Illegale Partys und Gewalt
Will die Polizei Gewalt verhindern muss sie rasch einschreiten und Leute rasch verhaften, findet ein Strafrechtsprofessor. In Zürich bei den Kravallen am Bellevue vom letzten Samstag, wurden angeblich nur zwei Personen verhaftet.
Eskaliert die Gewalt, wird den Sicherheitskräften vorgeworfen, sie habe dem Treiben tatenlos zugesehen. Bei Sachbeschädigungen muss dann eingegriffen werden, wonach der Vorwurf folgt, der Einsatz der Polzei viel sei brutal gewesen.
Ich zitiere 20 Min:
Wer hinter der
illegalen Bellevue-Party steckt, ist weiterhin nicht bekannt - obwohl
Mehrere behaupten, sie seien die «Organisatoren». Eine Schätzung des
Schadens liegt nun vor.
Über 1000 Personen versammelten sich am späten Samstagabend beim Zürcher Bellevue.
-
100 000 Franken beträgt der Schaden, der am
Wochenende rund um das Bellevue angerichtet worden ist. Dies ist jedoch
erst eine erste Schätzung der Stadtpolizei nach einer Begehung der
Gegend mit Fachleuten. Die Zahl könnte noch steigen. «Wir bekommen
laufend neue Schadensmeldungen von Privaten», sagt Stapo-Sprecher
Michael Wirz.
Der Strafrechtsprofessor Martin Killias fordert die Polizei auf, ihre Strategie zu überdenken.
Wer die Veranstalter waren, ist indes schwierig zu eruieren.
20 Minuten Online
hat mehrere Schreiben von Leuten erhalten, die behaupten, sie hätten
die Party organisiert. Reto* sagt: «Wir haben das ursprüngliche SMS
verfasst und auch verschickt.» Am Schluss hätten Mehrere mitorganisieren
wollen.
Er bezeichnet seine Gruppe als eine von mehreren
Veranstaltern von illegalen Parties in Zürich. Das Team sei ein Mix aus
DJ's, Musikern, Leuten aus der Elektro-Szene - die meisten seien jung.
«Wir veranstalten solche Partys weil wir keine Lust haben, in teure
Clubs voller hochnäsiger Leute zu gehen», erklärt Reto weiter.
«Gehen sicher nicht zur nächsten Party»
«Es
war uns wichtig, dass die Party friedlich über die Bühne geht, dass es
keine Krawalle gibt.» Als Jugendliche habe man beweisen wollen, dass so
etwas auch ohne Tumulte gehe. «Leider kamen dann auch gewaltbereite
Fussballfans.»
Was das
aktuell kursierende SMS
mit einer Einladung für eine weitere Party am Samstag in Zürich
betrifft, stellt Reto klar. «Das kommt nicht von uns, wir gehen da
sicher nicht hin.»
«Polizei muss möglichst viele Personen verhaften»
Mittlerweile
hat sich auch der Zürcher Strafrechtsprofessor Martin Killias zu den
Ausschreitungen gemeldet. Er verlangt von der Polizei ihre Strategie zu
überdenken. Der Fokus der Einsatzkräfte dürfe nicht allein darauf
liegen, Sachschäden zu verhindern, so Killias. «Die Polizisten müssten
sich darauf konzentrieren, möglichst rasch viele Personen zu verhaften»,
sagte Killias am Montag Nachrichtenagentur SDA. Am Sonntag waren
lediglich zwei Personen verhaftet und angezeigt worden.
Gebe es
nach solchen Ausschreitungen nur wenige Festnahmen, erhielten die
Gewaltbereiten ein Gefühl der «Risikolosigkeit». «Sie wissen, dass sie
randalieren und Private erheblich schädigen können, ohne das etwas
passiert», sagte Killias.
«Solche Veranstaltungen sind auf Ausschreitungen angelegt»
Der
Strafrechtsprofessor findet es grundsätzlich richtig, dass die Polizei
die Party auflösen wollte. «Solche Versammlungen sind auf
Ausschreitungen angelegt.» Es sei jeweils nur eine Frage der Zeit, bis
die Situation eskaliere.
Die Tumulte seien ein «Happening» mit
hohem Unterhaltungswert. Killias hält es deshalb sehr wohl für denkbar,
dass sich die Szenen wiederholen.
Ermittlungen laufen auf Hochtouren
Im
Hintergrund liefen die Ermittlungen auf Hochtouren, sagte Michael Wirz,
Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich. «Wir hoffen, weitere Täter
festzunehmen.» Bei solchen Ausschreitungen müsse die Polizei immer
situativ Massnahmen ergreifen.
Am Samstag seien die Einsatzkräfte
sehr stark gefordert gewesen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen und eine
Ausweitung der Tumulte zu verhindern. «Diese Sofortmassnahmen waren sehr
wichtig». Um die Situation zu entschärfen, seien zudem sehr schnell
Kantonspolizisten beigezogen worden.
*Name von der Redaktion geändert
Im Grossformat auf dem Videoportal
Im Grossformat auf dem Videoportal
Im Grossformat auf dem Videoportal
Im Grossformat auf dem Videoportal
Kommentar: Insoweit hat Killias recht. Bekommt so eine illegale Party eine Eigendynamik, zieht sie die unterschiedlichsten Gruppen an, die gewaltbereit sind und die Chance nutzen können - im Schutze der Massen - die Lust an der Gewalt risikolos auszuleben. Es kommt zu einem Konglomerat von links und rechts, gewaltbereiten Fussball-Hooligans, Jugendlichen, die sich langweilen und Exponenten der linksextremen Szene, wie der schwarze Block, dessen Handschrift wir vor allem am 1. Mai sehen.
Nachtrag: Aus 20 Min ein Erklärungsversuch von
Sozialwissenschafter Claude Ribaux.
Wie kann eine ursprünglich friedliche Veranstaltung plötzlich derart ausarten?
Claude Ribaux:
Wir sind hier mit einem klassischen Phänomen des
menschlichen Verhaltens in einer Masse konfrontiert: Sobald jemand ein
Tabu bricht, wird es für die anderen einfacher, diese Grenze auch zu
überschreiten. Die persönliche Hemmschwelle sinkt deutlich und man gibt
sich in einem gewissen Sinn dem Ritual der Masse hin. Alkohol und andere
Drogen verstärken diesen Effekt noch.
Generalisieren Sie damit nicht das Verhalten von einer Handvoll Leute, während die grosse Masse keine Gesetzesverstösse beging?
Natürlich muss man da klar differenzieren, nur eine Minderheit hat
sich am Samstag straffällig verhalten. Es ist allerdings eine Tatsache,
dass bei derartigen Ereignissen immer auch junge Leute mitmachen, die
sonst völlig unauffällig leben.
Schwelt also in uns allen ein Gewalttäter?
Wir sind nicht zivilisiert geboren, sondern werden es durch unsere
Erziehung und Bildung. Anstand und Rücksicht wird einem beigebracht.
Sozialpsychologische Versuche wie das berühmte
Milgram-Experiment
in den Sechzigerjahren zeigen aber, dass Leute in Extremsituationen
bereit sind, diese aufgebaute innere Grenze zu verschieben. Es ist wie
ein Feuer, das – einmal ausgebrochen – nur noch schwer zu kontrollieren
ist. Hinzu kommt, dass man in der Masse seine eigenen Aktionen ohnehin
weniger reflektiert.
Wie soll sich die Polizei bei solchen Massenveranstaltungen verhalten?
Die deutschen Behörden haben gute Erfahrungen mit sogenannten
Konfliktvermittlern gemacht. Das sind speziell ausgebildete Polizisten,
die ihr Vorgehen gegenüber potentiellen Krawallmachern so transparent
wie möglich machen und ihnen Ultimaten setzen. Das soll aber nicht
heissen, dass Gesetzesverstösse einfach toleriert werden dürfen. Im Fall
vom Bellevue kam natürlich erschwerend hinzu, dass die Organisatoren
nicht erkennbar waren. Die Polizei wusste also gar nicht, an wen sie
sich hätte wenden können. Generell gilt, dass sie mit solchen Szenen auf
Tuchfühlung bleiben muss.
Haben wir hier – wenn auch in
kleinerem Ausmass – mit einem ähnlichen Jugendphänomen zu tun, das vor
kurzem die englischen Städte heimsuchte?
Es gibt durchaus Faktoren, die vergleichbar sind. Dennoch besteht
meiner Ansicht nach kein direkter Zusammenhang. Die Krawalle in England
hatten soziokulturell eine tiefere Ursache als diejenigen vom Bellevue.
Die Botschaft der Zürcher Jugend war schlicht: «Wir wollen Party machen
und dabei von niemandem gestört werden!»
LINKS:
5. Apr. 2000 ... Politiker, Agitatoren und Bandmanager wissen die Massenphänomene geschickt zu nutzen. Um Massen zu beeinflussen, gab es nicht nur die ...
www.rhetorik.ch