Sicht die Frage auf, wie man Geduld bzw. Selbstkontrolle beim Umgang mit Versuchungen (etwa der süssen Schokolade im Vergleich mit dem gesünderen Apfel oder dem Fernsehkonsum im Vergleich mit der sportlichen Betätigung an frischer Luft) allenfalls beeinflussen kann. Verhaltensökonomen untersuchen dabei namentlich, welchen Einfluss der Status quo bei Entscheidungen hat bzw. welche einfachen Interventionen menschliches Verhalten beeinflussen und damit zu einer besseren Gesundheitsvorsorge und Prävention führen können.


Bildungsökonomische Folgen

In einer noch nicht publizierten Untersuchung in Tiroler Kindergärten geht es um die Frage, wie drei- bis sechsjährige Kinder zu mehr zukunftsorientiertem Verhalten motiviert werden können. Dabei wird untersucht, welchen Einfluss ein entsprechend gewählter Status quo haben kann. In diesem Fall haben die Kinder die Möglichkeit, zwischen einem sofortigen Geschenk (etwa einem Apfel, einer Süssigkeit, einem Gummiarmband oder Ähnlichem) und zwei Geschenken am nächsten Tag zu wählen. Die konkrete Wahl erfolgt, indem die Kinder zwei Spiele-Chips vor sich haben und dann wählen müssen, ob sie einen davon sofort mitnehmen wollen, den sie dann in ein Geschenk umtauschen können, oder ob sie die beiden für den nächsten Tag aufbewahren wollen, um dann die Chips in zwei Geschenke einzutauschen.
In einer Kontrollbedingung liegen die zwei Chips offen auf dem Tisch. Wenn ein Kind einen Chip sofort nehmen will, kann es den Chip sogleich nehmen. Wenn es beide für den nächsten Tag aufsparen möchte, dann muss es beide Chips in einen offenen Umschlag stecken, auf dem dann eine Identifikationsnummer notiert wird, so dass das Kind die beiden Chips am nächsten Tag bekommt. In der Versuchsbedingung werden die beiden Chips gleich zu Beginn in den offenen Umschlag gesteckt. Dann kann das Kind in den Umschlag schauen und entscheiden, ob es einen Chip aus dem Umschlag herausnehmen möchte, um ihn gleich in ein Geschenk umzutauschen, oder ob es beide Chips im Kuvert lassen will, um am nächsten Tag zwei Geschenke zu erhalten.
In der Kontrollbedingung sieht man, dass ältere Kinder eher bereit sind, auf die zwei Geschenke am nächsten Tag zu warten, anstatt das eine sofort zu nehmen. Bei den drei- bis vierjährigen Kindern beträgt der Anteil der geduldigen Kinder etwa 30%, und er steigt auf etwa 50% bei den Vier- bis Fünfjährigen und auf ungefähr 70% bei den Fünf- bis Sechsjährigen. Die Intervention in der Versuchsbedingung erhöht diese Anteile systematisch um zirka 20 Prozentpunkte in jeder Altersgruppe, was bedeutet, dass eine einfache Veränderung des Status quo statistisch bedeutsame Effekte auf die Bereitschaft von Kindern hat, beim Abwägen zwischen einer kleineren Belohnung am selben Tag und einer grösseren am nächsten Tag die grössere Auszahlung zu wählen.
Eine wichtige Frage für künftige Forschungen besteht angesichts dieses Ergebnisses – und angesichts der Bedeutung von Geduld für die eigene Ausbildung und Gesundheit – darin, ob und gegebenenfalls wie längerfristige Verhaltensänderungen hin zu mehr Zukunftsorientierung überhaupt möglich sind. In den kommenden Jahren werden aller Voraussicht nach Antworten auf diese Frage gefunden werden. Spätestens dann wird es Zeit, dass die Verhaltensökonomen noch mehr als derzeit mit den bildungsökonomischen Institutionen ihrer Länder in einen Diskurs treten, um zu beurteilen, wie die verhaltensökonomischen Einsichten aus gesellschaftlicher und demokratischer Sicht am besten genützt werden sollten.




KOMMENTAR:
Leider wissen viele Erziehungspersonen nicht, 
dass unsere Kinder die Geduld - das 
"Warten können", auch das "Verzichten können"
 im Laufe von Jahren erwerben müssen, 
wie das Lesen und Schreiben.

Jugendliche, die das nicht gelernt haben, 

sind später nicht mehr bereit, zu warten 
oder auf etwas zu verzichten.
Ich habe Jugendliche erlebt, deren Eltern 
davon ausgingen, sie müssten im Kind alle 
Bedürfnisse sofort erfüllen. Diese Eltern 
hatten später grosse Probleme.  Kinder, 
dies sich daran gewöhnt haben, dass die 
Bedürfnisse immer sofort erfüllt werden, 
holen sich dann später das, was sie wollten - 
mitunter  mit Gewalt. Sie waren nicht 
mehr bereit, auf etwas zu verzichten. 
Wir haben dies im Fall Carlos gesehen. 
Wenn Hänschen gelernt hat, alle Bedürfnisse 
sofort zu erzwingen, lernt Hans später 
nicht mehr Geduld zu üben. Auch Carlos 
war später nicht mehr bereit, Geduld zu üben. 
Die Mentalität "Ich will - aber subito!" 
machte sich bei ihm stets bezahlt.
Wehe, wenn jemand bei so einem 
Jugendlichen nachträglich versuchten 
will, Geduld einzufordern und verlangt,
 dass auf ein Bedürfnis verzichten 
werden muss.


LINK:

7. März 2014 ... Der Fall "Carlos" beansprucht die Medien. Carlos ist ein 18 jähriger Straftäter, der seit der Ausstrahlung einer Fernsehreportage im ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/14/03_07a/

Mittwoch, 26. November 2014

Hoffentlich hat Cornelia Boesch nach dem Flop etwas gelernt

Weshalb hat die Redaktionsleitung diesen peinlichen Auftritt der News-Frau toleriert?

Nach Show-Aus: Der Auftritt von Cornelia Boesch war ein Fehler

 
Cornelia Boesch tanzend, singend, lustige Sprüche reissend, das Publikum anfeuernd. Ganz in ihrem Element. Als Showtalent. Ich habe mir als Zuschauer die Augen gerieben, als ich sie in “Kampf der Orchester” sah. Denn Cornelia Boesch ist News-Moderatorin. Thematisiert den Krieg im Gazastreifen, die Gräueltaten der Dschihadisten, bespricht mit dem Bundeshauskorrespondenten, welche Strategien der Bundesrat bei der Umsetzung der Massenzuwanderungsinitiative hat.
Und nun also das: Boesch entfesselt auf der Showbühne. Darf sie das ? Meiner Meinung nach nicht. Ihr Auftritt auf der Showbühne war zu weit weg von ihrem Kerngeschäft, den News. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Auch wenn Boesch privat in einer Band singt. Denn privat ist privat. (News-)Geschäft ist Geschäft. Es ist aber nicht nur ihre Schuld, dass sie sich auf einen solchen Seitenwechsel einliess, sondern auch die Schuld ihrer Vorgesetzten. Was eine Sendung wie die Tagesschau vor allem ausmacht, ist Seriösität, Kompetenz und  Relevanz. Und die SRF-Verantwortlichen hätten sich gut überlegen müssen, ob sie dies mit dem Auftritt eines ihrer Aushängeschilder in einer Blasmusik-Gaudi-Sendung verspielen wollen. Oder würde sich beim SRF jemand ernsthaft überlegen, Sven Epiney die Tagesschau moderieren zu lassen?

 


 

 Erst nach nach Show-Aus: 

Cornelia Boesch tritt nicht mehr auf