Paradox:
Kleiderspenden schaden einheimischer Textilindustrie
Das Kilo für 1,20 Dollar
Das große Geschäft mit den Kleiderspenden aus Deutschland
(aus 20 Min)
AFP/Getty Images
Kleiderhändler auf einem Markt im tansanischen Dar es Salaam
Wolfgang Huse hat ein gutes Gewissen und ist stolz auf seine Arbeit.
Der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes im Landkreis
Osterholz-Scharmbeck leert seine Altkleidercontainer mit dem
Rot-Kreuz-Emblem wöchentlich, denn es kommt ordentlich etwas zusammen.
Die meisten Spendensäcke wandern allerdings nicht etwa in die
Kleiderkammer des DRK, wo die Sachen an Bedürftige abgegeben werden. Die
ist voll bestückt, nur wenige Menschen nehmen das Almosen in Anspruch.
Nein, Wolfgang Huse und sein freiwilliger Helfer werfen die
Spenden
auf einen Lkw-Hänger. Der ist auf dem Betriebshof des DRK in
Osterholz-Scharmbeck vorsorglich abgestellt und wird, wenn er bis unter
die Deckplanen vollgestopft ist, abgeholt. Aber Wolfgang Huse glaubt zu
wissen, was mit den gespendeten Altkleidern passiert: Sie würden in
einer großen Sortieranlage bei Bitterfeld gesammelt und gingen von dort
direkt in die Krisengebiete der Welt. Deshalb hat er »ein gutes Gefühl,
wenn man denkt, dass Hilfsbedürftige davon existieren, die sich sonst
nichts leisten können«.
So ungefähr stimmt das sogar, nur ein entscheidendes Detail ist
selbst dem Angestellten des DRK nicht bewusst:
Es sind nicht die
Hilfsbedürftigen der Welt, die von den Spenden leben, sondern eine
global arbeitende und denkende Branche, die die Kleidung in einem
knallharten Geschäft verkauft. Und das in so großen Mengen, dass die
einheimische Textilindustrie in vielen belieferten Ländern inzwischen
vollkommen marginalisiert ist. Der eigentliche Wille der Spender wird
auf diese Weise ad absurdum geführt: Anstatt den Armen zu helfen, ist
jedes gespendete Kleidungsstück ein weiterer Beitrag zur Verarmung
ganzer Bevölkerungsschichten – vor allem in Afrika, wohin der
Löwenanteil der Ware exportiert wird.
Wie konnte es so weit kommen? Es steckt eine genial einfache
Geschäfts- und Marketingidee dahinter, die wie eine Gelddruckmaschine
funktioniert:
Man bemächtigt sich einer Ware ohne Herstellungskosten.
Denn diese wird gespendet, wofür die Geber mit einem guten Gewissen
belohnt werden. Keine der großen Wohltätigkeitsorganisationen redet gern
darüber, aber fast alle sind dabei, ob Malteser, DLRG oder eben das
Deutsche Rote Kreuz, der größte Player auf dem deutschen Markt. Volker
Leopold, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Osterholz-Scharmbeck,
erzählt zumindest, wie alles begann. Wie vor rund 40 Jahren ein
Unternehmer die Kleiderspendenidee beim DRK propagiert habe und sein
Interesse gleich mit einem Scheck unterstrich. Was damals den
Geschäftsführer des DRK überzeugte, mit diesem Unternehmen zu arbeiten:
»Und dieses Unternehmen begleitet uns auch in der Tat auch heute noch.«
Dieses Unternehmen ist die Efiba, und sie beherrscht den deutschen
Markt. Landesweit hat sie mit Kreisverbänden des DRK, aber auch mit
anderen Wohltätigkeitsorganisationen Verträge geschlossen, in denen
diese ihren guten Namen und ihr Logo zur Verfügung stellen, die Spenden
aber direkt an das Unternehmen gehen.
Im ostdeutschen Wolfen steht die größte Textilsortieranlage der Welt
Dafür erhalten die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), wie etwa das
Rote Kreuz, Geld. Zurzeit seien das rund fünf Cent pro Kilo, verrät ein
Insider, aber ganz genau will sich niemand in die Karten schauen
lassen. Kein Wunder, denn was würden die Spender tun, wenn sie wüssten,
dass ihre Altkleider in einen unerbittlichen Wirtschaftskreislauf
eingespeist werden?
Für Pailak Mzikian ist das alles kein Problem. Er steht in
Bitterfeld-Wolfen und beschreibt stolz die perfektionierte Arbeitsweise
der größten Textilsortieranlage der Welt. Mzikian ist bei Soex in Wolfen
angestellt. Das Hauptquartier der Soex Group, nach eigenen Angaben
»weltweiter Marktführer« für Kleidungsrecycling, liegt in Bad Oldesloe
bei Hamburg. Efiba, der Vertragspartner der Hilfsorganisationen, ist ein
Tochterunternehmen von Soex, und im Wolfener Werk kommen die Lkw mit
Spendenware im Minutentakt an. Bis zu 300 Tonnen Kleiderspenden sind es
täglich, allein ein Viertel davon stammt aus den Containern des
Deutschen Roten Kreuzes. Aber auch in kommerziellen Aufstellern auf
Parkplätzen und an Supermärkten wird gesammelt, dafür ist die
Soex-Tochter Retextil zuständig. Doch Efiba bringt aber deutlich mehr,
wie Mzikian bestätigt.
Von den insgesamt rund 700.000 Tonnen Altkleidern, die 2010 laut Soex
in Deutschland gesammelt wurden, verarbeitete die Firma allein 85.000
Tonnen und erzielte damit einen Gesamtumsatz von 58 Millionen Euro. Im
vollcomputerisierten Sortierwerk Wolfen werden die Spenden nach Qualität
neu gebündelt. Was gar nicht zu brauchen ist, muss nach deutschem
Gesetz recycelt werden, aber das sind nur rund 15 Prozent der Ware. Die
große Masse der Spenden geht ganz andere Wege.
Die besten Stücke, die
sogenannte Creme-Ware, wird in die Länder des ehemaligen Ostblocks und
in arabische Staaten exportiert und dort in Secondhandgeschäften
verkauft. Alles Minderwertige geht nach Afrika, immerhin noch rund 60
Prozent des Werksausstoßes. Natürlich werden die Textilien dort
verkauft. Gespendet wird nichts davon, meint Pailak Mzikian, »das wäre
ökonomisch und nachhaltig nicht logisch. Wir sind ja ein
Full-Profit-Unternehmen, keine NGO.«
Kommentar: Die Tatsache, dass gespendete Ware nicht den Aermsten zu Gute kommt, könnte dazu führen, dass wir nicht mehr spenden. Die Verteilorganisationen sind gefordert, dafür zu sorgen, dass sie die Transporte bis zu den Aermsten begleitet. Andernfall müssen sie sich nicht wundern, wenn die Spendefreudigkeit gewaltig nachlässt. Weshalb nicht gebrauchte Kleider Notdürftigen in der Schweiz direkt verschenken?