Sonntag, 20. Januar 2013

Eiszeit auf den Strassen

Alle, die gestern noch vor dem BLITZEIS nach Hause gekommen sind, können sich glücklich schätzen.



Kommentar: K+K befähigt Sie, damit Sie auf dem 
"rhetorischen Glatteis"
Ihr Gesicht wahren können, ohne auszurutschen.
Ich spreche von heiklen Gesprächssituationen.

Dschungel-TV: Und sie schauen, schauen und schauen


Weshalb interessiert es Millionen, was diese Wochen im Dschungelcamp "Ich bin ein Star holt mich hier raus" (RTL) ausgestrahlt wurde. Dies ist ein Phänomen. Ich wollte er ergründen.


- Gucken Sie auch Dschungel?  Falls Sie Millionen Publikum zählen: Würden Sie es auch damit begründen, dass  Sie  nur zufälligerweise zugeguckt haben, um im Freundeskreis mitreden zu können?


Die Gründe des Zuschauererfolges einer derart abstrusen Sendung beschäftigen seit Jahren Psychologen, Medienspezialisten und Experten.
- Ist es Fremdschämen, Voyeurismus, Neugierde, Schadenfreude oder sind es die gruppendynamischen Prozesse?
- Weil in der Boulevardpresse die Vorkommnisse kommentiert werden, könnte möglicherweise auch der Medienverbund dazu führen, dass man an den "B-promis" im australischen Dschungel nicht vorbeischauen kann? Denn "alle" reden und schreiben darüber. " Die Sendung wurde zwar vor Jahren als "Unterschichtenfernsehen mit Meta Ebene" bezeichnet.
Das greift etwas zu kurz, denn die Dialoge und Teamprozesse, das Entblössende, die Ekelszenen verhindern ein Wegzappen auch bei den Mittel- und Oberschichten. Das Interesse an der sonderbar inszenierten Sendung lebt mitunter vom Buschfieber. Die Kulisse ist wie eine Traum- oder Märchenwelt. Die Moderatoren spielen  eine absurde Rolle. Wer eingeschaltet hat, bleibt  und schaut einfach weiter zu, so, als ob man das Geschehen im Garten des Nachbarhauses betrachtet. Dazu kommt, dass Zuschauer mitbestimmen dürfen, wer ausscheiden muss. Das Voting ist  nicht gratis und für RTL ein lukratives Nebengeschäft. Ferner locken für die Konsumenten  Preise, um sie zusätzlich einzubinden.





Das Phänomen Dschungelcamp kann wohl kaum auf nur EINEN Faktor reduziert werden. Das Gemisch von Unterhaltung, Nervenkitzel, zwischenmenschlichen Schwächen, Emotionen, Sex und auch seelischer Entblössung bannt die Zuschauer an dieses pseudo Dschungelgeschehen. Obschon viel inszeniert wird, kommt es immer wieder zu echten  gruppendynamischen Ueberraschungen. Es bilden sich beispielsweise unvorhergesehene "Solidaritätsnester"  zwischen einzelnen Campteilnehmern und der Gruppendruck. Die Lästerbox wird dann im Medienverbund zusätzlich im Internet  verbreitet.   

Wenn abgehalfterte B-Promis  in Kakerlaken baden müssen, Maden verspeisen und sich gegenseitig anzicken, bezeichnet dies der bekannte  Medienpsychologe Groebel als „gedämpften Sadismus.“




  1. 1
    Dschungelcamp 2013: Joey Heindle ging die Puste aus!

Die täglichen Einschaltquoten des RTL-Dschungelcamps schlagen jegliche Konkurrenz.

Psychologe Jo Groebel versuchte immer wieder, das Phänomen Dschungelcamp zu ergründen.

Er glaubt, dass die Dschungelfans die Macht über das Geschehen geniessen: „Der Zuschauer ist Bestrafender, Regisseur und Sadist gleichzeitig.“

In den zwei Wochen Camp werden alle Charaktereigenschaften bis ins Extreme verstärkt: „Aggressive Menschen werden zum Beispiel noch aggressiver, behütende Leute werden noch behütender“, meint Groebel. 



Die Portionen werden immer grösser: Penis-Exzess im Dschungel! 

 Die Portionen werden immer grösser Penis-Exzess im Dschungel! Auf die Länge kommt es doch an. Zumindest, wenn man wie die Dschungelcamp-Teilnehmer die männlichen Genitalien essen muss.

Besonders eklig-faszinierend ist es, wenn  angekündigt wird, was die Kandidaten  essen und trinken müssen. Fies werden die Szenen erst recht durch den Kommentar der Moderatoren, wenn Maden, Hoden oder Raupen serviert werden und sie betonen, dass sich die Ameisen festbeissen werden. Der eigentliche Geschmack ist möglicherweise gar nicht so schlimm. „Der Film im Kopf macht die ganze Sache eklig“, betont Groebel.



Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! Bitte nicht!

Der Faktor Ekel spielt in der Show eine zentrale Rolle.


In einer Internetstudie  hatten Mediziner von der "London School of Hygiene & Tropical Medicin" 40'000 Freiwillige mit Fotos konfrontiert die einerseits relativ neutrale Situationen, Gegenstände oder Tiere darstellten, zum anderen aber vergleichbare Objekte mit einem möglichen Infektionsrisiko zeigten. Die meisten Probanden empfanden Ekel, wenn auf den Bildern Situationen abgebildet waren, die eine mögliche Gesundheitsgefahr zeigten. Die britischen Wissenschaftler halten deshalb das Ekelgefühl für eine List der Evolution, die vor Infektionen warnt. Ekel hat sich im Lauf der Evolution entwickelt, damit Menschen potenzielle Krankheitsherde meiden.
Fäkalien, Erbrochenes, Schweiss, Speichel, Eiter, Wunden, Leichen, abgeschnittene Zehennägel, verwesendes Fleisch, Maden, Schleim, Läuse, das Spektrum der Dinge, vor denen sich Menschen ekeln, ist sehr breit.  Doch nahezu überall auf der Erde wird Aehnliches als ekelhaft empfunden, und auch die körperliche Reaktion ist in praktisch allen Kulturen gleich: Der Blutdruck fällt ab, es entsteht Brechreiz und die Menschen zucken instinktiv zurück.

Auch das Spiel mit der Angst macht sich bezahlt.

Seit der Kindheit lernt der Mensch, zuerst in Märchen, beim Kasperlitheater, später im Gruselkabinett oder im Kino (Kriminalfälle) - den Kitzel mit der Angst zu geniessen. Persönlich geniesst man so den Angstzustand, ohne selbst betroffen zu sein.

Nachdem vor Jahren ein Kandidat in einen Sarg mit Ungeziefer gelegt  und dann eine Zeit lang in den feuchten Urwaldboden versenkt werden sollte, befürchteten die Macher ein Versinken des Sarges im Schlamm. In jener Sendereihe wurde auf diese Mutprobe  verzichtet. Später folgte ein leichterer Test mit einem Glassarg unter Wasser.
Als  mit der Zeit bekannt wurde, wie die Zuschauer an der Nase herum geführt wurden, schrieb jemand von "Schummel Dschungel".


 Einige "Lügen" wurden bereits 2004 aufgedeckt:

* Regen: Das prasselnde Regenrauschen wird akustisch eingeblendet.  Das Areal ist gegen Regen geschützt. TV Mitarbeiter Keith hat verraten, dass in den Baumwipfeln alles mit Planen abgedeckt wurde.
* Material: Das Brennholz wird  500 m weit vom Camp entfernt im Trockenen fein gestapelt.
* Tiere: Die Reptilien fühlen sich immer so kühl an, weil sie vorher in den Kühlschrank gesteckt wurden.  Die Huntsmanspinne ist zwar sehr gross und sieht einer Tarntel ähnlich. Sie ist aber absolut harmlos.
* Kontakt: Kein Reporter darf ins Camp, damit  die Schummelei mit der Isolation icht entlarvt werden kann. Die Promis erhalten Post.  Die Teilnehmenden sind auch nicht einsam, sie haben jederzeit Gelegenheit, mit einem Psychologen zu reden.  Sie wurden rund um die Uhr betreut, sollte es gewünscht werden.
* Essen: Die Fernsehzuschauer glauben zur Strafe gebe nur noch Reis und Bohnen. Dabei bekommt jeder, wenn er klagt, Säfte und Trockenpflaumen.





Es stellt sich  die Frage,  wo bei diesen Sendungen eigentlich  die Grenze des Zulässigen gezogen werden muss, ähnlich wie bei  Satiresendungen, bei Karikaturen oder bei Grusel- und Brutalo - TV Sendungen. 2004 haben sich nach den  Medienwächtern und  Menschenrechtlern auch noch die Tierschützer zu Wort gemeldet. Weil bei vielen Prüfungen  nicht nur die Menschen psychischem Druck ausgesetzt, sondern auch die beteiligten Tiere gestresst werden, protestierte vor 9 Jahren der Bund gegen den Missbrauch von Tieren. Er brandmarkte die Show als ethisch unwürdig. Auch wenn in  RTL  nach wie  vor  Tiere  als Spielzeug behandelt und unnötigem Stress aussetzt werden, schwächten die Macher imerhin gewisse Prüfungen mit Tieren ab.  Fragwürdig wird es  aus meiner Sicht, wenn Einschaltquoten mit fragwürdigen Gags erkauft und die Gesundheit der Teilnehmer gefährdet werden. Man kann sich aber auf den Standpunkt stellen: Wer da mitmacht, ist selber schuld.
Renate Künast sagte schon 2004:

 "Was hier gesendet wird, hat mit Unterhaltung nichts zu tun. Fernsehen wird offensichtlich immer überdrehter".


Eine  Grenze wurde einmal vom Rapper Tomekk im Dschungelcamp eindeutig überschritten. In einem Video wurde er gesehen, wie er als Witz den Hitlergruss machte. Die "BILD" schrieb damals: 

"Ganz Deutschland gab sich geschockt, und DJ Tomekk mimte den Betroffenen:


Mein dummes Witz-Gelaber tut mir unheimlich leid für alle, die sich davon betroffen fühlen.

Bereits alten Sendungen "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" appellierten  an  niedere Instinkte. Es kommt zu spannenden echten Konstellationen, bei denen Eifersucht, Neid und Konkurrenzdenken die Akteure ungefiltert agieren und die Kontrolle verlieren lassen. Dies muss vielen Konsumenten gefallen. Es erinnert an das echte Leben. 

Ob solche Sendungen die Kulturlosigkeit einer Gesellschaft verstärken? Darüber streiten sich die Gelehrten. Wenn sich Millionen an solchen Formaten aufgeilen, ist es denkbar, dass dies  zu einem Niveauverlust führen könnte. Wenn die Menschenwürde verletzt wird, müssten  Grenzen gesetzt werden, obwohl die "Opfer" dieser Show genau wissen, worauf sie sich einlassen.
Die Einschaltquote sollte beim Fernsehen nicht  oberster Massstab sein.

 FAZIT:

Ob solche Sendungen die Kulturlosigkeit einer Gesellschaft beeinflussen? Darüber streiten sich die Gelehrten. Wenn sich Millionen an solchen Formaten begeilen, ist es denkbar, dass dies in der Bevölkerung zu einem Niveauverlust führen könnte. Wenn die Menschenwürde verletzt wird, müssten eigentlich Grenzen gesetzt werden, obwohl die «Opfer» dieser Show genau wissen, worauf sie sich einlassen. Die Einschaltquote dürfte aber beim Fernsehen nie  oberstes Ziel sein.
Fazit: Obschon die erfolgreiche Sendung DschungelCamp niedere Instinkte weckt, fallen viele Konsumenten darauf rein und schauen, schauen und schauen... 


LINK:

24. Jan. 2008 ... Immer wieder haben wir uns die Frage gestellt, wo die Grenze des Zulässigen sind bei der Satire, bei Karikaturen oder bei Grusel TV ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/08/01_24/index.html

Samstag, 19. Januar 2013

BEICHTE ARMSTRONG  Teil 2.

Blick publiziert eine treffende Beschreibung des zweiten Teils des Interviews.
(Zusammenfassung, Video, Fakten, Chronologie der Aussagen.

Ich zitiere und kommentiere anschliessend  daran meine Sicht und meine Beobachtungen dieser Sequenz:


Oprah bringt den Betrüger zum Weinen! Nach seinem Geständnis im ersten Teil des Interviews mit der US-Talkmasterin versucht sich Lance Armstrong nun als Mensch zu erklären.
Sehr emotional erzählt der frühere Rad-Held von der Zeit, als er von seinen Sponsoren fallen gelassen wurde und als Boss seiner Stiftung Livestrong zurücktreten musste.
«Das war das Schlimmste. Es war nicht so, dass ich zum Rücktritt gezwungen wurde. Es wurde mir vielmehr nahegelegt, dass es besser für mich wäre, zurückzutreten. Ich verstand, dass es das Beste war für die Organisation. Doch es tat höllisch weh.»
Ob es denn sein könne, dass das viele Doping mit ein Auslöser für seine Krebs-Erkrankung gewesen war, will Oprah danach wissen. Lance: «Das glaube ich nicht. Jedenfalls hat mir das nie ein Doktor so gesagt.»
Als Oprah einen Beitrag aus vergangenen Tagen einspielt, sagt Armstrong: «Das ist krank, ich mag diesen Typen nicht. Ein Typ, der glaubte, er sein unzerstörbar.» Er sei jetzt in Therapie, am Anfang eines langen Prozesses.
Dann zählt Armstrong Menschen auf, denen er eine Entschuldigung schulde: «Ich schulde so vielen Leuten eine Entschuldigung. Frankie, Betsy, Greg LeMond, Tyler Hamilton, Floyd Landis, Emma O’Reilly. Ich verstehe eure Wut, es tut mir leid.»
Oprah will wissen, ob er wieder in den Sport zurückkehren möchte. «Ja! Ich will mich wieder messen. Nicht an der Tour de France, andere Dinge. So wie etwa mit 50 den Chicago-Marathon laufen. Aber ich darf nicht, wegen meiner Sperre.»
Er finde seine lebenslange Sperre nicht unfair. «Aber andere werden 6 Monate gesperrt, ich erhalte die Todesstrafe. Das ist etwas anderes. Ich weiss nicht, ob ich das verdient habe.» Lance weiter: «Ja, es gibt Menschen, die die ganze Wahrheit wussten.»
Besonders seine Familie sei derzeit sehr mitgenommen. Armstrongs Mutter etwa ginge es gar nicht gut. «Sie ist ein Wrack», erzählt Lance.
Als Oprah wissen will, wie er seinem Sohn Luke (13) den ganzen Schwindel erklärte, kommen die Tränen: «Dieses Gespräch hat unsere Ferien zerstört. Als die Anschuldigungen aufkamen, hat er mich stets vor anderen Kindern verteidigt, in der Schule, auf der Strasse. Es stimme nicht, was über seinen Vater erzählt wird. Da wusste ich, ich muss es ihm sagen.»
Lance: «Ich sagte ihm und den Mädchen, dass das, was die Leute erzählen, ich sei gedopt, wahr ist. Sie akzeptierten es, waren ruhig und reagierten sehr reif darauf.»
Zu seinem Sohn sagte er zudem: «Luke, hör auf mich zu verteidigen, mach das nicht mehr.»
Lance erzählt zudem, dass er am Tag als seine Sponsoren fort waren, mit einem Schlag 75 Millionen Dollar verlor. «Ich habe auch alles zukünftige Einkommen verloren», so Armstrong.
Dann sagt er nochmals: «Es tut mir alles so leid. Das kann ich tausend Mal sagen, und es ist wohl immer noch nicht genug.»
Und was ist die Moral von der Geschichte, will Oprah wissen?  «Ich bin vom Weg abgekommen und erwischt worden Das Schlimmste aber war der Verrat an den Menschen.» (wst)

Der Fall Armstrong in der Chronologie

1992: Armstrong beendet das olympische Rennen als 14. und wechselt nach den Spielen in Barcelona ins Profilager. In seinem ersten Rennen, dem Clasica San Sebastian, wird er Letzter.
1993: Er wird Weltmeister, gewinnt die USPRO Championship sowie seine erste Etappe bei der Tour de France.
1996: Er startet das Jahr als Weltranglistenerster. Im Oktober unterzieht er sich einer Chemotherapie. Bei Armstrong war zuvor Hodenkrebs diagnostiziert worden, der bereits in Lunge und Gehirn gestreut hatte.
1997: Armstrong beginnt wieder mit dem Training und gründet eine Stiftung, die sich der Krebsforschung widmet.
1998: Er kehrt in den Wettkampf-Zirkus zurück, gewinnt die Luxemburg-Tour, die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt sowie den Cascade Classic in Oregon.
1999: Für das Team US Postal gewinnt Armstrong als zweiter Amerikaner die Frankreich-Rundfahrt.
2000: Er fährt zu seinem zweiten Tour-Sieg und veröffentlicht ein Buch mit dem Titel «Tour des Lebens».
2001 - 2003: Die Tour-Erfolge Nummer drei bis fünf folgen.
2004: Armstrong wird Wochen vor seinem sechsten Tour-Triumph beschuldigt, leistungssteigernde Medikamente einzunehmen.
2005: Er verkündet im April seinen Rücktritt für den Zeitpunkt nach der Tour, die er zum siebten Mal gewinnt. Im August berichtet die französische Sportzeitung L'Equipe, dass in sechs Urinproben des Amerikaners von 1999 das Blut-Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Armstrong bestreitet die Vorwürfe weiterhin.
2006: Armstrong wird vom Weltverband UCI freigesprochen, da die erneuten Tests der Proben nicht nach wissenschaftlichem Standard durchgeführt wurden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht «fast schon lächerlich».
2008: Am 9. September verkündet Armstrong sein Comeback.
2009: Im April wirft ihm die französiche Anti Doping Agentur (AFLD) vor, dass er bei Dopingproben nicht kooperiere.
2010: Dopingsünder Floyd Landis, früherer Teamkollege bei US Postal, beschuldigt unter anderem Armstrong, dass auch er leistungssteigernde Mittel eingenommen habe.
2011: Im September zitiert die Sports Illustrated Armstrongs früheren Weggefährten Stephen Swart. Dieser bezeichnet Armstrong als «einen Anstifter», der zu EPO geraten habe. Nach der Australien-Tour tritt er endgültig zurück. Im Mai berichtet Armstrongs früherer Edelhelfer Tylor Hamilton, dass beide während der Tour 1999, 2000 und 2001 mit EPO gedopt hätten.
2012: Am 29. Juni bezichtigt ihn die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) des Doping-Missbrauchs und suspendiert ihn von allen Wettkämpfen. Am 20. August weißt ein Gericht Armstrongs Klage gegen die USADA zurück. Drei Tage später gibt er den Rechtsstreit um die Dopingvorwürfe auf, die USADA sperrt Armstrong lebenslang. Ihm droht der Verlust aller sieben Tour-Siege. Am 10. Oktober veröffentlicht die USADA ihre Urteilsbegründung. Armstrongs langjähriges Profiteam US Postal habe das «ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport jemals gesehen hat», heisst es in dem Bericht.
2013: Am 17. Januar schreibt Armstrong ein weiteres spektakuläres Kapitel in seiner Doping-Geschichte. Bei US-Talk-Masterin Oprah Winfrey gesteht er erstmals überhaupt, leistungssteigernde Substanzen zu sich genommen zu haben. Bei allen sieben Tour-de-France-Siegen (von 1999 bis 2005) sei er gedpot gewesen, gesteht Armstrong.

Kommentar und Analyse 2. Teil:

Wiederum ist das Verhalten beim Start aufschlussreich: Es hat vielen Denkpausen. Nachdem Armstrong findet, er habe eine Strafe verdient. -folgt eine längere Phase, die Emotionen weckt.
die Moderatorin trifft einen wunden Punkt: Was sagt der Vater seinem Sohn, wenn er fragt, ob die Gerüchte wahr sind.
Bei dieser Passage geht es nicht um Fakten  und Details hinsichtlich der Vergehen. Es geht um echte Emotionen im familiären Bereich. Hier sind die Tränen nicht gespielt. Sie werden im Publikum wahrscheinlich Mitleid wecken.
Nonverbal nehmen wir wahr: Es kommt zu langen Denkpausen, hörbaren Atemgeräuschen, Schluckbewegungen, Tränen.
Die vielen Griffbewegungen ins Gesicht und vor den Mund ähneln der Startphase im ersten Teil.
Dort, wo sich Armstrong als Person erklärt, kommt er aus meiner Sicht am glaubwürdigsten rüber.
In folgender Passage versucht Armstrong die Strafe als überrissen zu bezeichnen, indem er sie mit anderen vergleicht.
Oprah will wissen, ob er wieder in den Sport zurückkehren möchte.

 «Ja! Ich will mich wieder messen. Nicht an der Tour de France, andere Dinge. So wie etwa mit 50 den Chicago-Marathon laufen. Aber ich darf nicht, wegen meiner Sperre.»
Er finde seine lebenslange Sperre nicht unfair. «Aber andere werden 6 Monate gesperrt, ich erhalte die Todesstrafe. Das ist etwas anderes. Ich weiss nicht, ob ich das verdient habe.»

Ob die Bevölkerung diese Meinung teilt, nach den jahrelangen Verfehlungen?

 Wenn Armstrong klagt, dass er am Tag als seine Sponsoren fort waren, mit einem Schlag 75 Millionen Dollar verlor. «Ich habe auch alles zukünftige Einkommen verloren». Ich zweifle daran, dass die Bevölkerung  bei diesem Argument aus Mitleid in Tränen ausbrechen wird.
FAZIT NACH dem ganzen INTERVIEW:

Es ist offensichtlich. Armstrongs Ziel war, eine lebenslange Sperre zu verhindern. Denn wir haben hinsichtlich Vergehen oder Nennung von fehlbaren Funktionären nichts Neues erfahren. Die juristischen Problemfelder sind noch nicht beackert.  Beispielsweise das Sponsoring, die Versicherungsgelder, die Siegprämien, der Meineid und die Startgelder. Viele, viele Fragen sind noch offen.
Ob die Tränenszene im 2. Teil genügen wird, die lebenslange Sperre aufzuheben, darf bezweifelt werden.

Freitag, 18. Januar 2013

Armstrong Interview - ein Medienereignis

Ich habe dieses Interview heute Nacht um 3 Uhr beobachtet und analysiert (Text folgt):
Die Medien werden schreiben, Armstrong habe Reue gezeigt und beweisen dies mit folgender Aussage:

«Wenn ich Ausschnitte von damals sehe, denke ich, was ich doch für ein arroganter Scheisskerl gewesen bin», kommentiert Armstrong Ausschnitte, die zeigen, wie er in Interviews und bei gerichtlichen Befragungen lügt.

Ich komme zu einem anderen Schluss:
Armstrong hat Fehler eingestanden. Das Interview war gut vorbereitet, Armstrong argumentierte professionell, aber mir fehlt die Reue, die von innen kommt.
Ich zitiere mein Interview im Tagi online und BUND mit Capodici Vincenzo:

«Armstrong hätte wohl auch Lügendetektoren täuschen können»

Lance Armstrong hat im TV seine Dopingbeichte abgelegt. Hat er das glaubwürdig gemacht? Was hat seine Körpersprache verraten? Antworten gibt der Kommunikationsexperte Marcus Knill. Mehr...


«Armstrong hätte wohl auch Lügendetektoren täuschen können»

Aktualisiert vor 23 Minuten 58 Kommentare
Lance Armstrong hat im TV seine Dopingbeichte abgelegt. Hat er das glaubwürdig gemacht? Was hat seine Körpersprache verraten? Antworten gibt der Kommunikationsberater Marcus Knill.
Er konnte nur eine Frage mit Nein beantworten – jene, dass er die Tour-de-France-Siege ohne Doping nicht geschafft hätte: Lance Armstrong im Gespräch mit Oprah Winfrey.


«Nach der Beichte versuchte Armstrong, seine Dopingvergehen abzuschwächen und als normale Vorgänge darzustellen»: Marcus Knill, Kommunikationsberater und Coach.
Hat Lance Armstrong in seiner TV-Beichte aufrichtige Reue gezeigt? Oder nur schauspielerisches Talent offenbart?

Marcus Knill: Der Auftritt von Armstrong war sehr gut vorbereitet und gut inszeniert. Dennoch nimmt man ihm seine Aussagen nicht als echte Reue ab. Es genügt nicht zu sagen, dass es ihm leid tue. Echte Reue müsste von tiefstem Herzen kommen. Und ich erinnere an das Sprichwort «Wer einmal lügt...». Während des Interviews wurden immer wieder alte TV-Sequenzen ausgestrahlt, bei denen Armstrong professionell gelogen hatte. Diese Bilder schaden ihm nun enorm: Sie machen alle noch so glaubwürdig wirkenden Interviewantworten unglaubwürdig. Weshalb soll man bei so einem durchtriebenen Falschspieler sein inszeniertes Geständnis ernst nehmen? Armstrong hat zu lange und zu perfekt als Lügenmanager alle getäuscht und erstaunlich glaubwürdig erklärt, er sei sauber. Als Dopingsünder war Armstrong ein Ausnahmetalent. Er hätte wohl mit seinen Beteuerungen auch Lügendetektoren täuschen können. Vielleicht hatte er mit der Zeit begonnen, selbst daran zu glauben, dass er sauber sei.

Mit welchen Argumentationsketten versuchte Armstrong zu punkten?

Armstrong machte zuerst eindeutige Geständnisse. Die heiklen Fragen beantwortete er kurz und bündig mit Ja. «Ja, ich habe verbotene Substanzen eingenommen», sagte er zum Beispiel. Oder auch: «Ich habe den Entscheid gefällt. Es ist mein Fehler gewesen.» Er verzichtete darauf, andere Fahrer zu beschuldigen. Nach dieser Beichte versuchte Armstrong, seine Dopingvergehen abzuschwächen und als normale Vorgänge darzustellen. Doping sei im Radsport üblich gewesen. Ich zitiere Armstrong: «Doping war für mich Teil des Jobs – wie Reifenaufpumpen und Wasserflaschenauffüllen.» Ohne Doping sei es auch nicht möglich gewesen, zu gewinnen. «Ich wollte siegen, ich musste dopen», sagte Armstrong. Und mit der Aussage, dass er das Doping nicht erfunden habe, verlagerte Armstrong die Schuld auf die Erfinder von Dopingmitteln. Schliesslich versuchte er, die Dopingübertretungen mit seiner Krebserkrankung zu koppeln. Es sei erst das zweite Mal gewesen, dass er die Kontrolle über das Geschehen nicht mehr gehabt habe. «Das erste Mal war beim Krebs.»

Können Sie diese Argumentation von Armstrong genauer erläutern?

Armstrong zeichnete von sich das Bild eines furchtlosen Kämpfers. Ich zitiere ihn: «Ich wuchs auf als Kämpfer auf. Wir standen immer mit dem Rücken zur Wand. Und vor der Diagnose war ich ein Kämpfer. Aber nach dem Krebs war ich ein furchtloser Kämpfer.» So wie bei der Diagnose Krebs habe er als Kämpfernatur Medikamente respektive Dopingmittel eingesetzt, gab Armstrong zu verstehen. Ich vermute, dass Armstrong diese clevere Argumentationskette professionell trainiert hatte. Trotz eingeübter Argumentation und trotz betont lockerer Sitzhaltung während des TV-Interviews zeigten viele kleine Signale, dass etwas nicht stimmen kann.

Sie sprechen die Körpersprache von Armstrong an. Was ist Ihnen besonders aufgefallen?

Armstrong griff sich immer wieder ins Gesicht. Beim Zuhören und nach dem Sprechen presste er die Lippen eigenartig zusammen – im Sinne von «Pass auf, dass du nichts Falsches sagst». Armstrongs Lachen huschte wie antrainiert über sein Gesicht. Bei heiklen Fragen stockte der Sprechfluss. Während des Sprechens brach er den Blickkontakt zur Moderatorin zu oft ab. Manchmal hatte man den Eindruck, Armstrong suche konzentriert die antrainierte Formulierung auf einem Teleprompter. Jedenfalls stimmte die sonore ruhige Stimme von Armstrong nicht mit dem Inhalt der Aussagen und den nonverbalen Signalen überein. Ungewöhnliche Signale waren nicht nur bei der Lippen-, sondern auch bei der Augensprache festzustellen. Beispielsweise zog Armstrong das untere Lid plötzlich leicht nach oben. Solche Signale werden vom Publikum unbewusst wahrgenommen und interpretiert.

Zurück zum Inhalt des Interviews. Die Verquickung von Dopingvergehen und Krebserkrankung haben Sie als geschickt bezeichnet. Hat Armstrong nicht aber auch Aussagen gemacht, die ihm ganz klar schaden?

Plump und unglaubwürdig war zum Beispiel Armstrongs Behauptung, die Spende von 125'000 Dollar an die Anti-Doping-Behörde sei dazumal kein Bestechungsversuch gewesen. Auch das Unrechtsempfinden Armstrongs gibt zu denken. Ich zitiere Armstrong: «Ich habe nicht gedacht, dass ich betrüge. Doping war damals kein Betrug für mich.» Doping sei für ihn sozusagen das Sicherstellen von Waffengleichheit im Radsport gewesen. Solche Aussagen sind aus meiner Sicht kontraproduktiv. Damit signalisierte Armstrong Uneinsichtigkeit – und er entwertete seine Geständnisse.

Was ist im zweiten Teil des TV-Interviews, das in der Nacht auf Samstag ausgestrahlt wird, zu erwarten?

Ich bin keine Kaffeesatzleser. Dennoch müssen wir damit rechnen, dass Armstrong strategisch handeln wird. Dabei geht es um das Thema «Kronzeugenaussage gegen die Funktionäre des Weltradsportverbands». Armstrong wird sich an die Anweisungen seiner Berater halten. Dass er die Radsportfunktionäre konkret anschwärzt, glaube ich nach dem ersten Teil des TV-Interviews weniger. Er wird wohl durchblicken lassen, dass die Dopingsünder keine Angst haben mussten. Jahrelang sei nichts geschehen. Damit werden die Dopingkontrolleure indirekt beschuldigt, versagt zu haben.

Macht es bei einer Beichte Sinn, auf Fehler und Versäumnisse von Radsportfunktionären und Dopingkontrolleuren hinzuweisen?

Seine Rechtsberater werden Armstrong klargemacht haben, bei welcher Version er am besten wegkommen kann. Falls sich seine Kronzeugenaussagen und das Mit-Aufdecken von Missständen auf das Strafmass günstig auswirken, wird Armstrong die mutmasslichen Versäumnisse der Radsportbehörden konkret benennen. Diese Thematik wird vermutlich im zweiten Teil des TV-Interviews wiederum genau inszeniert worden sein.

Die TV-Beichte ist nur ein Teil von Armstrongs «Gang nach Canossa». Welches Prozedere muss er noch durchlaufen?

Wenn es Armstrong gelingt zu vermitteln, dass auch noch eine Prise echte Reue durchschimmert, könnte er zusätzliche Punkte holen. Ein echtes Mea culpa würde heissen: er nimmt die Schuld auf sich – damit würde er ENT-schuldigt. Wenn ein Angeschuldigter die Schuld auf sich nimmt, fällt es schwer, ihn noch mehr zu belasten.

Mit welchem öffentlichen «Urteil» muss Armstrong rechnen?

Nebst der lebenslangen Sperre, der Aberkennung der sportlichen Erfolge und einer allfälligen Gefängnisstrafe – man rechnet zwar beim Meineid mit einer Verjährung – wird Armstrong trotz dieses TV-Interviews von echten Sportfreunden geächtet bleiben. Sein Image ist dahin. Promis liegt enorm viel am Image.

Ist die Dopingvergangenheit ein grosses Hindernis für das weitere Berufsleben von Armstrong oder für den Fall, dass er in ein paar Jahren Politiker werden möchte?

Bei solchen gravierenden Vorkommnissen sehe ich kaum ein Revival, obschon Armstrong Aufmerksamkeit gewonnen hat, wie ich es im Sport selten gesehen habe. Ein dermassen negativer Bekanntheitsgrad ist kaum zu übertreffen. Die traurige Geschichte ist noch nicht fertig. Jedenfalls geht Armstrong in die Sportgeschichte ein. Der Fall ist einmalig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
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ERSTAUNLICH, WIE DIESES THEMA DIE BEVOELKERUNG INTERESSIERT.
UM 1200 GING  DER BEITRAG ONLINE. 1700 Uhr hatte es bereits 97 Kommentare. (Tagi-online)
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 Video abspielen

 
Vor der Armstrong-Beichte im TV (0300 Uhr wurden mir von Vincenzo Capodici am Morgen  folgende  Fragen gestellt - Mein Kommentar dazu:

 - Wie glaubwürdig ist Armstrong aufgetreten? Zeigte er  aufrichtige Reue? Oder  schauspielerische Fähigkeiten?

Armstrong hat zu lange, zu perfekt als Lügenmanager alle getäuscht und jahrelang erstaunlich glaubwürdig versprochen, er sei sauber. Als Doping Sünder war er für mich ein Ausnahmetalent. Er hätte wohl auch mit seinen glaubwürdigen Beteuerungen auch Lügendetektoren täuschen können. Vielleicht hatte er selbst daran geglaubt, sauber zu sein.   Denn es kann nachgewiesen werden, dass wenn jemand, der das glaubt, was er sagt,  keine Signale der Lüge mehr vermittelt. Das konnte man bei Tests von Lügen-Detektoren bei Zeugenaussagen nachweisen. Schauspielerische Fähigkeiten allein genügen nicht.
Der heutige - ebenfalls sehr gut vorbereitete und gut inszenierte Auftritt - nimmt man Armstrong  in seiner jüngsten Beichte nicht als echte Reue ab. Er sagt zwar "Tut mir leid" Doch fehlt mir die echte Reue. Ein echtes MEA CULPA, das von Herzen kommt. Er hat die Vergehen nur zugegeben - aber nicht bereut.
Das Sprichwort: Wer einmal lügt..... Müsste man bei Armstrong ergänzen: Wer so lange so glaubwürdig gelogen wird auch bei seinem gut präsentierten Eingeständnis das verlorene VerTRAUEN zurückgewinnen können. Wie können wir jetzt seinen Worten TRAUEN? 
Im Interview wurden immer wieder alte Sequenzen eingespielt, bei denen Armstrong professionell gelogen hatte. Diese Bilder schaden heute dem angeklagten Sportler enorm. Sie stellen alle noch so glaubwürdig wirkenden Interview - Antworten in Frage . Weshalb sollte man einem so durchtriebenen Falschspieler das inszenierte Eingeständnis ernst nehmen?
Plump und  unglaubwürdig ist  vor allem Armstrongs Behauptung angekommen:
Die Spende von 125 000 Dollar an die Anti - Doping - Behörde sei dazumal kein Bestechungsversuch gewesen.



- Punkto Rhetorik, inhaltlicher Argumentation,  Körpersprache etc: Was hat er  gut gemacht? Was  weniger?

Rhetorisch  ist jemand dann gut, wenn er verstanden wird, wenn er adressatengerecht und natürlich, echt und glaubwürdig spricht.

Zur Argumentationskette:

Die Argumentation baute Armstrong oder seine Berater auf folgendem Gerüst auf: Der Dopingsünder muss zuerst die uebertretungen ohne wenn und aber eindeutig zugeben. Die heiklen Fragen wurden kurz und bündig   mit JA beantwortet "Ja ich habe verbotene Substanzen genommen!"
"ICH habe den Entscheid gefällt. Es ist MEIN Fehler gewesen".
Er beschuldigt die anderen Fahrer nicht.
Nach dieser Beichte musste versucht werden, seine Vergehen abzuschwächen. Die Schuld stellt er in einen anderen Rahmen   (Framing):

 Das haben die meisten so gemacht (nur 5 nicht)
Armstrong schildert konkret, welche Substanzen (EPO, Transfusion, Testeron) verabreicht worden sind und verdeutlicht, wie das ausgeklügelte System erfolgreich funktioniert hatte (Uebergabe mit Motorradfahrern).
Mit der Aussage, ohne Doping sei heute kein Sieg mehr möglich, wird  implizit gesagt, jeder der gewinnen will, MUSS  dopen. Armstrong unterstreicht diese Sicht:
 Ich wollte siegen- Ich musste dopen. Mit der Formulierung " Ich habe Doping nicht erfunden." verlagert er sogar die Schuld auf die Erfinder.
Die Absicht zielt auf die analoge billige Rechtfertigung wie es Jugendliche tun, wenn sie Hasch konsumiert haben: Andere machen es auch! Drogen zu nehmen ist heute etwas Normales! Ich zitiere Armstrong: «Doping war für mich Teil des Jobs – wie Reifen aufpumpen und Wasserflaschen auffüllen."


 Er versuchte beim Publikum die Uebertretung mit der Krebskrankheit zu koppeln.
Es sei erst das zweite Mal, dass er die Kontrolle über das Geschehen nicht mehr habe. «Das erste Mal war beim Krebs.»
«Ich wuchs auf als Kämpfer auf. Wir standen immer mit dem Rücken zur Wand. Und vor der Diagnose war ich ein Kämpfer. Aber nach dem Krebs war ich ein furchtloser Kämpfer.» Damit wird suggeriert: Ich war ein furchtloser Kämpfer.  So wie bei der Diagnose Krebs  habe in als Kämpfernatur das Doping eingesetzt.
Ich vermute, dass diese clevere Argumentationskette professionell trainiert wurde.
Bei der Körpersprache verraten  in der Startphase viele kleine Signale, dass trotz bewusster lockerer Sitzhaltung, trotz eingeübter Argumentation, etwas nicht stimmen kann:
- Armstrong greift immer wieder ins Gesicht.
- Beim Zuhören und nach dem Reden werden die Lippen eigenartig zusammengepresst (Pass auf , dass Du nichts Falsches sagst!)
- Das Lachen huscht wie antrainiert über das Gesicht.
- Bei heiklen Fragen stockt der Sprechfluss.

-Hals verfärbt sich immer wieder - er wir röter und die Halsschlagader zucken.
- Beim Augenkontakt stelle ich fest: Der Blickkontakt wird während des Sprechens zur Moderatorin zu viel unterbrochen. Manchmal hat man das Gefühl, Armstrong suche konzentriert die antrainierte Formulierung auf einem Teleprompter.
Jedenfalls stimmt Ton (die sonore ruhige Stimme) nicht mit dem Inhalt und den nonverbalen Signalen überein.
Heute interessieren beim Zoll und bei Verhören vor allen ungewöhnliche oder abweichende Signale. Bei Armstrong zeigt sich das nicht nur bei der Lippen- auch bei der Augensprache. Das untere Lid wird plötzlich leicht nach oben gezogen. Dies kann einfach festgestellt werden. Doch wird es unbewusst von Publikum wahrgenommen und interpretiert. 



Das Unrechtsempfinden Armstrongs gibt zu denken:  "Ich habe nicht gedacht, dass ich betrüge. Doping war damals kein Betrug für mich. Es war quasi nur ein Sicherstellen von Waffengleichheit.» war aus meiner Sicht kontraproduktiv. Damit signalisiert er Uneinsichtigkeit und entwertet die Eingeständnisse.



 - Was ist im zweiten Teil des Interviews - in der Nacht auf  Samstag - zu  erwarten?

Ich bin keine Kaffeesatzleser. Dennoch müssen wir damit rechnen, dass Armstrong hinsichtlich "Kronzeugenaussage gegen die Funktionäre" strategisch  handeln wird. Er wird sich an die Anweisungen der Berater halten. Ob er die Sportunktionäre konkret anschwärzt, glaube ich nach dem ersten Teil des Interviews weniger. Indem er durchblicken liess, dass die Dopingsünder keine Angst haben mussten (jahrelang wurden die Augen zugedrückt) - werden die Kontrolleure indirekt beschuldigt, versagt zu haben



 - Macht es Sinn, auf die Fehler und Versäumnisse von  Funktionären  hinzuweisen? (Was er vermutlich tun wird...)

Seine Rechtsberater werden Armstrong klar gemacht haben, bei welcher Version er am besten wegkommt. Falls sich die Kronzeugenaussage und das Aufdecken von Fehlern auf das Strafmass günstig auswirkt, wird er auch noch  mutmasslichen Versäumnisse konkret nennen. Dies könnte vermutlich im zweiten Teil wiederum genau inszeniert worden sein. Ich zweifle daran, dass die Fehler der Funktionäre detailliert auf den Tisch kommen. Dies hängt von der Strategie der juristischen Berater ab.



- Die Beichte im TV ist Teil eines "Gangs nach Canossa". Welches Prozedere muss  Armstrong noch durchlaufen?

Wenn es Armstrong gelingt,  im zweiten Teil glaubhaft dar zu legen, dass auch noch ein Prise echte Reue durchschimmert, könnte er noch zusätzlich punkten. Echtes Mea Culpa bedeutet: Ich nehme die Schuld voll und ganz auf mich. Damit würde er ENT-schuldigt. Wenn jemand die ganze Schuld auf sich nimmt, fällt es schwer, ihn noch mehr zu belasten.



- Mit welchem "Urteil" des "Gerichts der Öffentlichkeit"  muss Armstrong rechnen?

Nebst der lebenslangen Sperre, der Aberkennung der Bronze Medaille (Olympiade 2000 in Sidney) und einer allfälligen Gefängnisstrafe (man rechnet in Fachkreisen beim Meineid mit einer Verjährung) bleibt Armstrong trotz dieses Interviews von echten Sportfreunden geächtet. Sein Image ist dahin.



 - Ist die Doping-Vergangenheit ein grosses Hindernis, falls  Armstrong in ein  paar Jahren Politiker werden möchte?

Bei solch  gravierenden Vorkommnissen, die dem ganzen Radsport demontieren konnten, sehe ich  kaum ein Revival Armstrongs, obschon er  Aufmerksamkeit (auch negative) erhalten hat, wie kaum je ein Sportler . Die traurige Geschichte ist noch wohl noch nicht fertig.  Der Fall ist einmalig. Armstrong  wird dennoch in die Sportgeschichte eingehen. 
 






Nachlese 20 Min hat mich gefreut. Hier wird im Gegensatz zu anderen Medien meine Analyse geteilt:

Das scheint tatsächlich Armstrongs Verteidigungsstrategie zu sein: Er kann nichts für sein Tun, denn es ist halt sein Charakter. oder wie er es sagt: «Ja, ich habe einen fehlerhaften Charakter.» Er sei ein Kämpfer. Und der unbedingte Wille zu siegen sei ihm im Kampf gegen den Hodenkrebs sehr zustattengekommen, habe sich danach aber in eine Richtung entwickelt, die nicht mehr gut war.
«Ich wollte schon immer gewinnen», sagte Armstrong an einer Stelle, «aber nach dem Krebs wurde ich zum ruchlosen Kämpfer, der dem Sieg alles unterordnete.» Und was sich ihm in den Weg stellte, wurde niedergewalzt.

Ausweichmöglichkeiten für Armstrong

In den ersten 90 Minuten des Interviews, das mit Filmeinspielungen auf das Doppelte der ursprünglichen Länge gestreckt wurde, um Oprahs nicht mit grossem Erfolg gesegnetem TV-Kanal mehr Quote und Werbeeinnahmen zu bringen, blieb Oprah Winfrey nah am Thema Doping. Sie wollte genau wissen, wie sich das Doping abspielte, aber wenn Lance auswich, liess sie ihn.
Dem «Guardian» war das zu wenig journalistisch, sie wollten mehr Details. Immerhin drückte Winfrey nicht auf die Tränendrüse, sondern gab öfters ihrer Fassungslosigkeit Ausdruck: Wie kann man bloss solch ein Idiot sein?
Armstrong erwiderte daraufhin sinngemäss immer und immer wieder: Weil ich einer bin. Das tat er allerdings so distanziert und emotionslos, dass der «Guardian» auf erneutes Doping tippt: «Er sah erstaunlich gut aus, gesund, nur etwas grauer. Für einen Mann, dessen Welt in den letzten sechs Monaten zusammenkrachte, wirkte er bemerkenswert ungestresst. Was immer er derzeit schluckt, ich will es auch.»

Wer einmal lügt ...

Die «WashingtonPost»-Kolumnistin Tracee Hamilton hingegen will von Lance und seinen Lügen nichts mehr wissen: «Ich bin nicht mehr länger interessiert an dem, was Lance Armstrong zu sagen hat. Weshalb sollte ich zwei Nächte vor dem TV verbringen mit einem Mann, der jahrelang gelogen hat und sich jetzt entschuldigt, weil es seinem Bankkonto und seiner Karriere nützen könnte?»
Und wieder der «Guardian»: «Hat er sich überhaupt bei jemandem entschuldigt?» Die Frage ist berechtigt. Eigentlich hat er nicht. Dafür erzählte er, wie er mit Menschen telefoniert habe, die ihn eingeklagt hatten. Eine davon war Betsy Andreu, die Frau eines ehemaligen Teamkollegen. Er habe sie einst als «fette Bitch und Lügnerin» bezeichnet, so der Vorwurf. Armstrong wollte auf dieses Gespräch nicht eingehen, erklärte lediglich, dass er ihr gesagt habe, dass er sie nie als «fett» bezeichnete. Ob er sich für «Bitch» und Lügnerin entschuldigt habe, liess er offen.

Selbst Djokovic äussert sich zu Armstrong

Auch auf Twitter wirft das Geständnis hohe Wellen. Armstrong kriegt dabei sein Fett ab, da er eigentlich nichts Neues sagte und wenig bedrückt wirkte.
Selbst Novak Djokovic habe nach seinem Sieg in der 3. Runde an der Pressekonferenz gesagt: «Er soll für seine Lügen büssen», wie der amerikaniche Tennis-Journalist Douglas Robson schreibt.

KOMMENTAR: Ich finde folgende NZZ Analyse beispielhaft. Details wurden genau beobachtet, wahrgenommen und beschrieben! Wer analysiert, muss gut zuhören und beschreiben können.

Abwiegeln und einschränken

Lance Armstrong hat gestanden, sich seit den 1990er Jahren gedopt zu haben. «Hast du je verbotene Substanzen zu dir genommen?» – «Ja.» – «EPO?» – «Ja.» – «Bluttransfusionen?» – «Ja.» – «Andere Substanzen, Wachstumshormone, Kortison, Testosteron?» – «Ja.» – «Bei allen sieben Tour-Siegen?» – «Ja.» – «War es damals möglich, die Tour ohne Doping zu gewinnen?» – «Ich glaube nicht.»
Aber er hat nichts gesagt, was durch den tausendseitigen Ermittlungsbericht der amerikanischen Antidopingagentur (Usada) und die 26 Zeugen nicht bereits aufgedeckt worden wäre. Im Gegenteil. Er bestritt, während des Comebacks gedopt gewesen zu sein. Er bestritt, den Weltverband UCI bezahlt zu haben, um eine positive Probe zu vertuschen. Er bestritt, Teamkollegen zu Doping gezwungen zu haben. Und er stellte auch in Abrede, über «das ausgeklügeltste Dopingsystem der Geschichte» verfügt zu haben, wie es der Usada-Chef Travis Tygart formuliert hatte. Armstrong sagte tatsächlich: «Zu sagen, das Programm war grösser als jenes in Ostdeutschland in den 1970er und 1980er Jahren – das wäre absolut falsch.» Als ob das noch einen Unterschied machen würde.
Armstrong sagte, was er sagen musste. Und wo immer er konnte, wiegelte er ab und schränkte ein. Die Methode ist hinlänglich bekannt. Es geht darum, selbst im Untergang den Anschein von Gutartigkeit zu bewahren.
Das Gespräch war ein Lehrstück des Kalküls. Daran ändert wohl auch der zweite Teil in der Nacht auf Samstag nichts. Wie sollte er auch. Seit dem letzten Jahr, als die Usada ihm gleich zweimal ermöglichte, als Kronzeuge aufzutreten und mit einem blauen Auge davonzukommen, hat Armstrong kaum sein ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt und aus dem Nichts ein Unrechtsbewusstsein entwickelt.
Ob er sich als Betrüger vorgekommen sei, fragte Winfrey. Armstrong antwortete: «Ich hörte ständig, ich sei ein Betrüger. Ich erkundigte mich nach der Definition von Betrüger. Ein Betrüger ist, wer sich einen unrechtmässigen Vorteil verschafft. Als das habe ich mich nie gesehen.» Der erstaunlichste Moment der 90-minütigen Sendung war der, als sich Armstrong als «arroganten Deppen» bezeichnete, so also, wie ihn viele Weggefährten schon lange sehen.
Für einen wie ihn, der zeit seiner Karriere auf einem anderen Planeten zu leben schien und der sein Selbstbewusstsein und seine Stärke jedem um die Ohren haute, der ihm in die Quere kam, kämen solcherlei Einsichten selbst dann nicht leicht über die Lippen, wenn er sie nur äussern würde, um Sympathiepunkte zu erhaschen. Er sei «zutiefst fehlerhaft», sagte er, «ich verstehe, dass ich am Anfang des Prozesses der Entschuldigung stehe, der bis ans Ende meines Lebens fortdauert».

Donnerstag, 17. Januar 2013

Politcal correctness auch  in klassischen Kinderbüchern?

"Negerlein" sagt man nicht!

Nun stellt sich die Frage: Sollen Kinderbuch-Klassiker korrigiert und umgeschrieben werden? 



Cover für '10 kleine Negerlein'


Die Jünger der Politischen Korrektheit versuchen ständig, alle früher so harmlose Worte zu verbannen, die heute politisch nicht mehr korrekt sind. Bücher sind für sie angeblich erst dann moralisch  sauber, wenn alle unkorrekte Worte aus den Kinderbüchern  ausgemerzt oder ersetzt sind.
Statt "Eskimo" müsste es überall "Inuit" (Menschen) heissen.
Die Moralapostel verlangen sogar, dass beim Vorlesen aus alten Büchern - auch von Kinderbuchklassikern, wie von Otfried Preussler oder Astrid Lindgren - nie mehr Worte, wie "Negerlein", "Negerkönig" oder "Türken mit weiten Pluderhosen" ausgesprochen werden dürfen.
Der Thienemann Verlag sollte somit das umstrittene Wort "Negerlein" aus "Kleiner Hexe" streichen.
Für alle, die Kindern Geschichten vorlesen, stellt sich nun die quälende Frage der Nation: "Wie sage ichs künftig meinem Kinde?"
Den Zensoren geht es darum, den Texten so rasch wie möglich zu Leibe zu rücken, damit sie alle ihren moralischen Vorstellungen entsprechen. Wahrscheinlich überlegen sie sich bereits, wie sie Tucholskys "Herr Wendriner" reinigen können, der in den Zwanzigerjahren so manche Spitze gegen Frauen losgelassen hatte. Die Zensoren sind sich nicht bewusst: Was heute korrekt ist, könnte morgen bereits wieder tabu sein.
Wie viele Erwachsenen haben jahrelang "Mohrenköpfe" verschlungen und das Lied "C-A-F-F-E-E trink nicht so viel Kaffee..." gesungen ohne Schwarze und Türken je diffamiert zu haben.
Wer in freisinnigem Geist aufgewachsen ist, kann die Urfassung von solchen Texten unbedacht stehen lassen und auf das klärende Gespräch der Eltern vertrauen.
Doch solche Toleranz behagt  den Sittenrichtern  nicht.
Schon früher versuchten Tugendwächter, KUNSTWERKE zu verändern und  mit Hilfe einiger Pinselstriche  unzüchtige Darstellungen zu überdecken.

Nach meinem Dafürhalten dürfen KUNSTWERKE und Zeugen der Vergangenheit nicht verändert werden. Wer alles, was der aktuellen  herrschenden Moral widerspricht, auszumerzen trachtet, müsste sich eigentlich freuen, wenn die Taliban 2001 die Buddha Statuen von Bamyian zerstört haben. Es wird wohl niemand bezweifeln, dass die Bücher von Lindgren und Tucholski ebenfalls zur KUNST zählen.


NACHTRAG DIE ZEIT:

Kinderbücher Höher Gebildete gegen Streichung von "Neger"

Darf Pippi Langstrumpfs Vater "Negerkönig" sein, darf die kleine Hexe einem "Negerlein" begegnen? Die Deutschen sind in dieser Frage gespalten.
In der Frage, ob diskriminierende Wörter wie "Neger" und "Zigeuner" aus Kinderbuchklassikern entfernt werden sollen, sind sich die Deutschen uneins. Während 50 Prozent dafür sind, sprechen sich 48 Prozent dagegen aus, wie eine Umfrage der Bild am Sonntag zeigt. Im Auftrag der Zeitung hatte das Emnid-Institut 500 Personen ab 14 Jahren interviewt.
Dabei gibt es deutliche regionale Unterschiede: Während 52 Prozent der Westdeutschen für eine Tilgung der diskriminierenden Wörter sind, sind es nur 37 Prozent der Ostdeutschen.
Je höher der Bildungsabschluss der Interviewten, desto größer ist der Anteil derer, die gegen eine Reform der Kinderbücher sind. So plädieren 85 Prozent der befragten Volksschüler ohne Lehre für eine Anpassung der Texte, doch nur 37 Prozent der Deutschen mit Hochschulreife.
Die Diskussion über eine Änderung von Kinderbuchklassikern wie Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren und Die kleine Hexe von Otfried Preußler war nach einem Interview mit Kristina Schröder in der ZEIT aufgekommen. Die Familienministerin hatte gesagt, dass sie Wörter wie "Neger" ersetze, wenn sie ihren Kindern aus solchen Büchern vorliest.


LINKS:


27. Jan. 2006 ... Sprachpolizei säubert Schulbücher. "Mohrenköpfe" dürfte man eigentlich nicht mehr sagen. Der Ausdruck ist diskriminierend. Sie werden heute ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/06/01_27.html
5. Juli 2011 ... Die "Genderpädagogen" durchkämmen als Sprachpolizisten die Märchen und Kinderbücher. So zwingen sie Mädchen zu Kampfspielen.
www.rhetorik.ch/Aktuell/11/07_05/index.html
1. Jan. 2004 ... Das Sachbuch "Die Sprachpolizei" von Diane Ravitsch analysiert und kritisiert Fehlentwicklungen und Auswüchse dieser zum Teil grotesken ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/Aktuell_Jan_01_2004.html

Mittwoch, 16. Januar 2013

Das Unwort des Jahres 2012

In einem Interview sagte Kachelmann, Frauen hätten in Vergewaltigungsprozessen ein «Opfer-Abo». Diesen Ausdruck tadelte nun die «Unwort»-Jury. (tagi)



Kachelmann hat das Wort "OPFER-ABO"  geprägt,

 das nun zum «Unwort des Jahres 2012» 

gekürt wurde


Das deutsche «Unwort des Jahres 2012» stammt aus dem Mund von Jörg Kachelmann. Die Jury wählte seine Aussage, wonach Frauen in der Gesellschaft ein «Opfer-Abo» hätten.

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Kachelmann überzeugte mit seinem Wort die Jury. (Bild: Keystone)

«Opfer-Abo» ist in Deutschland das «Unwort des Jahres 2012». Das teilte die «Unwort«-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit.
Das Schlagwort wurde einer Äusserung von Jörg Kachelmann zugeordnet. Der Schweizer Moderator hatte im Herbst davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein «Opfer-Abo» hätten. Die Jury kritisierte den Begriff dafür, dass er Frauen «pauschal und in inakzeptabler Weise» unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein.
Zum «Unwort des Jahres 2011» war «Döner-Morde» gewählt worden, 2010 «alternativlos» und 2009 «betriebsratsverseucht».
Neben der unabhängigen, sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das «Wort des Jahres». Für 2012 wurde im Dezember der Begriff «Rettungsroutine» bekanntgegeben. Das Wort stehe für die immer wiederkehrenden Massnahmen zur Rettung des Finanzsystems.
(sda)
Das Unwort hat eine Diskussion ausgelöst. Ich zitiere TAGI-online:

Alice Schwarzer gratulierte der «Unwort des Jahres«-Jury. Die Jury habe «ein bedeutendes Zeichen dafür gesetzt, dass die Verunglimpfung und Einschüchterung der Opfer sexueller Gewalt nicht so einfach durchgeht», schrieb Schwarzer in ihrer Zeitschrift «Emma».
Jörg Kachelmann hingegen reagierte mit Spott auf die Wahl des von ihm mitgeprägten Unworts. «Hui, das Unwort des Jahres. Wer hats erfunden? Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist», schreibt der Wettermoderator auf seinem Twitter-Account.
Originär stamme «Opfer-Abo» von seiner Frau Miriam, liess Kachelmann verlauten. Die 26-Jährige sagte auf Anfrage, es gebe natürlich Frauen, die sexuelle Gewalt erfinden. «Die Wahl zum Unwort des Jahres bestätigt somit eindrucksvoll die tatsächliche Existenz des Opfer-Abos», betonte sie.
Begriff «Opfer-Abo» wurde nur einmal eingereicht
Dagegen bewertete der Opferhilfeverein Weisser Ring die Wahl als «zweischneidiges Schwert». Das Problem mit dem Begriff «Opfer-Abo» sei dessen Erklärungsbedürftigkeit, sagte Sprecher Helmut Rüster. Fehle die Erklärung, bestehe die Gefahr, dass das Wort jetzt erst populär werde und die Meinungen «Ewiggestriger» bediene.
Auch der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) reagierte überrascht. Erst nach dem Lesen der Jury-Begründung verstehe er, was mit der Abstimmung kritisiert werde, sagte Ludwig Eichinger im dapd-Gespräch. «Es ist zweifellos ein sehr unfreundliches Wort», sagte Eichinger. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, die Jury hätte sich auf ein bekannteres Wort geeinigt, merkte der Mannheimer Sprachprofessor kritisch an.
Jury-Sprecherin Janich hingegen erläuterte, nicht die Häufigkeit der Nennung eines Worts sei ausschlaggebend. So sei «Opfer-Abo» nur einmal vorgeschlagen worden, «Schlecker-Frauen» 163 Mal. Die zentralen Unwort-Kriterien seien inhaltlicher Natur – etwa dass eine Bezeichnung Gruppen diffamiere oder einen Sachverhalt verschleiere, erläuterte die 43-jährige Linguistin. 2012 gingen bei der Aktion insgesamt 2241 Einsendungen mit 1019 verschiedenen Vorschlägen ein. Im Vorjahr war der in Zusammenhang mit der neonazistischen Mordserie verwendete Begriff «Döner-Morde» zum Unwort gekürt worden. Es war seinerzeit auch am häufigsten vorgeschlagen worden.
«Pleite-Griechen» auf Platz zwei
Im Sprachgebrauch der Deutschen offenbar etabliert hat sich die Euro-Krise. Die «Pleite-Griechen» landeten auf Platz zwei der Unwörter. Die im Kontext der Euro-Stabilitätsdebatte geprägte Formulierung diffamiere ein ganzes Volk, kritisierten die Sprachexperten. Bereits bei der Wahl zum Wort des Jahres 2012 im Dezember hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) den Begriff «Rettungsroutine» zum Sieger gekürt.
Dem schlossen sich übrigens auch die Börsianer an. Zum Börsen-Unwort 2012 bestimmten Wertpapierhändler und Analysten an der Börse Düsseldorf «freiwilliger Schuldenschnitt». Das Vertrauen der Investoren sei Anfang des Jahres durch den als freiwillig deklarierten Schuldenschnitt Griechenlands erschüttert worden, dabei handele es sich für alle Privatanleger doch eher um eine Enteignung.
Auf den dritten Platz bei der Wahl des Unworts 2012 schaffte es letztlich die Formulierung «Lebensleistungsrente». Die Bezeichnung sei sachlich unangemessen und zynisch, weil mit ihr die «Lebensleistung» von Menschen auf die für diese Rente vorgegebenen Bedingungen reduziert werde, begründete die Jury.
Bio Unwort in der Schweiz
Das «Unwort des Jahres» wird seit 2003 auch in der Schweiz gewählt. Das «Unwort 2012» wurde von der Jury Anfang Dezember bekannt gegeben und heisst «Bio». Durch den inflationären und oft missbräuchlichen Gebrauch des Begriffs im Detailhandel sei die Bevölkerung dessen überdrüssig geworden, hiess es in der Begründung.

Dienstag, 15. Januar 2013

Hattie-Studie: Der Lehrer ist der WICHTIGSTE FAKTOR!

Kleine Klassen bringen nichts, offener Unterricht auch nicht. Entscheidend ist: Der Lehrer, die Lehrerin. Das sagt John Hattie. Noch nie von ihm gehört?

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 Ich zitiere ZEIT- online:

Ein neuer Name geht um in der Pädagogik. Man liest ihn in Aufsätzen und hört ihn in Vorträgen. Einige der wichtigsten deutschen Schulforscher kommen ohne ihn nicht mehr aus. Und schon bald, das sei prophezeit, werden es alle sein. Vom »Hattie-Faktor« und vom »Hattie-Ranking« ist die Rede. Und man fragt: »Was steht bei Hattie dazu?«

John Hattie – Neuseeländer, Bildungsforscher, Professor an der University of Melbourne – hat 2008 ein Buch herausgebracht, das die pädagogische Welt seitdem elektrisiert. Visible Learning (sinngemäß übersetzt: sichtbare Lernprozesse) heißt der Titel des Werkes. Es hat den Anspruch, die wichtigste Frage der Bildungsforschung umfassend zu beantworten: Was ist guter Unterricht?

Das klingt anmaßend, ja wahnsinnig, und ein bisschen ist es das auch. Denn John Hattie tat, was vor ihm noch niemand versucht hatte: sämtliche englischsprachige Studien weltweit zum Lernerfolg zu sichten, zu gewichten und zu einer großen Synthese der empirischen Unterrichtsforschung zusammenzuführen. Mehr als 800 Metaanalysen wertete er dafür aus, also jene Art von Untersuchungen, die verschiedene Studien zu einem Thema zusammenfassen, sei es zu Hausaufgaben oder Förderunterricht, zum Vokabellernen, zur Elternarbeit oder zum Sitzenbleiben.
Aus diesen Metaanalysen erstellte er mit dem Handwerkzeug des Statistikers eine Megaanalyse, in die mehr als 50.000 Einzeluntersuchungen mit 250 Millionen beteiligten Schülern eingeflossen sind. Für die verschiedenen Unterrichtsmethoden und Lernbedingungen errechnete Hattie dann einen Erfolgsfaktor, Effektstärke genannt. Anderthalb Jahrzehnte benötigte der Forscher für seine Fleißarbeit. Am Ende erstellte Hattie eine Art Bestenliste der wirkungsvollsten pädagogischen Programme.
Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in einer Studie mit mehr als 800 Metaanalysen, die wiederum 50000 Einzelstudien zusammenfassen, untersucht, was guten Unterricht ausmacht. Insgesamt waren an den Untersuchungen 250 Millionen Schüler beteiligt. Sein Buch »Visible Learning« (2008) liefert die umfangreichste Darstellung der weltweiten Unterrichtsforschung. Hattie verbreitert seine Datenbasis ständig mit neuen Erhebungen. Anbei einige der insgesamt 136 Einflussgrößen, die Hattie in seinem Buch bewertet. Sie geben einen Hinweis darauf, welche Faktoren für sich genommen das Lernen hemmen und welche sie fördern.

Kommentar: Hatties Studie deckt sich mit meinen Erkenntissen als Pädagoge,  Leiter von Lehrerfortbildungskursen,  Seminaren mit Schulleitern oder den Erkenntnissen anlässlich meiner Hospitationen:
Auch ohne Hattie Studie hat mir der Schulalltag bewusst gemacht, dass es die Bezugsperson Lehrer oder Lehrerin ist, die Lernprozesse am besten beeinflussen. Es geht auch um die Konstanz dieser Bezugspersonen. Die Auflösung dieser Beziehungen (zu viele Lehrpersonen pro Klasse, der Glaube an an eine alleinseligmachende Methode oder die Klassengrösse) haben den Faktor LEHRER, LEHRERIN vernachlässigt. Hatties Studie war wichtig, denn sie hat den Fokus auf den wichtigsten Faktor  bewusst gemacht.