Donnerstag, 7. Juni 2018

Das Volk wurde hinters Licht geführt

Ausschaffungen

Quelle: 20 Min

«Das Volk wurde brandschwarz angelogen»

Eine erste Bilanz zur Ausschaffungsinitiative zeigt: In fast der Hälfte der Fälle sieht die Justiz von einem Landesverweis ab. Nun will die SVP die Härtefallklausel angreifen.



1|8
Die Gegner der Durchsetzungsinitiative versprachen eine «pfefferscharfe Unsetzung». Für Ex-SVP-Präsident Toni Brunner ist klar: Das Volk wurde hinters Licht geführt.
Die Gegner der Durchsetzungsinitiative versprachen eine «pfefferscharfe Unsetzung». Für Ex-SVP-Präsident Toni Brunner ist klar: Das Volk wurde hinters Licht geführt. Die Statistik zeigt: Wer wegen Drogenhandels verurteilt wurde, wird zu 78 Prozent ausgeschafft, der bandenmässige Diebstahl wird zu 73 Prozent mit einem Landesverweis bestraft. Im Bild: Das Flughafengefängnis in Kloten. Wer hingegen Sozialhilfebetrug begeht, darf bleiben. Von 25 Fällen im letzten Jahr wurde kein Einziger zum Verlassen des Landes verurteilt. Die Täter können aufgrund der Härtefallklausel bleiben, die das Gesetz zur Ausschaffungsinitiative vorsieht. Die Klausel besagt, dass ein Gericht «ausnahmsweise» von einem Landesverweis absehen kann, wenn dieser für den Täter einen «schweren persönlichen Härtefall» bedeuten würde und das private Interesse des Betroffenen das öffentliche Interesse an einer Wegweisung überwiegt. Was als Härtefall angesehen werden kann, daran scheiden sich die Geister. Sogar schwere Straftaten enden oft nicht mit einem Landesverweis. Täter, die wegen sexueller Handlungen mit einem Kind verurteilt wurden, konnten in 13 von 16 Fällen bleiben. Die SVP wollte die Härtefallklausel mit der Durchsetzungsinitiative (DSI) kippen – und verlor die Abstimmung im Februar 2016. Auch FDP-Ständerat Philipp Müller, der gegen die Durchsetzungsinitiative kämpfte, übt Kritik an der Ausschaffungspraxis: Die Zahlen belegten, dass der Wille des Gesetzgebers und des Schweizer Volks unterlaufen werde. Für Sibel Arslan (Grüne) ist die Kritik der SVP Stimmungsmache: «Das Volk hat die DSI abgelehnt. Nun versucht die SVP, die Richter unter Druck zu setzen.»

Im vergangenen Jahr sprachen Staatsanwälte und Gerichte 1210 Urteile gegen Ausländer aus, die unter den neuen Ausschaffungsartikel fallen – sie haben eine Katalogtat wie Diebstahl, Betrug oder schwere Körperverletzung begangen. In 46 Prozent der Fälle entging der Täter aber einer Ausschaffung, wie eine Auswertung des Bundesamts für Statistik zeigt.
Umfrage
Was halten Sie von der Ausschaffungs-Statistik?

92 %


2 %

2 %
Insgesamt 13841 Teilnehmer
 
Möglich macht das mitunter eine Notbremse im Gesetz. So kann «ausnahmsweise» von einer Ausschaffung abgesehen werden, wenn ein schwerer persönlicher Härtefall vorliegt. Diesen Passus wollte die SVP mit der Durchsetzungsinitiative (DSI) kippen – und verlor die Abstimmung im Februar 2016.
«Härtefallklausel ist eine Täterschutzklausel»
SVP-Nationalrat Toni Brunner führte danach eine Strichliste zu den Ausschaffungen. Die offizielle Statistik bestätige nun seine Befürchtungen: «Das Volk wurde im Abstimmungskampf brandschwarz angelogen. Die Gegner der DSI – allen voran FDP-Ständerat Philipp Müller – versprachen eine ‹pfefferscharfe Umsetzung› und 4000 Ausschaffungen pro Jahr. Davon sind wir meilenweit entfernt.» Die Bevölkerung sei in der Debatte um die DSI unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Irre geführt worden.
Es passiere genau das, wovor man immer gewarnt habe: «Die Justiz macht, was sie will. Die Härtefallklausel ist eine Täterschutzklausel.» Als Beispiel führt er an, dass der Täter in 13 von 16 Urteilen wegen sexueller Handlungen mit Kindern im Land bleiben durfte. «Schwer kriminelle Ausländer werden in der Schweiz gehätschelt, statt dass man diese dorthin zurückschickt, wo sie hingehören.» Für Brunner ist klar, dass die SVP erneut aktiv werden muss, um die Härtefallklausel zu beseitigen. «Wir müssen Mittel und Wege finden, damit kriminelle Ausländer tatsächlich ausgeschafft werden.»
«Ausschaffungspraxis ist ein Affront»
Philipp Müller kann den Ärger der SVP verstehen: «Das habe ich mir auch anders vorgestellt. Wir waren gegen einen Automatismus, doch die Anwendung der Härtefallklausel mit einem Verzicht auf einen Landesverweis sollte die absolute Ausnahme sein.» Die Zahlen belegten, dass der Wille des Gesetzgebers und des Schweizer Volks unterlaufen werde.
Gedacht sei die Härtefallklausel etwa für den Fall eines 18-jährigen Jünglings, der «hier geboren ist und ein Velo von einem Vorplatz stiehlt, aber bestens integriert ist.» Dass nur zehn Prozent der ausländischen Straftäter mit Aufenthaltsbewilligung mit einem Landesverweis belegt würden, sei ein Missbrauch der Härtefallklausel.

Müller will nun die Lücke schliessen, die es Staatsanwälten erlaubt hat, die 2017 laut dem BFS über 400 Fälle mit Strafbefehlen zu erledigen und damit einen Landesverweis zu verunmöglichen, da nur ein Gericht einen Landesverweis anordnen kann. «Bei ausländischen Delinquenten, die eine Aufenthaltsbewilligung besitzen, soll darum künftig zwingend ein Gericht entscheiden.»
«Nicht Aufgabe der Politik, Richter zu beurteilen»
Gelassen reagiert man bei der Operation Libero, die an vorderster Front gegen die DSI kämpfte: «Wir leben in der Schweiz in einem Rechtsstaat, in dem das Prinzip der Gewaltentrennung gilt», sagt Co-Präsidentin Laura Zimmermann. Es sei nicht die Aufgabe der Politik, die Arbeit der Richter im Einzelfall zu beurteilen. Diese würden die geltende Rechtslage – insbesondere auch die Menschenrechte – gesamtheitlich berücksichtigen und stets den Einzelfall beurteilen. «Diesen Handlungsspielraum hat das Volk der Justiz gegeben.»
Auch für Sibel Arslan (Grüne) ist die Kritik der SVP Stimmungsmache: «Das Volk hat die DSI abgelehnt. Nun versucht die SVP, die Richter unter Druck zu setzen.» Man müsse aber die Verhältnismässigkeit wahren. «Wer hier aufgewachsen ist und straffällig wird, soll bestraft werden. Bei einem kleinen Delikt sei der Landesverweis aber eine doppelte Strafe und eines Rechtsstaats unwürdig.
«Die Zahlen sind überhaupt nicht verlässlich»
Beim Bundesamt für Justiz heisst es, dass die Datenbasis noch dünn sei. Aber: «Bei Tätern, die eine Freiheitsstrafe von mehr als sechs Monaten erhalten haben, ist in 9 von 10 Fällen eine obligatorische Landesverweisung ausgesprochen worden», sagt Informationschef Folco Galli. Sollte sich zeigen, dass Staatsanwälte wegen effizienteren Verfahren den Härtefall anwenden, sei der Bundesrat bereit, eine Gesetzesrevision zu prüfen.
Die Staatsanwälte-Konferenz betont, dass die Zahlen überhaupt nicht verlässlich seien. Viele Fälle seien hängig, weshalb es zu früh für eine Bilanz sei. Ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft habe viele Vorteile wie geringere Kosten. Auch könne man nicht sagen, dass in Kantonen, in denen Staatsanwaltschaften die Härtefallklausel anwenden, die Ausschaffungsquote tiefer sei.

(daw/the)
KOMMENTAR:
Wenn der Volkswille mit Füssen getreten wird, muss man sich nicht wundern, wenn die Stimmbürger sich frustriert zurückziehen.  
 


Mittwoch, 6. Juni 2018

Aus Persönlich BLOG

BLOG

Wer zusammenfasst, kann beeinflussen

06.06.2018 - Marcus Knill

Wenn die «Arena»-Slammerin ernsthafte Inhalte verzerrt wiedergibt, muss SRF die Übung vorzeitig abbrechen.

 

Ich war bei verschiedenen Veranstaltungen mit dabei, bei denen ein Kabarettist am Schluss die Referate humoristisch zusammenfasste. Das kam gar nicht gut an. Denn der Satiriker konnte nach Gutdünken die einzelnen Kernaussagen willkürlich ironisch zusammenfassen und ernsthafte Gedanken lächerlich machen. Die gesellschaftspolitische Positionierung des Kabarettisten war deutlich erkennbar.
Bekanntlich sind bei Diskussionen Anfang- und Schlussvoten besonders wichtig. Wer zuerst argumentiert, kann die Meinung stärker prägen. Und wer am Schluss sprechen darf, beeinflusst die Meinung nachhaltiger, als die Voten zwischendurch.

 

 

patti-basler-sorgt-fur-kabarettistischen-schluss-7964
SRF-Moderator Jonas Projer und die Kabarettistin Patti Basler. (Bild: zVg.)
Geschulte Moderatoren achten deshalb darauf, dass der Erstredner mit der Promeinung nicht auch das Schlussvotum bekommt. Am Schluss kommt dann bewusst die Gegenmeinung zum Zug. Wenn nun in der «Arena» eine Poetry-Künstlerin das Gehörte auf ihre Art und Weise wiedergeben kann, so darf diese subjektive Gewichtung, Wertung und Beeinflussung der Zuhörer nicht unterschätzt werden.
Das sollten die «Arena»-Macher beachten. Denn sie haben ja Patti Basler verpflichtet, um die nächsten vier Ausgaben am Schluss in einem humoristischen Instant-Protokoll zusammenzufassen (persoenlich.com berichtete).
Nichts gegen das Experimentieren. Wenn jedoch festgestellt würde, dass die Slam-Poetin mit ihrer Zusammenfassung ernsthafte Inhalte verzerrt wiedergibt, müsste die Übung vorzeitig abgebrochen werden. Ist doch das Schweizer Fernsehen bei Politsendungen zu sachgerechter Information verpflichtet.

Dienstag, 5. Juni 2018

Zur Forderung: Väter sollen auch Teilzeit arbeiten


«Teilzeitarbeit wird in der beruflichen Vorsorge bestraft.»
Bildergebnis für Teilzeitarbeit
Das muss bedacht werden. Männer, die Teilzeit arbeiten, müssen später die Zeche bezahlen.
Dies ist sicher mit ein Grund, dass die Männer den Vollzeitjob nicht aufgeben wollen.
Somit ist es verständlich, dass die Männer nicht freiwillig auf den Vollzeitjob verzichten wollen.
Es ist auch Irrtum zu glauben. Teilzeitarbeit bringe weniger Stress.
Ein Vorschlag: Die Betreuungsarbeit müsste bezahlt und versichert werden. Eine Forderung, die bei Müttern bislang nie erfüllt worden ist. Da gibt es Nachholbedarf.

Montag, 4. Juni 2018

Merkel wusste es


Sonntag, 3. Juni 2018

News

Gehässige Geldspiel-Kampagne: 

Experte liest FDP und SVP die Leviten

Beim Geldspielgesetz gehen die Fronten mitten durch die Parteien. Bei der gehässig geführten Abstimmungsschlacht wurde FDP-intern viel Geschirr zerschlagen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor allem bei FDP und SVP knallts auch parteiintern, wenn es ums Geldspielgesetz geht.
  • Kommunikationsexperte Marcus Knill benennt gleich mehrere Fehler in der Streitkultur.
  • Zum Teil sei das zerschlagene Geschirr unter den Partei-«Freunden» nicht mehr zu kitten.
Als neutraler Beobachter staunt man: Das Geldspielgesetz und die darin vorgesehenen, umstrittenen Netzsperren sind nicht ein politisches Top-Thema. Trotzdem eskaliert der Schlagabtausch zwischen Befürwortern und Gegnern immer wieder. Unschöne Szenen gab es insbesondere, wenn die Kontrahenten auch noch aus der gleichen Partei stammten.

«Haben nicht gelernt zu streiten»

Wenn sich FDP-ler auf Facebook in Offenen Briefen angreifen oder sich SVP-ler gegenseitig der Lüge bezichtigen, geht das eigentlich schon zu weit. «In jeder Institution, auch in der Ehe, gibt es Dissens und unterschiedliche Sichten», sagt Kommunikationsexperte Marcus Knill. Aber: «Bei Parteien sollte man zuerst intern und mündlich Wäsche waschen – nie schriftlich. Immer zuerst unter vier Augen!»
Die Ursache dafür, dass sich die hitzigen Politiker nicht an diese Grundregel halten, ist für Knill offensichtlich: «Solche Pannen gibt es, wenn man nicht gelernt hat zu streiten.» Die FDP hat nach Knill auch einen zweiten Tipp nicht beherzigt: Für die Partei als Ganzes Stimmfreigabe zu beschliessen. Diesbezüglich hat bei der SVP Christoph Blocher die Notbremse gezogen.

Kaum zu flickender Scherbenhaufen

Das Problem beim schriftlichen Streit sei, dass er viel eher eskaliere, sagt Knill. «Jedes Anführungszeichen wird wichtig, jedes Wort kann wortwörtlich genommen werden. Nonverbale und paraverbale Signale fehlen.»
So geschehen als der Jungfreisinnige Andri Silberschmidt den Ständerat Damian Müller als Partei-«Freund» bezeichnet. «Dann wird leider sehr schnell zu viel Geschirr zerschlagen. Die Scherben können dann mit keinem Kommunikations-Araldit mehr geflickt werden kann.»

Auf den Mann gespielt

Warum aber bringt ausgerechnet das Randthema Geldspiel/Netzsperren die Politiker derart in Rage? Das liege wohl daran, dass sich beide Seiten hundertprozentig im Recht fühlen, sagt Kommunikationsexperte Marcus Knill. «Weil aber nicht mehr in der Sache gestritten wird, wurde auf Personen geschossen.»
Und das macht offenbar dünnhäutig: «Wer öffentlich an den Pranger gestellt wird, verliert das Gesicht und reagiert dann meist unbedacht.» In der Verantwortung seien hier aber primär die Parteipräsidenten, die ihre Chefrolle wahrnehmen sollten. «Nur wenn professionell gestritten wird, kann man nachher wieder zusammen ein Bier trinken», mahnt Knill.

Deine Reaktion?

0

Meinungen

Es gibt noch keine Meinungen zu diesem Beitrag.
Sei der Erste und starte eine Diskussion.

Weiterlesen

Absurde Mahnung (Leserfoto)


1|73

Samstag, 2. Juni 2018

Danebengegriffen

Alt Bundesräte sollten generall auf 
Kollegenbashing verzichten.

Ex Bundesrätin Calmy-Rey kann es nicht lassen:

Calmy-Rey vergleicht Cassis wegen Palästina-Aussagen mit Trump