Vorsicht bei der INNOVATIONSRHETORIK
KRITIK gegen alternative Lernformen gewinnt an Boden:
Eltern und Lehrer haben Vorbehalte gegenüber alternative Lernformen wie das selbstorganisierte und das altersdurchmischte Lernen. Nicht alle gehen der Innovationsrhetorik auf den Leim.
An Vorwürfen beim selbstorganisierten Lernen mangelt es nicht:
- Viele Kinder werden überfordert
- Der konstante Lärm behindert das Lernen
- Der Lehrer ist im Hintergrund
- Schwächere Kinder kommen unter die Räder
- Es ist ein Irrtum zu glauben, alles was neu ist, ist auch gut.
- Die Stärken des herkömmlichen Unterrichtes werden kleingeredet
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«Leider gibt es an den Schulen eine Neo-Manie»
Alternative Lernformen sind an öffentlichen Schulen im Trend, sorgen aber immer wieder für Konflikte. Der Zürcher Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach hält die aktuelle Entwicklung für bedenklich.
durch die Lehrperson – ihnen könnte ein falsch verstandenes didaktisches Konzept besonders schaden, während die Starken
in praktisch jeder pädagogischen Welt gute Leistungen zeigen.
ambivalent ab. Gerade dass bei schwächeren Schülern die
Leistung sinkt, wenn man ihnen zu viel zumutet, ist gut belegt.
So hat der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie festgestellt, dass der Lehrer für den Lernerfolg zentral ist –
wobei der Erfolg am grössten ist, wenn er den Unterricht
möglichst lenkt und strukturiert. Die Studie hat im
Bildungsbetrieb viele Leute verärgert. Denn sie sagt
genau das Gegenteil von dem, was heute propagiert wird.
zirka drei Jahrgänge von Kindern in der Regelklasse
versammeln. Die Befürchtungen der Eltern, die älteren
Kinder würden weniger profitieren, wenn sie mit jüngeren
die Klasse teilen, ist aber auch bei den bekannten Versuchen,
etwa in der Basisstufe, unbegründet. Altersdurchmischung
ist ein Faktum des sozialen Lebens, die Altershomogenität
in der Schule ist künstlich und im Grunde neuen Datums.
Während altersdurchmischte Gruppen akademisch weder
stärker noch schwächer werden, profitieren sie im Bereich
des sozialen Lernens.
dank dem Kontakt mit Erst- und Zweitklässlern einen
leichten Wissenszuwachs gegenüber Gleichaltrigen
aufweisen. Wichtig scheint mir aber, dass ältere Kinder
von den Kleinen nicht am Lernerfolg gehindert werden.
Diese Befürchtung hört man oft von Eltern mit Aspirationen
im Bildungsbereich, aber sie trifft nicht zu.
Problem sprechen. Dieses Konzept ist pädagogisch
zu wenig durchdacht. Denn wenn jeder Schüler
hauptsächlich für sich selber lernen soll, warum braucht
es dann überhaupt noch Klassenzimmer?
Lernens nur noch eine (Neben-)Rolle als «Coach».
Kommt das gut?
selber tut, gut ist. Und dass alles, was von aussen kommt,
schlecht ist. Da schimmert die alte Angst vor der Macht des
Lehrers durch, die in den siebziger Jahren zu faktischen Berufsverboten für linke Lehrer führte. Heute spricht
niemand mehr von «Indoktrinierung», aber es ist, als
ob die Lehrperson didaktisch überflüssig gemacht werden
soll. Dabei wissen alle, dass sie wichtig ist. Nicht nur jeder,
der ernsthaft über seine eigene Schulkarriere nachdenkt,
sondern auch die empirischen Bildungsforscher wissen es –
oder besser gesagt, sie könnten es wissen, sofern sie bereit
wären, dieses biedere Element der schulischen Bildung zu akzeptieren.
beschäftigt ist, nicht mehr gemeinsamer Unterricht
gefragt, unter Anleitung eines Klassenlehrers?
was für mich übrigens kein Schimpfwort ist. Klassenlehrer
sind besonders bedeutsam. Was kann es Besseres für ein
Schulkind geben als eine Lehrperson, die dem Kind drei
Dinge zeigt: Erstens, dass das, was gelernt werden soll,
wichtig ist. Zweitens, dass der Schüler diesen Inhalt lernen
kann. Drittens, dass der Lehrer das Kind dabei unterstützt.
Das sind die Elementarien. Der Rest sind eher Oberflächenphänomene, über die viel sinnlos gestritten wird.
negative Wirkung auf den Lernerfolg sehr gross. Wenn
damit das Bildungssystem als Ganzes oder das Schulsystem gemeint ist, dann gilt: Die Wirkung auf konkretes Lernen
ist gering. Wie gesagt: Einer der stärksten Faktoren für den Lernerfolg ist die Lehrperson. Statt das anzuerkennen,
erfindet man dauernd neue Unterrichtskonzepte und geht
damit auf die Kinder los, mitunter getrieben von einem
llzu grossen Machbarkeitsglauben.
Gottesdienste. Momentan ist typisch, dass das Nicht-Typische besonders hohe Anerkennung bewirkt. Dafür wird der herkömmliche Unterricht mit moralisierenden Argumenten
eher schlechtgeredet. Das halte ich nicht für begrüssenswert.
Die Stärken «herkömmlichen» Unterrichts gilt es ebenso anzuerkennen. Es ist bedenklich, wenn die Schule der Innovationsrhetorik auf den Leim geht. Erneuerungen sind,
wenn überhaupt, nur langsam umzusetzen. Die Trägheit des Systems ist auch ein Garant für Verlässlichkeit und Stabilität,
nicht einfach bloss Indiz mangelnder Anpassungsbereitschaft.
Es gibt auch in der Schule eine «Neo-Manie», die
abzulehnen ist. Es gibt Erneuerungen, die grossartig sind,
dies aber eher einmal im Jahrhundert als einmal pro Monat –
etwa die Erkenntnis, dass das Kind Bedürfnisse hat, die
man ernst nehmen sollte, statt diese zu bekämpfen.
individualisierten Lernformen, um der zunehmenden Heterogenität im Klassenzimmer zu begegnen.
Wie müsste die Schule Ihrer Meinung nach mit diesem
Problem umgehen?
eine Illusion. Die Unterschiede zwischen den
Menschen können das Unterrichten – aus
unterschiedlichen Gründen – extrem erschweren.
Zu behaupten, dass diese Probleme mit individualisiertem Unterricht alle gelöst werden können, halte ich für blauäugig.
Die Debatte über die Inklusion lernschwacher Schüler zeugt
von dieser Manie der politischen Korrektheit. Wer die Schwierigkeiten, Befürchtungen und Hoffnungen von
Eltern, Lehrpersonen und Schülern nicht ernst nimmt
und es einfach besser weiss, was für die Schule richtig und
gut ist, wird in diesem Land meistens früher oder später
jäh gebremst. Selbstregulation ist also nicht nur eine
Chimäre.
primär reines Wissen gefragt. Im Zentrum stehen Kompetenzen wie Selbständigkeit und soziales Handeln.
Teilen Sie diese Einschätzung?
handelt es sich auch hier um einen Gottesdienst, um ewig wiederholte, kaum analysierte oder kritisch reflektierte
Vokabeln, bildungspolitische und -praktische Mantras.
Natürlich sind Kompetenzen wichtig, und natürlich
müssen sie gefördert werden. Doch sämtliche schulischen Lerninhalte nur noch durch die Kompetenz-Perspektive zu betrachten, ist so unnötig wie ärgerlich. Richtig ist, dass
es Wissen gibt, das nicht unmittelbar «anwendbar» und handlungswirksam ist. Wer das allerdings für
problematisch hält, sollte besser nicht im Bereich der Schule wirken.
Das Zauberwort SELBSTREGULATION wird vergoldet.
Im Management kursiert der Begriff: "Veränderungsmanagement".
Dabei wird ausgeklammert, dass es nicht nur um Veränderung gehen kann. Denn schlechter werden ist auch eine Veränderung.
Wenn etwas verändert wird muss es zwingend zu einer VERBESSERUNG führen. Und das darf bei den Resultaten der Innovationsrhetorikern beweifelt werden.
Die Bemühungen bei unserer Volksschule in Richtung selbstorganisierte Lernen missachtet die Erkenntnis, dass die Lehrperson bei den Lernprozessen keine Nebenrolle, sondern eine zentrale Rolle spielt. Erziehungswissenschafter Reichenbach bringt es auf den Punkt:
"Klassenlehrer sind besonders bedeutsam. Was kann es Besseres für ein Schulkind geben als eine Lehrperson, die dem Kind drei Dinge zeigt: Erstens, dass das, was gelernt werden soll, wichtig ist. Zweitens, dass der Schüler diesen Inhalt lernen kann. Drittens, dass der Lehrer das Kind dabei unterstützt. Das sind die Elementarien!"