Eine neue Kampagne hat Kurz auch zum Erfolg verholfen
Er hatte einen Hoffnungsträger als Politiker, dem die Oeserreicher vertrauten.
Der Macher setzte auf schlichte Dinge, die leider im Politbetrieb nicht mehr selbstverstädnlich sind:
Eine klare Haltung.
Eine einfache verständliche Sprache.
Die Bescheidenheit.
Das Team der Kurz-Kampagne wusste, dass Kurz ins Kreuzfeuer der Kritik kommen wird, nach dem Motto "Alle gegen Kurz".
Es war damit zu rechnen, dass von verschiedensten Seiten versucht wird, den Politiker zu demontieren.
Maderthaner orientierte sich als Kampagnenleiter an den amerikansichen Wahlkampfmethoden.
Das heisst:
Die positive Einstellung des Kanditaten dominiert.
Auf Attacken wird verzichtet.
Es gibt kein Dirty Campaigning ("Schmutzkübelkampagnen", die meist vor Gericht enden).
Dieser neue, offene Stil führte zu einer Mitmach-Bewegung. Es gab laufend neue Unterstützer.
Der Spitzenkandidat blieb jedoch spielentscheidend.
Auch wenn’s mal unpopulär ist. Diese Integrität, diese Haltung ist aus meiner Sicht sein größtes Asset.
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Maderthaner: Organisationen und Institutionen verlieren nicht nur an Vertrauen, das zeigen Forschungsergebnisse zunehmend, sie verlieren auch an Bedeutung. Die digitale Vernetzung, über soziale Netzwerke und das Internet generell, beschert uns als Individuen völlig neue Macht. Wir haben dadurch ein Ausmaß an Selbstorganisationskraft erlangt wie nie zuvor. Wir können uns zu jeder Zeit selbst rund um unsere Interessen, Anliegen, Wünsche, Träume oder Hoffnung digital und in der Folge auch offline organisieren. Die logische Konsequenz ist, dass jene, die diesen Job bisher hatten, nämlich Organisationen, an Bedeutung verlieren. Und die Folge daraus ist: Mobilisierungskraft, also die Fähigkeit Menschen zu bewegen, wird zu einer Art Schlüsselfähigkeit. Das ist die zentrale These des von mir entwickelten methodischen Kampagnenansatzes. Dafür braucht's natürlich auch Leader, die diese Bewegungen anführen.
Jäger: Wie wichtig war die thematische Ausrichtung? Wo lagen die Schwerpunkte?
Maderthaner: Thematisch gab es drei Schwerpunkte. Einerseits den Standort und das Thema der Steuersenkungen. Dazu die Frage der Sicherung unserer Sozialsysteme und letztlich auch die Herausforderungen der illegalen Migration. Über all diesen Themen stand permanent, als eine Art Meta-Thema, die Frage, welchen Stil wir in der Politik künftig haben wollen.
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Maderthaner: Das Team Kurz hatte einen eigenen Sprecher, der als Sprecher der Bewegung agierte. Die Volkspartei wiederum hat eine Generalsekretärin, die an der Spitze der Organisation steht. Beide Teile wurden in Form einer ganzheitlichen Kampagnen-Organisation miteinander verschränkt. Die Abstimmung war somit nahtlos.
Jäger: Die Wählerwanderung zeigt, dass die ÖVP von allen Parteien dazugewonnen hat. Gab es hierfür gezielte Kampagnen?
Maderthaner: Der neue Stil von Sebastian Kurz hat sicherlich auch viele Nichtwähler angesprochen und generell Anhänger in allen politischen Lagern gefunden. Das liegt vor allem an der Persönlichkeit von Sebastian Kurz. Gezielte Kampagnen für einzelne politische Lager gab es nicht.
Jäger: Bei dem Erfolg stellt sich die Frage: wird die Kampagne auch während der Regierungsarbeit weitergeführt? In welcher Form?
Maderthaner: Das Team Kurz entstand eigentlich 2013 rund um die Vorzugsstimmenkampagne von Sebastian Kurz. Damals war die Entscheidung: Natürlich bleiben wir mit den 50.000 Menschen in Kontakt und arbeiten weiter mit ihnen an echter Veränderung. Jetzt, nach 2017, würde ich meinen, dass das Gleiche gilt. Hier sind Hunderttausende Menschen mit großen Hoffnungen Teil einer Bewegung geworden. Jetzt gilt es, mit diesen Menschen gemeinsam jene Veränderung zu bewirken, die es braucht. Die Mobilisierungskraft des Team Kurz kann dabei sicher nicht schaden.
Maderthaner: Methodisch gesehen ist diese Form der Mobilisierung grundsätzlich übertragbar. Ich bin fest davon überzeugt, dass Parteien insgesamt ihre strukturelle Bedeutung zunehmend verlieren und künftig in der Lage sein müssen, Menschen stärker rund um Anliegen zu involvieren und diese auch zu kampagnisieren. So etwas kurz vor einer Wahl zu beginnen, wäre zum Scheitern verurteilt. Auch Kurz hat eben 2013 damit begonnen. Politik wird zunehmend zum offenen Mitmach-Prozess und Kampagnen zu einer Art Dauerzustand, ein permanentes Interagieren mit jenen Menschen, die bereit sind, meine Sache zu unterstützen. Das ist mit einer ‚weiter so’ Botschaft sicherlich schwieriger als mit einer, die auf ‚Veränderung’ setzt. Aber auch bei ‚weiter so’ gibt es ein Verlangen nach einer begeisterungsfähigen Zukunftsvision, das gestillt werden will. Hier denke ich liegt die Herausforderung für die etablierten Volksparteien.