Gute Nachlese zum Fall Fricker
Boulevard triumphiert, Bürger verliert
Der Rücktritt des grünen Nationalrats Jonas Fricker wirft ein schlechtes Licht auf die Boulevardpresse und die Grünen. Er fügt der politischen Kultur Schaden zu.
Kaum besser steht Alt-Nationalrat Jo Lang da, der Fricker aus den eigenen Reihen vielleicht am schärfsten angegriffen hatte. Lang gab sich ob dessen Äusserung «erschüttert» und warf dem Aargauer unterschwellig vor, seine Verbindung von Juden und Schweinen trage antisemitische Züge. Kaum war Fricker zurückgetreten, lobt er ihn wie einen begriffsstutzigen Schüler als «lernwillig und lernfähig». Andere Parteimitglieder sprachen anlässlich des Rücktritts von einer «grossen Geste». Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
Fricker ist als Hinterbänkler wohl auch ein Opfer der Umstände geworden. Die Bereitschaft innerhalb der Partei, für den Politneuling einzustehen, war gering. Bei einem politischen Schwergewicht hätte das vielleicht anders ausgesehen. Welche Konsequenzen ein Fehltritt hat, ist eben immer auch eine Frage der Macht.
Zudem legen nicht alle Parteien dieselben Massstäbe an. Gerade Politiker aus dem links-grünen Lager müssen höheren moralischen Ansprüchen genügen, argumentieren sie doch selber oft mit diesen. Dagegen politisiert der Walliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor munter weiter. Und dies, obwohl er erstinstanzlich wegen Rassendiskriminierung verurteilt wurde. Nach der Schiesserei in einer Moschee in St. Gallen, bei der ein Mann getötet wurde, hatte er 2014 getwittert: «Wir wollen mehr davon.»
Schliesslich wird Frickers Rücktritt auch Spuren in der Politik hinterlassen. Bis anhin gab es hierzulande keine Rücktrittskultur. Man kann das gut finden oder schlecht. Sicher ist aber: Ein Fehltritt wie jener von Fricker ist nicht der richtige Anlass, um damit zu beginnen.
So hat am Ende nicht nur Fricker selber Schaden genommen. Sondern auch die politische Kultur der Schweiz. (Tages-Anzeiger)


