Montag, 24. Oktober 2011

Wahlmarathon im Studio 1


Am Sonntag war der Tag der Entscheidung


Im Studio 1 in Zürich Leutschenbach produzierte SF 1als Zentrum der Wahlberichterstattung eine Live-Sendung von 12  bis ca. 24 Uhr. Unterbrochen wurde sie nur durch die «Tagesschau»,  «Meteo» und Sport-Kurznachrichten. 



Bild Das Wahlstudio von SRF.
Das Studio 1 in Zürich Leutschenbach war am Sonntag Zentrum der Wahlberichterstattung. srf
Marcus Knill war an Ort und Stelle  und sammelte Impressionen.  


Die Spannung nach wochenlangem Stress hinterliess Spuren

Nach dem stressigen Wahlkampf beobachtete ich die Parteipräsidenten am Wahlsonntag im TV Studio in Zürich.
Ich wollte wissen, wie sich die Dauerpräsenz der letzten Woche auf  Verhalten und  Rhetorik ausgewirkt hat. 



Wie verhalten sich die Parteipräsidenten nach dem Dauerstress? Geht ihnen am Sonntag  langsam die Luft aus? 

Wie steht es mit der Konzentrationsfähigkeit im Endspurt  nach allfälligen positiven oder negativen Resultaten?





Vorweg gesagt: Die Beobachtung im Studio war spannend und aufschlussreich. Ich konnte die Parteipräsidenten während mehreren Stunden  erleben.





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Augenringe, hektische Gesten, Konzentrationsschwierigkeiten: Auf den letzten Wahlpodien wirkten Darbellay, Brunner, Leuenberger und Co. ganz schön schlaff.

schieb  Karin Müller im Blick online


Abend für Abend an einem anderen Ort. (Karl-Heinz Hug)

Jeden Abend eine Wahlveranstaltung


Den regenerierenden Schlaf zu finden, war manchmal schwer. «Ich achtete schon darauf, dass ich fünf bis sieben Stunden pro Nacht schlafen konnte», erklärte Leuenberger. Auch Martin Bäumle, Parteipräsident der Grünliberalen (GLP) wirkt ermattet:

Bäumle: «In der Tat war ich in den letzten Wochen fast jeden Abend unterwegs. Und natürlich geht das an die Substanz. Damit ich einigermassen ausgeruht bin, sind mir Ruhephasen und genug Schlaf wichtig.»

Ewig dieselben Diskussionen ermüden


Auch CVP-Chef Christophe Darbellay erklärte an einer Veranstaltung in Zürich am Dienstag, er leide unter dem aktuellen Schlafmanko. SP-Präsident Christian Levrat fühlt sich nicht schlapp: «Was mich ermüdet, sind die ständig selben Diskussionen Abend für Abend.»

Meist wisse er schon, wie seine politischen Gegner argumentieren würden. «Das ist langweilig und ermüdend», sagt Levrat.

(Ende Zitat)


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Einige Impressionen aus dem Fernsehstudio Zürich


Ich verzichte   auf einen systematischen Rhetorik-Check aller Parteipräsidenten, dies würde den Rahmen sprengen. Ich beschränke mich   auf einige aufschlussreiche persönliche Hintergrundbeobachtungen.




Die  Parteipräsidenten zeigten im Studio zahlreiche Muster aus dem Fundus der Politikerrhetorik.  
Es gibt viele typischen Verhaltensweisen, die mir   bei den Politikern aufgefallen sind:


-  Von denen wird erwartet, dass sie aggressiv und kämpferisch sind.  Ein typisches Beispiel: Christian Levrat (Parteipräsident der SP) griff einmal im Ring Toni Brunner (SVP) verbal an und warf ihm eine Fülle von Fehlleistungen seiner Partei an den Kopf.


- Ein Politiker muss fähig sein, seine Kernbotschaft immer wieder frisch und mit unterschiedlichsten Beispielen, so vorzubringen, als sei es das erste Mal. Für mich war erstaunlich, wie es sämtliche Parteipräsidenten fertig gebracht haben, Dutzende von Interviews  immer wieder mit voller Präsenz so durchzustehen, als sei jede Antwort eine "Erstgeburt".



Ich bewunderte beispielsweise Martin Bäumle (GlP) aber auch Toni Brunner (SVP), wie sie die gleiche Kernbotschaft X mal neu präsentierten, obschon Befragung auf Befragung  in loser überraschender Reihenfolge (Print-, Radio- oder TV Journalisten) folgte. Trotz des Wechselbades wurde die gleiche Botschaft jeweils adressatengerecht aufbereitet. Sicher waren die Antworten antizipiert.


- Eine offene Körpersprache (Gestik) signalisiert Sicherheit. Es wäre aber fragwürdig, die Politiker nur aufgrund dieser Körpersignale zu beurteilen, doch ist  erwiesen, dass der Körper viel verrät. Die Körpersprache ist  ein Geschehen und sagt viel aus über die innere Befindlichkeit einer Person. Sie sagt jedenfalls mehr aus als der Inhalt der Aussage. Diese innere Einstellung beeinflusst die Stellung des Körpers. Die Körpersprache hinterlässt  bei den Adressaten  Wirkung. So erbleichte das Gesicht von Flavio Pelli (FDP) nachdem die Hochrechnungen ihm eine Abwahl prognostizierten und er von einer Medienmeute gleichsam als Beute ungezählte Male Rede und Antwort stehen musste. Obschon man bei den  Parteipräsidenten das hervorragende Durchstehvermögen bewundern konnte, zeigten sich ab und zu Ermüdungserscheinungen (Signale in der Stimme oder indem sie sich plötzlich mit den Händen auf dem Rücken gleichsam Halt geben mussten), auch bei den Siegern (Bäumle und Grunder). Emotional waren die Gewinner in einem Hoch. Schnellsprecher Bäumle wirkte besonders ruhig, überlegt und zeigte sich in Siegerpose. Bei Grunder wandelte sich die sonst eher aufgesetzte Freundlichkeit in ein stahlendes,  freudiges Lachen.


- Von Politikern wird Begeisterung erwartet, so, dass ihre Worte leben.
Die Parteipräsidenten versuchten offensichtlich, Trauer oder Freude  zu dosieren,  so dass ich das Gefühl hatte, sie suchten die Balance finden zwischen Emotionen und Sachlichkeit. Nur Ueli Leuenberger (Grüne) mangelte es nach meinem Dafürhalten am feu sacré. Die schlechten Wahlresultate verstärkten diesen Eindruck.


- Druck (Ausdruck), Sendungsbewusstsein wird bei der Politikerrhetorik geschätzt.
Levrat, Brunner, Darbellay und Bäumle erfüllten diese Erwartung.

 

Zum Schluss erlaube ich mir noch, bei jedem Parteipräsidenten eine  subjektive Zuschreibung, die ich nicht weiter kommentieren möchte und die auch nicht allzu ernst genommen werden sollte.







Christoph Darbellay: Wirkt wie eine Black-box. Ist stets für Ueberrschungen gut





Ueli Leuenberger: Bleibt unauffällig- hinterlässt keine Spuren



Hans Grunder: Gemütlich, väterlich, bemüht, Ruhe auszustrahlen





Fulvio Pelli: Intelligent, unberechenbar, kompliziert





Toni Brunner: "Sünneli" - unbedarft





Christian Levrat: Junger Jagdhund

Fazit:

Trotz des Marathons haben sich die Parteipräsidenten sehr gut gehalten. Die Argumentation habe ich in diesem Beitrag ausgeklammert. Mir wurde beim Studiobesuch einmal mehr bewusst, dass  es einer grossen Erfahrung bedarf, um in der unnatürlichen Studioathmosphäre aber auch bei Stress- Situationen den Kopf bei der Sache zu haben. Wer glaubt, diese Kompetenz könnten wir- ohne Training - erwerben, ist sich nicht bewusst, dass wir das ABC der Medienrhetorik zusätzlich erwerben müssen.

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Nachtrag aus Basler Zeitung 24. Oktober. Martin Furrers Stimmungsbild stimmt mit der Realität überein und  ist zudem sehr gut geschrieben.





Plastik, Sperrholz und ein Marathonmoderator





Das Fernsehstudio Leutschenbach – Besichtigung einer Fabrik der Träume und Tragödien





Von Martin Furrer, Zürich





Das Zentrum des Zentrums, der Brenn- punkt aller Brennpunkte, die Mitte der Schweiz liegt nicht auf der Älggialp, Kanton Obwalden, nicht auf dem Rütli, schon gar nicht in Bern. Das Zentrum des Landes liegt im Fernsehstudio Leutschenbach, Stadtteil Seebach-Schwa mendingen, Zürich.

Hier, im Norden der Stadt, raucht die städtische Kehrichtverbrennungs- anlage, hier bieten Garagen Pneuwech- sel an, hier produziert die Bewusstseinsindustrie nach dem Drehbuch der Poli tik einen unerhörten Film:





Er heisst «Entscheidung 2011».





Kamera läuft, Scheinwerfer an

Es ist ein Film, an dem viele Protago nisten beteiligt sind – hohe Politiker, kleine Parteiadlaten, Moderatoren, Ge- neralsekretäre, Fotografen, Journalis- ten aus allen Landesteilen, sogar ein Vertreter der «Kuwait News Agency», Bürger, Politexperten – selbst ein drei- einhalb Monate altes Mädchen darf mit- machen, Johanna heisst es. Ihr Vater, ein Zürcher Kandidat der Grünliberaen, schiebt das Kleinkind durchs Stu- dio. Leutschenbach, die Fabrik, öffnet ihre Tore am Wahlsonntag ganz, ganz weit.





Am Eingang steht zwar Sicherheits- personal mit Metalldetektor, das sogar einen wie CVP-Präsident Christophe Darbellay zuerst abweist, weil er keinen Ausweis auf sich trägt, aber nach kurzem Insistieren ist der Weg frei, guten Tag, Schweiz, hereinspaziert, Kamera läuft, Licht aus, Scheinwerfer an.





Zoom auf den Moderator





Im Studio eins sitzt an einem Kommandopult Urs Gredig (41). Er hat e nen Zwölfstundentag vor sich, er moderiert die Wahlsendung von Anfang bis Ende, er lächelt, während um ihn herum Kameras tanzen und Zuschauer hinter den Kulissen ins Studio spähen. Es ist das totale Durcheinander, und Gre- dig ist total entspannt. «Die erste Hoch rechnung aus dem Kanton Bern ist eingetroffen», sagt er jetzt, «es zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab.»





Die Kamera zoomt auf den Marathon-Moderator, «Digipower 27» steht darauf, das Ding sieht aus wie ein Rake tenwerfer, der gleich feuern wird, alle Mann in Deckung. Gredigs hellblaue Augen blitzen auf, er zoomt zurück, sei ne Blicke scheinen die Kamera geradezu zu verschlingen, nicht ängstlich, sondern liebevoll, «und nun zu unserem Korrespondenten aus der Ostschweiz».





Im Studio, heute das Bundeshaus im Quadrat, Parlament und Nachrichtenbörse und auch ein bisschen Schlachtfeld, auf dem Sieger und Besiegte, Ver wundete und Davongekommene auftreten, riecht es seltsam. Es riecht nicht nach Pulverdampf, sondern ganz leicht nach PVC, und das hat seinen Grund. Völlig neu konzipiert, designt und konstruiert sei das Interieur, sagt Dani Richiger, Kommunikationsleiter der TV-Produktionsfirma tpc. Zehn Tonnen Material wurden in den vergangenen acht Tagen hier verbaut, «vor allem Plastik, Sperrholz, Plexiglas». Das Studio umfasst stolze tausend Quadratmeter, unterm Jahr gehen hier Sendungen wie «Benissimo» oder «1 gegen 100» über die Bühne, heute ist es «Entscheidung 2011», der Himmel hängt voller Leuchtkörper.





Spiel ohne Grenzen





Leutschenbach rückt alles ins beste Licht, Leutschenbach gibt alles, Leutschenbach läuft auf Hochtouren. Die Wahl als Spiel ohne Grenzen, und in der grossen Montagehalle, die zum Restau rant umfunktioniert wurde, gibts Kartoffelsalat und Süsses à discretion und Kaffee und Getränke sowieso. Für 700 Personen sei gekocht worden, sagt ein Mitarbeiter.





Erfüllte und geplatzte Träume, all die grossen und kleinen Tragödien dieses Sonntags machen am Ende Hunger, Konkordanz ist auch das traute Zusammenstehen am Buffet, wo der zu rücktretende Solothurner FDP-Ständerat Rolf Büttiker fast eine Träne verdrückt. «Ein trauriger Tag», sagt er und nippt an seinem Kaffee, der die Nieder lage der FDP nicht verdauen hilft.





Puder und Make-up





Gredig hat jetzt ein paar Minuten Pause, sein Kollege Urs Leuthard analysiert mit dem Politexperten Claude Longchamp Resultate. Gredig, gebürtiger Davoser, Studium der Geschichte, Lizentiatsarbeit über «Davos im Zweiten Weltkrieg», kann sich nicht zurücklehnen, denn sein Sitz hat keine Lehne, er gleicht einem Barhocker. Gredig gönnt sich einen Drink, Cola light aus der Plas tikflasche, dazu einen Bissen vom Sandwich, sein linkes Bein streckt er kurz aus wie ein Fussballer, der die Muskeln lo- ckert. Er tut es ganz unangestrengt. Kommt der Mann denn nie ins Schwitzen?

Nein, niemals. Dafür sorgen zwei Damen in der Maske, die wissen, wie man Moderatoren und auch Politiker schön zurechtmacht.





«Das Wichtigste ist, dass sie nicht glänzen», sagt die eine, «wenns pressiert, legen wir ein bisschen Puder auf, wenn wir Zeit haben, reichts für eine Grundierung mit Make-up.»





Plötzlich zucken Blitzlichter, kräftige Männer scheuchen Fotografen zur Seite, mitten im Pulk FDP-Präsident Fulvio Pelli, er sei abgewählt, heisst es. Der Tessiner flüchtet in einen Gang, vorbei an Türen, die beschriftet sind mit «Kostüme», «Sanitätsraum», «Lichttechnik», und verschwindet.



Marcus Knill hat das Treiben beobachtet, der Kommunikationsexperte sagt: «Das sind Szenen wie aus einer Treibjagd, die Journalistenmeute jagt ihre Beute.»

Da kommt Sportmoderator Beni Thurnheer um die Ecke, «ich habe nichts mit Politik zu tun», sagt er, gesteht dann aber, dass «die Welt für mich nicht am Strafraum aufhört». Er habe «weder SVP noch SP, sondern die Mitte gewählt», erklärt er und zieht ab.





Gredig, der sich einen Monat auf den Einsatz vorbereitet, Kandidatennamen auswendig gelernt, Fakten gebüffelt hat, sitzt noch immer im Studio, wie frisch gebügelt. Um Mitternacht ist end lich Schluss. Doch Leutschenbach sendet weiter: «Verrat auf höchster Ebene», heisst der Film. Es geht nicht um Politik, es ist ein Agententhriller.

Samstag, 22. Oktober 2011

Oliver Knill (Portrait)


Webmaster von rhetorik.ch  (Herzlichen Dank für die perfekte Arbeit seit 1998)


Oliver Knill ... - Department of Mathematics - Harvard University

www.math.harvard.edu/~knill/ - Diese Seite übersetzen
A comprehensive course in probability by Oliver Knill.
Oliver KnillOliver Knill hat das auf Google Buzz geteilt - 10. Febr. 2010

Teaching


www.math.harvard.edu/~knill/.../ind...
Oliver Knill, Department of ...

Slides


www.math.harvard.edu/~knill/.../ind...
Seminar handouts of Oliver ...

Pedagogy


www.math.harvard.edu/~knill/pedag...
Academic Use of Social media ...

Vita


www.math.harvard.edu/~knill/vita/in...
Oliver Knill, Department of ...

Knill


www.math.harvard.edu/~knill/knill/
Family links of Oliver Knill ...

Mathematics in Movies


www.math.harvard.edu/~knill/math...
Oliver Knill ...... Jeanne ...


Oliver Knill


Oliver Knill, (move over the picture to see the original, click for larger)




Knill

Ziegler und Gaddafi


 



Jetzt ist für Jean Ziegler nach dem Tod Gadaffis plötzlich die Zeit der Vergebung.


Ziegler - der alte Freund Gaddafis - will verständlicherweise heute  nichts mehr von seiner freundschaftlichen Beziehung wissen.
Ich verweise auf das Gespräch mit  Schawinski :

               

  Ziegler gilt als Freund des libyschen Ex-Diktators Muammar al-Gaddafi. Sechs Mal war der Soziologe schon in Libyen. Er sei von ihm jeweils eingeladen worden, um zu diskutieren, so Ziegler gegenüber Roger Schawinski. Der Ex-Nationalrat findet daran nichts Verwerfliches. Denn als Soziologe habe man zwei Möglichkeiten: Entweder man hält die gleiche Vorlesung bis zur Pensionierung und kein Mensch hört zu. Oder aber man geht raus und versucht, die Welt zu verstehen.



Gaddafi ist erst heute in den Augen von Ziegler ein «blutrünstiger verrückter Diktator». Jedoch sei er nicht immer so gewesen.



Diesen Wandel habe er erst vollzogen, nachdem 1996 ein Attentat auf ihn verübt worden sei. Und trotzdem: «Gaddafi ist argumentativ und analytisch begabt.» Nur deshalb habe er so lange an der Macht bleiben können.


Auf die Frage, ob er heute Muammar al-Gaddafi Asyl gewähren würde, sollte der Diktator ihn persönlich anrufen, antwortet Ziegler: «Ich würde den Hörer auflegen». Zudem wisse Gaddafi gar nicht, wo er wohne.



Aus einem Interview mit Ziegler im Blick Februar 11:


Noch einmal, Herr Ziegler: Sie sind kein Sympathisant des libyschen Diktators?
Für den jungen Hauptmann ­Gaddafi, der 1969 den sozialistischen und panarabischen Visionen des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser folgte, die libysche Ölindustrie nationalisierte und dem Westen die Stirn bot – für ­diesen Gaddafi hatte ich, wie jeder
europäische Linksintellektuelle, durchaus Sympathien.


Aus Tagesanzeiger:


Zieglers muss Image korrigieren


Die Irrungen des Jean Ziegler

Die Bekanntschaft mit Muammar al-Ghadhafi wird zur Belastung für den Genfer Professor. Dass es so weit kommen konnte, liegt an krassen Fehleinschätzungen in früheren Jahren.

«Muammar al-Ghadhafi ist kein nach Willkür schaltender Charakter. Er ist rational, zweckgerichtet, vernunftgeleitet»:



Was Jean Ziegler noch im Sommer 2008 von sich gab, tönt heute wie ein Hohn.


Ein zorniger Kritiker

Jean Ziegler (76) studierte Jura, Politologie und Soziologie in Bern, Genf, Paris und New York. Er sass für die Sozialdemokraten im Nationalrat und war bis 2002 Professor für Soziologie an der Universität Genf und ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Von 2000 bis 2008 war er UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ungeachtet internationaler und nationaler Kritik wurde er 2008 von der Schweiz als Mitglied des beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats in Genf vorgeschlagen und gewählt. Sein jüngstes Buch «Der Hass auf den Westen» erscheint  als Taschenbuch im Goldmann-Verlag. (tim)


Was hat dieser Mann nicht gepoltert gegen das «Böse» in dieser Welt. Gegen die israelischen «Besatzer», gegen den Kapitalismus und überhaupt gegen den «Westen», der eine Mitschuld am Elend in der Dritten Welt trage. Jean Ziegler hat sich auch nie gescheut, die angeblichen und tatsächlichen Missetäter beim Namen zu nennen. Hans W. Kopp nannte er einen «Geier», Augusto Pinochet einen Faschisten. Und das sind nur zwei Beispiele, für die er später von Gerichten zu Schadenersatzzahlungen verurteilt wurde. Sein loses Mundwerk kam ihn teuer zu stehen. «Ich habe mehr als sechs Millionen Franken Schulden», sagte er jüngst in einem Interview mit der «Zeit».

Was ihn jetzt noch teurer zu stehen kommen könnte, ist seine Nähe zum wild gewordenen libyschen Machthaber Muammar al-Ghadhafi. Nicht Geld kostet ihn das, aber seinen Ruf. Bis anhin hatte der frühere Nationalrat und Genfer Professor sowohl Anhänger als auch Gegner. Erstere drohen ihm nun abhanden zu kommen. Der Grund liegt auf der Hand: Ziegler war im Palast des Revolutionsführers ein gern gesehener Gast. Das waren zwar auch andere. Was bei Ziegler aber immer noch mitspielte: Man hatte das Gefühl, die beiden unterhielten eine speziell nahe Beziehung.

Immer wieder von Ghadhafi eingeladen

Sieben Mal sei er bei Ghadhafi gewesen, sagte Ziegler noch im August 2009. Die 40-Jahr-Feier im September gleichen Jahres kam noch dazu. Inzwischen sind Ziegler die Reisen zum Diktator offenbar nicht mehr in so guter Erinnerung. «Fünf, sechsmal», erklärte der Genfer nun am Samstag im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Nicht nur, dass sich der bekennende Sozialist bis vor wenigen Jahren noch einladen liess. Zur Gesinnung des Gewaltherrschers gab Ziegler noch lange Zwiespältiges von sich. «Ghadhafi ist politisch ein Genie», sagte er zum Beispiel noch vor einem Jahr. Die Frage war, wie sich der Revolutionsführer im Kampf der Stämme an der Macht halten könne.

Auch in der Affäre um die Verhaftung von Hannibal Ghadhafi in Genf schien Ziegler nicht die richtigen Worte zu finden: «Sicher ist, dass die Genfer Polizei viel zu heftig reagiert hat», erklärte er dazu.

«Ghadhafi ist kein nach Willkür schaltender Charakter»

Die aber vielleicht krasseste Fehleinschätzung lieferte der Genfer in einem Interview mit dem «SonntagsBlick» vom Juli 2008 ab. «Das von den meisten westlichen Medien verbreitete Bild eines unbeherrschten Potentaten ist nach meinem Eindruck total falsch. Muammar al-Ghadhafi ist kein nach Willkür schaltender Charakter. Er ist rational, zweckgerichtet, vernunftgeleitet.» Die letzten Tage haben auf bittere Weise das Gegenteil bewiesen.

«Saif al-Islam ist die Chance für Libyen und den Rest der Welt»

Es lassen sich beliebig weitere Beispiele nennen, die Ziegler bezüglich Libyen im Zwielicht zeigen. Etwa den 2002 zugesprochenen – aber vom Genfer angeblich abgelehnten – Ghadhafi-Menschenrechtspreis. Oder die im aktuellen Kontext fatale Fehleinschätzung zu Saif al-Ghadhafi: «Saif ist fasziniert vom Westen und überzeugt davon, dass er das Land modernisieren muss», so Ziegler noch vor einem Jahr. Und: «Saif al-Islam ist die Chance für Libyen und den Rest der Welt.» In den letzten Tagen hat Saif sein hässliches Gesicht gezeigt.

Es gibt genug Gründe, Ziegler als Freund Ghadhafis zu verdächtigen. Die französische Zeitung «Le Monde» beschrieb ihn gar als «Pantoffellecker» des libyschen Machthabers. Medienunternehmer Roger Schawinski schrieb es am Wochenende in seinem offenen Brief so: «Du warst während Jahrzehnten ein Sympathisant und ein Werbeträger dieses brutalen Diktators.»

Ziegler kämpft heute um Imagekorrektur

Ziegler ist unter Druck. In mehreren Interviews in den letzten Tagen kämpft er gegen das ihm unliebige Image. «Ich muss jetzt einmal etwas klarstellen (…) das ist Blödsinn», erklärte er im «Tages-Anzeiger». Oder: «Ich bitte Sie – Ghadhafi ist nie mein Freund gewesen. Er hat meine Bücher auf Arabisch gelesen», im «SonntagsBlick». Allein, die Kurskorrektur will nicht recht gelingen.  (aus Tagesanzeiger.ch/Newsnet)







Kommentar: Es ist verständlich, dass es Ziegler nach dem Tod des brutalen Diktators wichtig ist, seine Reputation zu retten.
Er möchte sich zwar von seinen alten Aussagen distanzieren und will heute nicht einmal mehr die genaue Anzahl Treffen mit dem Diktator kennen, mit dem er jahrelang ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt hatte. Da jedoch Aussagen in den Medien gespeichert bleiben und die Kommentare Zieglers dank der Archive wortwörtlich abgerufen werden können, ist es für Ziegler nicht so einfach, seine wohlwollenden Aeusserungen ungeschehen zu machen.
Gadaffi ist und bleibt für Ziegler eine Hypothek.


LINK (Blog-Beitrag vom März):


Neuerer Post - knill blog

knill.blogspot.com/2011/03/dass-gaddafi-nicht-richtig-tickt-ist.html
4. März 2011 – knill blog. Rhetorik.ch Blog Persönliche Gedanken von Marcus Knill ... Der Bundesrat und Jean Ziegler dürfen heute nicht so tun, als sei dieser irre ... Gaga-Gaddafi: Die irrsten Sprüche aus seinem «Grünen Buch». 1. Frauen ...

Freitag, 21. Oktober 2011


Gaddafi ist tot

Live-Ticker: Video des toten Gaddafi ausgestrahlt 

 

Aus PERSOENLICH.com (BLOG):

Marcus Knill
Blick.ch publizierte am Donnerstag kurz nach bekannt werden des Todes von Gadaffi das Portrait der Leiche. Diese Praxis ist ebenso fragwürdig, wie die Publikation der Leiche von Bin Laden. Damals habe ich meine Meinung bereits ausführlich dargelegt, zum Beispiel auf blogpersoenlich.com. Aber auch in einer Umfrage bei den Chefredaktoren und auf presseverein.ch wurde die Thematik ausführlich beschrieben. Meine Meinung bleibt unverändert: Die Fotografie der Leiche hätte nicht publiziert werden dürfen, denn die Veröffentlichung verstösst gegen den Ehrenkodex der Medien. Es geht mir um ein Prinzip:  Es dürfen keine Toten oder gefolterten Menschen abgebildet werden.
Ich gehe somit davon aus, dass die Publikation des toten Gaddafi
in Grossaufnahme bei Fachleuten wiederum ein Diskussionsthema sein wird. Ich
bleibe bei meiner These.



Marcus Knill
 
Freitag, 21. Oktober 2011 um 10:56 Uhr
keine Kommentare



Nachtrag:




Die Bilder der Leiche gehen um die Welt



Rebellen halten die Handys drauf: Hier wird Gaddafis Tod dokumentiert

Für Jugendliche ist Medienschulung ein Muss


Leider wissen die nur wenige Eltern und Lehrkräfte, wie Kinder geschützt werden können vor Cyber- Mobbing.


Ich zitiere Spiegel:



Internet-Mobbing bei Will: Mailen, chatten, quälen
Fotos
Was passiert bei Facebook mit unseren Kindern? Anhand tragischer Beispiele diskutierte Anne Will über Schulhofdresche im Digitalzeitalter - und verzichtete dankenswerterweise auf jeden Alarmismus. 


Der 13-jährige Joël öffnete am Computer seine Facebook-Seite, stürmte aus der Wohnung - und brachte sich um. Vor gut einem Jahr war das; gestern saß die Mutter Michaela Horn bei Anne Will und versuchte ein weiteres Mal, die von Mitschülern initiierte Internetkampagne zu rekonstruieren, die Joël in den Tod getrieben hatte. Doch so sehr sie gegen die Tränen ankämpfte, so wacker sie die "Schwul-Fett-Hässlich"-Schmähungen gegen ihren Sohn zitierte, die Dynamik des Suizidprozesses konnte die Mutter nicht darstellen. Wie auch? Das Netz und wie es die Jugend nutzt, bleibt den Erwachsenen nun mal großteils ein Rätsel.

Vor der Anne-Will-Sendung war in der ARD der Film "Homevideo" gelaufen, der gerade erst mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden war und anhand des fiktiven Jakob einen Cyber-Mobbing-Fall beschreibt, der abläuft, wie der des realen Joël abgelaufen sein könnte: Jemand hat ein kompromittierendes Video von Jakob ins Netz gestellt, danach ist er für die Mitschüler zum Abschuss freigegeben, via Chat kübeln die Kameraden ihre Verachtung über ihn aus. Auch der Filmcharakter nimmt sich am Ende das Leben: digitale Schulhofdresche in ihrer fatalsten Form. Jakob und Joël, sie bildeten das emotionale Zentrum dieses langen Abends zum Thema Cyber-Mobbing in der ARD. Wie zu Zeiten, als am Mittwoch noch Frank Plasberg talkte, programmierte man Wills Gesprächsrunde gleich hinter den großen Mittwochsfilm - und brachte damit das gerade erst so penibel neugeordnete Programmschema mit dem verbindlichen 22.15-Uhr-Sendeplatz für die "Tagesthemen" durcheinander. Der Zweck heiligt die Mittel: Im Zusammenspiel von gesellschaftskritischem Drama und gesellschaftskritischer Gesprächsrunde hatte schließlich auch schon Plasberg immer wieder Spitzenquoten erzielt, etwa mit seinem legendären Scientology-Talk.


Facebook als Parallelwelt

 
 Es gelang Anne Will, bei den beschriebenen aufwühlenden Mobbing-Extremfällen keinen Alarmismus aufkommen zu lassen: Versammelt hatte sich eine Runde Erwachsener, die den neuen Kommunikationsformen der Jugend erstmal relativ ratlos gegenüberstand - und das auch zugab, ohne gleich zu verzagen oder nach strengerer Überwachung zu rufen. Im Zentrum stand die Frage:


Was passiert eigentlich mit unseren Kindern, wenn sie auf Facebook oder SchülerVZ gehen?






Einer, der das am ehesten weiß, ist der Lehrer Wolfgang Kindler, der einige Bücher zum Thema geschrieben hat und in seiner Schule eine Anti-Mobbing-AG leitet. In einem Einspielfilm sah man gestern bei Anne Will, wie er mit Schülern über die neuen sozialen Netzwerke sprach. Im Klassenzimmer fragte Kindler, ob einer der Schüler Eltern habe, die sich besser mit Facebook und Co. auskennen als sie selbst. Keiner der Jugendlichen hob die Hand, man grinste stattdessen siegesgewiss in sich hinein.
In dieser Szene zeigte sich, was die Internetwelt für junge Menschen auch bedeutet: einen Distinktionsgewinn gegenüber den Erwachsenen, eine Abschottungsmöglichkeit vom elterlichen Zugriff, einen Raum, den sie nach ihren eigenen Regeln gestalten. Sollen die Alten diese Welt überhaupt komplett verstehen? Darf den Kindern dieser selbst eroberte Raum wieder genommen werden?


Medienschulung statt Verbote

 
Nein, meinte bei Anne Will der Medienanwalt Christian Schertz und beschwor die normative Kraft des Faktischen. Mit 12 oder 13 sei nun mal jeder bei Facebook, das würden Verbote nicht verändern: "Das können wir nicht mehr umdrehen." Wohl aber müssten die Jugendlichen geschult werden, um mit den Gefahren umgehen zu können, die auf sie warteten, wenn sie sich auf solchen Plattformen exponieren. Zuvor hatte er mit drastischen Worten diese Gefahren beschrieben: "In wenigen Minuten bis du weltweit diffamiert."
Interessanterweise relativierte gerade der Lehrer, der durch seine Arbeit mit den Schülern vielleicht am besten deren Internet-Wirklichkeit kennt, die vielbeschworene Zerstörungskraft des Mediums: "Dass das Netz nicht vergisst, stimmt nicht." Es werde so viel reingestellt, dass Kampagnen irgendwann auch verpufften - zumindest, wenn man sich mit dem Fall richtig auseinandersetze, Täter und Opfer miteinander konfrontierte. Er habe das schon oft erlebt.

Tun neue Gesetze also nicht not? Nein, auf keinen Fall, meinte Anke Domscheit-Berg, Aktivistin für ein freies Netz. Allerdings müssten bei Beleidigungskampagnen die bestehenden Gesetze konsequent ausgenutzt werden, Mobbing im Internet sei nichts anderes als Mobbing auf dem Schulhof mit anderen Mitteln. Ironischerweise bekannte jedoch ausgerechnet die ultraliberale Netzaktivistin, dass sie ihrem 11-jährigen Sohn noch nicht erlaube, sich bei Facebook anzumelden. Dafür kontrolliere sie die Kumpels des Jungen, die sie als Freundin beim Netzwerk angefragt haben, bei deren intermedialen Umtrieben. Dass irgendwann all der Schmutz des Netzes auch auf ihr Kind einwirken wird, damit hat die streitbare Internetkämpferin kein Problem; alles eine Frage der richtigen Medienpädagogik zur richtigen Zeit. Und wo die nicht greift, kann Mama natürlich noch nachhelfen. Domscheit-Berg: "Ich habe etliche shit storms überlebt."


Die internettechnisch weniger versierten Eltern konnten nach der Anne-Will-Sendung Mittwochnacht, in der der richtige Ton getroffen wurde für die Gefährdungspotentiale des neuen Mediums, freilich nicht ganz so lässig ins Bett gehen: Für sie bleibt nur die Hoffnung, dass bei ihren Kindern der digitale Dreck nicht derart grausame Folgen hat wie bei Jakob und Joël. (Ende Zitat)


LINKS:




9. Apr. 2007 ... Cyber-Bullying heisst dieser neue Trend aus Grossbritannien: Handys und das Netz machen Pädagogen zum Gespött der ganzen Welt." ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/07/04_09/index.html
17. Aug. 2007... Artikel zum Thema: Cyber Mobbing ... Eine neue Form des Mobbing beklagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie findet, die ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/07/08_17/index.html


Kommentar:
Eltern müssen die neuen Gefahren ernst nehmen. Es ist zwar richtig, die Situation nie zu dramatisieren. Doch können Erzieher zur Vorbeugung recht viel tun:
Ich würde den Kindern keinen Computer im eigenen Zimmer installieren lassen.
Der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses mit den Kindern kann dazu führen, dass auch pubertierende Jugendliche einer Bezugsperson allfällige Mobbing Attacken erzählen.
Die Kinder müssen wissen, dass alles, was im Internet publiziert wird, kaum mehr zurückgenommen werden kann.
Vorsicht mit Publikationen aus der Privatsphäre macht sich bezahlt.
usw.
Was heute erwiesen ist:
Kinder aus ärmlichen Verhältnissen haben mehr eigene Computer, die sie unbeaufsichtigt nutzen.
Jedes vierte Kind der ersten Klasse hat bereits einen eigenen Computer. Oft ohne Kontrolle der Eltern!
Viel mehr sind suchtgefährdet als angenommen wurde.


LEITFADEN für ELTERN:

-  Kein Compter im eigenen Zimmer

- Zeitlimiten  festlegen, kontrollieren und durchsetzen


- Ab und zu mit dem Kind mitspielen und surfen

- Facebook erst ab 13 Jahren erlauben

- Bewusst machen, weshalb keine persönlichen Daten - wie Handy Nummer, Adresse oder persönliche Bilder  aus dem Privatleben - ins Netz gestellt werden sollten

- Auf Gefahren in Foren und Chats  aufmerksam machen


- Sich nicht allein auf Filtersoftware verlassen. Zusätzlich mit dem Kind altersgerecht über Themen wie Gewalt und Sexualität  reden

- Ueber Sucht sprechen und Anzeichen des Suchtverhaltens beachten


HEUTE NACHT GAB ES DEN ERSTEN FROST:





Bodenfrost (Foto: imago)
Am Boden gingen die Werte schon mal unter Null (Foto: imago)


Kommentar: Ich hoffe, dass  nach den Wahlen das politische Klima weniger frostig sein wird. 



Donnerstag, 20. Oktober 2011

Gaddafi ist tot


Blick publiziert heute das Portrait der Leiche. Das ist ebenso fragwürdig wie die Publikation der Leiche von Bin Laden.




Wie bei Bin Laden ist die Frage berechtigt, ob diese Publikation nicht gegen den Ehrenkodex der Medien verstösst?
Bei Bin Laden schrieb ich im Blog:


Es ist begreiflich, wenn die Medien das Bild eines getöteten Terroristen publizieren möchten. Die Begründung lautete meist: Die Öffentlichkeit hätte dann den Bildbeweis. Doch geht es der Boulevardpresse vor allem um das Bild und damit um die Einschaltquote.
Persönlich war ich – wie Obama – immer gegen eine Publikation einer Foto. Nicht, weil die Aufnahme bei den Anhängern Bin Ladens Rachegefühle aufkommen lassen. Auch nicht, weil der Bevölkerung solch grauenhafte Bilder nicht zugemutet werden könnten (In Krimis werden oft noch schlimmere Bilder gezeigt). Ich glaube auch nicht, dass mit einer Publikation die Verschwörungstheoretiker zum Schweigen gebracht werden könnten.
Es geht mir vielmehr  um ein Prinzip (von den amerikanischen Medien wird dies als Kodex meist eingehalten und bei uns wird es in den meisten Redaktionen so gehandhabt): Es dürfen keine Toten oder gefolterten Menschen abgebildet werden.
Der Kommunikationsfehler im Weissen Haus war aus meiner Sicht die uneinheitliche Information.  Zuerst wollte ein Sicherheitsbeauftragte die Aufnahme zeigen, dann intervenierte der Präsident und das Bild des toten Bin Laden durfte man nicht mehr zeigen. (Es wurde auch bei der Bewaffnung Bin Ladens uneinheitlich informiert. Zuerst hiess es, er sei bewaffnet gewesen, dann wurde dies dementiert.)





Es kamen einige gefälschte Aufnahmen in Zirkulation. Und Obamas Entscheid war aus meiner Sicht richtig. Aus Fachkreisen wurde ich nach meiner publizierten Analyse im Tages-Anzeiger darauf aufmerksam gemacht, dass bei einem grosskalibrigen Schuss durch den Kopf eine visuelle Identifikation ohnehin nichts bringe. Das Gesicht sei meist völlig entstellt. Der Profi, der mir geschrieben hatte, muss laufend Opfer nach Verbrechen untersuchen. Die Idee dieser Fachperson hat etwas für sich. Sie sagte mir am Telefon, man könnte ja die Originalaufnahme lediglich zur Akteneinsicht freigeben, vor allem die DNA-Resultate. Das würde zu einer gewissen Entspannung führen.
Eines steht jedenfalls fest: Ob das Bild publiziert wird oder nicht:Eine Publikation   ist immer falsch.



Der Presseverein unterstützte damals meine Sicht (Ich zitiere):


Bilder von Getöteten veröffentlichen?

Die Tötung von Osama bin Laden wirft die Frage auf, wie mit den dazu entstandenen Bildern umzugehen ist.
Time Cover mit Osama bin Laden (Screenshot Google Bildsuche)


Marcus Knill unterstützt Barack Obamas Entscheid, kein Foto des getöteten bin Laden zu publizieren.
Aus Fachkreisen wurde ich nach meiner publizierten Analyse im Tages-Anzeiger darauf aufmerksam gemacht, dass bei einem grosskalibrigen Schuss durch den Kopf eine visuelle Identifikation ohnehin nichts bringe. Das Gesicht sei meist völlig entstellt.
Soll die Fotografie des toten Bin Laden publiziert werden? (persoenlich.com, Marcus Knill)




Weitere Antworten auf die Frage hat Christian Lüscher bei Schweizer Chefredaktoren gesammelt. Sandro Brotz, Stv. beim “Sonntag”, hält Zensur für den falschen Weg, Gräuelbilder aber auch nicht zumutbar.
Wir müssen uns aber nichts vormachen und eine theoretische Debatte führen: Das Bild wird – wenn es von den US-Behörden erstmals freigegeben wird – innert Sekunden um die Welt gehen.
Die Kommentare unter dem Beitrag sprechen sich alle gegen eine Veröffentlichung aus.
“Wir müssen keine theoretische Debatte führen. Das Bild wird um die Welt gehen” (persoenlich.com)
“Südostschweiz”-Chef David Sieber hat eine Meinung, die sich mit vielen Antworten der anderen Chefredaktoren deckt:
Unter den Aspekten “Zeitdokument” und “Beweis” würden wir das Bild sicher bringen. Es kommt allerdings drauf an, wie grauslig es ist. Der Ekelfaktor entscheidet über Bildgrösse und Farbe oder s/w. Damit wir uns nicht missverstehen: je ekliger, desto zurückhaltender werden wir sein. Kodex hin oder her. Es gibt Bilder, die man zeigen muss. Ich erinnere an das erschossene Ehepaar Ceausescu oder an die Dokumentation von Gräueltaten bis hin zum Holocaust. Das ist alles sehr schwere Kost und doch muss man sich dem stellen.
In seinem Blogeintrag gibt er zu, dass auch die eigene Zeitung im hektischen Tagesgeschäft die presserechtlichen Leitlinien verlassen hat – und äussert sich kritisch über einen Fall in der Glarner Ausgabe der “Südostschweiz”.


Vom schwierigen Umgang mit Bildern (suedostschweiz.ch, David Sieber)
Bild: “Time” Cover mit Osama bin Laden (Screenshot Google Bildsuche)
Erfasst von Ronnie Grob am 8. Mai 2011 (Ende Zitat)

Kommentar: Ich gehe somit davon aus, dass die Publikation des toten Gaddafi in Grossaufnahme von Fachleuten wiederum ein Diskussionsthema sein wird. Ich bleibe bei meiner These.

Gestern: Erster Schnee auf dem Randen


Gut sind alle Winterpneus montiert!


Bald kommt der erste Schnee. Weihnachten ....