Sonntag, 20. Juli 2008

Fortsetzung der Krisenkommunikationsgeschichte Fall Nef

Ich zitiere Tagi-online:

19. Juli 2008, 23:33

Happige Vorwürfe der Ex-Partnerin

Die Vorwürfe, welche die ehemalige Lebenspartnerin in einem Strafverfahren an Roland Nef richtete, sind massiv. So soll der heutige Armeechef Sexinserate benutzt haben, um seine Ex-Partnerin zu belästigen.

Während 18 Monaten soll Nef seine Ex-Freundin mit E-Mails und SMS belästigt haben.

Keystone Während 18 Monaten soll Nef seine Ex-Freundin mit E-Mails und SMS belästigt haben.

Bundesrat Samuel Schmid lobte Armeechef Roland Nef auch noch nach der turbulenten letzten Woche in den höchsten Tönen. Wenn ein Chef - trotz glaubwürdiger Hinweise ,dass sein Untergebener charakterliche Probleme hat - für seinen Kandidaten auch dann noch die Hand ins Feuer legt, so hat dies nichts mehr mit Loyalität zu tun. Spätestens an der Pressekonferenz hätte Bunderat Schmid merken müssen, dass sein Untergebener nicht nur in privaten Stressituationen unbesonnen handelt und die Nerven verlieren kann. Der emotionale Ausbruch gegen die Medien

"Jetzt reichts!"

hat auch dem letzten Fernsehkonsument gezeigt: Dieses Mann ist dann nicht stressresistent, wenn es ihn selbst betrifft.

Uebrigens: Ich habe auch bei den Seminaren mit Piloten gesehen und gelernt, dass familiärer Stress und Stress im persönlichen Bereich die Qualität des Jobs sehr wohl beeinflusst. Bei Roland Nef dürfen somit Eigenschaften, die mit seiner Persönlichkeitsstruktur zu tun haben, nicht einfach ausgeklammert werden - so wie es Samuel Schmid leider bis jetzt getan hat.

Häppchenweise folgen Ungereimtheiten!

Weitere Widersprüche kommen an den Tag

Laut Schweizer Fernsehen Tagesschau stimmt es nicht, dass Bundesrat Schmid von den persönlichen Problemen seines Anwärters für den höchsten Posten der Armee nichts gewusst hat.

Ich zitiere SF:

20. Juli 2008, Letzte Aktualisierung: 14:33

Schmid soll Vorwürfe gekannt haben, er wurde offenbar bereits Ende Juni informiert.

Wie die «SonntagsZeitung» schreibt, war Bundesrat und VBS-Chef Samuel Schmid offenbar doch über die Vorwürfe der Ex-Freundin von Armeechef Roland Nef informiert.

Das Blatt schreibt, es habe den Verteidigungsminister bereits am 27. Juni 2008 informiert. Schmid seien Auszüge der Anklage und der Inhalt der Anschuldigungen zugestellt worden. Die Zeitung habe den VBS-Chef zu einer Stellungnahme aufgefordert. Schmid soll nur mit dem Eingeständnis, dass er vom hängigen Strafverfahren zum Zeitpunkt der Wahl wusste, reagiert haben.

An der Medienkonferenz Schmids vom Freitag, sagte jedoch der VBS-Chef, er kenne die Details zu den Vorwürfen nicht.

Ein VBS-Sprecher sagte nun am Sonntag, es treffe zu, dass das VBS von der «SonntagsZeitung» vor dem ersten Artikel eine Anfrage erhalten habe. (Ende Zitat)

Kommentar:

Solche Geschichten sind Gift in einer Kommunikationskrise.

Vor allem, wenn Aussagen müssen später korrigiert werden müssen und ältere Aussagen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

In Krisensituationen gilt das einfache Prinzip:

Alles was Du sagst, muss wahr sein. Aber Du musst nicht alles sagen, was wahr ist.

Es gibt KEIN Krisenkommunikationsaxiom, wie:

- Streite Tatsachen ab!

- Lüge!

Ich frage mich deshalb: Wer hat das VBS beraten?

Fortsetzung folgt - gemäss Drehbuch - wie erwartet

Wenn sich jemand in Krisensituation falsch verhalten hat, folgen Rundumschläge oder er kriecht sich beleidigt ins Schneckenhaus zurück. Nach 20 Min-online ist nun diese Phase nach dem Medienwirbel in der Sonntagspresse bereits eingetroffen:

Affäre Nef

Nef will nur noch rechtliche Waffen einsetzen

Armee-Chef Roland Nef nimmt nicht weiter zu den gegen ihn in den Medien erhobenen Vorwürfen Stellung, teilten Nefs Anwälte heute mit. Und dies, obschon weitere Fragen zur Affäre aufgeworfen wurden. Der oberste General will auch Anzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung einreichen.

Kommentar: Jetzt ist es zu spät mit dem Rückzug. Die Medienmaschinerie läuft auf vollen Touren. Nef hätte früher konsequent sein müssen. Indem er an seiner Pressekonferenz den Medien Andeutungen gemacht hat und doch etwas von sich preisgegeben hat (Vergleichen wir einmal die Journalisten mit Amseln, die im Rasen nach dem Regen Würmern suchen), muss er sich nicht wundern und ärgern, wenn die Journalisten den Kopf des Wurmes ruckweise ganz ans Tageslicht zerren. Meine Prognose: Mit dem Wehklagen "Alles ist eine Rufmordkampagene" kommt Nef nicht weiter. Er kann den Lauf der Dinge nicht mehr stoppen. Mit dem jüngsten Rundumschlag gegen die Medien schlägt sich Nef letztlich selbst. Es bleibt ihm nur noch: Entweder ein Mea culpa. Oder er müsste den Sachverhalt so offenlegen, dass alle einsehen. Der Armeechef ist nur ein Opfer von Gerüchten und Unwahrheiten. Er kann die Information nicht mehr führen. Er ist somit dem Schicksal ausgeliefert.

Doch zurück kann der der Armeechef nicht mehr: Vorab, weil er sich in eine Sackgasse hinein manöveriert hat oder weil er mit der ExFrau eine Vereinbarung getroffen hat, die er nicht offen legen kann. Fall er in der Ehekrise doch zu unbesonnen gehandelt hat.

Mit der Kommunikation "nur über den Anwalt" werden die "Amseln" (Journalisten) weiter am Wurm zerren, in der Hoffnung, sie erfahren trotz des Schweigens, was man nächste Woche in den Medien als News verkaufen kann. Mit der Info-Blockade weckt das angebliche Opfer bei den Journalisten die Neugierde nach versteckten Geschichten. Wenn jemand die Information nicht selbst führt, wird er geführt. Es gibt genügend frustrierte Personen, die den Medien nächste Woche neue vertrauliche Details zuspielen - selbst, wenn es nur Gerüchte sind. Nef wird dies an der eigenen Haut erfahren. Die Geschichte geht sicher weiter.

Tatsächlich: Es sieht nicht gut aus!

Die Lage spitzt sich zu (schon am Sonntagabend)

Causa Nef/Schmid spitzt sich zu Wie erwartet brachte die SonntagsZeitung neue brisante Einzelheiten zur persönlichen Auseinandersetzung des Armeechefs mit seiner Ex-Partnerin aufs Tapet. Obschon es um vertrauliche Akten geht, wurde ein Ausriss aus einer Akte publiziert, die veranschaulichen, dass Nefs unbesonnenen Handlung gravierender waren als vermutet. Es sind zwar illegale Enthüllungen, die eingeklagt werden könnten. Sollte jedoch der Inhalt stimmen, so sieht die Oeffentlichkeit in der Aufdeckung der Ungereimtheiten keinen Rufmord. Viele werden den Mut der Journalisten loben. Angenommen, es könnte tatsächlich nachgewiesen werden, dass der Armeechef mit einer Geldsumme die "Nötigung" zur einer gütigen Einigung erkaufen konnte und es könnte auch nachgewiesen werden, dass Bundesrat Schmid tatsächlich davon gewusst hatte (an der Pressekonferenz bestritt er dies zwar eindeutig), dann würde es für beide recht brisant. Immer wenn die Presse Falschaussagen oder einen Missstand mit illegalen Mitteln aufgedeckt, ist die Oeffentlichkeit nachsichtig. (Watergate -Effekt). Gehen wir davon aus, die Berichte der SonntagZeitung beweisen, dass mit fragwürdigen Mitteln bei der Wahl gezinkt worden ist und Bundesrat Schmid an der Pressekonferenz gelogen hat, so nimmt die Mediengeschichte eine neue Dimension an. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dann der Armeechef mit seiner Rufmordklage grossen Erfolg haben wird. Bereits am Sonntagabend spitzte sich die Situation durch die jüngsten zusätzlichen Enthüllungen dermassen rasch zu, dass noch diese Woche eine Sitzung der Sicherheitskommission einberufen wurde. Dies überrascht. Es ist eine Kehrtwende. Man wolltenämlich noch zuwarten. Doch die neuen Enthüllungen führten zum Umdenken. Jetzt geht es um die Glaubwürdigkeit der Armeespitze und das Vertrauen in die Armeeführung. Das VBS darf in der Handlungsfähigkeit eingeschränkt bleiben. Bundesrat Schmid muss sich an der nächsten Sitzung rechtfertigen und zu all den happigen Vorwürfen Stellung nehmen. Bereits liegen die ersten Rücktrittsforderungen auf dem Tisch. Die Causa Nef/Schmid hat somit neue Formen angenommen auf politischer Ebene. Der Fall rückt jetzt in eine heisse Phase. Niemand spricht mehr von einem Sommerlochthema. Uebrigens: Einmal mehr sehen wir bestätigt, dass die unprofessionelle Pressekonferenzen während der Kommunikationskrise kein Befreiungsschlag waren, im Gegenteil: Die unbedachten Auftritte wurden zum Bumerang. Die zwiespältigen allenfalls falschen Aussagen und Antworten (sind gespeichert) können gravierende Folgen haben.

Tagi online (So abend 20. Juli)

Nefs Problem der Glaubwürdigkeit untersuchen

Laut Bundespräsident Pascal Couchepin muss die persönliche Glaubwürdigkeit von Armeechef Roland Nef geprüft werden.

Bundesrat Samuel Schmid, der zunehmend unter Druck gerät, wird morgen vor den Medien eine Stellungnahme abgeben

Samstag, 19. Juli 2008

Aus Talks aussteigen - ein bewusster Werbegag?

Alles was aussergewöhnlich ist, was auffällt, findet besondere Beachtung und wird länger im Gedächtnis behalten

Ich zitiere eine Reihe bekannter "Talkabbrecher, die im You tube "verewigt" sind.

Quelle: Blick am Abend-online:

In der Serie der grössten TV-Skandale werfen wir einen Blick auf berühmte «Walk-outs»: Gäste, die mitten in der Sendung aufstehen und gehen.

Weitere Videos zu diesem Thema

SVP Präsident Ueli Maurer rastet aus!, 01:16

Roland Kayser bei Karl Dall (Dall-As), 02:45

Es gab Zeiten, da konnte sich die ganze Schweiz noch über den «Club» des Schweizer Fernsehens ereifern. 1986 kam es im damaligen «Ziischtigs-Club» zum Eklat. Moderator Georg Radanowicz unterhielt sich mit Gästen wie Elfie Casty, Annette Ringier und René Simmen über das Thema «Essen oder Abnehmen: Zielkonflikt nach den Festtagen».

Den Künstler Dieter Roth († 1998) interessierte seine Weinflasche allerdings mehr «Ich fresse, was ich will», sagte er stock betrunken und attackierte die Gäste. Für ihn wurde nur «Bla-Bla» geschwatzt.

Dann stand er auf, um – wie er sagte, «seichen» zu gehen. Dabei machter mit den Fingern eindeutige Bewegungen. Hunderte Zuschauer empörten sich nach der Sendung. Annette Ringier damals im BLICK: «Ich fragte mich, ob wir Bla-Bla redeten, weil uns Dieter Roth störte oder ob Dieter Roth störte, weil wir Bla-Bla redeten.»

Der «Fall» Roth zeigt: Wenn Talkgäste die Runde verlassen, ist das immer sehr effizient, wenn auch fast immer kalkuliert.

Ueli Maurer haute mal bei «TalkTäglich» ab. Roland Kaiser verliess Karl Dall, nachdem dieser zu ihm gesagt hatte: «Nun sing schon mal, damit wir’s hinter uns haben.» Bettina Böttinger kam zu Harald Schmidt, nur um gleich wieder zu verschwinden, weil er sie mit einer Kloschüssel verglichen hatte.

Aus einer Sendung zu verschwinden, ist beste PR. So nützte es auch Eva Herman, als sie ZDF-Talker Johannes B. Kerner aus seiner Talkshow komplimentierte. Sie wollte ihre Äusserungen zu den familiären Werten im Nationalsozialismus nicht kommentieren. Herman war so plötzlich wieder in der Opferrolle, was ihr nützte.

Kommentar: Ich habe festgestellt, dass es Moderatoren nicht schätzen, wenn eine Sendung mit einem Talkabbrecher gestört wird. Meist ist dann der Moderator irritiert, kann den Faden verlieren, ist gestresst und hat unbewusst ein schlechtes Gewissen. Er befürchtet, dass man ihm vorwerfen könnte, er sei zu wenig dialogfähig oder könne mit Menschen nicht umgehen. Für Kerner hatte der Rauswurf negative Folgen. Oft kommt es nämlich bei den Zuschaueren zu einem Mitleideffekt. Im Fall Kerner war der Abbruch für ihn ein kontraproduktiv. Ich kommentierte diese Geschichte ausführlich in rhetorik AKTUELL (Stichwort Kerner im Suchfenster eingeben).

Samuel Schmid bricht das Schweigen

Zu spät tritt Samuel Schmid doch noch vor die Presse. Nur deshalb, weil Roland Nef auch geredet hat. Ein sonderbares Kommunikationsmanagement. Konkrete Botschaften hatte Schmid keine. Botschaften, die überzeugen konnten. Dass er sich hinter den Chef Armee stellt und den Medien die Schuld zuweist ist keine Kernbotschaft, die den Medienwirbel hätten beruhigen können.

Der Verteidigungsminister verpasste seine Chance und verstärkte mit seinem diffusen Auftritt die Kommunikationskrise im VBS

Ich zitiere Blick-online:

Statt Transparenz und Zugeständnis : Schuldzuweisung und Beschönigungen:

Was mit Roland Nef in den vergangenen Tagen geschehen sei, verurteile er, tadelt Schmid. «Medien haben eine Kontrollaufgabe. Das garantiert die Verfassung. Aber sie haben auch eine Verantwortung.»

Und die verletzen die Medien – in Schmids Augen. Weil sie Fragen nach der Integrität «seines» Armeechefs, Fragen nach Schmids eigener Verantwortung stellen.

Der VBS-Chef will das endlich abstellen. Doch seine einstündige Pressekonferenz beweist vor allem eins: Samuel Schmid wollte Roland Nef so sehr als Armeechef haben – dass er die Sorgfalt beiseite liess. Dass er gar nicht erst wissen wollte, wie genau Nef seiner Ex-Freundin nachgestellt hatte. Dass er den Bundesratskollegen nichts von der Anzeige sagte, die Lynn S.* gegen Nef eingereicht hatte.

Der künftige Armeechef wurde beschuldigt, seine Ex mit Wutanfällen, hässlichen Mails und SMS geplagt zu haben. Die Polizei konfiszierte seine Computer. Zog vielleicht gar seine Armeewaffe ein. Doch der VBS-Vorsteher will darüber lieber nichts wissen: «Ich weiss nicht, ob das stimmt», sagt er noch heute über Dinge wie Roland Nefs Zahlung von Schmerzensgeld. Etwas, das Nef selber bestätigt.

Kommentar:

Statt Antworten hörte ich vor allem Weichspüler und ausweichende Antworten. Samuel Schmid konnte nicht begründen:

Warum er das Sicherheitsrisiko Nefs nicht vor dem Wahlvorschlag machen liess.

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Weshalb er die Akten "Stalking" nicht einsehen wollte (Aufhebung der Immunität)

Weshalb er den Bundesrat über die Untersuchung seines angeschuldigten Kandidaten nicht informiert hatte. Für Schmid war dies nur ein kalkulierbares Risiko.

Schmid wich aus, stellte Gegenfragen oder wählte die Methode der "Airbagrhetorik". Er sprach viel und sagte eigentlich nichts - nur warme Luft.

Ich bin sicher: Der Auftritt hat ihm und Nef geschadet. Es war kein Befreiungsschlag. Im Gegenteil: Die Geschichte ist nun noch diffuser, ist noch unklarer und geht bestimmt weiter. Wer vor die Medien tritt, müsste die Chance eines Medienauftrittes vorbereiten und nutzen!

Schmid weiss vielleicht: Er kann sich weitere Flops und Pannen leisten. Im Bundesrat wird er bestimmt trotz aller Mängel Rückendeckung haben. Denn der Bundesrat kann es sich nicht leisten - nach der Abwahl Blochers - der SVP indirekt Recht zu geben und eingestehen, dass Schmid Führungsprobleme und Kommunikationsprobleme im VBS hat (Er liess sich beispielsweise am Tag der Beerdigung beim Kanderdrama mit zwei schönen Frauen ablichten.) Gefährlich wird es vielmehr für Nef. Seine Glaubwürdigkeit wird heute von Politikern aus allen Parteien in Frage gestellt. Das könnte Folgen haben.

Unsere Prognose bewahrheitet sich: Wer in Krisensituationen nicht offen und transparent informiert macht ein Eigencoal. Weil Armeechef Nef bunkert, bohren die Medien nach. Und siehe: Sie werden fündig:

Aus 20 Minuten:

Affäre Nef

Nefs Anwalt widerspricht seinem Mandanten

Neue Unklarheiten im Fall Nef: Die ehemalige Lebensgefährtin hat die Desinteresse-Erklärung gemäss Nef-Anwalt Bernhard Rüdy erst nach der Wahl von Roland Nef zum Armeechef unterzeichnet.

Armeechef Roland Nef hatte dies am Donnerstag noch verneint.

Die Medien teilen unsere Analysen:

Medienspiegel nach blick-online:

Von "Sämi Prinzip" ist bereits die Rede:

Die Presse ist sich einig:

Bundesrat Schmid handelte alles andere als souverän. (Keystone)

Nicht nur bei den Parteien hat Bundesrat Schmid bei der Pressekonferenz gestern wenig überzeugt. Die Zeitungskommentatoren kritisieren, dem VBS-Vorsteher habe bei der Ernennung von Roland Nef

das Gespür für die politische Brisanz des Falles gefehlt.

Es erstaune, wie locker Schmid mit dem Verfahren wegen eines Streits zwischen Nef und seiner Ex-Partnerin umging, schreibt «Der Bund» am Samstag. «Gerade weil sich die Armee immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, sie fördere eine Macho-Mentalität, hätte er reflexartig darauf pochen müssen, von Nef das Wesentliche zu erfahren.»

Für den «Landboten» war das «kalkulierbare Risiko», wie Schmid Nefs Nomination am Freitag bezeichnet hatte, schlicht fahrlässig. «Einem alten Politfuchs wie Schmid hätte die Warnlampe aufleuchten müssen, dass bei einem Mann, der die Funktion des Armeechefs übernimmt, möglicherweise auch eine ‹rein private Angelegenheit› irgendwann politische Implikationen haben kann.»

«Mit Verlaub, das war ein Hochrisikounterfangen», meint auch die «Berner Zeitung». Schmid habe es nicht einmal für nötig erachtet, bei Nef nachzufragen, worum es beim Rechsstreit mit der Ex- Partnerin genau ging.

Jagdstimmung angestachelt

Der «Tages-Anzeiger» deutet Schmids Verhalten gar als

«Sämi-Prinzip»:

«Nichts sehen, nichts sagen und warten, bis es vorüber ist.» Das Tragische sei, dass sich dies zu lohnen scheine: Schmid habe bereits angedeutet, dass ihm der Bundesrat kaum die Leviten lesen werde.

Für «Le Temps» hat die Affäre Samuel Schmid weiter geschwächt.

«In seiner Unfähigkeit, die Krise zu meistern, hat er das Feuer nur noch mehr angeheizt.» Das sieht auch das «St. Galler Tagblatt» so: «Mit seinem Auftritt hat Bundesrat Schmid die Jagdstimmung der Medienmeute eher wieder angestachelt.»

Gar ein «Beresina» droht dem VBS-Vorsteher laut «24 Heures» und «Tribune de Genève». Schmid habe sich mit dem Plädoyer für seinen «Klienten» Nef selber belastet. Auch die beiden Westschweizer Zeitungen werfen dem Bundesrat vor, sich einzig auf Nefs Worte verlassen.

Differenzierter kommentierte die «Neue Zürcher Zeitung». Schmid habe einige Fragen «mit valablen Argumenten» klären können. So sei die Armee nie Gefahr gelaufen, von einem obersten Chef kommandiert zu werden, der in ein Strafverfahren verwickelt oder gar verurteilt sei.

«Weniger schlüssig» waren für die NZZ aber Schmids Erklärungen dafür, warum er den Bundesrat nicht über das laufende Verfahren gegen Nef ins Bild setzte – «es gab kaum gewichtige Argumente gegen die Schaffung voller Transparenz.»

Kommentar: Obwohl Samuel Schmid mit der Unterstützung des Bundesratskolegiums rechnen kann und aus der jetzigen parteipolitischen Situation im Bundesrat profitieren wird (er könnte sich noch viele weitere Fehler leisten und muss mit keinen harten Konsequenzen rechnen), so hat doch seine Marke, seine Glaubwürdigkeit erheblich gelitten. Sein kommunikatives Fehlverhalten wird aber dem Armeechef schaden und ich gehe davon aus. Nef müsste sich darauf vorbereiten, dass er über die Klinge springen muss. So wie Korpskommandant Knutti im im Fall Kanderunglück überraschend schnell geopfert wurde (Er hatte bei der Beförderung einen Formfehler gemacht) - so wird Armeechef Nef damit rechnen müssen, dass auch er mit analogem Massstab gemessen werden wird und ihm schwere Tage bevorstehen.

Nachtrag: Wie vermutet werden in der Sonntagspresse pikante Details publik:

Quelle "SonntagsZeitung", aus 20 Min-online:

Affäre Nef

Nef hetzte Sexhungrige auf seine Ex-Freundin

Bislang war unklar, weshalb Armeechef Nef von seiner Ex-Partnerin wegen Nötigung angeklagt worden ist. Jetzt kommen Details ans Tageslicht: Nef soll Sexinserate dazu benutzt haben, andere Männer auf seine Expartnerin zu hetzen. Bundesrat Schmid wusste davon, im Widerspruch zu seiner Erklärung vom Freitag. Mehr...

Sonntag, 13. Juli 2008

Auch BR Schmid hüllt sich in Schweigen

Nicht nur das eiserne Schweigen unserer Aussenministerin nach den happigen Vorwürfen im Zusammenhang mit der Befreiungsaktion in Kolumbien ist ein Medienthema. Nun gräbt die Sonntags Zeitung eine Geschichte aus, die auch für Bundesrat Schmid unangenehm werden könnte.

Schmid reagiert mit Schweigen und lehnt laut SonntagsZeitung jede Stellungsnahme ab.

Ich zitiere 20 Minuten-online:

Nef zu Unrecht Chef der Armee?

Bundesrat Schmid schlug Roland Nef zum Armeechef vor, obwohl er wusste, dass gegen ihn ein Strafverfahren wegen Nötigung im Gange war. Nef habe seine damalige Lebenspartnerin bedrängt und in Angst versetzt.

Bundesrat Samuel Schmid beförderte Brigadier Roland Nef am 31. Dezember 2007 in Jegenstorf zum Korpskommandanten und damit zum Chef der Armee.

Das Verfahren der Beförderung wird heute angezweifelt. (Bild: Keystone/Lukas Lehmann)

Das Verteidigungsdepartement VBS kommt nicht zur Ruhe. Die SonntagsZeitung deckt in ihrer aktuellen Ausgabe einen neuen Skandal auf. Es geht dabei um die Ernennung von Roland Nef zum Armeechef, die wohl entgegen den Regeln des VBS erfolgt ist. Gegen Nef lief ein Strafverfahren, als er vom Brigadier zum Korpskommandanten befördert wurde.

Pikant dabei ist, dass bei einem laufenden Strafverfahren in der Schweizer Armee gewöhnlich einen sofortigen Beförderungsstopp zur Folge hat.

Vor wenigen Wochen hat Nef selber den damaligen Luftwaffenchef Walter Knuttli entlassen, weil er die Bewerbungsdossier unsorgfältig geführt hatte.

Eigentlich hätte Nef damals nicht Armeechef werden dürfen. Die Wahl wurde im Vorfeld nicht verhindert, weil die Sicherheitsprüfung von Nef erst sechs Wochen nach der Ernennung zum Boss der Armee statt fand. Normalerweise werden hohe Beamten im Vorfeld der Wahl durchleuchtet, was auch Sinn macht.

Was wird Roland Nef vorgeworfen?

Die Zürcher Staatsanwaltschaft und die Polizei ermittelten gegen den damaligen Brigadier wegen Nötigung. Die Vorwürfe im Verfahren wegen häuslicher Gewalt waren massiv. Er habe seine damalige Lebenspartnerin über längere Zeit bedrängt und in Angst versetzt, schreibt die SonntagsZeitung. Zeugen aus dem Umfeld der Frau bezeichnen die Anzeigeerstatterin als glaubwürdig und ihre Angst als berechtigt. Auch die Ermittler nahmen die Aussagen der Frau ernst. Noch während das Strafverfahren in Zürich lief, wurde Roland Nef am 7. Juni 2007 zum Armeechef befördert. Laut Militärgesetz ist ein «hängiges Strafverfahren wegen eines Verbrechens oder Vergehens» ein Hinderungsgrund für eine Beförderung – es sei denn, der Vorgesetzte gibt grünes Licht. In diesem Fall heisst der Vorgesetzte Bundesrat Samuel Schmid. Dieser wusste vom Strafverfahren gegen Nef, verschwieg dies jedoch gegenüber seinen Bundesratskollegen, die Nef zum Armeechef wählten. Wieso unterschlug Schmid die schwerwiegenden Fakten? «Bundesrat Schmid wurde von Roland Nef ­eine bevorstehende Einstellung des Strafverfahrens zugesichert», schreibt das VBS in einer Stellungnahme gegenüber der SonntagsZeitung. Die Anzeige-Erstatterin machte tatsächlich kurz vor der Wahl eine Kehrtwende. Sie unterschrieb ­eine so genannte Dessinteressenerklärung. Damit zeigte sie sich einverstanden, dass gegen Nef nicht weiter ermittelt wurde. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ­stellte das Verfahren darauf am 23. Oktober 2007 ein. Wie es zu der ­Desinteressenerklärung der Anzeige-Erstatterin kam, bleibt unklar.

Schmid und Nef nahmen gegenüber der SonntagsZeitung keine Stellung zu den Vorwürfen und hüllen sich in Schweigen.

Kommentar:

In beiden Fällen (Calmy-Rey und Schmid) gibt es bestimmt Kreise, die daran interessiert sind diese Magistraten anzuschwärzen. Uns interessieren diese allfälligen Ränkespiele weniger. Uns geht es vielmehr darum, wie sich Micheline Calmy-Rey und Samuel Schmid in der jetzigen unangenehmen Situation medienrhetorisch verhalten. Nach meinem Dafürhalten wäre ein Abtauchen, ein Ausschweigen ein "No-comment- Verhalten" falsch. Deshalb werde ich beide Fälle weiter verfolgen. Kurz überlegen mit einer Denkpause ist gut - aber die Vorwürfe aussitzen wäre kontraproduktiv. Das konsequente Schweigen wäre in beiden Fällen langfristig alles andere als Gold.

Nachtrag Tagesanzeiger-online 15. Juli:

Mit Hinweis auf die Vertraulichkeit der Bundesratssitzungen wollte sich der Sprecher auch nicht zur Information der «SonntagsZeitung» äussern, wonach Schmid das Regierungskollegium bei der Wahl des neuen Armeechefs über den Umstand der laufenden Untersuchung gegen Nef nicht informiert haben soll.

Samstag, 12. Juli 2008

Schock als Methode, um Zustände zu verbessern

Das kennen wir aus Plakataktionen gegen das Rasen, aus Kampagnen gegen das Rauchen , gegen das Robbenschlachten, gegen Pelztragen usw. Schockbilder sollen aufrütteln und die Menschen beeinflussen.

Ich zitiere rp- online:

Starkoch Jamie Oliver bringt Küken um

Foto: RTL2/Philip Hollis for Ch

Der britische Starkoch Jamie Oliver protestiert gegen die Massenhaltung von Legehühnern. Allerdings macht er das auf eine etwas drastische Weise.

Star-Koch Jamie Oliver lässt Küken im TV ersticken

Jamie Oliver Star-Koch erstickt Küken im TV

Sie quieken, sie japsen, sie sterben. Am Montag werden Millionen TV-Zuschauer Zeugen, wie süße Küken vor laufender Kamera mit einem Gas qualvoll erstickt werden.

Um 21.15 Uhr zeigt RTLII die britische Show „Jamies Hühnerhölle“ mit Star-Koch Jamie Oliver. Der beliebte Koch und Buchautor serviert seinen Studiozuschauern – nichts ahnenden Gästen eines Gala-Dinners – lebendige Küken. Dann steckt er die männlichen Vögel in einen Glaskasten und lässt ein Kohlendioxidgemisch einströmen.

Die japsenden Tiere ersticken binnen weniger Sekunden. Viele Studiozuschauer weinen bei dem schockierenden Anblick.

Jamie Oliver will so auf unwürdige Zustände in Legebatterien aufmerksam machen. Die männlichen Küken werden beseitigt, weil sie keine Eier legen.

Kommentar: Die Schocktherapie ist gut gemeint und Bilder können die Adressaten positiv beeinflussen. Ich hatte diese Woche einen Dozenten kennen gelernt, der mir gesagte hatte, er habe mit Rauchen aufgehört, weil er es nicht ertrage die abschreckenden Texte und Bilder mit schwarzen Lungen anschauen zu müssen. Anderseits beahptete mir ein Chirurg, er zweifle an der nachhaltigen Wirkung von Bildern. Wenn jemand süchtig sei, helfe auch die Schocktherapie nichts. Denn: Seine Assistenzärzte, die Kettenraucher sind, würden sogar nach der Amputation eines Raucherbeines wieder in der Pause eine Zigarette anzünden und fügte an: "Und dieser Anschauungsunterricht ist doch noch konkreter als ein Videofilm oder eine Foti!"

Die Frage ist somit berechtigt: Wie nachhaltig ist die Sendung mit den Küken, die vor laufender Kamera getötet werden?

Sonntag, 6. Juli 2008

Allain Guggenbühls Gedanken, die uns zu denken geben müssten:

Quelle: Interview in sonntag.ch:

«Die Jugend ist übertherapiert»

Jugendexperte Allan Guggenbühl redet über antiautoritäre Erziehung, die Unterforderung der Jugendlichen durch die Gesellschaft – und er sagt, warum er das Schulfach «Kämpfen» fordert.

Sonntag: Die Jugendlichen trinken heute weniger Alkohol als vor vier Jahren. Das ergab die neue Schülerbefragung der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, die letzte Woche veröffentlicht wurde. Grund zur Entwarnung?

Allan Guggenbühl: Man muss vorsichtig sein mit solchen Studien, die Zu- oder Abnahmen beschreiben. Natürlich gibt es Schwankungen, aber der entscheidende Punkt ist doch: Ein Teil der Jugendlichen hat nach wie vor Probleme mit Alkohol. Ob das nun ein paar Prozent weniger sind, ist zweitrangig.

In letzter Zeit sorgt vor allem das so genannte Kampftrinken für Schlagzeilen: Gruppensuff als Freizeit-Event. Eine neue Erscheinung?

Das hat es früher auch schon gegeben. Die Einführung in die Gesellschaft über Alkohol ist ein uraltes Phänomen. In einigen Kulturen ist das ritualisiert und gehört zum Erwachsenwerden.

Das exzessive Kampftrinken wird oft als ein Symptom für die Verlotterung einer ganzen Generation gesehen. Die heutige Jugend ist geradezu harmlos. Erstens ist der Anteil der Jugendlichen in unserer Gesellschaft historisch gesehen klein – wir sind eine gerontologisch orientierte Gesellschaft, in der die Alten die Standards definieren. Zweitens fügt sich die Mehrheit der Jugendlichen diesen Standards und widmet sich der Zerstreuung, die unsere Kultur anbietet. Dazu passt, dass das Kiffen nicht mehr so attraktiv ist. Kiffer wirken abgelöscht und adynamisch. Das passt nicht zum extrovertierten Lifestyle, den viele Jugendliche heute pflegen.

Trotz harmloser Jugend: Derzeit gibt es einen Trend zu mehr Repression mit Verboten und nächtlichen Ausgangssperren. Eine Reaktion auf das antiautoritäre Laisser-faire der 68er-Generation?

Ich würde das nicht historisch begründen. Es gibt heute beides: das Permissive und das Restriktive. In Erziehung und Schule gilt, dass die Kinder ihren Weg individuell und autonom suchen sollen, man sucht die Diskussion und den Konsens. Später merkt man, dass Jugendliche auch problematisch sein können – und schwingt die Gegenkeule.

Das heisst? Vor allem wenn unsere Söhne und Töchter Kinder sind, verwöhnen und überschätzen wir sie, verpassen es oft, ihnen Schranken zu setzen und in Aufgaben einzubinden. Wenn sie dann älter werden, stören wir uns an der Arroganz oder Verwöhnung, die daraus resultiert, und reagieren autoritär.

Für welches Erziehungsmodell plädieren Sie: autoritär oder antiautoritär?

Für eine gemässigte autoritäre, dialogische Erziehung.

Geht es etwas präziser?

Eltern sollen Werte durchsetzen, aber im Bewusstsein, dass es sich um ihre eigenen Werte handelt und diese nicht absolute Gültigkeit haben. Wichtig ist, dass man im Gespräch bleibt und den Dialog pflegt.

Im Kanton Zürich müssen überforderte Eltern künftig zu einem obligatorischen Erziehungskurs antraben. Was bringt das?

Die Eltern müssen freiwillig mitmachen, sonst bringt es gar nichts. Ich führe selbst solche Kurse durch. Ich gebe den Eltern keine fertigen Erziehungsrezepte mit nach Hause. Es geht vielmehr darum, dass sich die Eltern klar werden, was sie wollen und wie sie das durchsetzen können.

Ausländische Eltern und Schüler werden oft für die eskalierende Gewalt an den Schulen verantwortlich gemacht. Sie haben kürzlich eine Gruppe islamischer Jugendlicher gecoacht. Was haben Sie festgestellt?

Islamische Jugendliche sprechen stark auf Hierarchien an. In ihrer Kultur sind sie eine wichtige Orientierungshilfe. Sie wollen wissen, welche Positionen sie haben und wer der Boss ist. Unsere auf Konsens ausgerichtete Kultur empfinden viele als schwach. Das gilt auch für unsere Ablehnung von physischer Gewalt. Einzelne islamische Jugendliche sagen sich sogar: «Wenn ich mir die Nase breche, was solls?» Sie haben das Gefühl, sie seien uns überlegen, weil wir auf Gewalt verzichten und panische Angst haben vor einer Ohrfeige oder vor einem Schubs. Für sie ist das ein Untergangssymptom unserer Kultur.

Was bedeutet das für die Schulen?

Viele Jugendliche aus islamischen Ländern sind überfordert, wenn man versucht, sie über Reden und den Dialog einzubinden und sie quasi auf den Weg der Vernunft zu bringen. Das gilt auch für die Eltern. Es funktioniert nicht, wenn der Lehrer sagt: «Wir hätten einen Elternabend nächste Woche. Es wäre schön, wenn Sie auch kämen.»

Sie kommen dann ja bekanntlich auch eher selten an diese Elternabende . . .

Man müsste klar den Tarif durchgeben: «Das ist ein obligatorischer Elternabend, und Sie kommen!» Auch den Schülern, vor allem den Buben, muss der Lehrer klarmachen, wer im Klassenzimmer der Boss ist.

Wie soll er das anstellen?

Vielleicht könnte man sogar einführen, dass die Schüler beim Eintreten des Lehrers aufstehen müssen. Das ist ein wirkungsvolles Disziplinierungsritual. Wir Schweizer haben Angst, durch solche Rituale als autoritär zu gelten.

Den Schweizern dürfte es gewaltig auf die Nerven gehen, wenn sie solche Disziplinierungsrituale über sich ergehen lassen müssen, nur weil die ausländischen Mitschüler sonst aus dem Ruder laufen.

Das ist genau das Problem. Hier gibt es ein Dilemma. Wir haben eine demokratische Kultur, möchten auf äusserliche Inszenierungen von Macht und Autorität verzichten.

Später im Arbeitsleben müssen sich Jugendliche selbstständig behaupten können.

Das Arbeitsleben ist für viele Jugendliche der Ort, wo sie wirklich mit unseren Werten konfrontiert und ernst genommen werden. Man steht ehrlich zu Macht und Position und versteckt sich nicht hinter wohltönenden Konzepten, wie es in der Erziehung und der Schule zum Teil der Fall ist. Die Schule empfinden ja viele Jugendliche als Unterwerfungsinstitution, die so tut, als verfolge sie edlere Ziele.

Klare Hierarchien gibt es auch im Militär. Hat die Armee deshalb grossen Zulauf von Secondos? Sie finden im Militär eine überschaubare, verständliche Subkultur, die über Hierarchien, Befehle und klare Leistungsvorgaben funktioniert. Das gibt eine Art Orientierung. Genau darin liegt das Problem vieler Jugendlicher:

Es wird von ihnen nichts mehr verlangt. Sie sind massiv unterfordert. Das Einzige, worauf sie hoffen können, ist die Autoprüfung – das gibt dann den Kick. Es gibt heute eine Infantilisierung der Jugendlichen.

Man muss sie mehr in die Pflicht nehmen?

Ja. Wir widmen uns der Jugend – aber vor allem über Programme, Aktionen, Therapien und Events. Sie wird unterhalten und betreut, bis zum Abwinken. Aber es wird nicht wirklich Verantwortung übergeben. Jugendliche sehnen sich nach Aufgaben, die wirklich mit Verantwortung verbunden sind. In den Augen der Jugendlichen gibt es zwei Arten, wie man in unserer Gesellschaft erwachsen wird: Man hat ein Auto, und man verdient Geld. Letzteres sollte man mehr nutzen.

Zum Beispiel anstelle eines temporären Schulausschlusses, den man dann wiederum mit Therapien und Unterricht überbrückt?

Die Idee, dass alle Jugendliche 100 Prozent in die Schule gehen müssen, ist absurd. Einem 14-Jährigen, der nicht mehr auf die Schule anspricht, sollte man sagen: Du gehst drei Tage in die Schule, und den Rest musst du arbeiten und Geld verdienen. Das würde mehr bringen. Man vergisst, dass früher schon 13-Jährige gearbeitet haben. Heute sind sie 18 Jahre alt und haben noch nie erlebt, dass ihre Arbeit geschätzt wird. Das wichtigste Zeichen, diese Wertschätzung auszudrücken, ist das Bezahlen mit Geld.

Also weniger Schule für schwierige Jugendliche?

Mein Eindruck ist, dass die Jugend übertherapiert und mit gewissen Sozialprogrammen sogar stillgelegt wird. Inzwischen gibt es einen ganzen Stand von Leuten, die sich um die Jugend kümmert. Sie organisieren Programme, geben Ratschläge und machen Schulungen über das Leben. Wir neigen dazu, die Jugendlichen zu sehr zu schützen und für alles ein Auffangbecken bereit zu halten.

Gut, aber allein lassen geht auch schlecht. Ich habe beobachtet, wie gewisse Jugendliche beruhigt reagiert haben, als sie von der Stadtpolizei arrestiert wurden, in der Zürcher Urania-Hauptwache eine Nacht bleiben mussten und bis auf die Boxer-Shorts ausgezogen wurden. Ich fragte mich, warum. Bis ich realisiert habe: Endlich hat man eine Tat von ihnen respektiert und Konsequenzen gezogen. Ausser zu delinquieren gibt es praktisch keine Taten mehr, die Jugendliche machen können, damit sie sich als eigenständige Wesen profilieren können.

Kampfsportarten boomen. Im Zweikampf spürt man die Folgen seiner Taten unmittelbar. Ein Grund für die Beliebtheit bei Jugendlichen?

Ja. Ich bin dafür, dass man das Schulfach «Kämpfen» einführt.

Wie bitte?

Im Sinne einer Einführung in die Aggression. In den Schulklassen versteht man sich nie mit allen. Man hat auch Feinde. Da muss man verschiedene Formen einführen, wie man das austragen und kämpfen kann. Viele schwierige Jugendliche wissen nicht, wie sie ihre Aggressionen ausleben können. Dann wird es rasch pathologisch, zum Beispiel mit Faustschlägen ins Gesicht. Darum müsste man in den Schulen Kampfsportarten einführen. Und zwar nicht nur körperlich, sondern auch verbal. Auch das «Dissen» sollte als Schulfach eingeführt werden.

Samstag, 5. Juli 2008

Kommunikationsprozesse vereinfachen - aber wie?

Oder: Warum nicht einfach, wenn es kompliziert geht?

Quelle: Reussers Humorseite

Kommunikation ohne Grenzen

...rrring

Hallo Hans?

Hast Du den Vertrag überarbeitet, den ich Dir geschickt habe?

... So, er ist fertig? Du willst ihn mir per eMail schicken?

Meine eMail-Adresse? Öh, die habe ich gerade nicht parat !!!

Eine Minute, lass mich nachsehen.

NICOOOLE, ... WIE IST MEINE EMAIL-ADRESSE?

Nein, nein, das ist meine private eMail-Adresse!

Hör zu, Ich kann sie gerade nicht finden.

Lass mich nachsehen und ich rufe Dich zurück.

Oh!... Du gehst jetzt zum Essen...

OK, ich schicke Dir die Adresse per Fax.

Du hast sie dann, wenn Du zurück kommst. OK?

OK. Dann gib mir Deine Fax-Nummer.

Was! Du weisst sie nicht?

OK, lass es uns so machen.

Du mailst mir Deine Fax-Nummer und ich faxe Dir meine eMail-Adresse.

Nein, das klappt ja nicht. Warte, ich bin durcheinander... Lass mich nachdenken...

So... Hmm... OK... Aha... Ja...

Wie ist Deine Handy-Nummer?

Oh, Dein Akku ist leer ... Meiner auch...

OK, hör zu, wir machen es so...

Du lädst Deinen Akku wieder auf, ich rufe Dich in ein paar Stunden an und hinterlasse Dir meine eMail-Adresse auf Deiner Voicebox.

Dann nimmst Du meine eMail-Adresse aus Deiner Voicebox und mailst mir Deine Fax-Nummer.

Dann kann ich Dir meine eMail-Adresse zufaxen.

Das war Plan A. Nun Plan B!

Ich schicke mir selbst eine eMail zu um herauszufinden, wie meine eMail-Adresse lautet und nehme eine Nachricht für Dich in meiner Voicebox auf...

... wenn Du diese erhältst, schickst Du mir Deine Antwort auf meinen Pager...

Kompliziert?

Nö, das ist überhaupt nicht kompliziert.

Wir brauchen nur ein bisschen Koordination... und Glück...

Da gibt es noch eine Möglichkeit, die viel einfacher ist: Plan C...

Du schickst mir den Vertrag direkt per Express Kurier.

Jaa!... Das ist der beste Plan. Strategisch gesprochen...

Aber warte mal, ich hab´ noch eine Frage...

... was sollte ich Dir per eMail schicken?

Meine eMail-Adresse, meine Fax-Nummer, meine Handy-Nummer, Pager, Telefon?

Oh! Du weisst es auch nicht mehr.

Es wäre wahrscheinlich keine schlechte Idee, regelmässig bilaterale

Koordinations-Meetings für Verfahrensweisen zur internen Kommunikation zu haben.

Ist ja auch egal.

Dein Büro ist sowieso nur am anderen Ende des Korridors.

Ich komme einfach rüber und hole es mir in 2 Minuten ab... OK? Tschau!

Fazit :

Dank modernster Technologie können wir nun mit einer Effizienz Zeit vergeuden, die bisher unvorstellbar war – und dies alles im Namen der Zeitersparnis!

ERKENNTNIS:

Es lohnt sich, mit Medien situationsgerecht umzugehen.

Sonst kommt es zu Endloskommunikationsschlaufen