Armstrong Interview - ein Medienereignis
Ich habe dieses Interview heute Nacht um 3 Uhr beobachtet und analysiert (Text folgt):
Die Medien werden schreiben, Armstrong habe Reue gezeigt und beweisen dies mit folgender Aussage:
«Wenn ich Ausschnitte von damals sehe, denke ich, was ich doch für ein
arroganter Scheisskerl gewesen bin», kommentiert Armstrong Ausschnitte,
die zeigen, wie er in Interviews und bei gerichtlichen Befragungen lügt.
Ich komme zu einem anderen Schluss:
Armstrong hat Fehler eingestanden. Das Interview war gut vorbereitet, Armstrong argumentierte professionell, aber mir fehlt die Reue, die von innen kommt.
Ich zitiere mein Interview im Tagi online und BUND mit Capodici Vincenzo:
Lance Armstrong hat im TV seine Dopingbeichte abgelegt. Hat er
das glaubwürdig gemacht? Was hat seine Körpersprache verraten? Antworten
gibt der Kommunikationsexperte Marcus Knill.
Mehr...
«Armstrong hätte wohl auch Lügendetektoren täuschen können»
Lance Armstrong hat im TV seine Dopingbeichte
abgelegt. Hat er das glaubwürdig gemacht? Was hat seine Körpersprache
verraten? Antworten gibt der Kommunikationsberater Marcus Knill.
Er konnte nur eine Frage mit Nein beantworten –
jene, dass er die Tour-de-France-Siege ohne Doping nicht geschafft
hätte: Lance Armstrong im Gespräch mit Oprah Winfrey.
«Nach der Beichte versuchte Armstrong, seine
Dopingvergehen abzuschwächen und als normale Vorgänge darzustellen»:
Marcus Knill, Kommunikationsberater und Coach.
Hat Lance Armstrong in seiner TV-Beichte aufrichtige Reue gezeigt? Oder nur schauspielerisches Talent offenbart?
Marcus Knill: Der Auftritt von Armstrong war sehr gut vorbereitet
und gut inszeniert. Dennoch nimmt man ihm seine Aussagen nicht als
echte Reue ab. Es genügt nicht zu sagen, dass es ihm leid tue. Echte
Reue müsste von tiefstem Herzen kommen. Und ich erinnere an das
Sprichwort «Wer einmal lügt...». Während des Interviews wurden immer
wieder alte TV-Sequenzen ausgestrahlt, bei denen Armstrong professionell
gelogen hatte. Diese Bilder schaden ihm nun enorm: Sie machen alle noch
so glaubwürdig wirkenden Interviewantworten unglaubwürdig. Weshalb soll
man bei so einem durchtriebenen Falschspieler sein inszeniertes
Geständnis ernst nehmen? Armstrong hat zu lange und zu perfekt als
Lügenmanager alle getäuscht und erstaunlich glaubwürdig erklärt, er sei
sauber. Als Dopingsünder war Armstrong ein Ausnahmetalent. Er hätte wohl
mit seinen Beteuerungen auch Lügendetektoren täuschen können.
Vielleicht hatte er mit der Zeit begonnen, selbst daran zu glauben, dass
er sauber sei.
Mit welchen Argumentationsketten versuchte Armstrong zu punkten?
Armstrong machte zuerst eindeutige Geständnisse. Die heiklen Fragen
beantwortete er kurz und bündig mit Ja. «Ja, ich habe verbotene
Substanzen eingenommen», sagte er zum Beispiel. Oder auch: «Ich habe den
Entscheid gefällt. Es ist mein Fehler gewesen.» Er verzichtete darauf,
andere Fahrer zu beschuldigen. Nach dieser Beichte versuchte Armstrong,
seine Dopingvergehen abzuschwächen und als normale Vorgänge
darzustellen. Doping sei im Radsport üblich gewesen. Ich zitiere
Armstrong: «Doping war für mich Teil des Jobs – wie Reifenaufpumpen und
Wasserflaschenauffüllen.» Ohne Doping sei es auch nicht möglich gewesen,
zu gewinnen. «Ich wollte siegen, ich musste dopen», sagte Armstrong.
Und mit der Aussage, dass er das Doping nicht erfunden habe, verlagerte
Armstrong die Schuld auf die Erfinder von Dopingmitteln. Schliesslich
versuchte er, die Dopingübertretungen mit seiner Krebserkrankung zu
koppeln. Es sei erst das zweite Mal gewesen, dass er die Kontrolle über
das Geschehen nicht mehr gehabt habe. «Das erste Mal war beim Krebs.»
Können Sie diese Argumentation von Armstrong genauer erläutern?
Armstrong zeichnete von sich das Bild eines furchtlosen Kämpfers. Ich
zitiere ihn: «Ich wuchs auf als Kämpfer auf. Wir standen immer mit dem
Rücken zur Wand. Und vor der Diagnose war ich ein Kämpfer. Aber nach dem
Krebs war ich ein furchtloser Kämpfer.» So wie bei der Diagnose Krebs
habe er als Kämpfernatur Medikamente respektive Dopingmittel eingesetzt,
gab Armstrong zu verstehen. Ich vermute, dass Armstrong diese clevere
Argumentationskette professionell trainiert hatte. Trotz eingeübter
Argumentation und trotz betont lockerer Sitzhaltung während des
TV-Interviews zeigten viele kleine Signale, dass etwas nicht stimmen
kann.
Sie sprechen die Körpersprache von Armstrong an. Was ist Ihnen besonders aufgefallen?
Armstrong griff sich immer wieder ins Gesicht. Beim Zuhören und nach dem
Sprechen presste er die Lippen eigenartig zusammen – im Sinne von «Pass
auf, dass du nichts Falsches sagst». Armstrongs Lachen huschte wie
antrainiert über sein Gesicht. Bei heiklen Fragen stockte der
Sprechfluss. Während des Sprechens brach er den Blickkontakt zur
Moderatorin zu oft ab. Manchmal hatte man den Eindruck, Armstrong suche
konzentriert die antrainierte Formulierung auf einem Teleprompter.
Jedenfalls stimmte die sonore ruhige Stimme von Armstrong nicht mit dem
Inhalt der Aussagen und den nonverbalen Signalen überein. Ungewöhnliche
Signale waren nicht nur bei der Lippen-, sondern auch bei der
Augensprache festzustellen. Beispielsweise zog Armstrong das untere Lid
plötzlich leicht nach oben. Solche Signale werden vom Publikum unbewusst
wahrgenommen und interpretiert.
Zurück zum Inhalt des
Interviews. Die Verquickung von Dopingvergehen und Krebserkrankung haben
Sie als geschickt bezeichnet. Hat Armstrong nicht aber auch Aussagen
gemacht, die ihm ganz klar schaden?
Plump und unglaubwürdig war zum Beispiel Armstrongs Behauptung, die
Spende von 125'000 Dollar an die Anti-Doping-Behörde sei dazumal kein
Bestechungsversuch gewesen. Auch das Unrechtsempfinden Armstrongs gibt
zu denken. Ich zitiere Armstrong: «Ich habe nicht gedacht, dass ich
betrüge. Doping war damals kein Betrug für mich.» Doping sei für ihn
sozusagen das Sicherstellen von Waffengleichheit im Radsport gewesen.
Solche Aussagen sind aus meiner Sicht kontraproduktiv. Damit
signalisierte Armstrong Uneinsichtigkeit – und er entwertete seine
Geständnisse.
Was ist im zweiten Teil des TV-Interviews, das in der Nacht auf Samstag ausgestrahlt wird, zu erwarten?
Ich bin keine Kaffeesatzleser. Dennoch müssen wir damit rechnen, dass
Armstrong strategisch handeln wird. Dabei geht es um das Thema
«Kronzeugenaussage gegen die Funktionäre des Weltradsportverbands».
Armstrong wird sich an die Anweisungen seiner Berater halten. Dass er
die Radsportfunktionäre konkret anschwärzt, glaube ich nach dem ersten
Teil des TV-Interviews weniger. Er wird wohl durchblicken lassen, dass
die Dopingsünder keine Angst haben mussten. Jahrelang sei nichts
geschehen. Damit werden die Dopingkontrolleure indirekt beschuldigt,
versagt zu haben.
Macht es bei einer Beichte Sinn, auf Fehler und Versäumnisse von Radsportfunktionären und Dopingkontrolleuren hinzuweisen?
Seine Rechtsberater werden Armstrong klargemacht haben, bei welcher
Version er am besten wegkommen kann. Falls sich seine Kronzeugenaussagen
und das Mit-Aufdecken von Missständen auf das Strafmass günstig
auswirken, wird Armstrong die mutmasslichen Versäumnisse der
Radsportbehörden konkret benennen. Diese Thematik wird vermutlich im
zweiten Teil des TV-Interviews wiederum genau inszeniert worden sein.
Die TV-Beichte ist nur ein Teil von Armstrongs «Gang nach Canossa». Welches Prozedere muss er noch durchlaufen?
Wenn es Armstrong gelingt zu vermitteln, dass auch noch eine Prise echte
Reue durchschimmert, könnte er zusätzliche Punkte holen. Ein echtes Mea
culpa würde heissen: er nimmt die Schuld auf sich – damit würde er
ENT-schuldigt. Wenn ein Angeschuldigter die Schuld auf sich nimmt, fällt
es schwer, ihn noch mehr zu belasten.
Mit welchem öffentlichen «Urteil» muss Armstrong rechnen?
Nebst der lebenslangen Sperre, der Aberkennung der sportlichen Erfolge
und einer allfälligen Gefängnisstrafe – man rechnet zwar beim Meineid
mit einer Verjährung – wird Armstrong trotz dieses TV-Interviews von
echten Sportfreunden geächtet bleiben. Sein Image ist dahin. Promis
liegt enorm viel am Image.
Ist die Dopingvergangenheit ein
grosses Hindernis für das weitere Berufsleben von Armstrong oder für den
Fall, dass er in ein paar Jahren Politiker werden möchte?
Bei solchen gravierenden Vorkommnissen sehe ich kaum ein Revival,
obschon Armstrong Aufmerksamkeit gewonnen hat, wie ich es im Sport
selten gesehen habe. Ein dermassen negativer Bekanntheitsgrad ist kaum
zu übertreffen. Die traurige Geschichte ist noch nicht fertig.
Jedenfalls geht Armstrong in die Sportgeschichte ein. Der Fall ist
einmalig.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
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ERSTAUNLICH, WIE DIESES THEMA DIE BEVOELKERUNG INTERESSIERT.
UM 1200 GING DER BEITRAG ONLINE. 1700 Uhr hatte es bereits 97 Kommentare. (Tagi-online)
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Vor der Armstrong-Beichte im TV (0300 Uhr wurden mir von Vincenzo Capodici am Morgen folgende Fragen gestellt - Mein Kommentar dazu:
- Wie glaubwürdig ist Armstrong aufgetreten? Zeigte er aufrichtige Reue? Oder schauspielerische Fähigkeiten?
Armstrong hat zu lange, zu perfekt als Lügenmanager alle getäuscht und jahrelang erstaunlich glaubwürdig versprochen, er sei sauber. Als Doping Sünder war er für mich ein Ausnahmetalent. Er hätte wohl auch mit seinen glaubwürdigen Beteuerungen auch Lügendetektoren täuschen können. Vielleicht hatte er selbst daran geglaubt, sauber zu sein. Denn es kann nachgewiesen werden, dass wenn jemand, der das glaubt, was er sagt, keine Signale der Lüge mehr vermittelt. Das konnte man bei Tests von Lügen-Detektoren bei Zeugenaussagen nachweisen. Schauspielerische Fähigkeiten allein genügen nicht.
Der heutige - ebenfalls sehr gut vorbereitete und gut inszenierte Auftritt - nimmt man Armstrong in seiner jüngsten Beichte nicht als echte Reue ab. Er sagt zwar "Tut mir leid" Doch fehlt mir die echte Reue. Ein echtes MEA CULPA, das von Herzen kommt. Er hat die Vergehen nur zugegeben - aber nicht bereut.
Das Sprichwort: Wer einmal lügt..... Müsste man bei Armstrong ergänzen: Wer so lange so glaubwürdig gelogen wird auch bei seinem gut präsentierten Eingeständnis das verlorene VerTRAUEN zurückgewinnen können. Wie können wir jetzt seinen Worten TRAUEN?
Im Interview wurden immer wieder alte Sequenzen eingespielt, bei denen Armstrong professionell gelogen hatte. Diese Bilder schaden heute dem angeklagten Sportler enorm. Sie stellen alle noch so glaubwürdig wirkenden Interview - Antworten in Frage . Weshalb sollte man einem so durchtriebenen Falschspieler das inszenierte Eingeständnis ernst nehmen?
Plump und unglaubwürdig ist vor allem Armstrongs Behauptung angekommen:
Die Spende von 125 000 Dollar an die Anti - Doping - Behörde sei dazumal kein Bestechungsversuch gewesen.
- Punkto Rhetorik, inhaltlicher Argumentation, Körpersprache etc: Was hat er gut gemacht? Was weniger?
Rhetorisch ist jemand dann gut, wenn er verstanden wird, wenn er adressatengerecht und natürlich, echt und glaubwürdig spricht.
Zur Argumentationskette:
Die Argumentation baute Armstrong oder seine Berater auf folgendem Gerüst auf: Der Dopingsünder muss zuerst die uebertretungen ohne wenn und aber eindeutig zugeben. Die heiklen Fragen wurden kurz und bündig mit JA beantwortet "Ja ich habe verbotene Substanzen genommen!"
"ICH habe den Entscheid gefällt. Es ist MEIN Fehler gewesen".
Er beschuldigt die anderen Fahrer nicht.
Nach dieser Beichte musste versucht werden, seine Vergehen abzuschwächen. Die Schuld stellt er in einen anderen Rahmen (Framing):
Das haben die meisten so gemacht (nur 5 nicht)
Armstrong schildert konkret, welche Substanzen (EPO, Transfusion, Testeron) verabreicht worden sind und verdeutlicht, wie das ausgeklügelte System erfolgreich funktioniert hatte (Uebergabe mit Motorradfahrern).
Mit der Aussage, ohne Doping sei heute kein Sieg mehr möglich, wird implizit gesagt, jeder der gewinnen will, MUSS dopen. Armstrong unterstreicht diese Sicht:
Ich wollte siegen- Ich musste dopen. Mit der Formulierung " Ich habe Doping nicht erfunden." verlagert er sogar die Schuld auf die Erfinder.
Die Absicht zielt auf die analoge billige Rechtfertigung wie es Jugendliche tun, wenn sie Hasch konsumiert haben: Andere machen es auch! Drogen zu nehmen ist heute etwas Normales! Ich zitiere Armstrong: «Doping war für mich Teil des Jobs – wie Reifen aufpumpen und Wasserflaschen auffüllen."
Er versuchte beim Publikum die Uebertretung mit der Krebskrankheit zu koppeln.
Es sei erst das zweite Mal, dass er die Kontrolle über das Geschehen nicht mehr habe. «Das erste Mal war beim Krebs.»
«Ich wuchs auf als Kämpfer auf. Wir standen immer mit dem Rücken zur Wand. Und vor der Diagnose war ich ein Kämpfer. Aber nach dem Krebs war ich ein furchtloser Kämpfer.» Damit wird suggeriert: Ich war ein furchtloser Kämpfer. So wie bei der Diagnose Krebs habe in als Kämpfernatur das Doping eingesetzt.
Ich vermute, dass diese clevere Argumentationskette professionell trainiert wurde.
Bei der Körpersprache verraten in der Startphase viele kleine Signale, dass trotz bewusster lockerer Sitzhaltung, trotz eingeübter Argumentation, etwas nicht stimmen kann:
- Armstrong greift immer wieder ins Gesicht.
- Beim Zuhören und nach dem Reden werden die Lippen eigenartig zusammengepresst (Pass auf , dass Du nichts Falsches sagst!)
- Das Lachen huscht wie antrainiert über das Gesicht.
- Bei heiklen Fragen stockt der Sprechfluss.
-Hals verfärbt sich immer wieder - er wir röter und die Halsschlagader zucken.
- Beim Augenkontakt stelle ich fest: Der Blickkontakt wird während des Sprechens zur Moderatorin zu viel unterbrochen. Manchmal hat man das Gefühl, Armstrong suche konzentriert die antrainierte Formulierung auf einem Teleprompter.
Jedenfalls stimmt Ton (die sonore ruhige Stimme) nicht mit dem Inhalt und den nonverbalen Signalen überein.
Heute interessieren beim Zoll und bei Verhören vor allen ungewöhnliche oder abweichende Signale. Bei Armstrong zeigt sich das nicht nur bei der Lippen- auch bei der Augensprache. Das untere Lid wird plötzlich leicht nach oben gezogen. Dies kann einfach festgestellt werden. Doch wird es unbewusst von Publikum wahrgenommen und interpretiert.
Das Unrechtsempfinden Armstrongs gibt zu denken: "Ich habe nicht gedacht, dass ich betrüge. Doping war damals kein Betrug für mich. Es war quasi nur ein Sicherstellen von Waffengleichheit.» war aus meiner Sicht kontraproduktiv. Damit signalisiert er Uneinsichtigkeit und entwertet die Eingeständnisse.
- Was ist im zweiten Teil des Interviews - in der Nacht auf Samstag - zu erwarten?
Ich bin keine Kaffeesatzleser. Dennoch müssen wir damit rechnen, dass Armstrong hinsichtlich "Kronzeugenaussage gegen die Funktionäre" strategisch handeln wird. Er wird sich an die Anweisungen der Berater halten. Ob er die Sportunktionäre konkret anschwärzt, glaube ich nach dem ersten Teil des Interviews weniger. Indem er durchblicken liess, dass die Dopingsünder keine Angst haben mussten (jahrelang wurden die Augen zugedrückt) - werden die Kontrolleure indirekt beschuldigt, versagt zu haben
- Macht es Sinn, auf die Fehler und Versäumnisse von Funktionären hinzuweisen? (Was er vermutlich tun wird...)
Seine Rechtsberater werden Armstrong klar gemacht haben, bei welcher Version er am besten wegkommt. Falls sich die Kronzeugenaussage und das Aufdecken von Fehlern auf das Strafmass günstig auswirkt, wird er auch noch mutmasslichen Versäumnisse konkret nennen. Dies könnte vermutlich im zweiten Teil wiederum genau inszeniert worden sein. Ich zweifle daran, dass die Fehler der Funktionäre detailliert auf den Tisch kommen. Dies hängt von der Strategie der juristischen Berater ab.
- Die Beichte im TV ist Teil eines "Gangs nach Canossa". Welches Prozedere muss Armstrong noch durchlaufen?
Wenn es Armstrong gelingt, im zweiten Teil glaubhaft dar zu legen, dass auch noch ein Prise echte Reue durchschimmert, könnte er noch zusätzlich punkten. Echtes Mea Culpa bedeutet: Ich nehme die Schuld voll und ganz auf mich. Damit würde er ENT-schuldigt. Wenn jemand die ganze Schuld auf sich nimmt, fällt es schwer, ihn noch mehr zu belasten.
- Mit welchem "Urteil" des "Gerichts der Öffentlichkeit" muss Armstrong rechnen?
Nebst der lebenslangen Sperre, der Aberkennung der Bronze Medaille (Olympiade 2000 in Sidney) und einer allfälligen Gefängnisstrafe (man rechnet in Fachkreisen beim Meineid mit einer Verjährung) bleibt Armstrong trotz dieses Interviews von echten Sportfreunden geächtet. Sein Image ist dahin.
- Ist die Doping-Vergangenheit ein grosses Hindernis, falls Armstrong in ein paar Jahren Politiker werden möchte?
Bei solch gravierenden Vorkommnissen, die dem ganzen Radsport demontieren konnten, sehe ich kaum ein Revival Armstrongs, obschon er Aufmerksamkeit (auch negative) erhalten hat, wie kaum je ein Sportler . Die traurige Geschichte ist noch wohl noch nicht fertig. Der Fall ist einmalig. Armstrong wird dennoch in die Sportgeschichte eingehen.
Nachlese 20 Min hat mich gefreut. Hier wird im Gegensatz zu anderen Medien meine Analyse geteilt:
Das scheint tatsächlich Armstrongs Verteidigungsstrategie zu sein: Er
kann nichts für sein Tun, denn es ist halt sein Charakter. oder wie er
es sagt: «Ja, ich habe einen fehlerhaften Charakter.» Er sei ein
Kämpfer. Und der unbedingte Wille zu siegen sei ihm im Kampf gegen den
Hodenkrebs sehr zustattengekommen, habe sich danach aber in eine
Richtung entwickelt, die nicht mehr gut war.
«Ich wollte schon
immer gewinnen», sagte Armstrong an einer Stelle, «aber nach dem Krebs
wurde ich zum ruchlosen Kämpfer, der dem Sieg alles unterordnete.» Und
was sich ihm in den Weg stellte, wurde niedergewalzt.
Ausweichmöglichkeiten für Armstrong
In
den ersten 90 Minuten des Interviews, das mit Filmeinspielungen auf das
Doppelte der ursprünglichen Länge gestreckt wurde, um Oprahs nicht mit
grossem Erfolg gesegnetem TV-Kanal mehr Quote und Werbeeinnahmen zu
bringen, blieb Oprah Winfrey nah am Thema Doping. Sie wollte genau
wissen, wie sich das Doping abspielte, aber wenn Lance auswich, liess
sie ihn.
Dem «Guardian» war das zu wenig journalistisch, sie
wollten mehr Details. Immerhin drückte Winfrey nicht auf die
Tränendrüse, sondern gab öfters ihrer Fassungslosigkeit Ausdruck: Wie
kann man bloss solch ein Idiot sein?
Armstrong erwiderte daraufhin
sinngemäss immer und immer wieder: Weil ich einer bin. Das tat er
allerdings so distanziert und emotionslos, dass der «Guardian» auf
erneutes Doping tippt: «Er sah erstaunlich gut aus, gesund, nur etwas
grauer. Für einen Mann, dessen Welt in den letzten sechs Monaten
zusammenkrachte, wirkte er bemerkenswert ungestresst. Was immer er
derzeit schluckt, ich will es auch.»
Wer einmal lügt ...
Die «WashingtonPost»-
Kolumnistin
Tracee Hamilton hingegen will von Lance und seinen Lügen nichts mehr
wissen: «Ich bin nicht mehr länger interessiert an dem, was Lance
Armstrong zu sagen hat. Weshalb sollte ich zwei Nächte vor dem TV
verbringen mit einem Mann, der jahrelang gelogen hat und sich jetzt
entschuldigt, weil es seinem Bankkonto und seiner Karriere nützen
könnte?»
Und wieder der «Guardian»: «Hat er sich überhaupt bei
jemandem entschuldigt?» Die Frage ist berechtigt. Eigentlich hat er
nicht. Dafür erzählte er, wie er mit Menschen telefoniert habe, die ihn
eingeklagt hatten. Eine davon war Betsy Andreu, die Frau eines
ehemaligen Teamkollegen. Er habe sie einst als «fette Bitch und
Lügnerin» bezeichnet, so der Vorwurf. Armstrong wollte auf dieses
Gespräch nicht eingehen, erklärte lediglich, dass er ihr gesagt habe,
dass er sie nie als «fett» bezeichnete. Ob er sich für «Bitch» und
Lügnerin entschuldigt habe, liess er offen.
Selbst Djokovic äussert sich zu Armstrong
Auch
auf Twitter wirft das Geständnis hohe Wellen. Armstrong kriegt dabei
sein Fett ab, da er eigentlich nichts Neues sagte und wenig bedrückt
wirkte.
Selbst Novak Djokovic habe nach seinem Sieg in der 3.
Runde an der Pressekonferenz gesagt: «Er soll für seine Lügen büssen»,
wie der amerikaniche Tennis-Journalist Douglas Robson schreibt.
KOMMENTAR: Ich finde folgende NZZ Analyse beispielhaft. Details wurden genau beobachtet, wahrgenommen und beschrieben! Wer analysiert, muss gut zuhören und beschreiben können.
Abwiegeln und einschränken
Lance Armstrong hat gestanden,
sich seit den 1990er Jahren gedopt zu haben. «Hast du je verbotene
Substanzen zu dir genommen?» – «Ja.» – «EPO?» – «Ja.» –
«Bluttransfusionen?» – «Ja.» – «Andere Substanzen, Wachstumshormone,
Kortison, Testosteron?» – «Ja.» – «Bei allen sieben Tour-Siegen?» –
«Ja.» – «War es damals möglich, die Tour ohne Doping zu gewinnen?» –
«Ich glaube nicht.»
Aber er hat nichts gesagt, was durch den
tausendseitigen Ermittlungsbericht der amerikanischen Antidopingagentur
(Usada) und die 26 Zeugen nicht bereits aufgedeckt worden wäre. Im
Gegenteil. Er bestritt, während des Comebacks gedopt gewesen zu sein. Er
bestritt, den Weltverband UCI bezahlt zu haben, um eine positive Probe
zu vertuschen. Er bestritt, Teamkollegen zu Doping gezwungen zu haben.
Und er stellte auch in Abrede, über «das ausgeklügeltste Dopingsystem
der Geschichte» verfügt zu haben, wie es der Usada-Chef Travis Tygart
formuliert hatte. Armstrong sagte tatsächlich: «Zu sagen, das Programm
war grösser als jenes in Ostdeutschland in den 1970er und 1980er Jahren –
das wäre absolut falsch.» Als ob das noch einen Unterschied machen
würde.
Armstrong sagte, was er sagen musste. Und wo immer er
konnte, wiegelte er ab und schränkte ein. Die Methode ist hinlänglich
bekannt. Es geht darum, selbst im Untergang den Anschein von
Gutartigkeit zu bewahren.
Das Gespräch war ein Lehrstück des
Kalküls. Daran ändert wohl auch der zweite Teil in der Nacht auf Samstag
nichts. Wie sollte er auch. Seit dem letzten Jahr, als die Usada ihm
gleich zweimal ermöglichte, als Kronzeuge aufzutreten und mit einem
blauen Auge davonzukommen, hat Armstrong kaum sein ganzes Weltbild auf
den Kopf gestellt und aus dem Nichts ein Unrechtsbewusstsein entwickelt.
Ob
er sich als Betrüger vorgekommen sei, fragte Winfrey. Armstrong
antwortete: «Ich hörte ständig, ich sei ein Betrüger. Ich erkundigte
mich nach der Definition von Betrüger. Ein Betrüger ist, wer sich einen
unrechtmässigen Vorteil verschafft. Als das habe ich mich nie gesehen.»
Der erstaunlichste Moment der 90-minütigen Sendung war der, als sich
Armstrong als «arroganten Deppen» bezeichnete, so also, wie ihn viele
Weggefährten schon lange sehen.
Für einen wie ihn, der zeit seiner
Karriere auf einem anderen Planeten zu leben schien und der sein
Selbstbewusstsein und seine Stärke jedem um die Ohren haute, der ihm in
die Quere kam, kämen solcherlei Einsichten selbst dann nicht leicht über
die Lippen, wenn er sie nur äussern würde, um Sympathiepunkte zu
erhaschen. Er sei «zutiefst fehlerhaft», sagte er, «ich verstehe, dass
ich am Anfang des Prozesses der Entschuldigung stehe, der bis ans Ende
meines Lebens fortdauert».