Die grosse Ernüchterung reift um sich
Nachdem mit grossen Hoffnungen die Klassen alle Kinder aufnehmen mussten - Schwache, Spitzenschüler und Verhaltensgestörte - haben nun viele Lehrer erkannt, dass
die erwünschte Integration mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden ist und die sogenannten integrativen Schulen weder den Begaben noch den schwierigen Schülern gerecht wird.
Ich zitiere NZZ-online:
Die Skepsis gegenüber der integrativen Schulung wächst in der
Schweiz. Dabei zeigt sich: Mancherorts erweist sich das
Modell als erfolgreich. Doch strapaziert man die Integrationsbemühungen,
verkehrt sich das Prinzip in sein Gegenteil.
Bis 2003 nahm der Anteil der Schüler und Schülerinnen, die in
Sonder- und Kleinklassen unterrichtet werden, kontinuierlich zu: 3,9
Prozent waren es damals, seither ist die Quote rückläufig – 2008
verzeichnete das Bundesamt für Statistik noch 3,1 Prozent. Die Zahlen
spiegeln die Entwicklung hin zu einer Schule wider, die auch Kinder mit
Behinderungen oder mit Lernschwierigkeiten möglichst in die Regelklassen
integriert. In den meisten Kantonen wurde und wird an
sonderpädagogischen Konzepten gearbeitet. Sie sind eine Folge der
Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA), die den Kantonen die
Verantwortung dafür überträgt und die IV finanziell entlastet.
Solothurn bremst, Basel voran
Ausserdem schreiben das Behindertengleichstellungsgesetz und
viele Volksschulgesetze die Förderung der integrativen Schulung vor.
Diskussionslos geht dieser Prozess indessen nicht über die Bühne – nicht
nur im Kanton Zürich, wo das sonderpädagogische Konzept 2010 nach
harter Kritik zurückgezogen wurde. Im Kanton Solothurn kam es im
Dezember ebenfalls zu einem abrupten Bremsmanöver, als der Kantonsrat
mit grosser Mehrheit eine Verordnung zur flächendeckenden Einführung der
integrativen Schule ablehnte. Inzwischen hat Bildungsdirektor Klaus
Fischer die Projektleitung ausgewechselt und einen dreijährigen Versuch
angekündigt.
Eine Frage der Ressourcen
Insgesamt aber ist mancherorts Ernüchterung der Euphorie
gewichen.
Interessanterweise stehen sich die politischen Pole dabei
teilweise recht nahe. Es sei verfehlt, der Schule diese zusätzliche
Verantwortung zu übertragen, die zu einer Überlastung der Lehrer und
einer Nivellierung nach unten führe, reklamiert auf der einen Seite die
SVP. Lehrerverbände und Gewerkschaften warnen auf der anderen vor einem
Kollaps der Schule und drängen auf zusätzliche Stellenprozente, die
nötig seien, um den Unterricht in heterogen zusammengesetzten Klassen in
der gebotenen Qualität überhaupt erbringen zu können – oder wie es in
der Vernehmlassung der Zürcher Schulsynode zum sozialpädagogischen
Konzept heisst: «Das Konzept verfügt über positive Aspekte, stimmt aber
im Einsatz der Mittel nicht mit der Realität überein.»
Auch wenn Hintergrund und Intention der Kritik je nach Herkunft
unterschiedlich sind, wird zweierlei deutlich. Erstens: Integrative
Schulung ist eine Ressourcenfrage. Dort, wo sie mit Sparbemühungen
kombiniert ist, sinkt die Akzeptanz auf allen Seiten. Im Kanton Zürich,
wo die Regierung bei der Sonderpädagogik 17 Millionen Franken einsparen
wollte, wurde die Vorlage von breiten Kreisen in erster Linie als
Sparprogramm wahrgenommen. Viele Lehrer befürchten trotz der
Unterstützung durch Heilpädagogen disziplinarische Probleme, die den
Unterricht erschweren. Schon ein halbes Jahr vor dem Rückzug des
Konzeptes bezeichnete das Zürcher Volksschulamt die Ressourcen vor
diesem Hintergrund als «Knackpunkt».
Gefahr der Stigmatisierung
Zweitens sind der integrativen Schulung Grenzen gesetzt – eine
Erkenntnis, die zwar nicht neu ist, aber in den letzten Jahren
möglicherweise zu wenig Beachtung fand.
«Heute versucht man, möglichst
viele Kinder in Regelklassen zu integrieren», kritisierte unlängst der
durchaus nicht auf SVP-Linie agierende Psychologe Alain Guggenbühl
gegenüber der Zeitung «Der Bund». Wenn man aber für jedes Kind
individuelle Lernziele formuliere, gehe der Gruppenaspekt verloren, und
es bestehe die Gefahr einer Stigmatisierung. Indizien dafür, dass solche
Effekte infolge der Integrationsbemühungen möglicherweise tatsächlich
stattfinden, ergeben sich aus Zahlen der Berner Gesundheitsdirektion.
Dort nimmt die Zahl der Kinder mit Sonderschul-Status in der Regelklasse
massiv zu.
Regel- zu Sonderschülern
Eine
mögliche Erklärung dafür lautet, dass die Regelschulen auf diese Weise
zu zusätzlichen heilpädagogischen Lektionen kommen, so die Vermutung in
der Gesundheits- und Fürsorgedirektion auf Anfrage.
Solche Anreize
führen – überspitzt formuliert – zu einer Umkehrung des Prinzips: Statt
Sonderschüler in die Regelklasse zu integrieren, werden so aus Kindern
in der Regelschule Sonderschüler. Für Beatrice Kronenberg, die die
integrative Schulung klar befürwortet, zeigen solche Hinweise, dass der
Begriff der Integration strapaziert wird. Integration sei gut, «wenn man
sie nicht zum unumstösslichen Prinzip erhebt», sagt sie. Man müsse sich
bei jedem Kind fragen, wo es am besten aufgehoben sei und welcher
Status die Situation des Kindes treffe. Und: «Man darf dabei die Klasse
als Ganzes nicht aus den Augen verlieren.»
Der BOBACHTER beleuchtet die Baustelle "Integrative Schule" aus der Praxis. Ich zitiere:
Lernschwache
und behinderte Kinder sollen in gewöhnliche Schulklassen integriert
werden – eine noble Idee. Doch bei der Umsetzung stossen alle
Beteiligten an ihre Grenzen.
Die
erste Erfahrung, die Tanja Brügger mit der schulischen Integration
machte, war bitter: «Im Kindergarten wurde mein Sohn teilweise vom
Unterricht suspendiert, obwohl sie ihn eigentlich integrieren wollten»,
schrieb die 39-Jährige in einem Internetforum. Sie war eine von
zahlreichen Müttern, die sich innert weniger Stunden zur Frage
«Integration: Fluch oder Segen?» äusserten, viele davon skeptisch bis
negativ.
Jetzt sitzt Tanja Brügger in einem Café in Bern und erzählt, wie sich
alles zugetragen hat. Ihr heute achtjähriger Sohn Remo hat ADHS. Im
Kindergarten stand diese Diagnose noch nicht fest. Remo war sehr
impulsiv, Freudenstürme und Wutanfälle waren an der Tagesordnung. Ihm
wurde eine Heilpädagogin zur Seite gestellt. Trotzdem kam es einige
Male zu unschönen Szenen, manchmal schmiss er Gegenstände durchs Zimmer.
«Seine Konzentration liess im Lauf des Tages stark nach. Er liess sich
leicht provozieren, schwierig wurde es vor allem am späten Vormittag»,
erzählt Brügger.
Schliesslich
wusste sich die Kindergärtnerin nicht mehr zu helfen. Man zog einen
Erziehungsberater bei und kam überein, dass Remo vorübergehend einen Tag
pro Woche gar nicht mehr in den Kindergarten kommen und an einem
Vormittag früher nach Hause gehen sollte. Auch ins Turnen durfte er
vorläufig nicht mehr, weil er oft davonlief und sich versteckte. So
verkehrte sich die beabsichtigte Integration flugs ins Gegenteil: Remo
wurde ausgeschlossen.
Die Integration von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten,
spezifischen Lernschwächen oder Behinderungen in die Regelklassen ist
mittlerweile fast überall Pflicht (siehe
«Integrative Schule»).
Doch Lehrpersonen und Heilpädagogen stossen täglich an Grenzen beim
Versuch, eine «Schule für alle» zu bilden, wie sie von Politik und
Wissenschaft propagiert wird. Viele klagen über mangelnde Ressourcen und
unlösbare Aufgaben. Ist die schöne Idee der Chancengerechtigkeit etwa
eine Illusion?
Fest steht: Remo ist kein Einzelfall. Typisch daran ist, dass
Verhaltensauffälligkeiten sehr oft erst im Kindergarten zutage treten.
Und das stellt die Kindergärtnerinnen vor spezielle Probleme: «Man muss
erst einmal herausfinden, woran es genau liegt, dass ein Kind zum
Beispiel einer Aufforderung nicht nachkommt», sagt Brigitte Fleuti,
Kindergärtnerin in Langnau am Albis. Manchmal sei es einfach eine
Hörbeeinträchtigung oder eine Sehschwäche. Wenn ein Kind vom Verhalten
her aber stark aus dem Rahmen fällt, kann das eine Lehrperson rasch
überfordern – schliesslich hat sie noch 20 andere Kinder zu betreuen.
Das kann wie im oben geschilderten Fall von Remo zu einem Ausschluss
führen, wo doch Integration das Ziel war.
«Es
braucht viel Routine, um zu verhindern, dass sich die anderen Kinder
vernachlässigt fühlen»: Brigitte Fleuti, Kindergärtnerin
In
Fleutis Kindergartenklassen sitzen seit etwa fünf Jahren regelmässig
drei bis vier Kinder, die spezielle Förderung benötigen. Eine
Heilpädagogin kommt für drei Lektionen pro Woche zur Unterstützung, übt
bestimmte Dinge mit ihnen, etwa Stifthaltung oder Schneiden mit der
Schere.
Kommentar: Wenn sich nachträglich zeigt, dass ein Modell nicht das bringt, was man sich erhofft hat, sollte es doch möglich sein - im Sinne einer Verbesserung - einen Fehlenscheid wieder rückgängig zu machen. Bei der integrativen Schule scheint dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Nach dem Motto:
Wer A sagt, muss auch B sagen. Selbst dann, wenn offensichtlich ist, dass man sich auf dem Holzweg befindet.
Uebrigens: Ich finde es auch unehrlich, wenn Begriffe beschönigt werden.
Nach der
heutigen Sprachregelung darf die Störung nicht mehr beim Namen genannt
werden. Es heisst jetzt euphemistisch "verhaltensauffällig", statt "verhaltensgestört" Ich hörte sogar einmal den Begriff "verhaltensoriginell". Wenn ein Kind dem Tischnachbarn - einfach so - den Bleistift in die Hand bohrt. Was soll an so einer Störung des Unterrichtes originell sein?