Der IS bedroht die antike Ruinenstadt Palmyra. Die Zerstörung von Kulturgütern hat eine lange Tradition – in allen Kulturen.
Steht seit 2000 Jahren, vielleicht nur noch einige Tage:
der Baal-Tempel in Palmyra. Foto: Youssef Badawi
Die Vandalen haben es nicht verdient, für den Begriff der sinnlosen
Zerstörung herhalten zu müssen. Ihre Plünderung Roms 455 soll, glaubt
man den Historikern, auf geordnete Weise geschehen sein: Abtransport
wertvoller Güter, Verschonung der Einwohner, keine Verwüstungen, eben
kein Vandalismus.
Dieser ist indes, auch wenn er unter falscher
Flagge segelt, ein steter Begleiter der Weltgeschichte. Ägyptische
Pharaonen tilgten Namen und Bauten unliebsamer Vorgänger, Calvinisten
und Zwinglianer verbrannten Heiligenbilder, die französischen Jakobiner
schlugen den Königsstatuen von Notre-Dame erst die Kronen von den
Häuptern, dann die Häupter selber ab, schliesslich häuften sie die
Statuen hinter dem Chor auf und nutzten sie als öffentliche Latrine.
Mit Bagger und Presslufthammer
Die
Bolschewiken plünderten Kirchen und Klöster, die Nazis warfen die
Bücher ihrer Feinde ins Feuer, Maos rote Garden attackierten und
schleiften unzählige historische Bauwerke, darunter den kaiserlichen
Sommerpalast in Peking (den aber schon 1900 die «zivilisierten»
Engländer niedergebrannt hatten, als Rache für den Boxeraufstand).
In
jüngster Zeit erschrecken radikale Islamisten die kulturell
sensibilisierte Welt: Taliban sprengten die Buddha-Statuen von Bamian in
die Luft, al-Qaida-Terroristen zerstörten Mausoleen und Schriftrollen
in Mali, IS-Trupps gehen im Irak und in Syrien mit Bagger und
Presslufthammer gegen antike Statuen und Tempel vor und stellen ihre
Aktionen grinsend ins Internet. Jetzt steht der sogenannte «Islamische
Staat» vor Palmyra, einem der architektonisch-archäologischen Juwelen
Syriens, in der Spätantike eine blühende Oasenstadt, Handelsstation
zwischen Orient und Mittelmeer, Wohnstätte der Anhänger aller möglichen
Götter.
Die letzte Demütigung
Vordergründig liegt
hier das Motiv der drohenden Zerstörung: In Palmyra wurden die falschen
Götter angebetet, und neben dem einen und einzigen Allah sind alle
falsch. Fanatischen Islamisten ist alles unerträglich, was nicht in ihr
borniert-puristisches Weltbild, in die ideologisch strengste Auslegung
ihrer Lehre passt.
Anderswo in der Welt hat sich ein
historisch-kultureller Relativismus durchgesetzt, der es erlaubt, in
Zeugnissen anderer Religionen, früherer Zivilisationen nicht nur
Leistung und Schönheit zu sehen, sondern überhaupt alles anzuerkennen,
was einmal war und lange Zeiten überdauernde Zeugnisse hervorgebracht
hat (mit kleinen Ausnahmen: Leninstatuen wollte in Osteuropa nach 1989
nun wirklich niemand mehr sehen).
Staunend stehen wir in den
Museen und bewundern Statuen und Reliefs aus politisch inkorrekten
Kulturen, die Frauen unterdrückten, Sklaven hielten und Kriegsgefangene
den Löwen zum Frass vorwarfen. Mehr noch: Wir haben ein globales und
epochenübergreifendes Kulturverständnis entwickelt, wonach auch
assyrische und babylonische Relikte als gesamtmenschliches Erbe gelten –
als Kulturgegenstände, ganz gleich, was ihre ursprüngliche Funktion
gewesen ist. Auch Ninive ist «unser», und mit seiner Zerstörung
verlieren auch wir etwas.
Zynisches Kalkül
Die
Aggressivität des IS gegen vorislamische Stätten hat aber noch einen
anderen, ungleich stärkeren Beweggrund. Und wie wirksam er ist, zeigt
sich gerade in der Empörung, die jedes Video einer gesprengten Kuppel,
eines zersägten Reliefs auslöst, einer Empörung, nicht geringer als die
Sorge um entführte, gequälte, ermordete Menschen. Ja, man kann schon
fragen, was alte Steine zählen gegenüber den in den Hunger- und Kältetod
getriebenen Jesiden.
Für das zynische Kalkül des IS liegt aber
beides auf genau derselben Ebene. Es führt die Hilflosigkeit der nur
scheinbar allmächtigen westlichen Welt vor. Früher zerstörte man
Götterbilder, um dem unterlegenen Feind klarzumachen: Dein Gott hilft
Dir nicht, er ist kaputt.
In vielen Kriegen wurde und wird
Vergewaltigung als Waffe eingesetzt, um dem, den man besiegt hatte, die
ultimative Demütigung zuzufügen. Eine über alles materielle, körperliche
hinausreichende Demütigung: Die Schändung der Liebsten hilflos
hinnehmen zu müssen. Was der IS mit der Kulturzerstörung tut, ist
gewissermassen die geistige Vergewaltigung der freien Welt. Seht her,
das können wir, und ihr könnt nichts dagegen tun, sagen diese Akte. Wir
treffen Euch ins Herz. Es zuckt kein Blitz vom Himmel, der uns Einhalt
gebietet, und auch keine amerikanische Rakete.
Palmyra I, Palmyra II
Solange
der IS nicht besiegt ist, sein Herrschaftsgebiet nicht befriedet,
bleibt nur die Aussicht, das Zerstörte einmal originalgetreu wieder
aufzubauen. Zu dieser Variante des Kulturrelativismus sind wir
inzwischen ja auch in der Lage. In Südfrankreich hat man die
prähistorischen Höhlen von Lascaux und Chauvet nachgebaut – nicht
nachdem sie zerstört wurden, sondern vorher: damit die kostbaren,
hochempfindlichen Originalräume unbehelligt von Besuchern bleiben. Bevor
Palmyra II gebaut werden muss, sollte freilich alles getan werden, um
Palmyra I vor dem Schlimmsten zu bewahren. Nicht zuletzt die Menschen,
die dort schliesslich auch leben.
(Tages-Anzeiger)
KOMMENTAR:
Unglaublich, dass die westliche Welt tatlos zusehen muss, wie ein Kulturerbe unbehelligt vernichtet wird. Es fehlt gleichsam eine Weltpolizei, welche diese sinnlose Zerstörung stoppen könnte.