Die Sehnsucht nach verschneiten Weihnachtstagen ist in uns verankert
(Quelle Berner Zeitung)
Seltsam. Die biblische Weihnachtsgeschichte spielt ja unter Palmen.
Jesus liegt in einer Krippe und ist selten von mehr als einem Hudel
umwickelt. Auch Maria und Josef tragen keine Winterjacken, die Hirten
auch nicht. Von Schnee keine Spur! Und trotzdem sehnt man sich in
unseren Breitengraden nach weissen Weihnachten, nach Pulverschnee auf
den Pisten, nach Schneeflöcklein, die an Heiligabend still und leise auf
festlich geschmückte Häuser fallen. Der Versuch einer Erklärung:
(Quelle: Berner Zeitung)
1. Wetterprognose
Das Wetter an Weihnachten ist aber seit Wochen eines der beliebtesten
Small-Talk-Themen. Es hilft an (verregneten) Weihnachtsessen über
peinlich stille Gesprächssituationen hinweg, füllt Zeitungen und
Fernsehsendungen und macht so viel Spass, weil wir jedes Jahr dasselbe
diskutieren können.
Im Thema «Weisse oder grüne Weihnachten» kennt sich
jeder aus, und alle haben eine Meinung.
2. Eine Weihnachtsgeschichte
Vielleicht ist Charles Dickens schuld an unserer Sehnsucht nach
Schneemengen. Obwohl am 25.Dezember in England fast nie Schnee liegt,
beginnt Dickens seine berühmte Weihnachtsgeschichte (im Original: «A
Christmas Carol in Prose» – «Ein Weihnachtslied in Prosa») mit dem Satz:
«Marley ist tot»,
und dabei fallen Schneeflocken leise vom Himmel auf
die kalte, arme Stadt. Das Märchen von Ebenezer Scrooge, einem Geizhals
im London der 40er-Jahre (des 19.Jahrhunderts!), der von einem Geist
heimgesucht wird, wurde x-mal verfilmt. Vorgelesen. Im Theater gespielt.
Wenigstens für alle Engländer heisst es: An Weihnachten schneit es. So
wie in der Geschichte von Charles Dickens .
3. Leise rieselt der Schnee
«Schneeflöckchen, Weissröckchen» und «Leise rieselt der Schnee» sind
nicht die einzigen Melodien, die in uns falsche Erwartungen erwecken.
Eines der beliebtesten Weihnachtslieder, mittlerweile auch bei uns, ist
«Jingle Bells, Jingle Bells». Der Song wurde in der Nähe von Boston
geschrieben, einer Gegend in den USA, die im Winter im Schnee versinkt,
und ist, man glaubt es kaum, ursprünglich gar kein Weihnachtslied. Aber
ein ziemlich winterliches. Die erste Zeile von «Jingle Bells» heisst
«Dashing through the snow in a one-horse open sleigh» und wird übersetzt
mit: «Wir rasen durch den Schnee, in einem einspännigen offenen
Pferdeschlitten.»
4. Father Christmas&Co
Was hierzulande das Christkind, ist anderorts in ähnlicher Form
Väterchen Frost (Russland), Julenissen (Norwegen), Father Christmas
(England) oder der Joulupukki (Finnland).
Und diese Weihnachtsmänner
oder Böcke rutschen durch Kamine, sitzen auf Schlitten, stapfen durch
den Schnee. Wenn es denn welchen hat.
5. White Christmas
Bing Crosby, der Schlingel. Er sang 1947 (!) den von Irving Berlin
komponierten Song so gut, dass es noch heute auf der ganzen Welt tönt:
«
I’m dreaming of a white Christmas.» Diese Crosby-Version gilt übrigens
mit geschätzten 50 Millionen verkauften Singles als die meistverkaufte
Single aller Zeiten. Kein Wunder, formen sich in unseren Köpfen Bilder
von schneebedeckten Hügeln und putzigen Häuslein, wenn Bill Crosby uns
schon Anfang Dezember die Ohren voll schmalzt.
6. Güezi
Spitzbuben, Kipferl oder Zimtsterne:
Wie schön ist es, Puderzucker oder
Zuckerguss über die Güezi zu streuen oder giessen. Und wie toll ist es
für alle Hobbybäckerinnen und Backburschen zu behaupten: Das ist Schnee!
Sogar die Küche führt uns also ab vom nicht verschneiten Pfad. Dabei
brauchen wir fröhlich und genauso überzeugt Zutaten, die tatsächlich in
den Gebieten von Jesus und Maria und Josef anzusiedeln sind: Datteln,
Feigen, Rosinen, Zimt. Aber sehen diese Güezi auch so lecker aus? Eben.
7. Prozentsätze
Der Kreis schliesst sich, wir sind wieder beim Wetter: In den Bergen
liegt oft schon Schnee, bevor die ersten Spitzbuben und Zimtsterne uns
in den Niederungen erfreuen. In den Tälern siehts anders aus.
Und auch
wenn man in den Niederungen gerne die guten alten, schneereichen Zeiten
verklärt, sind grüne Weihnachten die Regel. Meteo Schweiz schreibt auf
ihrer Website zu diesen Verklärungen von Tannenbäumchen im Pulverschnee
und Christkindlis, die Stiefel tragen müssen, weil sie sonst stecken
bleiben: «Im Gegensatz zu dieser Scheinwelt sind im schweizerischen
Mittelland grüne Weihnachten häufiger als weisse. So lag in Bern in den
vergangenen 81 Jahren (1931–2011) nur in 42 Prozent, in Zürich nur in 43
Prozent der Jahre an mindestens einem der Weihnachtstage mindestens ein
Zentimeter Schnee. Wirklich weisse Weihnachten mit Schnee an allen drei
Weihnachtstagen gab es in Bern lediglich in 26 Prozent.
Der Traum von weisser Weihnacht ist und bleibt verankert - trotz diesjähriger frühlingshafter Tage