Sieben Leitlinien für die SRG
Der neue Generaldirektor über sein Verständnis von Service public
Ich finde es professionell - ERST bei Amtsantritt das bereinigte 7 Punkte Programm zu veröffentlichen. Ich finde es auch professionell - diese Punkte bei Amtantritt SCHNELL zu veröffentlichen. Das nenne ich transparent und bedacht informieren.

Roger de Weck, Generaldirektor der SRG. (Bild: Reuters)
Was
ist Sinn und Zweck eines öffentlichen Rundfunks? Der neue
SRG-Generaldirektor, Roger de Weck, legt dar, was er unter Service
public versteht.
Roger de Weck
1. Haltung
Viele Massenmedien sehen den Menschen vorwiegend als Konsumenten, den
es zu befriedigen gilt. Demokratie hingegen braucht aufgeklärte, gut
informierte Bürger. Die SRG SSR muss sich im Dienst des Gemeinwesens
vorab an diese Citoyens wenden – mit Respekt. Service public ist eine
Haltung.
Selbstverständlich muss sich auch ein Service-public-Unternehmen von
der marktwirtschaftlichen Nachfrage leiten lassen, aber nicht nur: Viele
wertvolle Angebote würden sich kommerziell nicht lohnen. (Zum Beispiel
schreibt die junge Kolumnistin Michèle Roten über die «wunderbare
Frechheit DRS 2», das manchmal sperrige Kulturradio als nationales
Kulturgut.) Werbeeinnahmen sind unerlässlich, um den
Service-public-Auftrag in vier Sprachen zu erfüllen. Aber Werbung darf
das Angebot nicht bestimmen.
2. Werte
Welche Werte stehen hinter diesem Angebot? Die Service-public-Haltung
gründet in der Tradition der Aufklärung, also der Meinungsvielfalt und
der Kraft des besseren Arguments, des Verstands und Augenmasses.
Demokratie und Medien sind Kinder der Aufklärung. Doch ein Teil der
Medien entfernt sich vom aufklärerischen Gedanken: Das Bewirtschaften
von Emotionen verspricht mehr Erfolg als das Bemühen, differenziert zu
berichten, argumentativ zu debattieren. Umso wichtiger der
Verfassungsauftrag an die SRG, sachgerecht zu informieren und so die
Debatte zu versachlichen. Sie muss mit stetem Willen zur «qualité
populaire» dem breiten Publikum Zugang zu komplexen Zusammenhängen
verschaffen. So bleibt die SRG der Aufklärung treu, die auf Französisch
sehr fernsehgerecht les lumières heisst.
3. Ansprüche
Daraus leiten sich drei Ansprüche ab: Kompetenz ist Trumpf: Aufgabe
der SRG ist es, zur Wissensgesellschaft und zu einer erkenntnis- und
lösungsorientierten Debatte beizutragen. Die SRG soll die politischen
Verhältnisse spiegeln, nicht aber aus Lust am Spektakel selbst zur
Polarisierung beitragen. Zum Erbe der Aufklärer zählt das Heitere, le
plaisir. Nichts ist aufklärerischer als Satire, die menschliche Tücken
und Absurditäten auf den Punkt bringt. Shows, die auf die Begabungen der
Gäste aufbauen, können Genuss und Gewinn sein. Abgesehen davon ist
Unterhaltung ein Verfassungsauftrag an die SRG! Der technische
Fortschritt (auch eine Errungenschaft der Aufklärung) beschleunigt sich.
1931 das Radio, danach das mobile Transistorradio, 1953 das Fernsehen,
1984 der Teletext, seit den 1990er Jahren das Internet und die Vielzahl
digitaler Geräte: Immerzu verändert sich die Art und Weise, wie Menschen
die Medien nutzen. Um auf der Höhe des Medienverhaltens der
Gebührenzahler und ihrer Präferenzen zu bleiben, muss die SRG in die
Kommunikationstechnologie investieren und laufend ihr wertvolles
Know-how aktualisieren.
4. Service public? Service au public
Die SRG ist ein glücklicher Sonderfall. Dank ihrer weltweit
einzigartigen, privaten Trägerschaft – einem Verein mit 20'000
Mitgliedern nach dem Milizprinzip – ist sie staatsferner als andere
Service-public-Anbieter in Europa; ein Blick über die Grenzen bestätigt
es auf Anhieb. Die unabhängige SRG ist dem Volk verpflichtet, das sie
finanziert; sie muss sich sowohl um Qualität für ein breites Publikum
als auch um mehr Publikum für eher anspruchsvolle Angebote bemühen. Ohne
Publikum kein Service public und kein Service au public. «SF bi de Lüt»
ist eine Sendung und darüber hinaus Programm.
Mehr und mehr Leute verfolgen SRG-Sendungen nicht unbedingt am Radio
und Fernsehen, sondern am PC, Handy oder Tablet. Wie in der analogen
Vergangenheit muss die SRG in der digitalen Zukunft dort sein, wo die
Gebührenzahlenden sind: attraktiv auch im Internet. Ohnehin sind in
jedem Laden Hybrid-TV-Geräte und Set-Top-Boxen zu kaufen, die das
Fernsehen und das Surfen vermengen; sie laden den Zuschauer zum Surfen
und den Surfer zum Zuschauen ein.
Bild, Ton und Text wandern zum Teil ins Netz. Ton und bewegtes Bild
sind die Kernkompetenz der SRG, wiewohl sie seit 1984 im Teletext, seit
1999 im Internet und morgen im Hybrid-TV mit Text aufwartet. Was wäre
eine Radio- und Fernsehsendung für Jugendliche und Kinder des
Internetzeitalters, wenn sie nicht auch im Netz präsent wäre? «Zambo»
wird darum trimedial produziert. Will die SRG ihren Programmauftrag
erfüllen und zu diesem Zweck die Zielpublika erreichen, muss sie
Sendungen im Internet ausstrahlen, begleiten, ergänzen, vertiefen,
Hintergrund- und Kontextinformationen liefern, wie die Konzession es
vorsieht.
Doch bleibt es dabei: Ein solides Unternehmen setzt erst einmal auf
die eigenen Stärken. Der Service public wird sich eher deutlicher von
privaten Anbietern unterscheiden.
5. Neue Akzente
Die 462 Franken Empfangsgebühr (es wären rund 250 Franken, wenn die
Schweiz nur eine Landessprache hätte) befähigen und verpflichten die
SRG, eigene Akzente im Sinne der journalistischen Relevanz zu setzen.
Zur Illustration nur drei Beispiele: Staatspolitische Themen sind so
brisant wie parteipolitische. Der gewinnorientierte Medienbetrieb scheut
verständlicherweise die monatelange, kostspielige Recherche – die SRG
kann hier noch mehr leisten. In Umbruchzeiten hilft das Wissen um unsere
Welt und unsere Herkunft, die Zukunft zu gestalten. Die SRG kann
stärker noch auf Angebote zur Geschichte und Wissenschaft setzen.
6. Schweizer Miteinander
Medien bilden Gemeinschaften, sie ermöglichen gemeinsames Erleben.
Als unersetzliche Institution des nationalen Zusammenhalts trägt die SRG
zum lebendigen, farbenfrohen Schweizer Miteinander bei. Sie wird sich
da noch stärker einbringen: indem Fernsehen und Radio mehr über andere
Landesteile berichten und gezielt die Programmzusammenarbeit unter den
Regionen beleben.
In unserem heterogenen Land bietet der Sport gemeinsame Erlebnisse
par excellence. Da ist es vielleicht kein Zufall, dass die SRG weit mehr
Sportanlässe überträgt als andere europäische Service-public-Sender.
Auch sonst schafft die SRG Treffpunkte wie Mx3: Auf diese
Internet-Plattform haben schon 15'500 Schweizer Bands ihre Musik
hochgeladen, die dann am Radio der vier Landesteile gespielt wird. Oder
in der Romandie die Plattform «notrehistoire.ch», auf die jeder
Interessierte historische Dokumente etwa aus dem Familienarchiv laden
kann – eine Bereicherung des Programms, eine Fundgrube für Historiker
und ein Beitrag zum nationalen Erbe. Das ist digitaler Service public.
Bei wachsender Präsenz europäischer Medienhäuser und globaler Riesen
wie Apple (mit Apple TV) und Google (mit Google TV und Youtube) sichert
die SRG nachhaltig ein eigenständiges Schweizer Angebot, auf das unser
kleinteiliges Land angewiesen ist. Dieser Auftrag gewinnt an Bedeutung.
7. Selbstbewusst und selbstkritisch
Die SRG muss für konstruktive Kritik offen sein, Mängel aus eigenem
Antrieb korrigieren, Fehler souverän offenlegen. Doch bei allen Stärken
und Schwächen: Die Mehrzahl der Gebührenzahlenden weiss, was sie an der
nationalen Institution SRG hat. Im Sorgenbarometer der Credit Suisse –
einer repräsentativen Umfrage – stehen das Radio und das Fernsehen an
der Spitze der vertrauenswürdigen Institutionen: 77 Prozent vertrauen
dem Radio, 76 Prozent dem Fernsehen; an dritter Stelle liegt das
Bundesgericht mit 72 Prozent.
Die SRG hat einigen Grund, den Service-public-Gedanken, der wichtiger
wird, sachlich, engagiert und selbstbewusst zu vertreten. Noch mehr
Grund wird sie haben, wenn sie nach Defizitjahren zu den schwarzen
Zahlen zurückfindet, wie dies das Budget 2011 vorsieht. Leicht wird das
nicht unbedingt. Bleibt ein neuer Einbruch der Wirtschaft aus, ist dies
jedoch zu schaffen.
Mein Kommentar zu den 7 Punkten:
Zu Pt 1:
In einer Demokratie ist es wichtig, die Bürger unabhängig von der Werbung zu informieren. Doch darf der Quasi Monopolbetrieb keinen anwaltschaftlichen Journalismus pflegen. Die Unabhänigigkeit ist ein zentraler Anspruch. Auch die Unabhängigkeit von Parteien oder Interessengruppen.
Zu Pt 2:
Wenn die Kraft des bessern Argumentes zählt, so dürfen nicht die Medienleute bestimmen, welches Argument besser oder sachgerechter ist. Bei diesem Punkt unterstreiche ich das Wort Meinungsvielfalt!
Zu Pt 3:
Hier gibt es zu folgendem Satz etwas zu sagen:
Aufgabe
der SRG ist es, zur Wissensgesellschaft und zu einer erkenntnis- und
lösungsorientierten Debatte beizutragen. Die SRG soll die politischen
Verhältnisse spiegeln, nicht aber aus Lust am Spektakel selbst zur
Polarisierung beitragen.
Es ist erstrebenswert, lösungsorientierte Debatten zu führen. Fragwürdig wäre es, wenn polarisierte Situationen künstlich geglättet würden und Debatten (kommt von battre=schlagen) pointierte Debattierern Ringverbot auferlegt werden könnte. Mit der Begründung - die Person X oder Y trägt zu wenig zu Lösungen bei - könnten pointierte Politiker mundtot gemacht werden. Das dürfte nicht geschehen.
Zu Pt 4:
Das ist für mich ein Schlüsselsatz:
Will die SRG ihren Programmauftrag
erfüllen und zu diesem Zweck die Zielpublika erreichen, muss sie
Sendungen im Internet ausstrahlen, begleiten, ergänzen, vertiefen,
Hintergrund- und Kontextinformationen liefern, wie die Konzession es
vorsieht.
Doch bleibt es dabei: Ein solides Unternehmen setzt erst einmal auf
die eigenen Stärken. Der Service public wird sich eher deutlicher von
privaten Anbietern unterscheiden.
Zu Pt 5:
Kostspielige Sendungen mit langen Recherchen tragen dazu bei, Themen nicht nur oberflächlich zu behandeln. Mit gut recherchiertem Journalismus können sich die elektronischen Medien, wie auch Fachzeitungen dem Kurzfutter der Gratiszeitungen die Stirne bieten. Das Geld für Recherchen anstatt für teure Reisen (bösartig "Ferienreisen" genannt) einzusetzen - dagegen ist nichts einzuwenden.
Zu Pt 6:
Kein Kommentar: Alles klar
Zu Pt 7:
Ich bin überzeugt: Wenn die SRG den Leistungsauftrag ernst nimmt und erfüllt, so wird sie Vertrauen schaffen. Man kann damit den Sendern trauen und sie werden somit die Glaubwürdigkeit asubauen.