Weshalb schaute niemand hin?
Auch
im Umfeld Jegges war dessen Schwäche offenbar bekannt: «Jürg sagte
damals, er habe Mühe, sich abzugrenzen», sagte Jegges langjähriger
Weggefährte Hans Wyler, ebenfalls Sonderschullehrer in Embrach, der «NZZ
am Sonntag». Philipp Gurt, als Heimkind selbst Opfer sexuellen
Missbrauchs und Autor des Buches «Schattenkinder», hat nach eigenen
Angaben Kontakt mit einem früheren Erzieher aus dem Umfeld Jegges, der
dessen Veranlagung als allgemein bekannt bezeichne. In seinem Bestseller
«Dummheit ist lernbar» beschrieb Jürg Jegge die Irritationen selber, zu
denen seine Person und seine Neigungen damals Anlass gegeben hatten:
«Was bin ich doch in den Augen der Leute nicht schon alles gewesen!
Bauernfänger, Kommunist, Homosexueller, Mädchenverführer, verspätet
Pubertierender.» Die Passage erscheint heute in ganz anderem Licht:
Warum hat damals niemand richtig hingeschaut?
Nicht
der Missbrauch an sich, doch die Umstände seien typisch für diese Zeit,
in der die radikale Reformpädagogik auch in der Schweiz auf wachsendes
Interesse gestossen sei, erklärt der Erziehungswissenschafter Jürgen
Oelkers. Er hat den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule untersucht.
Der antiautoritären Pädagogik mit Bezug zu Alexander Neill und Wilhelm
Reich kam laut Oelkers für die Täter dieser Epoche eine doppelte
Funktion zu. Einerseits ist dieser Lehre der Keim des sexuellen
Missbrauchs inhärent: Eine neue, durch Nähe und Liebe gekennzeichnete
Beziehung zwischen Lehrern und Schülern sollte den alten, autoritären
Erziehungsstil ablösen. Und ihre Fundamentalkritik an den öffentlichen
Schulen verhalf den Vertretern dieser Reformpädagogik zu einer
Legitimation, die staatliche Kontrolle erschwerte. Missbrauch wurde
damit von Anfang an erleichtert. Gustav Wyneken, Alternativpädagoge der
ersten Stunde, wurde schon 1921 wegen sexuellen Missbrauchs in zwei
Fällen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Missbrauchen und sich gut dabei fühlen
«Die
Ideologie war der Pass, um Missbräuche zu begehen und sich dabei auch
noch gut zu fühlen», diagnostiziert Oelkers. Auch Jegge positionierte
sich wie Becker nicht nur selbst als Reformpädagoge, sondern berief sich
auf Vertreter dieser Ideologie, etwa den Darmstädter Pädagogen
Hans-Jochen Gamm. Das gesamte Gefüge in und um die Embracher
Sonderklasse erinnert an die Vorgänge an der Odenwaldschule: In beiden
Fällen untergruben die Täter weitab auf dem Land die bestehende
Eltern-Kind-Beziehung in scheinbar natürlicher, kindgerechter Umgebung.
So schafften sie die nötige Nähe und Abhängigkeit, um ihre Opfer
auszubeuten. Das alles geschah nicht nur nach aussen hin zum Wohl des
Kindes, sondern auch gemäss innerer Auffassung des Täters. «Ich war
damals der Überzeugung, dass eine derartige Sexualität einen Beitrag
leiste zur Selbstbefreiung und zur persönlichen Weiterentwicklung der
Schüler», sagte Jegge vorletzte Woche im Interview mit der NZZ.
Diese
Art der Reformpädagogik lieferte Jegge mehr als die passende
Rechtfertigung, an der er bis heute festhält: Sie verschaffte ihm den
bestmöglichen Schutz vor der Entdeckung seiner Taten. «Nach dem
Bucherfolg von Jürg Jegge ist nie mehr jemand auf die Idee gekommen,
dass etwas nicht stimmen könnte», erklärt Oelkers. Sein Bestseller
«machte Jürg zum Star», so beschreibt Markus Zangger die Situation in
seinem Buch. Jegge war unantastbar: Er galt in der Öffentlichkeit fortan
als Experte, Schriftsteller, Visionär, während niemand mehr hinter die
Mauern in Embrach blickte. «So gab es in seiner Schule ein verdrängtes,
scham- und angsterfülltes Schweigen, das vom Öffentlichkeitsglanz Jegges
überdeckt wurde», schreibt Guggenberger in der NZZ. Selbst die
anhaltende Skepsis gegenüber dem linken Lehrer in und um Embrach, wie
sie Zangger beschreibt, deutete der Täter zu seinen Gunsten um: Sie war
Beleg für die Biederkeit von Volk und Behörden.
Ideologische Schutzmauer
Das
System aus Gewalt, Macht und Abhängigkeit «basierte auf stabilen
Glaubenssätzen, auf einer nicht irritierbaren Pädagogik, die wie eine
ideologische Mauer benutzt wurde», schreibt Oelkers in einem seiner
zahlreichen Aufsätze mit Bezug auf Gerold Becker. Das sei bei Jürg Jegge
nicht anders gewesen. Die Zahl von 200 000 verkauften Exemplaren von
Jegges Bestseller deutet darauf hin, wie dick diese Brandmauer war.
Nicht nur die linken 68er waren begeistert, auch die NZZ zeigte sich
beeindruckt. Dieser Schutz hielt über Jahre und Jahrzehnte an: «Jegge
ist ein Mann, bei dem die Lebenslust, der Idealismus und vor allem die
Liebe zu den sogenannten Problemkindern mit jeder Gestik, jedem Satz zum
Ausdruck kommt», jubelte die «Weltwoche» noch vor einem halben Jahr.
Dabei sei «Liebe» im professionellen Verhältnis zwischen Lehrern und
Schülern kaum das richtige Wort, weil sie eine in diesem Rahmen
unangemessene Intimität und Übergriffigkeit nach sich ziehen könne, wie
die Fälle zeigten, meint Oelkers dazu.
Stets
suchen sich die Täter die Strategie, die zu ihrer Situation passt.
Reformpädagogische Konzepte waren nicht die Ursache für Jegges
Übergriffe. Doch sie verschafften ihm das theoretische Fundament und
Schutz. Jegge erhielt die Möglichkeit, seine Bedürfnisse im Windschatten
des Zeitgeistes auszuleben. Markus Zangger und Andreas Guggenberger
hatten keine Chance.
Missbrauchsopfer wollen Jegge nicht davonkommen lassen
Jürg Jegge hat die sexuellen Übergriffe auf mehrere seiner Schüler in
verschiedenen Medieninterviews öffentlich eingestanden. Zwar hat die
Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich in der vergangenen Woche ein
Vorabklärungsverfahren eingeleitet und beim früheren Lehrer eine
Hausdurchsuchung durchgeführt. Doch weil sich die Taten in den früheren
siebziger und achtziger Jahren abspielten, sind sie verjährt. Falls
keine neuen Missbrauchsfälle bekanntwerden, die sich nach 1987 zutrugen,
kann Jegge für sexuelle Übergriffe strafrechtlich nicht mehr zur
Verantwortung gezogen werden.
Opfer von sexuellem Missbrauch, die
das Erlebte selber oft nach Jahrzehnten nicht vollständig verarbeitet
haben, stossen sich aber nicht nur an der Verjährung, sondern auch am Aussageverhalten von Jegge.
Dass dieser seine Taten mit Hinweis auf pädagogische Konzepte bis heute
rechtfertige und sein Verhalten als Folge des Zeitgeistes darstelle,
verletze die Persönlichkeit der Opfer, erklärt Carlo Häfeli, Anwalt und
Präsident der Opferberatungsstelle «Weisser Ring Schweiz», auf Anfrage.
In einem Brief an Jegge, der der NZZ vorliegt, verlangt der Weisse Ring
von diesem eine Entschuldigung nicht nur für die verjährten Straftaten,
sondern auch für «Ihre Äusserungen in der NZZ vom 7. April».
Unterzeichnet ist das Schreiben von Häfeli sowie von Philipp Gurt, der
als Heimkind selber missbraucht wurde und das Erlebte in seinem Buch
«Schattenkinder» aufgearbeitet hat.
Verlangt wird, dass sich
Jegge mit seinen Opfern zum Gespräch trifft und sich von zahlreichen
Aussagen distanziert, die er zur Erklärung seiner Taten beigezogen
hatte. Erwähnt ist beispielsweise Jegges These, wonach Sexualität mit
Schülern «ein Beitrag zu deren Selbstbefreiung und persönlicher
Weiterentwicklung» gewesen sein soll. Eingestehen soll Jegge auch, dass
er durch seine Übergriffe den Buben in jedem Fall schwer geschadet habe.
Interessant ist, dass der Weisse Ring seine Forderungen nicht
nur im Zusammenhang mit den verjährten Taten, sondern auch mit Jegges
jetzigen Äusserungen stellt. Damit stellt sich die Frage nach
Genugtuungszahlungen. Dies sei nicht das unmittelbare Ziel, sagt Häfeli.
Angestrebt werde eine einvernehmliche Einigung mit Jegge. Gurt möchte,
dass die Betroffenen aus ihrer Opferrolle kommen und sich gegen Jegge
zur Wehr setzen: «Es darf nicht sein, dass seine Äusserungen
stehenbleiben.» Er werde nicht ruhen, sagte Gurt, «bis die Sache in
Ordnung ist».