Sonntag, 12. August 2012


Wasserspringen (Eindrückliches Bild aus den Wettkämpfen)

Grimasse beim Fall ins Wasser


Qin Kai (China) | GettyImages

Gerhard Blocher kann es nicht lassen


Im Umgang mit den Medien trat er immer wieder ins Fettnäpfchen und man kann davon ausgehen, dass er mit seinen unbedachten Auftritten seinem Bruder enorm schadet. Ich habe Parlamentarier kennen gelernt, die mir gesagt hatten, Gerhard Blochers Auftritte habe zur Abwahlt von Christoph als Bundesrat mit beigetragen.

Ich zitiere BLICKonline:


Skandal-Bruder kandidiert.

Gerhard Blocher  will in die Politik

SCHAFFHAUSEN - Der ältere Bruder von Nationalrat Christoph Blocher wills wissen: Der pensionierte Pfarrer kandidiert auf der Liste der SVP-Senioren für den Schaffhauser Kantonsrat.


play Gerhard Blocher: «Die können sich auf einiges gefasst machen.» (Foto: Goran Basic)
Gerhard Blochers Name steht auf der Kandidaten-Liste der SVP-Senioren für die Wahl in den Schaffhauser Kanstonsrat, berichtet «Tele Top» heute. Der grosse Bruder von Christoph Blocher sei von einem SVP-Politiker für eine Kandidatur angefragt worden. Die Schaffhauser Regierung könne sich auf einiges gefasst machen, falls er gewählt werde, sagt Blocher.
Im Bericht des Regionalsenders nimmt Gerhard Blocher als Erstes ausgerechnet die SVP-Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel ins Visier: «Wenns zu einem Handgemenge kommt, dann käme sie dran wie in der letzten Phase eines Boxkampfs. Schonungslos», sagt Blocher. Es gehe ihn «einen Dreck an», in welcher Partei die sei, so Blocher. Seine Kandidatur sei mit Bruder Christoph nicht abgesprochen: «Der weiss von nichts», sagt Blocher.
Der pensionierte Pfarrer von Hallau sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufregung:

 Er nannte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf eine «Wildsau»,  den Schaffhauser SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr beschimpfte er als «allerletzten Menschen» und als «schwächlichen Dummkopf». Im berüchtigten «Reporter»-Beitrag des Schweizer Fernsehens zückte er ein Sackmesser. Das sei Christophs letztes Mittel, sagt er in die TV-Kamera. «Es heisst Nahkampf und Blut.»
Kommentar: Gerhard Blocher wird kaum gewählt werden. Doch hat er einmal mehr mit seiner Ankündigung seinem Bruder geschadet. Alles wird wieder aufgewärmt. Medien vergessen nichts!
Es ist mir unverständlich, dass jemand aus alten Fehlern nicht lernen will.

Samstag, 11. August 2012

Steet Parade 2012:

Heiss - laut - schräg - kreativ

Fortlaufend

Aus NZZ:

Das Phänomen der Masse





Die Streetparade im Zürcher Seebecken aus der Vogelperspektive. Hundertausende geniessen die Feier am Zürcher Seebecken.
Die Streetparade im Zürcher Seebecken aus der Vogelperspektive. Hundertausende geniessen die Feier am Zürcher Seebecken.Bild: Christian Beutler / NZZ

Menschenmengen faszinieren, sie wurden aber immer auch als bedrohlich und zerstörerisch wahrgenommen – Einblicke in die Anatomie der Masse.

Es sind jedes Jahr Hunderttausende, die sich, vom strammen Bassgewitter rhythmisiert, durch die Zürcher Innenstadt bewegen: Raver, Tanzwütige, Erlebnissuchende, Schaulustige. Körper an Körper, dicht gedrängt, sind sie an der Street Parade auf der Suche nach dem ekstatischen Erlebnis in der Masse. Die Bilder davon gehen um die Welt und haben eine verstörende Anziehungskraft. In Zeiten vermeintlicher Über-Individualisierung geben sich Menschen einem kollektiven Rausch hin. Die Parade, früher Laufsteg einer Subkultur und heute trotz Kommerzialisierung noch immer als «Demonstration» etikettiert, hatte nie eine politische Botschaft. Die Antriebsfeder der vielen scheint etwas anderes zu sein.
Elias Canetti, Autor und Nobelpreisträger, der seinen Lebensabend in der Limmatstadt verbracht hatte, hätte das Phänomen wohl mit Interesse verfolgt. 1960 erschien sein Hauptwerk «Masse und Macht», an dem er mehr als 30 Jahre gearbeitet hatte. Von eigenen Erlebnissen in Menschenmengen elektrisiert, versuchte er in dieser literarisch-anthropologischen Studie Antworten zu finden auf die Frage, wie sich Vermassung beschreiben lässt.

Das Buch beginnt mit einer Behauptung: «Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes.»

Einswerden im Kollektiv

Wer kennt das Unbehagen nicht angesichts voller S-Bahnen oder des Gedränges von Volksaufmärschen wie dem «Züri-Fäscht»? Diese Ur-Angst lässt sich laut Canetti aber paradoxerweise gerade in Menschenansammlungen überwinden: «Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. (. . .) Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht. In ihrem idealen Falle sind sich alle gleich.» Dieser glückliche Augenblick des Sich-Befreiens von der Furcht und des Gleichwerdens im Kollektiv sei es, weshalb Menschen zur Masse werden wollten.

Die Angst der Eliten

Die Masse selbst hat den Drang, stets weiter zu wachsen, und trägt für Canetti schliesslich trotz aller Faszination immer auch ein zerstörerisches Potenzial in sich. Diese pessimistische Sicht zeigt sich aber gerade in der Street Parade nicht. Das Unpolitische führt dort zu – von Exzessen Einzelner abgesehen – kollektiver Friedfertigkeit; ein Aufstand wird nicht geprobt. Damit verschiebt sich die Wahrnehmung von Massenphänomenen grundlegend.
Seit der Französischen Revolution galten die Massen, die sich in Grossstädten zusammenscharten, als gefährlich, böse, umstürzlerisch und vor allem als manipulierbar. Von Schwarmintelligenz, von einer Weisheit der vielen, sprach noch niemand. Einer der Ersten, die Massenbewegungen diagnostizierten, war der französische Arzt Gustave Le Bon. In seiner «Psychologie der Massen» von 1895 ging er davon aus, dass die alten Eliten durch die Macht der Masse bedroht und verdrängt würden. Wenn das Gebäude der Zivilisation morsch werde, seien es stets die Massen, die seinen Zusammensturz herbeiführten. Man musste sich also in acht nehmen und lernen, die Mechanismen der Masse zu verstehen.

Streik und Rebellion

Die vermeintliche Bedrohung durch die Massen zeigt sich auch im Kleinen. Als beispielsweise im Sommer 1912 in Zürich Maler und Schlosser eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit forderten, die Arbeitgeber aber nicht darauf eingingen, entstand eine gefährliche Konfliktsituation. Ein Generalstreik wurde ausgerufen, Tausende Arbeiter strömten auf den Helvetiaplatz, Redner peitschten ein. Das Bild von huttragenden Arbeitern wirkt wohl nur mit 100 Jahren Distanz idyllisch. Angesichts der schieren Masse wurde die Regierung damals rasch nervös. Erst der Einmarsch von Militärtruppen machte dem Spuk des Streiks ein Ende.
Das gleiche Unbehagen verspürten die Stadtoberen angesichts rebellierender Jugendlicher. Sowohl in den 1960er Jahren wie Anfang der 1980er Jahre gingen Jugendliche auf die Strasse, forderten Freiräume, lebten Utopien nach. Nicht selten waren Ausschreitungen die Folge von Kundgebungen im öffentlichen Raum. Die Bilder von Heerscharen aufmüpfiger Jugendlicher und rigoros durchgreifenden Ordnungshütern prägten das Bild von Zürich, wie es in der ländlichen Schweiz wahrgenommen wurde. Dabei war es genau in jener Zeit, dass die ersten Rockkonzerte und -festivals Menschenmassen zusammenbrachten, zu verzaubern begannen und damit einen Grundstein dafür legten, wie ein Ereignis wie die Street Parade heute von vielen wahrgenommen wird: aufregend, faszinierend, aber auch irgendwie harmlos.
Unter dem Titel «Bilder von Zürich» präsentiert die NZZ diesen Sommer in loser Folge Selbst- und Aussenwahrnehmungen einer Stadt, die in ihrem eigenen Verständnis zwischen internationaler Grösse und kommunaler Beschaulichkeit schwankt. Bereits erschienene Artikel finden sich unter www.nzz.ch/dossiers.



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Ein Individuum in der Masse (Nachlese):

"Lebt der noch?" - "Ja, aber zur Zeit weiss er nichts davon."


LINKS:



In seinem Buch "Psychologie der Massen" schildert er, wie die Massen geführt, aber auch verführt werden können. Die Prinzipien sind seit jeher ähnlich.
www.rhetorik.ch/Massen/Massen.html
Die Beeinflussung der Massen gelang nachhaltig. ... Auch Massen (bei Grossveranstaltungen und Demonstrationen) wirken beeinflussend auf den Einzelnen.
www.rhetorik.ch/Beeinflussen/Beeinflussen.html
9. Aug. 2008 ... Der Mensch mutiert zu einem kleinen Element einer Masse und muss ... Gigantische Show des Lichts und der Massen Peking perfektioniert zur ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/08/08_09/index.html







Aus TAGI:





Freitag, 10. August 2012

Was in den Medien gesagt wird, muss immer wahr sein.
Man muss aber nicht alles sagen, was wahr ist.

Eine vertrauliche interne Buchhaltung der SVP wirft laut der Sendung "10 vor 10" des Schweizer Fernsehens (SF) vom Donnerstag ein neues Licht auf den Wahlkampf 2007. Die Wahlkampfausgaben seien höher als die Partei damals kommunizierte.
(sda) Die SVP habe damals 7,4 Millionen Franken in den Wahlkampf investiert, hiess es in der Sendung. SVP-Präsident Toni Brunner sagte dazu, in der Schweiz müsse jede Partei selber Spender finden. Die SVP gebe sich sehr grosse Mühe dabei.
Laut "10 vor 10" schrieb der damalige Pressesprecher der SVP dem Schweizer Fernsehen 2007, die Partei habe 5 Millionen Franken für den Wahlkampf eingesetzt. Auch der damalige Parteipräsident Ueli Maurer habe diese Zahl genannt.
Brunner sagte dazu, die SVP gebe keine öffentliche Auskunft über Spenden, es sei ihm schleierhaft wie eine solche Zahl bestätigt werden konnte. (Quelle Bieler Tagblatt)

Klicken Sie auf das Bild, um den Beitrag zu sehen:



Das Geheimnis der SVP-Buchhaltunga

Das Geheimnis der SVP-Buchhaltung

Die Buchhaltung der Parteien ist ein Buch mit sieben Siegeln. Hinter einer Wand von Schweigern bleibt verborgen, wer die Regierungsparteien finanziert, über wie viel Geld sie verfügen, und wofür sie es ausgeben. «10vor10» lüftet nun ein gut gehütetes Geheimnis: Die zugespielte Wahlkampf-Buchhaltung der SVP enthält Brisantes.

Kommentar:
Eine Partei muss sich entscheiden, ob sie Wahlkampfausgaben bekannt geben will oder nicht. Wenn dazu geschwiegen wird, müsste man jedoch konsequent sein. Wenn Zahlen bekannt gegeben werden, müssen diese Stimmen.  Wird nämlich publik, dass die genannte Zahlen nicht der Wahrheit entsprechen, leidet der Ruf der Partei. Sie macht sich unglaubwürdig.
Wenn später nachgewiesen werden kann, dass falsche Zahlen publiziert wurden und die Partei dann die Panne beschönigt, bagatellisiert, schweigt, nach faulen Ausreden sucht oder den Fehler auf einen Sündenbock abschiebt, so ist dies der der falsche Weg. Als Verantwortlicher einer Partei gilt es, sofort Farbe zu bekennen. Man darf die Schuld nicht auf einen Sündenbock abschieben.  Der Auftritt von Toni Brunner im 10 vor 10 spricht für sich. So unsicher hatte er noch nie gewirkt (Satzbrüche, Sprechfluss, äussert sich widersprüchlich, Blick usw.) Anstatt konkret zu antworten, erzählt er Banalitäten zur Finanzbeschaffung der Parteien. Brunner muss seine Behauptung, die SVP habe keine Zahlen genannt - zurechtbiegen.
Weshalb kein rasches MEA CULPA? (Wir haben einen Fehler gemacht!) Mit Verwischen, Ausweichen ist die Geschichte nicht vom Tisch - im Gegenteil: Alles wird nur noch schlimmer.

Gleichberechtigung in der Partnerschaft heisst MITEINANDER statt "Milchbüchlirechnung" in der Aufteilung der gemeinsamen Aufgaben.

Jeder soll das machen, was er am besten kann. Jede Ehe organisiert sich selbst und geht nicht vom feministischen Ansatz aus, dass alle Verpflichtungen von Mann und Frau konsequent halbiert werden müssen.

Ein lesenswerter Beitrag aus MAMA-BLOG im TAGI:

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Müssen alle wirklich das Gleiche tun, 
oder einfach nur gleich viel? 
Mann in Frauenkleidern am Staubsaugen.
(Illustration: Jamie Vesta)


Als wir kleine Kinder hatten, hatte ich die fixe Idee, dass man, also wir als Mann und Frau, alles teilt. Gleich viele Windeln wechseln, gleich viele zähe Nachtstunden mit einem weinenden Baby auf dem Arm durch die Wohnung tigern, gleich viel arbeiten gehen, Wäsche falten, Rechnungen bezahlen, auf Spielplatzbänken sitzen – und was immer es an gefühlten Millionen schönen und weniger schönen Dingen gibt, die eine Familie eben ausmachen.

Das hatte irgendwann zur Folge, dass wir, übermüdet und gleichberechtigungsbeflissen, wie wir waren – aus Überzeugung, wir sind ja modern – viele Stunden damit verbrachten, abzumachen, wer was wann tut. Und ich gebe zu: Vor allem ich war immer öfter im zackigen Buchhalter-Modus und habe wohl schon fast die abgewaschen Teller pro Kopf gezählt. Voll die kleinliche Milchbüchlirechung. Einen Teil kann man sicher als Charakterschwäche abbuchen. Der andere geht auf das Konto «unpassendes Modell gewählt».

Irgendwann wurde uns das zu blöd. Wir beschlossen, es mal anders zu versuchen und das so genannt egalitäre System zu kippen. Seit ein paar Jahren mache ich meine Familien-Jobs, mein Mann macht andere, jeder die, die ihm am besten liegen. Aber eben nicht dieselben, sondern einfach gleich viele. Darum habe ich beispielsweise keinen blassen Schimmer von unserer aktuellen Steuerrechnung, Lampen flicke ich keine mehr und Altglas trage ich auch nicht mehr zur Sammelstelle. Dafür bin ich zuständig dafür, dass es bei uns wohnlich ist, hab die Termine der Familie im Griff und habe ein Auge auf die Hausaufgaben. Logisch, helfen wir einander, wenn nötig. Aber wir müssen nicht mehr den ganzen Quark aushandeln.
Seit dieser Umstellung bin ich massiv weniger genervt, wenn ich am Morgen vor der Arbeit noch rasch das Bad putze und auf dem Heimweg einen Sack voll Essen anschleppe. Ich hab ja anderswo Pause und wir gemeinsam mehr Zeit und Energie für Interessanteres. Zudem haben die klaren Einteilungen auch unerwartet unterhaltsame Seiten. 


Wenn beispielsweise wieder so ein Telefonfuzzi anruft, um mir das neueste Angebot für noch besseres und schnelleres und billigeres Telefonieren anzudrehen, sage ich: «Oh, das tut mir leid, da verstehe ich gar nichts davon, wissen Sie, das macht alles mein Mann.» – «Und wann kommt der nach Hause?» (Jetzt Stimmlage noch um einen Tick verdoofen oder, je nach Stimmung, eine Prise Anklage und Jammer beimengen): «Siiiiie, dass weiss ich halt amigs auch nicht…» Aha und tschüss.



Vermutlich haben sich das die Vorkämpferinnen der Frauenrechte damals nicht ganz so vorgestellt. Für mich ist jedoch eine der möglichen logischen Weiterentwicklungen der Emanzipation, dass ich mich gemeinsam mit meinem Mann für unsere eigene Form des Familienlebens entscheiden kann, auch für eine altmodischere. Für diese Freiheit bin ich enorm dankbar. Und die wünsche ich allen. Frauen wie Männern.


Kommentar: Seit Jahren plädiere ich für  gemeinsam erarbeitete, selbstbestimmte Lösungen im Umgang mit Eheverpflichtungen.
Wer dem Partner ein Verhalten aufzwingen möchte, wird langfristig Schiffbruch erleiden.  Die Machoehe, aber auch eine Macha - ehe, sollten wir nach  Phasen  einseitier Gleichberechtigungsbemühungen überwunden haben.
Jede Ehe darf ihr Modell leben. Die Frau darf zu Hause bleiben und sich den Kindern widmen. Sie soll sich aber auch ausser Haus verwirklichen dürfen.  

Donnerstag, 9. August 2012

Ob der Kampf gegen die Müllberge etwas bringt?

Die Veranstalter haben genug von den alljährlich entstehenden Müllbergen. In diesem Jahr droht Leuten, die Flyer verteilen, eine Klage. Zudem werden sie festgehalten, der Polizei übergeben und verzeigt.
An der Street-Parade liegt nicht nur Abfall der Party am Boden: Müll nach der grössten Freiluft-Party der Schweiz. 

An der Street-Parade liegt nicht nur Abfall der Party am Boden: 
Müll nach der grössten Freiluft-Party der Schweiz.

Kommentar: Die Entsorgung des enormen Abfallberges kostet dem Steuerzahler viel Geld. Es ist begreiflich, dass etwas unternommen werden musste. Doch wird sich zeigen, ob die Androhung von Verzeigungen etwas bringt. On verra.

Dienstag, 7. August 2012

Viele surfen parallel (Ist Multitasking mit den elektronischen Geräten verwerflich?)

84 Prozent der Befragten einer Studie surfen vor dem TV mit einem Tablet parallel im Web. Eine kranke Entwicklung oder eine Steigerung der Lebensqualität? Medienpsychologe Gregor Waller hat Antworten.

1/5 «Es reicht meistens noch, um dem Handlungsstrang folgen zu können»: Multitasking mit elektronischen Geräten ist für die meisten Nutzer kein Problem, so der Schweizer Medienpsychologe Gregor Waller.
Bild: Reto Knobel

   


Der Schweizer Medienpsychologe Gregor Waller ist Leiter Forschungsschwerpunkt Psychosoziale Entwicklung und Medien an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er forscht unter anderem in den Gebieten Pathologische Mediennutzung und Internetsucht.

Die Macht des «Zweiten Bildschirms»

«Das iPad ist nicht mobil, es ist ein Computer. Sorry»: Diese Aussage machte Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor zwei Jahren.

Tatsächlich legen Studien nahe, dass Tablets bevorzugt in den eigenen vier Wänden eingesetzt werden – und dort wieder vor allem als Zweitbildschirm, während man fernsieht: iPad-Nutzer gamen, sie holen sich Zusatzinfos zum Fernsehprogramm, twittern oder surfen auf Facebook.

Dieses Phänomen nennt sich Second Screen (zweiter Bildschirm). Laut einer kürzlich publizierten Studie der Unternehmensberatungsfirma Anywab nutzen 14- bis 24-Jährige Second Screens am häufigsten. 84 Prozent der Befragten zwischen 14 und 49 Jahren surfen gelegentlich während des Fernsehens im Internet.

Einer im März dieses Jahres vorgestellten PWC-Untersuchung zufolge verwenden fast 86 Prozent der befragten Tablet-Besitzer das Gerät vor allem oder sogar ausschliesslich zu Hause. 

Interview:
Das iPad wird zunehmend als Second Screen auf dem Sofa gebraucht: Man schaut fern und surft nebenbei oder schaut bei Facebook rein. Für Kulturpessimisten der reinste Horror – für Sie auch?

Nein. Was ist so schlimm daran, sich beim Fernsehen kurz bei Wikipedia über einen Schauspieler zu informieren? Oder über einen Filmschauplatz zu recherchieren? Das kann durchaus eine Bereicherung sein. Früher griff man in solchen Situationen zum Programmheft auf dem Tisch oder zum Lexikon im Büchergestell und las darin, was ja auch nichts Verwerfliches war.

Aber geht mit der Parallelnutzung von TVs, Smartphones und Tablets nicht automatisch eine Verarmung des kommunikativ-sozialen Verhaltens einher?

Warum denn? Sitzt man allein vor der Glotze, bringt eine Internetverbindung übers Tablet erst die Möglichkeit zum kommunikativ-sozialen Verhalten während des TV-Schauens. Sitzt man zu zweit oder mit einer Gruppe vor dem TV, kann eine zusätzliche, übers Tablet erhaltene Hintergrundinformation durchaus Grund für eine anregende Diskussion sein.

Ist die menschliche Psyche überhaupt fähig, Multitasking, in diesem Fall mit elektronischen Geräten, zu betreiben?

Unser Gehirn kann echtes Multitasking – also das parallele Ausüben von zwei oder mehr Tätigkeiten – nur beschränkt. Es funktioniert jedoch ganz gut, wenn eine Tätigkeit hochautomatisiert abläuft.

Zum Beispiel?

Die meisten Menschen können ein Auto steuern und gleichzeitig mit dem Beifahrer eine Diskussion führen. Sind aber beide Tätigkeiten wenig automatisiert, so benötigen beide kognitive Ressourcen.

Das führt dann dazu, dass die Tätigkeiten fehleranfälliger oder langsamer ausgeübt werden.

Genau. Die Verarbeitung pro Tätigkeit ist weniger tief. Wenn ich also während eines Spielfilms fünfmal auf dem Tablet etwas nachschaue, bekomme ich weniger vom Film mit, als wenn ich mich nur darauf konzentrieren würde. Es reicht aber meistens noch, um dem Handlungsstrang folgen zu können.

Grundsätzlich sehen Sie in der gleichzeitigen Nutzung von TV und Multimediageräten aber kein Problem.


Die beiden Plattformen ergänzen sich. Auf der einen Seite das eher passive Fernsehen: Das Programm wird von TV-Sendern zusammengestellt und fixfertig nach Hause geliefert. Auf der anderen Seite das Universalmedium Internet, wo ich mir die gewünschten Infos aktiv und gezielt holen kann.

Kann ein Tablet aus medienpsychologischer Sicht grundsätzlich sogar sinnvoll sein?


Tablets haben Potenzial. Spannende Lernapplikationen (etwa Memory-Apps) können das Gedächtnis eines Kindes trainieren. Auch dem Einsatz von Tablets im schulischen Kontext kann ich Positives abgewinnen. Interaktive Lernsoftware könnte hier ergänzend zum Klassenunterricht zum Einsatz kommen.

Apropos: In der Schule wurde uns eingeredet, zu viel Fernsehen mache dumm, weshalb man höchstens eine Stunde pro Tag vor dem TV verbringen solle. Das hat natürlich niemand befolgt. Heute aber habe ich nicht den Eindruck, dass meine Generation irgendeinen Schaden davongetragen hat. Waren die Ratschläge der Pädagogen zu alarmistisch?

TV schauen macht nicht dumm. Es ist nur so: Je mehr ich als Kind vor dem TV sitze, desto weniger Zeit bleibt mir, um andere wertvolle Erfahrungen zu machen. Im Wald zu spielen und auf einen Baum zu klettern ist für die meisten Kinder viel erfüllender als vor dem TV zu sitzen. Die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen, wird durch einen ausgeprägten Medienkonsum reduziert.

Gleichen sich eigentlich die Argumente von Kritikern beim Aufkommen eines neuen Mediums?


Neue Medien werden beim Aufkommen häufig kritisch hinterfragt – was ja auch Sinn macht. Auch werden oft ein paar Jahrzehnte später, bei einem neueren Medium, die gleichen oder ähnliche Argumente ins Feld geführt. Schon beim Aufkommen der Belletristik im 18. Jahrhundert gab es Personen, die das Leseverhalten dieser Zeit hinterfragten. Ja, es war sogar von Lesesucht die Rede.


Als das TV zum Massenmedium wurde, kam bald der Begriff der TV-Sucht auf...

...dasselbe beim Siegeszug der Videogames. Ich will damit solche möglichen Formen der Verhaltenssucht nicht verharmlosen. Diese existieren durchaus. Der weitaus grösste Teil der Konsumenten kann aber mit den entsprechenden Medien kompetent umgehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)


Kommentar:
Das Multitasking darf nicht verteufelt werden. Das surfen auf dem i Pad - während der Fernseher läuft - ist ähnlich, wie wenn wir während einer Sendung im Lexikon etwas nachschlagen. Ich kenne vielen Personen, die haben seit Jahren die Gewohnheit, neben einem Krimi ein Heftchen zu lesen. Persönlich widme ich mich in der Regel nur einem Medium zu und konzentriere mich auf eine Quelle. Der Medienpsychologe weist  auf den Tatbestand hin, dass jemand der gleichzeitig mehrere Sachen erlegt, sich dabei aber auf die Verarbeitung der Tätigkeit weniger vertieft. Wichtig ist und bleibt: Bei allen neuen Medien müssen wir lernen, damit umzugehen.