Das Swisscom-Netz versagte in diesem
Jahr bereits zweimal, zuletzt am vergangenen Mittwoch, als in weiten
Teilen der Schweiz die Notrufe ausgefallen sind. Die Panne dauerte von
22.33 Uhr am Dienstagabend bis 00.10 Uhr am Mittwoch. Polizei und
Sanität waren zum Teil nur noch via Mobilkommunikation erreichbar.
Doch
auch 2019 hatte die Swisscom mit Pannen zu kämpfen, so verschickte sie
im März E-Mails an die falschen Empfänger, im Juni löschte sie Fotos,
Videos und andere Daten von hunderten von MyCloud-Nutzern.
«Die Swisscom ist sehr pannenanfällig»
Das
Unternehmen rühmt sein Netz derweil als das «beste der Schweiz». Wie
Ralf Beyeler, Telekom-Experte beim Onlinevergleichsdienst Moneyland,
gegenüber dem «Sonntagsblick» sagt, sei damit «über die Netzsicherheit
und die Verbindung leider nichts gesagt.» Die Swisscom habe in letzter
Zeit bewiesen, dass sie sehr pannenanfällig sei und dem eigenen Slogan
kaum noch nachkomme.
Beyeler ist überzeugt, dass es nicht an den
Technikern liegt – diese seien bestens ausgebildet. Gegenüber der
«SonntagsZeitung» sagt er: «Die Swisscom hat ihre Technologie nicht im
Griff.» Dies führt Beyeler auf ein «kulturelles Problem» zurück. «Das
Management bremst bei den Investitionen in die Infrastruktur. Sie wird
aus Kostengründen zu wenig gut gewartet.» Laut Beyeler bestehe der
Unterschied zu den anderen grossen Anbietern UPC, Sunrise und Salt
darin, dass diese Vorkehrungen im Fall von Störungen getroffen haben.
Vorstösse geplant
Laut
dem «Sonntagsblick» würden nun die Fernmeldekommissionen von National-
und Ständerat aktiv. So soll SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger am
Montag einen Vorstoss einreichen, um Antworten auf Fragen zu erhalten
wie:
«Wie können weitere Pannen verhindert werden? Welche Risiken für
Blaulichtorganisationen, Banken und Bevölkerung entstehen durch die
Pannenserie von Swisscom?» Und SP-Nationalrat Matthias Aebischer will
wissen: «Wie ist es möglich, dass aufgrund menschlichen Fehlverhaltens
sämtliche Notruf-Back-ups ausser Kraft gesetzt werden?» Auch soll das
Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Vorfälle untersuchen.
Personelle Konsequenzen?
Swisscom-Chef
Urs Schaeppi schliesst personelle Konsequenzen nach der Panne von
vergangener Woche nicht aus. Es sei inakzeptabel, dass Notrufnummern
ausfallen, sagte er im Interview der «SonntagsZeitung». Mit den
Notfalldiensten sollen Möglichkeiten für zusätzliche «Rettungsschirme»
geprüft werden.
Über allfällige personelle Konsequenzen werde
entschieden, wenn die Detailanalyse zu den Ereignissen vorliege, sagte
Schaeppi. Er selber habe nicht an Rücktritt gedacht. Aber es sei ihm
bewusst, dass er als Firmenchef letztlich die Verantwortung dafür trage.
«Meine Aufgabe ist es, die richtigen Lehren aus den Vorfällen zu ziehen
und die nötigen Massnahmen umzusetzen», sagte er weiter.
Er könne
sich für die Vorfälle nur entschuldigen. Er verstehe auch die Kritik an
der Swisscom. «Wir messen die Zuverlässigkeit unserer Netze laufend und
verbessern sie», sagte Schaeppi weiter. In den vergangenen drei Jahren
seien beispielsweise die Ausfallminuten bei Privatkunden um gegen 40
Prozent gesunken. Die Systeme sind insgesamt stabiler geworden.«
Die Risikostufe wurde falsch eingeschätzt
Schaeppi
wies darauf hin, dass es eine Ausfallabsicherung bei den Notfallnummern
gebe. Zusätzlich existiere eine zweite Rückfallebene, die in einigen
Kantonen den Ausfall verhindert habe. Insgesamt werde aber noch mehr
Sicherheit benötigt. »Wir werden uns deshalb mit den Notfalldiensten
zusammensetzen und prüfen, wie wir gemeinsam weitere Rettungsschirme
einbauen können«, sagte der Swisscom-Chef weiter.
Die Panne von
vergangener Woche bezeichnete er als «eine Verkettung unglücklicher
Umstände.» Wir wissen nun dass die Risikostufe bei einer Änderung am
Netz von mehreren Spezialisten falsch eingeschätzt wurde. Das ist ein
Fehler, der nicht passieren darf», sagte der Swisscom-Chef weiter.
Die
Risikoeinschätzung der Änderung, welche die jüngste Störung ausgelöst
habe, sei nun per sofort um zwei Stufen erhöht worden. Ausserdem habe er
verfügt, dass die Spezialisten die Risikostufen sämtlicher Änderungen
überprüften und wenn nötig neu beurteilten. Zudem laufe ein externer
Audit zu den Notfalldiensten. «Und seit längerem läuft ein Programm, um
die Verfügbarkeit und Betriebsstabilität unserer Netze weiter zu
erhöhen», sagte Schaeppi weiter.
Er habe die Situation mit den
Verantwortlichen genau geprüft: Es seien falsche Einschätzungen
vorgelegen, welche diese fatalen Konsequenzen gehabt hätten. «Ich wehre
mich gegen den unterschwelligen Vorwurf, dass wir zu wenig für den
Netzunterhalt tun», sagte Schaeppi. In der Schweiz würden jährlich etwa
1,6 Milliarden Franken in die Infrastruktur investiert. Davon flössen
etwas mehr als 500 Millionen Franken in die Wartung und in den
Unterhalt.
(rab/sda)
Kommentar:
Und einmal mehr die übliche CEO-Rechfertigung: Ich selber habe
nicht an Rücktritt gedacht. Aber es mir bewusst, dass ich als
Firmenchef letztlich die Verantwortung dafür trage. Wie kann diese Aussage mit den Boni vereinbart werden? Weshalb müssen andere gehen und der Verantwortliche darf bleiben? So kann das Vertrauen bei der Swisscom nicht wieder hergestellt werden.
Peinlich für die Swisscom. Wenn ein Grossteil der Schweiz keine Internetverbindung mehr hat, wenn die Swisscom Kunden über Stunden keine Möglichkeit haben im Notfall die Feuerwehr die Polizei oder einen Krankenwagen anzufordern, müssten bei der grossen Swisscom die Alarmglocken läuten. So etwas dürfte gar nicht geschehen. Bei der ersten Panne entschuldigte sich die Swisscom. Das gravierende Vorkommnis hatte aber keine Folgen. Unglaublich, aber wahr: Nach wenigen Wochen erfolgte noch einmal so ein grossflächiger Ausfall. Dies ist ein enormer Reputationsschaden, der nicht hingenommen werden dürfte. Die Begründung- „Wenn solche Pannen nicht mehr geschehen dürften, bräuchte es mehr Geld“ genügt nicht. Der Vorschlag, die Boni der Führungsspitze längerfristig zu kürzen, scheint mir gar nicht so abwegig. Jedenfalls darf jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden. Handlungsbedarf ist gefragt. Nur schon ein gravierender Ausfall ist eine Panne zu viel. Doch bei der Swisscom kam es sogar zu einer zweiten unverzeihlichen Panne, die katastrophale Folgen hätte haben können. Aller schlechten Dinge sind drei. Es folgte in kurzer Folge auch noch eine dritte Panne. Die flächendeckenden Ausfälle bei Notrufen haben jetzt immerhin ein politisches Nachspiel. Schäppi muss nun im Parlament antraben.
Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass die Grundversorgung der Schweiz nicht gesichert ist. Die Pannen sind keine Bagatellen. Entschuldigungen genügen nicht. Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut Schäppis stecken. Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen. Massnahmen sind gefragt, dass so etwas nie mehr vorkommen kann. Der nächste Sturm kommt bestimmt.