Gottschalk und Schmidt haben den würdigen Ausstieg verpasst
Wie Thomas Gottschalk, so hat auch Harald Schmidt den rechtzeitigen Abgang vom Showgeschäft verpasst.
Medienpräsenz macht wahrscheinlich süchtig und damit auch blind. Der Name allein genügt nicht, wenn man nicht aufhören will. Zum Erfolg gehört auch ein taugliches Konzept. Offenbar haben die TV-Macher Gottschalk und Schmid geglaubt, ihre Namen sei bei einer neuen Sendung Konzept genug. Sie glaubten: Der Erfolg wird sich von selbst ergeben. Gottschalk demontierte sich jedoch nach dem Ausstieg aus "Wetten-dass?" bei "Gottschalk live" immer mehr und Schmid muss nun überraschend gehen.
Ich zitiere Blick:
Fertig lustig
Sat.1 schmeisst Harald Schmidt raus
Am 3. Mai darf Harald Schmidt das letzte Mal auf Sendung . Sat.1
dreht seiner Late Night Show wegen mieser Einschaltquoten den Saft ab.
Harald Schmidt hatte nicht genug Zuschauer.
(Reuters)
Acht Monate hatte er «Probezeit». Jetzt ist für Harald Schmidt
(54) Schluss mit lustig. Seine «Harald Schmidt Show» wird eingestellt,
wie der Sender Sat.1 mitteilt.
Die Late Night Show fliegt wegen
schlechter Quoten aus dem Programm. Am 3. Mai darf Dirty Harry zum
letzten Mal auf Sendung gehen. «Die Sendungen waren gut, die Quoten
waren es insgesamt noch nicht. Eine tägliche Late Night Show braucht
entsprechende Rahmenbedingungen und vor allem Zeit. Wenn man darüber
keine Einigung erzielen kann, hört man besser auf», so Produzent Fred
Kogel.
Harald Schmidt äussert sich laut der Mitteilung des Senders kurz und knapp zum Aus, sagt nur: «Schade».
Sat.1-Geschäftsführer Joachim Kosack bedauert, dass man die «Fangemeinde nicht ausreichend erweitern» konnte.
Kommentar: Spitzensportler Didier Cuche machte es richtig. Auf dem Höhepunkt trat er zurück. Schade, dass es die beiden berühmten Entertainer verpasst haben, den Zeitpunkt für einen würdigen Rücktritt zu finden.
Nachtrag aus TAGI. die Meinung Schawinskis:
Herr Schawinski, Harald Schmidt hat mit seiner Sendung bei Sat 1 nie die erhofften Zuschauerzahlen erreicht. Was lief schief?
Schon bei der ARD lief seine Sendung unter den Erwartungen, auch
zusammen mit Pocher, bei Sat1 war alles noch viel verheerender. Schmidt
hat vor zehn Jahren mit seiner Sendung Kultstatus erreicht und dann
unter einem Vorwand in letzter Minute den Vertrag gekündigt. Der Vorwand
war bekanntlich ich - obwohl er mich nicht kannte. Später hat er einmal
zu mir gesagt, dass ich eine Gelegenheit darstellte, abzuhauen, weil er
ausgepowert war. Wie Harald Schmidt die Sender später ausgenommen hat,
war deshalb schlicht parasitär und unverfroren.
Hatte er zuletzt auch beim Publikum die Sympathien verspielt?
Seine Sendungen waren zwar besser als die Quoten besagten, aber wenn das
Publikum mal weg ist, ist es extrem schwierig, es wiederzugewinnen.
Harald Schmidt ist ein grosses, einmaliges Talent, er ist mutig, hat
unglaubliche Fähigkeiten im Ausdruck und in der Formulierung. Was man
darob leicht vergisst: Es brauchte fast vier Jahre, bis er Kult wurde
bei Sat 1 und die Quote stimmte. Man kann nicht ein Jahr Pause machen,
zu einem anderen Sender gehen und nahtlos ansetzen wollen. Fernsehen –
und eine Late-Night-Show im Speziellen – braucht vor allem Kontinuität.
Schauen Sie sich Jay Leno oder Johnny Carson an, die sind oder waren 30
Jahre lang im Dienst. Apropos Leno: Als er bei NBC von 23 auf 22 Uhr den
Sendeplatz wechselte, verlor er mit der gleichen Sendung massiv an
Publikum.
Das müssten eigentlich auch die Sendeverantwortlichen wissen.
Ich traute meinen Augen nicht, als Sat 1 Schmidt zurückholte. Zumal er
den Sender ja als Unterschichtenfernsehen bezeichnet hatte. Da braucht
es schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit, zurückzukehren und
nochmals im grossen Stil abzukassieren. Aber bei Sat 1 wollte man
offenbar einfach einen grossen Namen. Das war ein Fehler, früher
punktete man dort mit Eigenproduktionen, in den letzten Jahren versuchte
man es mit grossen, teuren Namen. Doch Kerner, Pocher, Schmidt
scheiterten allesamt. Late Night ist schwer, da muss man alles geben,
auch gegenüber dem Sender. Schmidt zelebrierte aber schon bei der ARD
seine Unlust, er sagte ja: «Ich arbeite auf die Untergrenze von einer
Million Zuschauer hin.» Heute wäre er überglücklich, wenn er auf die
Hälfte käme. Schmidt ist der übelste Zyniker, den ich jemals getroffen
habe. Ich erinnere mich an einen Satz, den er zu mir sagte: «Weisst Du
Roger, der schönste Moment war, als ich alle meine Leute entlassen
konnte.» Dann ist er also sehr bald wieder sehr froh.
Gottschalks Quote ist auch im Keller. Haben die alten Talker ausgedient? Steht ein Generationenwechsel bevor?
Gottschalk und Schmidt haben beide eine geniale Seite, aber
sie
überschätzen sich und gehen deshalb Risiken ein, die man nicht eingehen
darf – schon gar nicht in Deutschland, wo das Erfolgsrezept
Durchschnittlichkeit heisst, was ja Angela Merkel oder Günther Jauch so
schön vorexerzieren. Was andere Moderatoren angeht: Paradoxerweise gibts
ausgerechnet beim Rentnersender ZDF Konkurrenz; die «heute-show» mit
Oliver Welke, die ist sehr politisch, sehr rüde, aber perfekt gemacht –
und die Quote steigt.
Sie kennen Harald Schmidt persönlich. Wie nimmt er die Absetzung seiner Show auf?
Ich glaube, der hat das einkalkuliert. Und sich wahrscheinlich
gewundert, wie lange man noch zuschaut. Interessanterweise hat er ja
noch öffentlich Gottschalk abgeschrieben wegen dessen schlechten Quoten.
Jetzt hats ihn noch vor ihm getroffen. Das wird weh tun. Denn da ist
durchaus Ehrgeiz vorhanden, wer besser ist. Und vor allem: Wer mehr Geld
macht. Die sind ziemlich geldgeil.Wobei sowieso Jauch in allen
Disziplinen die Nase vorne hat.
Was passiert mit Schmidt jetzt?
Als Schmidt 2003 aufhörte, meinte man, Goethe und Schiller seien
gleichzeitig gestorben, sogar eine Demo in München gab es. Ich habe
beinahe auch daran teilgenommen, obwohl ich ja der Schuldige an seinem
Abgang sein sollte. Heute werden die Nachrufe weniger euphorisch
ausfallen. Er sagte ja, er mache Late Night bis an sein Lebensende. Dumm
gelaufen. Ich wüsste nicht, wo der noch hin kann – oder wer ihm noch
eine Sendung gibt.