Letzte Woche - zu diesem Zeitpunkt waren auf Facebook rund 6000
Personen angemeldet - wurde geschätzt. (Quelle 20 Min):
Letzten Sommer haben illegale Grossanlässe in Zürich für Aufregung
gesorgt, nun die Berner Party-Demo. Sind wir mit einem neuen
Massenphänomen konfrontiert?
Man darf die Anlässe nicht verwechseln. Die Zürcher Behörden wussten
gar nicht wirklich, mit wem sie es zu tun hatten. Da steckten keine
wirklichen Organisatoren dahinter. Das war in Bern anders: Die
Aktivisten aus dem Umfeld der Reithalle kennt man gut, auch
Verantwortliche aus der Klubszene waren dabei. Aber selbstverständlich
gibt es Parallelen.
Die schnelle und offenbar äusserst effiziente Mobilisierung über soziale Medien?
Ja, aber nicht nur. Die heutige Jugend steht unter einem enormen
gesellschaftlichen Druck. Wir haben glücklicherweise keine
Massenarbeitslosigkeit wie in Spanien oder Griechenland, aber es muss
richtig «gekrampft» werden. Irgendwo braucht es ein Ventil, um diesen
Dampf abzulassen. Wenn dieser
verstärkte Drang nach Freiheit und
Selbstbestimmung dann mit dem oftmals streng reglementierten Nachtleben
kollidiert, reicht dies, um eine Massenbewegung auszulösen.
Also stufen Sie die «Tanz-Demo» als politischen Anlass ein?
Im Gegensatz zu den 68er- und 80er-Bewegungen hat es heute ohne
Zweifel mehr Beteiligte, die aus
purem Spass an solch einer Demo
teilnehmen. Das gilt aber längst nicht für alle. Auch wenn es heute
einfacher ist, Leute zu mobilisieren: Die neuen Kommunikationsmittel
können eine Bewegung nicht schaffen, sie können sie nur verstärken. Es
braucht stets eine Ursache für solch eine massive Teilnahme.
Kommentar: Das neue Phänomen wird nach meinem Dafürhalten die Behörden und unsere Gesellschaft noch länger beschäftigen. Denn das Problem "Tanz Party" ist mit Vorschriften und Polizei schlecht in den Griff zu bekommen. Die Lärmbelästigung der Bewohner, die zusätzlichen Kosten für Müllentsorgung und die zahlreichen Sachbeschädigungen werden mit zusätzlichen Vorschriften nicht einfach zu bewältigen seine. Denn: Es gibt zu viele gegensätzliche Interessen. Der Massenaufmarsch dank einfacher Mobilisierung, die unzähligen Bilder und Filme - die ideales Gratis - Material für die Medien hergeben (soziale - und Boulevardmedien) - tragen zur Propagierung solcher Anlässe bei. Auch in anderen grösseren Städten wird dieses erfolgreiche Phänomen zu einem Dominoeffekt führen. Die Städte müssen sich somit künftig darauf einstellen, dass sie mit dem neuen Phänomen leben müssen. Wenn Politiker dem Bedürfnis nach zusätzlichen kulturellen Freiräumen nicht nachkommen, werden die Probleme weiter eskalieren. Es fragt sich nur: Wo sollen dies Freiräume sein?
NACHTRAG:
(Im CLUB SF 1 vom 5. Juni) beschäftigte sich die Runde auch mit dem Phänomen Tanz- Party. Ich zitiere:
Hier die wichtigsten Fakten und Botschaften des gestrigen «Clubs» in
Kurzfassung: Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt deutlich mehr Bars,
die bis in die Nachtstunden offen haben können, die Partyszene
konzentriert sich immer mehr auf die Stadtzentren, unter anderem weil
Vereine kaum mehr Alternativen bieten und das S-Bahn-Netz stark
ausgebaut wurde. Auf der anderen Seite wurden Regeln verschärft und die
Klagehäufigkeit hat zugenommen. Theoretisch wollen alle aneinander
vorbei kommen. Bloss wollen die Jugendlichen nicht auf Geräusche
verzichten und die Älteren nicht auf ihre Ruhe. Diese fühlen sich durch
die Partyszene eingeschränkt, jene durch die Regeln der Erwachsenen.
Die
Jugend fühlt sich also unverstanden, umso mehr, als sie am kürzeren
Hebel zu sein scheint. Sollen sie sich doch formieren und die Regeln auf
dem Gesetzesweg zu ändern versuchen, wehrte sich Alexander Tschäppät.
Dies als Reaktion auf Bergers Vorschlag, urbane Zonen einzuführen, in
denen ein gewisser Partypegel zu dulden sei. Tschäppät weiss sehr wohl,
dass es fünf bis zehn Jahre dauern kann bis zu einem Urnengang. Bis es
so weit ist, wird Berger selber dem Jugendalter definitiv entwachsen
sein. Gut möglich, dass er bei einem allfälligen Urnengang heimlich ein
Nein in die Urne wirft, um sein Quartier vor einer urbanen Zone zu
schützen. Andererseits wird es wieder neue Jugendliche geben, die für
ihre Rechte kämpfen werden – und müssen. Denn wie sagte Tschäppät
zwischendurch: «Nur eine Freiheit, die man sich nehmen kann, ist eine
richtige Freiheit und nicht eine solche, die einem geschenkt wurde.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)