Nachrichten und Kommentar trennen!
Roger
Blum war Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern und
ist heute Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz. In seiner neusten
Kolumne schreibt er über Kommentare in den SRF-Programmen.
Die
Aussage der künftigen Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen SRF,
Nathalie Wappler, dass sie keinen Meinungsjournalismus wolle, sorgt für
Aufsehen. Viele SRF-Journalistinnen und -Journalisten fühlen sich
verunsichert. Und zahlreiche Bürgerinnen und Bürger freuen sich schon,
jetzt werde SRF endlich neutral. Da liegen einige Missverständnisse vor.
Auch Nathalie Wappler hat später ihre Aussage relativiert.
Journalistinnen und Journalisten haben die
Aufgabe, über Ereignisse, Entwicklungen und Zustände fair, sachgerecht
und mit der nötigen Distanz zu berichten, aber das Berichtete auch zu
interpretieren und zu kommentieren. Genau dazu wurden drei Typen von
Darstellungsformen erfunden:
die referierenden (Meldungen, Berichte,
News-Storys, Dokumentationen); die interpretierenden (Analysen,
Interviews, Porträts, Features, Reportagen) und die kommentierenden
(Kommentare, Leitartikel, Glossen, Satiren, Karikaturen, Theater-,
Film-, Buch- oder Kunstkritiken). Die Medienschaffenden sind keine
Eunuchen, die nur beobachten, aber nie sagen, welche Schlüsse sie aus
dem Beobachteten ziehen.
Manche
wollen einen Unterschied machen zwischen der Presse und Online-Medien
einerseits und Radio und Fernsehen wie der SRG anderseits: Der
Meinungsjournalismus sei den privaten Unternehmern gehörenden
Printmedien vorbehalten, während der gebührenfinanzierte öffentliche
Rundfunk strikt neutral sein müsse. Das mag richtig gewesen sein, als in
den 1920er-Jahren das Radio und in den 1950er-Jahren das Fernsehen in
der Schweiz die ersten Schritte machten: Da waren die meisten Zeitungen
noch Parteiblätter. Sie sahen die Welt durch eine politische Brille und
urteilten entsprechend. Sie vermischten Nachrichten und Meinung. Derweil
blieb die SRG strikt überparteilich und lediglich berichtend.
Das
hat sich inzwischen gründlich geändert. Die Medientypen haben sich
einander angenähert. Die Zeitungen haben sich von ihren Parteibindungen
gelöst.
Sie trennen Nachrichten und Kommentar. Und für den Rundfunk
verankerte das Parlament im Artikel 4 Absatz 2 des Radio- und
Fernsehgesetzes den Satz: «Ansichten und Kommentare müssen als solche
erkennbar sein.» Dieser Satz sagt klar, dass Radio und Fernsehen
kommentieren sollen, aber hör- und sichtbar abgetrennt von der
Berichterstattung. Auf diesen Satz stütze ich mich in meiner Arbeit als
Ombudsmann, wenn ich Beanstandungen wegen fehlender Neutralität oder
einseitiger Kommentare zu beurteilen habe.
Allerdings ist es klug,
wenn die SRF-Journalistinnen und -Journalisten nicht alles und jedes
kommentieren. Sie sind vor allem gefordert, wenn jene Werte angegriffen
werden, an denen sich Journalismus in Europa orientiert: Menschenrechte,
Demokratie und Gewaltverzicht. Dann dürfen die SRF-Medienschaffenden
nicht schweigen, dann müssen sie ihre Stimme erheben. Genau so, wie es
die Journalistin Anja Reschke in den ARD-«Tagesthemen» kommentierend
formulierte: «Dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen!»
Wie aber soll das praktisch geschehen? Es gibt drei Varianten:
- Die erste wendet SRF seit langem an: Korrespondenten berichten nicht
nur, sondern geben im Gespräch mit der moderierenden Person eine eigene
Einschätzung ab, indem sie die Sachverhalte einordnen und kommentierend
Orientierungshilfe anbieten.
- Die zweite kennt das Fernsehen der Suisse romande: Ein kompetenter
Redaktionskollege setzt sich an die Theke der Newssendung und
kommentiert die Ereignisse im Gespräch mit der moderierenden Person auf
der Basis seines profunden Wissens.
- Die dritte praktizieren beispielsweise die «Tagesthemen» der ARD:
Die Moderatorin oder der Moderator gibt, entsprechend angekündigt, einen
Frontalkommentar ab, indem sie oder er direkt zum Publikum redet. Auch
der öffentliche Rundfunk in der Deutschschweiz kannte früher diese Form.
Aber viele dieser Kommentare waren nichtssagendes Blabla. Auf diese
konnte man gut verzichten.