Der folgende Text war für mich eine gute Einstimmung zum heutigen Kinobesuch des neuen 3D Filmes Peter Pan
Mich interessierte nicht die psychoanalytische Seite der Geschichte, sondern die technischen Tricks, die heute phantastische Traumwelten mit Computern hervorragend realisiert werden können:
Wie alles begann
Mit seinem familienfreundlichen
3-D-Fantasy-Spektakel „Pan“ bringt Regisseur Joe Wright die
Vorgeschichte des fliegenden Waisenknaben auf die große Leinwand. Der
Bub, der nie erwachsen wird, kämpft nach seiner Entführung durch Captain
Blackbeard ins sagenumwobene Neverland - an der Seite seines neuen
Freundes James Hook - gegen die Schreckensherrschaft des Piraten.
Eine schöne junge Mutter lässt schweren Herzens ihr Baby in einem
Korb vor der Tür eines Londoner Waisenhauses zurück. Die einzigen Gaben
sind ein Abschiedskuss, ein kurzer Brief und eine Kette mit einem
kleinen Anhänger in Form einer Panflöte. So beginnt die vom Briten
Wright neu und zeitgemäß adaptierte Story rund um die Figur des Peter
Pan, die vom schottischen Schriftsteller James M. Barrie erdacht wurde.
Begehrtes Drehbuch von Hollywoods Blacklist
Peter,
gespielt von Newcomer Levi Miller, und seine Freunde werden von den
Piraten um Captain Blackbeard, dargestellt von Hugh Jackman, aus dem
tristen Waisenhaus nach Neverland entführt. Erst kurz zuvor hat Peter
einen Brief seiner Mutter entdeckt, in dem es heißt: „Wir werden uns
wiedersehen, in dieser Welt - oder einer anderen!“ Die Reise im
fliegenden Piratenschiff endet für die Kinder in Blackbeards Mine, wo
sie für den Oberschurken nach „Pixum“ graben müssen, dem raren
Elfenstaub. Dabei lernt der Bub den von Garrett Hedlund verkörperten
James Hook kennen, der ihn bei der Suche nach seiner Mutter und dem
Kampf gegen Blackbeard unterstützt.

Warner Bros Entertainment
Hugh Jackman als fieser Pirat
Wright
erzählt nach dem Drehbuch von Jason Fuchs („Ice Age 4 - Voll
verschoben“) die Vorgeschichte des Buchklassikers. 2013 stand das
Drehbuch auf der sogenannten Blacklist in Hollywood, der Sammlung der
besten noch unverfilmten Skripte.
Rasanter Start mit Rockstar-Ambitionen
Gleich
zu Beginn legt Jackman als gefürchtetes Piratenoberhaupt einen
regelrechten Rockstar-Auftritt hin. Gemeinsam mit Piraten und Gefangenen
schmettert er eine Version von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ und
„Blitzkrieg Bop“ von den Ramones durch die düstere Mine. Es kann aber
Entwarnung gegeben werden, denn es bleibt bei diesem gesanglichen
Intermezzo, das ein wenig deplatziert wirkt.
Jackman, der den
internationalen Durchbruch seiner Mitwirkung am Musical „Oklahoma!“
verdankt, ist spätestens seit seiner Rolle des Jean Valjean in „Les
Miserables“ von 2012 auch dem breiten Publikum als stimmgewaltig
bekannt. Und seine beinahe bipolar angelegte Version von Blackbeard
macht dem Schauspieler sichtlich Spaß.
Kuckucksei in bunter Schale
Beim
ersten Treffen zeigte Wright Jackman eine Fotomontage des Körpers von
König Ludwig XIV. mit dem Konterfei des Schauspielers samt
Marie-Antoinette-Perücke. Jackmans Reaktion darauf: „I´m in!“ Die
britische Kostümbildnerin Jacqueline Durran, die 2013 für Wrights „Anna
Karenina“ einen Oscar erhielt, kleidete Hedlund alias Hook als eine Art
Indiana Jones mit John-Ford-Filmfigur-Anleihen. Rooney Mara machte sie
als Prinzessin Tiger Lily hingegen zu einer poppig-flippigen Figur mit
Rock über Hose, sehenswertem Kopfschmuck und Feder-Epauletten. Überhaupt
wurde im Film auf allen Ebenen stark gemixt, mit unterschiedlich viel
Erfolg.

Warner Bros Entertainment
Rooney Mara: Als indigene Prinzessin fehlbesetzt?
So
wirkt Mara inmitten ihres aus vielerlei Nationen zusammengewürfelten
Stammes wie ein ausgebrütetes Kuckucksei mit zu viel Schminke. Denn die
von Barrie als amerikanische Ureinwohnerin beschriebene Prinzessin fällt
als einzige europäische Erscheinung inmitten der indigenen Truppe aus
dem Rahmen. Als bekanntwurde, dass Mara den Part übernehmen würde,
formierte sich Widerstand im Netz gegen das „Whitewashing“. Das
amerikanische Studio Warner Bros. wurde sogar in einer Petition
aufgefordert, die Königstochter neu zu besetzen. Warum keine
Schauspielerin aus dem Kreis der Native Americans engagieren? Sogar Mara
selbst gab den Kritikern recht.
Als Feind noch Freund war
Hooks
Herkunft und Vorgeschichte wiederum bleiben im Film nahezu
unkommentiert - diesen blinden Fleck könnte eine Fortsetzung tilgen.
Barrie beschrieb seinen Hook als einen stilsicheren „Grandseigneur“,
der, selbst wenn er jemanden aufschlitzte, das mit Stil tat. Barrie
behauptete später, die Figur habe das englische Eliteinternat Eton
besucht. Wrights Hook hingegen ist draufgängerisch angelegt, von Stil
keine Spur. Die teils holprigen Flirtversuche mit Tiger Lily erinnern
ebenso wie seine Faszination für eine dreifach geklonte Meerjungfrau
(gespielt von Cara Delevingne) stark an Indiana Jones in seinen besten
Zeiten.
Hook sieht in Peter Pan seine Fahrkarte in die reale Welt
und hilft ihm wenig ehrenhaft aus Kalkül. Warum er in die alte Heimat
zurückwill, scheint er jedoch nicht mehr zu wissen, denn in Neverland
vergisst man schneller als anderswo, heißt es im Film. Die Befürchtung
liegt nahe, dass es dem Publikum ergeht wie Barries Buchhelden Peter
Pan, der am Ende weder Erinnerungen an Hook noch an die ihm treu
ergebene Tinker Bell hat. Vergessen kann eine Gnade sein.
Und das
ist schade, denn Barries Vorlage hätte sich mehr verdient. Die
Geschichte über den fliegenden Waisenbuben hat bereits unzählige
Adaptierungen hervorgebracht. 1924 machte Regisseur Herbert Brenon die
Schauspielerin Betty Bronson in der Erstverfilmung zum Star. Die
bekannteste Zeichentrickfilmversion lieferte Disney 1953. Sogar Pans
Erzfeind „Hook“ gönnte man 1991 mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle
eine eigene Filmgeschichte. 2004 wurde in „Wenn Träume fliegen lernen“
die Entstehungsgeschichte des Klassikers fantasievoll mit einigen
unwahren, aber wirksameren Details angereichert erzählt.
1.000 und eine Anleihe
Warum
also eine neuerliche Adaption? Die eigentlichen Adressaten im
Peter-Pan-Alter werden sich diese Frage vielleicht nicht stellen, denn
die Story um Piraten, fliegende Schiffe und kindliche
Identifikationsfigur ist bildgewaltig, bunt und wild. Der Film
unterschätzt jedoch sein Publikum, denn die pseudo-kindgerechten
darstellerischen Übertreibungen sind so nervtötend wie unnötig. Der als
familientaugliches Fantasyabenteuer angekündigte Film kann cinephile
Erwachsene zumindest abendfüllend beschäftigen, indem er sie zum
gedanklichen Mitzählen der Anleihen bis hin zu den nahezu klagbaren
Plagiaten ermuntert.

Warner Bros Entertainment
Peter Pan (Levi Miller) und sein „Indiana Jones“-artiger Freund Captain Hook (Garrett Hedlund)
„Oliver
Twist“, „Jurassic Park“, „Avatar“, ein Han-Solo-Auftritt aus „Star
Wars“ und „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson kommen zu Ehren.
Hier agiert Wright wie Barrie, der sich für seinen Pan bei der
„Schatzinsel“ ebenso wie bei Märchen- und Sagenstoffen bediente. Doch
Wright glättet dort – wie viele andere zuvor auch –, wo Barrie die
Erwartungen gegen den Strich bürstet, und so verkommt die
Neuinterpretation einer möglichen Vorgeschichte zu einem überladenen und
angestrengten Mix.
Die Verkaufszahlen stets im Blick
Einige
Elemente des 1904 in London uraufgeführten Originalschauspiels und
später erschienenen Buches sind stärker und wilder als die braven
Adaptionen. Denn dass Peter Pan Mütter für überschätzte Kreaturen hält
oder die nervenden und wie Bierkutscher fluchenden Elfen verprügelt,
lässt sich schlecht mit dem forcierten Bild des vorwitzigen Naturkindes
vereinbaren. So schlecht, dass sich der deutsche Dressler Verlag nicht
traute, die Elfenprügel-Szene richtig zu übersetzen.
Ob Wright
samt Cast und Crew im fliegenden Piratenschiff den Publikumsreaktionen
wird ausweichen können, bleibt abzuwarten. Denn der Film kann eine
Optimierung der Handlung - wobei man wohl stets die Kinokassen im Blick
hatte - schwer abstreiten. Das knapp zweistündige Spektakel wird seine
Fans finden. So mancher kritische Geist hingegen wird vorzeitig nach
Hause gehen und den literarischen Vorläufer zur Hand nehmen.