Donnerstag, 29. Juli 2010

Wende im Fall Kachelmann?

  • Wetterfrosch im Tornado

Zitat blick:

Heute um 13:34 trat Jörg Kachelmann (52) ins Freie. Lächelte frisch rasiert in die Kameras. Liess seinen Anwalt reden und schwieg selber.

Als er die schwere Gefängnistür zur Freiheit aufstiess, wurde aber auch klar, dass Kachelmann der Abschied nicht nur leicht fiel. So umarmte der Schweizer einen uniformierten Mitarbeiter des Gefängnis herzlich, drückte diesen zwei, drei Sekunden lang innig an sich. Offenbar hatte Kachelmann im Mannheimer Knast neue Freunde gefunden.

Dies wohl auch im Knast. Denn er brauchte rund zweieinhalb Stunden, bevor er sich von allen im Mannheimer Gefängnis verabschiedete, packte, duschte und rasierte.

132 Tage lang hatte sich der Wettermoderator den strikten Gefängnisregeln beugen müssen. Um sechs Uhr aufstehen. Einen Rundgang im Hof. Dann als Essensausgeber arbeiten. Ein Job, der ihm den Knastalltag etwas verkürzte.

Noch ist völlig unklar, wie es weiter geht. Ob Jörg Kachelmann in Deutschland bleibt, wo er allerdings keinen festen Wohnsitz hat, oder in sein Heimatland Schweiz zurückkehrt. Theoretisch wäre es ihm jetzt auch erlaubt, sich auf einer Südseeinsel zu erholen. Jedenfalls bis zum 6. September. Dann muss sich der Wettermoderator wieder in Mannheim einfinden und sich seinem Prozess stellen.

Sollten die Richter ihn der Vergewaltigung an seiner Ex-Freundin für schuldig befinden, drohen dem Schweizer bis zu 15 Jahre Haft. Allerdings erhärten sich gleichzeitig auch Zweifel an gewissen Aussagen des mutmasslichen Opfers – mit ein Grund, wieso Kachelmann heute vom Oberlandesgericht Karlsruhe auf freien Fuss gesetzt wurde.

Sicher ist: So schnell wird Kachelmann als Wettermann im TV nicht zu sehen sein. Die ARD lässt ihn nach seiner Freilassung nicht vor die Kamera. «Wir warten das schwebende Verfahren ab», sagte ein Sprecher der ARD-Programmdirektion. «Durch die Aufhebung des Haftbefehls ist für uns keine neue Ausgangslage entstanden.» (gux)

Kommentar:

Aus Landbote und Thurgauer Zeitung:

Ist Kachelmanns Ruf auch bei Freispruch beschädigt? Stöhlker. Sollte er dann freigesprochen werden, könne ihm ein Neustart gelingen. «Er hat das Kaliber dazu.» Stöhlker vergleicht ihn mit Medienpionier Roger Schawinski. «Die beiden kann man ohne Wasser in die Wüste stellen, und sie blühen auch dort auf.»

Kommunikationsexperte Marcus Knill attestiert Kachelmann ebenfalls Intelligenz. Dessen bisheriges Verhalten bezeichnet er als professionell und «raffiniert»: «Er ist ein Medienprofi, der weiss, wie er mit ihnen umgehen muss.»

Mit dem weissen Shirt, dem sauber rasierten Gesicht und dem

gelassenen Auftreten wirkte er gestern zurückhaltend lächelnd wie ein Sieger. Doch Knill glaubt nicht, dass dies ausreichen wird.

"Geschäftlich dürfte es auch bei einem späteren Freispruch schwierig werden.» So seien etwa die detaillierten Frauengeschichten so oft in den Medien ausgebreitet worden, dass sie sich als Bilder in den Köpfen festgesetzt hätten. Bilder beeinflussen und bleiben haften. Frei heisst in diesem Fall noch nicht freigesprochen. Vom Rufschaden bleibt so oder so Einiges hängen. (og)

1/8 Kachelmann verlässt Gefängnis Um 13:37 Uhr war es soweit: Jörg Kachelmann und sein Anwalt Reinhard Birkenstock kommen aus der Justizvollzugsanstalt Mannheim.

Medienmann Kachelmann geniesst eine aussergewöhlich hohe Medienpräsenz - so wie es sich ein Politiker nur im Traum vorstellen kann. Die Freilassung ist ein weiterer Baustein zu einer Mediengeschichte, die alles in sich hat für die Boulevardmedien. Einen beliebten verurteilten Promi - Sexgeschichten - Emotionen - Aussergewöhnliches - Ueberraschendes - Kriminelles usw.

LINKS zu KACHELMANN:

  1. rhetorik.ch aktuell: Kachelmann in Untersuchungshaft

    24. März 2010 ... Der Wetterfrosch Jürg Kachelmann ist in Untersuchungshaft. Für Promis gilt: Im Zweifel für den Angeklagten. Dass Menschen mit erfundenen ... www.rhetorik.ch/Aktuell/10/03_24/index.html - Cached
  2. rhetorik.ch aktuell: Jörg Kachelmann und die Wurstmaschine

    29. Febr. 2008 ... Im November 2007 verbreiteten die Medien eine Aussage, die der Meteorologe Jörg Kachelmann angeblich gemacht haben soll. ... www.rhetorik.ch/Aktuell/08/02_29/index.html - Cached - Similar
  3. [PDF]

    «Meteo-Rhetorik» und Kachelmanns Verhalten

    File Format: PDF/Adobe Acrobat - View as HTML Im Auge des Gesetzes: Wetterfrosch Kachelmann. * Marcus Knill (www.knill.com) ist .... Glückliche zeiten: Kachelmann vor seinem Studio im Appenzellerland. www.rhetorik.ch/Aktuell/10/07_04/06_10.pdf
  4. [PDF]

    WIE JÖRG KACHELMANN “SEINE” WORTE AUS DEM NETZ LÖSCHEN LÄSST

    File Format: PDF/Adobe Acrobat - Quick View loge Jörg Kachelmann angeblich “Sex bei 120 Sachen” gehabt habe. ... Meteorologe Jörg Kachelmann wehrt sich gegen Internetbeiträge, wonach er “Sex bei Tempo ... www.rhetorik.ch/Aktuell/08/04_02/persoenlich.pdf - Similar
  5. rhetorik.ch aktuell: Kachelmanns Lächeln

    28. März 2010 ... Der TV-Meterologe Jörg Kachelmann ist weiter in den Medien. Er wurde am 20. März aufgrund eines Vergewaltigungsverdacht in Untersuchungshaft ... www.rhetorik.ch/Aktuell/10/03_28/index.html - Cached

Weshalb reden viele Führungskräfte so oft unverständlich, abstrakt und kompliziert?

Ich hatte jüngst Gelegenheit, das Referat eines Versicherungschefs mit anzuhören. Möglicherweise glauben Persönlichkeiten auf Führungsebene mit einer gestelzten Sprache ihre Kompetenz beweisen zu müssen. Dem Referat fehlten jegliche narrativen Elemente, konkreten Beispiele, persönlichen Erlebnisse oder Worte, die Bilder auslösen. Die Ausführungen waren so trocken, wie folgende Begriffe, die ich mir innert weniger Minuten notieren konnte:

- PRODUKTGEBER

- BRANCHENVORREITER

- NEBENBERUFSVERTRETER

- AUSSCHLIESSLICHKEITSORGANISATION

- VERTRIEBSWEGE

- GEWINNABFÜHRUNGSVERTRÄGE

Was mich erstaunte: In der Diskussionsrunde, als der Referent seine komplizierten Ausführungen nicht mehr ablesen konnte, sprach er plötzlich normal - mit Verben - ohne jene abstrakten Fachbegriffe, von denen ich oben einige erwähnt habe.

Ich bin sicher, dass das Publikum (Es war kein Fachpublikum), Mühe gehabt hätte, die zahlreichen Fachbegriffen, sinnvoll und richtig zu umschreiben.

Erkenntnis: Kompetenz muss ein Redner nicht mit komplizierten Fachbegriffen beweisen. Kompetent ist ein Referent, wenn er abstrakte Begriffe einfach erläutern kann. In einem Artikel schrieb ich über das "strassengängige" Reden:

Wer die Sprache nicht dem jeweiligen Durchschnittspublikum anpassen kann, muss dies lernen. "Strassengängig reden" heisst: die Sprachebene der normalen, alltäglichen Umgangssprache wählen, einfach, konkret und verständlich (wie an einer Party). In der Praxis zeigt sich tagtäglich: Das Einfache ist deshalb für viele nicht einfach, weil zu kompliziert und mitunter mit zu vielen Substantiven gesprochen wird. Obschon bekannt ist: Verben, Verben, Verben benutzen. Ein weiterer Grund für eine zu hohe Sprachebene ist die falsche Vorbereitung: Anstatt mit Stichworten werden die Aussagen oft schriftlich vorformuliert und nachher auch von den schriftlichen Notizen unmittelbar in die Mundart übertragen. Eine Rede ist bekanntlich keine Schreibe.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Zerstörerische Schönheit

Im Tagi gefunden:

Eine Vase zerbricht in tausend Stücke, eine Orange wird mit dem Hammer zum Platzen gebracht. Die englischen Filmprofis Philip Heron und James Adair haben spektakuläre Bilder in Zeitlupe aufgenommen.

Tempus II from Philip Heron on Vimeo.

Diese Bilder sind tatsächlich phantastisch. Ist ein visueller Genuss.

Genau das darf man in einer Krisenstiuation nicht tun:

Beschönigen, "Sich widersprechen", Lügen, Vertuschen usw.

Quelle Spiegel:

Widersprüche, Ausflüchte, Lügen

Veranstalter, Verwaltung, Politik und Polizei schieben sich nach dem Desaster von Duisburg die Verantwortung zu - und verstricken sich in Widersprüche, die für Opfer und Hinterbliebene wie Hohn erscheinen müssen. Niemand will schuld sein an 20 Toten und mehr als 500 Verletzten, dabei ist klar: Alle haben ihren Anteil.

So viele Fragen.

So wenige Antworten.

In diese sechs Wörter lässt sich das Drama nach dem Drama fassen - die katastrophale Aufarbeitung des Love-Parade-Desasters von Duisburg. Drei Tage ist es jetzt her, dass 20 Menschen in einer Massenpanik so schwer verletzt wurden, dass sie qualvoll gestorben sind, zerquetscht, zu Tode getrampelt. Die Republik will endlich wissen, wer dafür verantwortlich ist. Aber die Politik, Polizei, Verwaltung, Veranstalter hüllen sich in beredtes Schweigen.

Sie mauern, und wenn sie mal etwas sagen, ist es entweder nichts Erhellendes. Oder sie versuchen, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben.

SPIEGEL rekonstruiert den stellenweise grotesken Kampf um die Verantwortung für eines der schlimmsten Unglücke seit Jahren in Deutschland. Einen Kampf mit Widersprüchen, Ausflüchten, Lügen.

So geht es seit der ersten Pressekonferenz am Abend des Unglücks.

Schon damals, Stunden nach dem Desaster, verblüffte Oberbürgermeister Adolf Sauerland, als er mit überraschender Gewissheit verkündete, das Sicherheitskonzept sei nicht schuld. Der CDU-Politiker verstieg sich zu der These: "Wenn Sie jetzt hören, was wohl die Ursachen sind, dann lag es nicht am Sicherheitskonzept, was nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen." Genauer: individuelle Schwächen auf Seiten der Raver. Die Opfer sind selbst Schuld, haben da viele herausgehört.

Was wie Hohn klang, lässt sich vielleicht damit erklären, dass Sauerland zu jenem Zeitpunkt noch unter Schock stand. Dass er möglicherweise noch nicht begriffen hatte, welche Tragödie sich im Tunnel in der Duisburger Innenstadt abgespielt hatte. Doch auch am Sonntag, einen Tag nach dem Geschehen, wirkten die Verantwortlichen überfordert.

Sie schoben sich auf einer verheerenden Pressekonferenz die Fragen zu, ohne Antworten zu geben. Keiner fand erhellende Worte, keiner bekannte sich zur eigenen Rolle, keiner sprach über Schuld. Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, als habe die Love Parade in einem Verantwortungsvakuum stattgefunden, in einem politisch luftleeren Raum - und das in einem Land, dessen Bürokratie angeblich ihresgleichen sucht.

Von den Verantwortlichen traf nur einer den richtigen Ton - Fritz Pleitgen, Geschäftsführer des europäischen Kulturhauptstadtjahrs Ruhr.2010. "Die Sache beschäftigt mich zutiefst", sagte der frühere WDR-Intendant, der sich dafür eingesetzt hatte, dass die Party im Rahmen von Ruhr.2010 stattfand. Obwohl beide Veranstaltungen nichts miteinander zu tun haben, "kann ich nicht so tun, als hätte ich damit nichts zu tun", sagte Pleitgen. "Ich fühle mich moralisch mitverantwortlich, auch wenn ich es aus veranstalterischer Sicht nicht bin."

"Moralische Verantwortung" - ein Wort, das keiner der anderen Beteiligten in den Mund genommen hat. Obwohl alle darauf warten.

Der Schuld-Poker zwischen Politik und Polizei, Veranstaltern und Verwaltung - dokumentiert, wie sich die Verantwortlichen bei fast jeder zentralen Frage zur Katastrophe von Duisburg widersprechen.

Dienstag, 27. Juli 2010

Heimatverbundenheit, Verwurzelung dominiert bei der Werthaltung

Ich zitiere Tagi:

Das Meinungsforschungsinstitut Demoscope ermittelt seit 1974 in einer Umfrage die Werthaltungen in der Schweiz. Jährlich stellt das Institut rund 2000 Personen aus der Deutsch- und Westschweiz die gleichen 26 Fragen, die zeigen, wie konservativ und offen ihre Haltung ist. Daraus berechnet Demoscope das «Psychologische Klima der Schweiz».

Werte wie Verwurzelung oder Bescheidenheit haben im laufenden Jahr bei den Befragten stark an Bedeutung gewonnen, wie Demoscope am Dienstag mitteilte. Im Vergleich zum Jahr 2000 zeigen sich die Menschen heute weniger progressiv und nach aussen gerichtet, dafür geben sie bewahrenden Positionen wieder verstärkt den Vorzug.

Der Trend Richtung Innenorientierung und Konservatismus begann zur Jahrtausendwende. «Nach Ereignissen wie dem Terroranschlag in New York oder dem Grounding der Swissair, beide geschahen 2001, besinnen sich die Menschen wieder auf ihre Wurzeln», sagte Studienleiterin Sandra Beffa auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Nochmals konservativer im Jahr 2010

Die Finanzkrise könnte in den letzten beiden Jahren laut Beffa den gleichen Effekt gehabt haben, so dass die Werthaltungen im Jahr 2010 nochmals deutlich konservativer wurden. Dazu passe auch, dass Bescheidenheit als viel wichtiger eingestuft worden sei.

Vor der Trendwende im Jahr 2000 hatten sich die Haltungen stets Richtung Fortschritt und Aussenorientierung entwickelt.

Nach 20 Min:

Zum Phänomen Massenpanik

(Quelle Tagi)

Das sagt der Katastrophenforscher

Der Soziologe Martin Voss leitet die Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel. Er erforscht das oft nicht vorhersehbare Verhalten in Katastrophen.

Wie kommt es zu einer Massenpanik wie in Duisburg? Die Auslöser können ganz unterschiedlicher Natur sein. In Duisburg waren die Besucher mit einem positiven Ziel unterwegs. Sie hatten Freude und Spass am Tanzen, waren mit Freunden beim Fest und haben sicherlich auch Alkohol oder andere Drogen zu sich genommen. In solch einer Menschenmenge kann es zu einem Kollektivrausch kommen.

Das klingt positiv. Wie kippte dann die Stimmung? Je voller und enger es wird, desto leichter verliert man die Orientierung. Das geht einem nur schon so, wenn man zu fünft zu einem Restaurant geht. Wenn einer den Weg weist, passen die anderen nicht mehr wirklich auf. In einer grossen Masse werden die Menschen richtig desorientiert. In Duisburg war es am Ein- und Ausgang der Love-Parade so eng, dass niemand mehr selbst kontrollieren konnte, wo er hinging. Es war eine Situation, in der die Menschen nicht mehr selbstständig entscheiden konnten. Sie wurden vom Subjekt zum Objekt.

Es war zu lesen, dass Leute, die vor dem Tunneleingang einen Abhang hochgeklettert waren, hinunterfielen und so die Panik auslösten. Das kann sein. Vielleicht sind die Menschen auch den Abhang hochgeklettert, weil sie Erstickungsangst hatten, also schon vorher Panik im Tunnel herrschte und sie wegwollten. Das ist noch nicht geklärt. Die Gefahr ist, dass in solchen Situationen ein ganz geringer Anlass ausreicht, ein unkontrolliertes Verhalten hervorzurufen.

Zum Beispiel? Es reicht, wenn jemand in der Menge auf ein Glas tritt, das am Boden liegt, und sich erschrickt und dann auch der Nachbar erschrocken reagiert.

Wieso bekommen die Menschen in einer Masse plötzlich Angst? Sie haben keine Kontrolle mehr. Sie fühlen sich ganz alleine, haben Beklemmungszustände und bekommen ganz konkret keine Luft mehr. Da in Duisburg immer mehr Menschen nachdrängten, zerquetschte es einigen Leuten regelrecht die Lunge. Da entstand ein Druck, als ob ein Lastwagen gegen die Menge geschoben hätte. Hinzu kam, dass einige Leute zu schreien anfingen. Das heisst: Die Menschen konnten nicht mehr atmen, hörten nur noch Lärm, sahen nichts mehr.

Wie hätten die Verantwortlichen eine solche Situation verhindern können? Die Zugänge und Abgänge, die auf ein Veranstaltungsareal führen, dürfen nicht zusammengelegt werden. In Duisburg diente der Tunnel als Ein- und Ausgang zum Festivalgelände. Die Besuchermassen hätten besser kanalisiert werden müssen. So etwas muss flexibel gestaltet sein. Sobald sich Massen verdichten, muss eine Möglichkeit vorhanden sein, Tore oder Fluchtwege zu öffnen.

In Duisburg scheint der Tunnel irgendwann abgesperrt worden zu sein, sodass zwar niemand mehr hineinkam, aber auch niemand mehr heraus. Falls dem tatsächlich so war, wäre das ein Desaster. Man muss den Zulauf stoppen und den Rücklauf der Massen abfliessen lassen.

Es kamen wohl viel mehr Menschen, als das Festivalgelände fassen konnte. Hätten das die Veranstalter wissen können? Es gibt zumindest die Möglichkeit, frühzeitig abzuschätzen, wie viele Leute kommen. Dafür kann man zum Beispiel die Zahl der verkauften Bahntickets hinzuziehen oder das Verkehrsaufkommen auf der Autobahn.

Dennoch scheint nicht ganz klar zu sein, wie viele Menschen tatsächlich in Duisburg waren. Wie kann man das berechnen? Das ist eigentlich einfach: Ein gutes Luftbild gäbe eine ziemlich genaue Auskunft. Um zu verlässlichen Zahlen zu gelangen, muss man nur in einem räumlich klar definierten Bereich die Anzahl der Menschen zählen und dann hochrechnen.

Hätten die Menschen, als sie im Tunnel panisch reagierten, durch ruhige Musik oder sachliche Ansagen beruhigt werden können? Sicherlich nicht. Eine Menge, die Musik und Party erwartet, wird nicht reagieren, wenn die Polizei sie über Megafon aufruft, sich bitte aufzulösen.

Ist eine Massenpanik eher bei einer Technoveranstaltung zu erwarten als bei einem Kirchentag? Nein. Eine Massenpanik kann jederzeit auftreten. Ein Beispiel ist Mekka. Dort kommen regelmässig Pilger zu Tode. Es ist einfach die Menge an Menschen, die ausser Kontrolle gerät.

Im Nachhinein werden Stimmen laut, die sagen, dass Duisburg zu klein sei für eine Veranstaltung wie die Love-Parade. Zürich ist auch relativ klein, führt aber regelmässig Grossanlässe durch. Was zählt, ist nicht die Grösse der Stadt, sondern der Infrastruktur. Eine grosse Wiese in einer kleinen Stadt mit guten Zugängen kann ausreichen.

In Zürich könnte es also auch enge Stellen geben, wo eine Massenpanik ausbrechen könnte? Bei solchen Grossveranstaltungen muss man immer damit rechnen, dass etwas passiert. Wir Forscher versuchen deshalb im Vorfeld, die Gefahren zu sehen und zu helfen, diese möglichst zu minimieren.

Was in Duisburg nicht geklappt hat. Nein, es liegt auch in der Natur des Menschen, immer die Grenzen zu testen. Und leider muss erst etwas so Schlimmes passieren, bis es wieder einen Schritt zurückgeht.

Kommentar:

In einer Stress-Situation funktioniert der Mensch immer nach dem gleichen Muster:

FLIEHEN - AGGRESSION - oder REGRESSION (Einfrieren)

Er handelt instinktiv. Es geht ums nackte Ueberleben. Der Selbsterhaltungstrieb blendet das rationale Denken aus. Es ist durchaus möglich, dass Leute über Leichen die rettende Treppe erreichen wollten und es nachher nicht verstehen können, dass es Leute gegeben hat, die auf Leichen getreten sind.

In der Panik entscheiden wir nicht mehr selbständig. Wir lassen uns von dem Massenverhalten leiten. Der Druck lähmt die Sinne. Es fehlt die Uebersicht . Das Geschrei blockiert den Gehörsinn.

Es liegt an der Menge, der Masse, die eine Kontrolle verunmöglicht. Jede Einflussnahme (Lautsprecherdurchsachen) kann ein Panikverhaltennicht mehr stoppen. Eine Eigendynamik ist in Gang gekommen.

Verhalten in Paniksituationen (Quelle Wikipedia)

Typische Stress-/Panik-/Krisen-Reaktionen bei:

  • Erwachsenen (Schwerpunkte)
    • Gehirn: Abbau von Gehirnmasse, Einschränkung der emotionalen Ebene, Durchblutungsstörungen im Gehirn
    • Gefühle: Traurigkeit, Ärger, Schuld, Vorwürfe, Angst, Verlassenheit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, „Schock“, Jammern, Taubheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, Deprivation, Demütigung, Steigerung des aggressiven Verhaltens, Bewegungsdrang, Gereiztheit, emotionsloses Denken,
    • Kognition: Ungläubigkeit, Verwirrung, Vorurteile, Konzentration, Halluzinationen, Depersonalisation, Vergesslichkeit.
    • körperlich: Übelkeit, Enge in Kehle und Brust, Übersensibilität bei Lärm, Atemlosigkeit, Muskelschwäche, Verspannung von Muskeln, Mangel an Energie, trockener Mund, Magen- und Darmprobleme, zeitbedingte Impotenz, Haarausfall, schlechtes Hautbild, rötliche Augen, verminderte Mimik, Herzstechen, Hörsturz, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Schwächung des Immunsystems, langfristige Störung des Verdauungsprozesses sowie erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt.
    • Verhalten: verminderte Kreativität[4], Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Geistesabwesenheit, sozialer Rückzug, Träume über das Ereignis, Vermeidung von Nähe zu Tatort oder ähnlichen Situationen, Seufzen, Aktivismus, Weinen, Hüten von „Schätzen“

Montag, 26. Juli 2010

Ist der Mensch ein Herdentier?

Pferde sind nicht so gern allein - es sind Herdentiere.

Weshalb verhält sich der Mensch oft wie ein Herdentier?

Gedanken zur Massenpanik in Deutschland.

Der Mensch macht gerne das, was die Masse macht. Gruppenzwang führt vielfach zum ersten Zigarettenkonsum. Wir fragen uns: Warum aber ist der Mensch ein solches Wesen, das sich so leicht dem Zwang anderer Denkweisen unterordnet? Selbstverständlich gibt es auch Menschen, die sich nur alleine wohl fühlen. Eigenartigerweise ist beides problematisch: Einzelgängertum und Massenverhalten.

Ich habe mich umgehört und folgende Antworten erhalten:

Vielleicht stammt der Mensch vom Tier ab und möchte auch in Herden leben.

Der Mensch ist und bleibt ein sozialisiertes Wesen. Nur dadurch erklärt sich seine Dominanz. Dabei gibt es Alpha-, Betatiere, aber auch Mitläufer.

Der Mensch fühlt sich unter Gleichgesinnten wohl. Es ist schwierig dem Gruppenzwang zu ihm wiederstehen. In der Gruppe fühlen wir uns getragen. Das Risiko und die Gefahr wird auf verschiedenen Schultern verteilt.

Dank dem Rudelverhalten haben wir überlebt. Dieses Verhalten hat sich auch in der Tierwelt bewährt. Aufgaben werden verteilt, man kann sich gemeinsam verteidigen, gemeinsam jagen usw. Ein Rudel ist immer stärker als ein Einzelner. Der Mensch ist und bleibt ein Herdentier. !

Wenn Sie auch manchmal das Gefühl haben, Sie sind der einzige normale Mensch auf der Welt; wenn Sie sich auch manchmal so richtig von allen guten Geistern verlassen vorkommen; wenn Sie einfach gerne mal wieder unter Menschen möchten; wenn Sie gerne neue Mode- und Frisurenideen hätten – dann ist dieser Link hier genau der richtige für Sie. Denn hier gibt es eine MENGE Menschen zu sehen. Zwei Niederländer, der Fotograf Ari Versluis und die Profilerin Ellie Uyttenbroek, haben über Jahre hinweg Menschen und ihre Kleidung fotografiert. Bei der Homepage kann einem schon fast schwindelig werden.

Tja, der Mensch ist eben ein Herdentier…

screenshot menschen

Screenshot: http://hwww.exactitudes.nl/

Menschen wollen nicht "gegen den Strom schwimmen". Wer nicht mitmacht bekommt Schwierigkeiten. Wir wollen dazu gehören und im Mainstream mit schwimmen. Dass wir nur dann stark werden, wenn wir gegen den Strom schwimmen. tönt einfach, ist aber gar nicht einfach.

Gemeinsam etwas erleben ist nachhaltiger und intensiver als der Genuss allein.

Nachtrag:

Mensch ist ein Herdentier
Mensch ist ein Herdentier IMSI MasterClips
Jens Krause, Professor für Biologie an der Universität von Leeds führte gemeinsam mit seinem Doktoranden John Dyer eine Reihe von Experimenten durch um den Herdentrieb näher zu untersuchen. Er bat eine Gruppe von Probanden, in einem großen Saal zufällig umherzulaufen, dabei nicht miteinander zu kommunizieren und immer darauf zu achten, dass sie mindesten eine Armlänge von ihren Nachbarn entfernt bleiben. Einer kleinen Minderheit aus dieser Gruppe jedoch gab er detailliertere Informationen darüber, wohin sie laufen sollten. Erstaunlicherweise bildete sich in allen Durchgängen nach und nach eine sich selbst-organisierende Struktur heraus, bei der die Masse den „informierten Individuen“ als Schlange folgte – und dies, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst waren. „Wir haben alle schon Situationen erlebt, in denen wir von der Menge mitgetragen wurden“, erklärt Krause. „Aber interessant ist an unseren Versuchen, dass die Teilnehmer eine Konsensentscheidung getroffen haben, trotz der Tatsache, dass sie nicht reden durften oder sich mit Gesten verständigen. In den meisten Fällen merkten die Teilnehmer gar nicht, dass sie von anderen geführt worden waren.“ Die Wissenschaftler führten diese Experimente mit Gruppen unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Anteilen von informierten Individuen durch. Dabei stellte sich heraus, dass der Anteil der „Leithammel“ bei größeren Gruppen sehr viel geringer sein kann als bei kleineren. In großen Menschenansammlungen von 200 und mehr Personen, reichte es bereits aus, wenn fünf Prozent der Gruppe die Richtung angaben. Planungsstrategien für Notfälle verbessern Diese jetzt in der Fachzeitschrift „Anomal Behaviorist Journal“ veröffentlichten Ergebnisse geben wertvolle Hinweise darauf, wie die Bewegungen großer Menschenmassen geleitet werden können, beispielsweise im Katastrophenfall, oder in Situationen, in denen verbale Kommunikation schwierig ist. „Es gibt viele Situationen, in denen diese Informationen zu gutem Nutzen eingesetzt werden könnten“, so Krause. „In einem Extrem könnte es Planungsstrategien für Notfälle verbessern, im anderen wäre es auch nützlich, wenn es darum geht, den Fußgängerstrom in sehr belebten Bereichen zu organisieren.“ Ursprünglich begannen die Wissenschaftler ihre Experimente zu dieser Art von unbewusstem Herdentrieb beim Menschen, weil sie an den Wanderungsbewegungen von Tieren forschten. In solchen ziehenden Gruppen beispielsweise von Vögeln ist es häufig schwer herauszufinden, welchem Individuum die Gruppe folgt. Das sich Menschen und Tiere in ihrem Herdenverhalten so deutlich ähneln, war sozusagen ein zuvor nicht geplanter Nebeneffekt der Versuche. „Aber das zeigt eben, dass es starke Parallelen zwischen dem tierischen Herdenverhalten und menschlichen Gruppen gibt“, so Krause.