Mittwoch, 15. September 2010
Fortsetzung der Pannenserie im Fall Kneubühl
Der Kantonspolizei Bern ist im Fall Kneubühl ein schwerwiegender Fehler unterlaufen. Das erste Fahndungsbild, das während fünf Tagen in den Medien zirkulierte, zeigt den Vater von Peter Hans Kneubühl. Dies bestätigt die Kantonspolizei Bern auf Anfrage von «Blick».
Offenbar hatte die Schwester des flüchtigen Rentners, die in Frankreich lebt, der örtlichen Polizei ein Foto zukommen lassen, auf dem Kneubühl senior, junior und die Mutter zu sehen waren. Ein Beamter habe schliesslich die falsche Person aus der Aufnahme geschnitten und der Berner Polizei weitergeleitet, wie der «Blick» weiter berichtet.
PEINLICH, PEINLICH oder "Wenn einmal der Wurm drin ist, dann..." (Die Polizei liess den Schützen zwei mal fliehen und riss bei einer Verhaftung einen falschen Mann zu Boden usw.)
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz listet auf, was im Fall Kneubühl bisher alles schief lief.
1. Die gelungene Flucht: Peter Hans Kneubühl verschanzte sich am Mittwochmorgen in seinem Haus, das zwangsversteigert werden soll. In der Nacht auf Donnerstag schoss er um 1 Uhr aus nächster Nähe auf einen Polizisten und flüchtete zu Fuss. In der Nacht zum Freitag um 3 Uhr kam er ins Quartier zurück und schoss nochmals. Wie ist es möglich, dass Kneubühl trotz Grossaufgebot zwei Mal entkommen konnte? Man sei von Kneubühls Entschlossenheit überrascht worden, heisst es bei der Polizei. Und, der Rentner habe quasi Heimvorteil, weil er das Quartier so gut kenne.
2. Die erfolglose Suche: Dutzende Polizisten sind vor Ort im Einsatz. Doch weder sie, noch ein Helikopter mit Wärmekamera, noch Suchhunde konnten den 67-jährigen bisher orten. Motorisiert ist Kneubühl wahrscheinlich nicht. Nach Kenntnis der Polizei verfüge er über «keine Gerätschaften, die seine Mobilität beschleunigen», hiess es an der Medienkonferenz am Dienstag. Von einem oder mehreren Komplizen geht die Polizei auch nicht aus, da Kneubühl ein Einzelgänger ist. Polizeikommandant Stefan Blättler vermutet ferner, dass Kneubühl sich in der Nähe seines Elternhauses aufhält, wie er der Zeitung «Le Matin» sagte. Blättler glaubt auch nicht, dass Kneubühl sich umgebracht hat, wie auch schon spekuliert wurde. Weshalb hat ihn dann die Polizei nach einer Woche immer noch nicht gefunden? «Herr Kneubühl ist ein hochintelligenter Mann, der genau weiss, was er will», so Blättler. «Es ist Zeit, dass dieser Albtraum zu Ende geht».
3. Das falsche Fahndungsbild: Am Donnerstag veröffentlichte die Polizei ein über 20 Jahre altes Bild Kneubühls und liess ihn künstlich altern. Daneben stellte die Polizei ein Bild seines Vaters, dem er ähnlich sehe. Am Montag, fünf Tage später veröffentlicht die Polizei zwei aktuellere Bilder Kneubühls, auf denen er ganz anders aussieht. Jetzt stellt sich heraus, dass das erste Bild Kneubühls Vater zeigt. Die Polizei hat fünf Tage lang ein falsches Fahndungsbild verwendet. Die Bilder hatte die Polizei von Verwandten, heisst es. Dumm nur, dass auf dem Bild Vater, Mutter und Kneubühl waren. Ein Polizist hat statt Kneubühl seinen Vater herausgeschnitten. Den peinlichen Fehler merkte die Polizei sehr spät. Noch am Dienstag sagte Polizeikommandant Stefan Blättler den Medien, dass es sich beim ersten von der Polizei publizierten Bild wirklich um Kneubühl handle. Das hätten Familienmitglieder bestätigt.
4. Das falsche Fahndungsbild zum zweiten: Warum hat man das Bild nicht Menschen vorgelegt, die Kneubühl vom Sehen her kannten? Zumindest nachdem man den Mann im Bild hat künstlich altern lassen, hätte die Polizei sich versichern können, dass das Bild Kneubühl möglichst ähnlich sieht. Kneubühl habe ja sehr zurückgezogen gelebt, er sei wenig unterwegs gewesen, die Nachbarn hätten ihn kaum gesehen, rechtfertigt sich die Polizei. Doch es gab zumindest jemanden, der die Bilder hätte überprüfen können. «Auf dem ersten Fahndungsfoto, das die Polizei letzte Woche veröffentlicht hatte, erkannte ich ihn nicht», sagt Kneubühls Nachbarin, die 75-jährige Delia Bornhauser gegenüber der «Berner Zeitung». Auf den aktuellen Bildern erkennt sie ihn.
5. Die Beschreibung des Gesuchten: Die Beschreibung Kneubühls lautet: «Er hat weisse Haare und trägt einen weissen Stoppelbart. Er ist Brillenträger…». Auf den aktuelleren Fotos hat der Gesuchte dunkle Haare und einen graumelierten Bart. Er trägt keine Brille. Die Nachbarin sagt, er trage heute keinen Bart. Wie sieht Kneubühl denn nun wirklich aus? Anders gefragt, wonach muss die Bevölkerung Ausschau halten?
6. Die Gefährdung der Bevölkerung: «Nach wie vor geht die Kantonspolizei Bern davon aus, dass vom Flüchtigen keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung ausgeht», so die Polizei am Montag, obwohl Kneubühl einen Polizisten lebensgefährlich verletzt hatte. Eine gewagte Aussage, vor allem, da die Polizei ja gleichzeitig zugibt, nur wenig über Kneubühl zu wissen. «Wir möchten Peter Kneubühl kennenlernen», sagte der Kripo-Chef am Montag. Die Polizei habe zurzeit nur wenige Informationen. Die Schwester Kneubühls hatte jedenfalls die Behörden mehrmals gewarnt, dass er gefährlich werden könnte. Dafür spricht auch das Waffenarsenal, das die Polizei in Kneubühls Haus gefunden hat. Der Rentner hat keinen Waffenschein.
7. Der perfekte Plan: Am Samstag hiess es, Kneubühl habe sich akribisch auf eine bewaffnete Auseinandersetzung vorbereitet. «Er hat mit einer unglaublichen Perfektion sämtliche Eventualitäten seines letzten, bewaffneten Konflikts mit den Behörden geplant». Bei der Fahndung nach dem flüchtigen Peter Hans Kneubühl hätten sich zahlreiche Ermittlungsansätze ergeben, so die Polizei am Dienstag. «Die gefundenen Gegenstände und Akten verdichten das Bild von Peter Hans Kneubühl». Mit all den Spuren, die im Haus gefunden wurden, scheint die Polizei nach einer Woche trotzdem nicht zu wissen, was Kneubühls nächsten Schritte sind und wo er steckt. Möglich, dass Kneubühl die Polizei mit seinen Aufzeichnungen genarrt hat. Möglich auch, dass die Polizei aus taktischen Gründen weniger preisgibt, als sie weiss.
8. Die Nachlässigkeit der Bieler Behörden: Ein Entmündigungsverfahren habe es vor einigen Jahren zwar gegeben, dann sei aber nichts passiert. Vor vier Jahren ordnete der Richter, der die Versteigerung von Kneubühls Elternhaus veranlasste, auch an, dass Kneubühl einen Vormund erhalten sollte. Der Vormund kam aber nicht an Kneubühl heran. Der legte sich dafür mit den Behörden an. Der Renter sei «schreibwütig» gewesen und habe ein eigenes, teilweise wirres Weltbild entworfen. Seine Briefe seien teilweise mehr als 100 Seiten lang gewesen. Die Schwester Kneubühls sagt zu «Le Matin», sie habe die Behörden mehrmals gewarnt, dass ihr Bruder gefährlich werden könnte. All das war nicht Grund genug, Kneubühl intensiver zu überprüfen. Den Behörden fiel nicht einmal auf, dass er dreissig Jahre lang unangemeldet in Biel lebte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
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marcus knill
um
08:51
Dienstag, 14. September 2010
Verschoben ist nicht aufgehoben
Das Live Erlebnis Indian Summer in Nordamerika blieb uns immer wieder vergönnt. Der Grund: Wir entschieden uns jedes Jahr für die spannenden Projekte hier in Europa. Ich betrachtete heute einmal mehr Bilder dieses Naturschauspieles im Internet. Sie animieren, das Live Erlebnis später doch noch nachzuholen.
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marcus knill
um
17:59
Der frustrierte Mathematiker und die Polizei
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marcus knill
um
02:02
Montag, 13. September 2010
Reden ist Silber- SCHWEIGEN ist Gold
Jörg Kachelmann wird von einem Staranwalt beraten, der genau weiss, welches Verhalten sich lohnt.
Vor Gericht scheint der Angeklagte am zweiten Tag wieder nach der Devise zu handeln:
Einige Wörter musste Kachelmann dennoch sagen:
Ich zitiere TAGI
Vielleicht zwanzig Wörter hat Jörg Kachelmann in seinem Vergewaltigungsprozess von sich gegeben. Von sich geben müssen, denn wer die Angaben zur Person vor einem deutschen Gericht verweigert, dem droht Haft, bis dass er redet. So musste der Wettermoderator am zweiten Verhandlungstag dem Mannheimer Gericht verraten, dass er mit zweitem Vornamen Andreas heisst oder dass er im Appenzellischen wohnt. In einem Anflug von kachelmannschem Humor gab er gestern noch preis, dass er einen Beruf ausübe, für den es in seiner Heimat den «schönen Ausdruck Verwaltungsratspräsident» gebe.
Doch nach vielleicht zwanzig Wörtern war genug. Jörg Kachelmann, diesmal im grauen Anzug und mit grauer Krawatte, macht vom Recht des Angeklagten Gebrauch, zu den Vorwürfen zu schweigen. Verteidiger Reinhard Birkenstock begründet dies damit, sein Mandant habe «nichts Weiteres zu sagen» als in jener Einvernahme kurz nach der Verhaftung.
Aussagen hingegen, die Kachelmann früher gemacht hatte, waren vielleicht bereits der Worte zu viel. Sie beinhalten angeblich Ungereimtheiten, die noch zu reden geben werden.
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marcus knill
um
21:20
Intelligenter Mathematiker narrt Polizei
Ein Heer von Polizisten und ein renitenter Rentner, der nicht gefasst werden kann.
In Biel spielt sich eine unglaubliche Geschichte ab zwischen einem renitenten Rentner und der Elitepolizei. Zwei Mal konnte der studierte Mathematiker nach einem Schusswechsel der Polizei entkommen und der Polizeikommandant musste eingestehen, dass selbst Elitetruppen gegenüber dem Schützen im Nachteil wären, weil dieser seine Flucht minutiös geplant habe und die Polizei nie damit gerechnet hatte, dass es sich bei dem Rentner um einen intelligenten Mann handle, der bereits sei, bis zum Aessersten zu gehen.
Quelle Blick:
Zitat:
BLICK zeigt zum ersten Mal den Garten von Peter Kneubühl. Hier arbeitete er in den letzten drei Jahren immer nachts, grub Löcher. Schüttete sie wieder zu. Die Nachbarn vermuteten, der Rentner wolle ein eigenes Kanalisationssystem graben. Oder plante er schon da seine Amoktat? Hier im Garten entwischte Kneubühl der Polizei auch in der ersten Nacht. Hier schoss er einem Polizisten ins Gesicht. Jetzt wird klar, wieso die Polizei so überrascht war, als der Rentner plötzlich aus dem Haus kam. Denn er hatte seine eigene Eingangstür zugemauert. Aus jedem der Fensterläden hatte Kneubühl eine Lamelle rausgebrochen. Damit er die Beamten genau beobachten konnte. «Hohe Intelligenz» attestierten die Berner Behörden Peter Kneubühl am Samstag an einer Medienkonferenz. Ist Kneubühl zu schlau, um ihn dingfest zu machen? Gestern, kurz vor 14 Uhr, glaubte die Polizei eine Spur des flüchtigen Rentners zu haben. Sie fuhr beim Schulhaus Linde auf. Schwer bewaffnet. Umstellte die Umkleidekabinen beim Fussballfeld. Platzwart Antonio Scala: «Eineinhalb Stunden standen die Beamten da. Riefen immer wieder in die Umkleidekabinen. Dabei waren da vor kurzem noch Fussballer drin gewesen. Die hätten den Rentner sicher bemerkt.» Niemand antwortet. Dann stürmt die Polizei die Kabine. Aber Peter Kneubühl ist nicht da. Die ganze Aktion: ein Schlag ins Wasser. Die Bewohner des Bieler Linde-Quartiers vermuten, dass sich der Rentner mindestens eine Zeit lang in einem Versteck aufhielt, das in seiner Jugend bei örtlichen Kindern sehr beliebt war. Ein Erdloch am Bord bei den Bahngleisen. Nur wenige Minuten vom Haus des Amokschützen entfernt. «Wir haben uns da früher oft versteckt. Zum Spielen. Manchmal sogar einen ganzen Tag», sagt ein Anwohner. «Peter war auch dabei.» Heute ist das Versteck von den Gleisen aus nicht mehr einsehbar, zu dicht sind die Büsche gewachsen. Ein idealer Unterschlupf für einen Flüchtigen. Anwohner wollen Peter Kneubühl auch in der Nacht auf Samstag im Quartier gesehen haben. Und gestern Schüsse aus einem nahen Wald gehört haben. Polizeisprecher Franz Märki: «Wir haben nicht geschossen.» In ihrer Ratlosigkeit veröffentlichte die Berner Polizei am Sonntag einen Aufruf von Peter Kneubühls Cousin Bobi. Darin appelliert er: «Deine Aktion hat die Öffentlichkeit aufmerksam gemacht. Deine Begehren und deine Lage werden erkannt. Und viele Leute denken, du seist im Recht. Sollte es aber zu weiteren Verletzten kommen, wird auch die Sympathie für deine Anliegen bei der Bevölkerung schwinden. Peter, ich bitte dich daher, nicht Unrecht mit Unrecht zu vergelten und dich zu melden.»
Ende Zitat
Kommentar: Es ist durchaus denkbar, dass sich der Rentner die Flucht bis in alle Details minutiös vorbereitet hat. Beispielsweise mit Verstecken, in denen er Lebensmittel und Utensilien deponiert hat, um überleben zu können oder seine Identität beliebig ändern zu können. So ist es denkbar, dass er an einem sicheren Ort sein Gewehr deponiert und tagsüber als biederer Normalbürger in gepflegten Kleidern- beispielsweise mit einer Perücke und einem Bart getarnt - unbehelligt die Polizeiorgane beobachten könnte. Nach meinem Dafürhalten müssen wir damit rechnen, dass das Katz- und Mausspiel noch länger andauern wird und der clevere Rentner sich so verhält, dass er sich am Schluss nicht einmal selbst umbringen muss, sondern letztlich beim Katz- und Mausspieles als Opfer von der Polizei niedergeschossen wird. Diese reale Geschichte hat alles zu einer guten Filmgeschichte. Dem Rentner werden wird heute in Kommentaren erstaunlich viel Respekt gezollt und die Polizei hat grösste Mühe, sich zu verteidigen. Bekanntlich ist Schadenfreude die grösste Freude.
20 Min:
Notiert von
marcus knill
um
07:55
Sonntag, 12. September 2010
MEDIENRHETORIK
Simonetta Sommaruga wiederholt gekonnt ihre Kernbotschaften
Von Marcus Knill*
Nachdem bekannt wurde, dass die Berner SP Ständerätin Sommaruga zur Nachfolge Leuenbergers antreten will, musste sie sich in Dutzenden von Interview stellen, offensichtlich professionell vorbereitet, wiederholte sie in allen Medien, auch auf dem heissen Stuhl in der Rundschau (SF), die Kernaussagen:
- Ich arbeite lösungsorientiert und bin nicht aufs Polarisieren bedacht
- Ich möchte bei der Bevölkerung verlorene Vertrauen wieder herstellen. Die Glaubwürdigkeit, das Vertrauen in die Regierung hat 1. Priorität. Dann gilt es auch die Sozialwerke zu sichern und nach der Finanzkrise gilt es zu überlegen, was vorgekehrt werden muss, dass unser Staat nicht nochmals in die Geiselhaft von Grossbanken genommen werden kann.
- Ich setze mich für die Schwächeren und die Konsumenten ein
- Ich bin mir bewusst dass es bei der zunehmenden Personifizierung und Mediatisierung der politischen Tätigkeit, schwieriger geworden ist, Kollegialität zu pflegen, so dürfen Bundesräte nicht ihre persönliche Meinung ständig hinausposaunen
- Ich bin überzeugte SP Politikerin, doch erlaube ich mir auch kritische Gedanken. Schon Helmut Hubacher hatte gesagt: Nur eine Partei die zwei Flügel hat, kann fliegen. Ich stehe zu meiner Meinung. In der SP darf man eine andere Sicht der Dinge einbringen. Man müsste mir eine Person nenne, die sagt, ich hätte keinen Rückhalt in der Partei. Es wäre ein Gräuel wenn man in einer Partei nur eine Meinung haben darf.
- Ich würde mir auch als Bundesrätin Zeit nehmen zum Klavierspielen und Romane lesen. Ein Bundesrat soll nicht nur Akten lesen
- Ich politisiere vorausschauend d.h. ich will immer zuerst die Entscheidungsgrundlagen erarbeiten, auch im Zusammenhang mit dem bilateralen Weg mit Europa. Ich bin für eine offene Schweiz, für die Zusammenarbeit mit anderen Ländern
Zur Frage des Wunschdepartementes: Ein Kandidat muss bereit sein, alle Departemente zu übernehmen
Sommaruga will Vertrauen wiederherstellen
(Quelle 20 Min) Die Berner SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga kandidiert offiziell für den Bundesrat. Im Interview erklärt die Kronfavoritin, was sie am Amt reizen würde und warum sie auch als Bundesrätin noch Klavier spielen würde.

Simonetta Sommaruga gibt ihre Kandidatur bekannt. (Keystone)
Frau Sommaruga, was hat Sie zu Ihrem Entscheid bewogen? Simonetta Sommaruga:
Er fiel mir nicht leicht, ich habe mir vier Wochen Bedenkzeit genommen. Schliesslich entschied ich mich für die Kandidatur, weil ich gerne dazu beitragen möchte, dass der Bundesrat das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnt.
Was befähigt Sie in besonderem Ausmass dazu?
In meiner politischen Arbeit habe ich bewiesen, dass ich über die Parteigrenzen hinwegschauen kann. Die Lösung und nicht die sture Ideologie steht für mich im Vordergrund.
Ärgert es Sie, dass Sie ausgerechnet von Ihren politischen Gegnern ins Amt gewählt werden könnten?
Schon um in den Ständerat gewählt zu werden, waren Stimmen aus anderen Lagern notwendig. Ich wehre mich aber dagegen, innerhalb der SP an den Rand gedrückt zu werden. Ich bin gut verankert und fände es sogar gefährlich, wenn es nicht ab und zu parteiinterne Differenzen gäbe.
Man kennt Sie auch als Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz. Bleiben Sie diesem Credo treu?
Ganz bestimmt. Dieses Engagement für die Schwächeren ist mir sehr wichtig. Ich erhalte täglich Reaktionen auf meine Funktion und möchte die Nähe zu den Leuten auch als allfällige Bundesrätin unbedingt beibehalten.
Sie sind ausgebildete Pianistin. Kämen Sie als Bundesrätin noch zum Spielen?
Natürlich kann ich der Musik nicht so viel Zeit wie früher widmen, sie ist aber immer noch ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Mit Ständerat Rolf Schweiger habe ich sogar einmal ein vierhändiges Ständchen gespielt.
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Aus einem Interview im Tagesanzeiger:
«In den nächsten Wochen spielen Dinge eine Rolle, die ich nicht beeinflussen kann»: Simonetta Sommaruga gab gestern ihre Bundesratskandidatur bekannt.
Sommarugas Versprechen
SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga hat gestern vor den Medien ihre Kandidatur für die Nachfolge von Moritz Leuenberger begründet. Sie stellte sich als «lösungsorientierte und nicht auf Polarisierung bedachte» Politikerin dar. Mit «Offenheit, Ehrlichkeit, einer vorausschauenden Politik und dem Willen, auch unbequeme und schwierige Fragen anzupacken» möchte sie dazu beitragen, dass der Bundesrat das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnt. «Vorausschauend» heisst für sie etwa, dass der Bundesrat auf die neue Ausgangslage im Verhältnis zur EU reagiert und «Entscheidgrundlagen» für Alternativen zum bilateralen Weg erarbeitet. So seien zum Beispiel auch Norwegens Erfahrungen im EWR genauer zu prüfen. Eine Diskussion über den EU-Beitritt hält sie hingegen aufgrund der geringen politischen Erfolgschancen für «unproduktiv». (paf)
Sie versichern, lange um Ihre Bundesratskandidatur gerungen zu haben. Aber in Tat und Wahrheit haben Sie dieses Amt doch seit Jahren angestrebt.
So ist es nicht. Ich habe mir die Kandidatur in den letzten vier Wochen sehr genau überlegt und mich mit meinen Ängsten und Befürchtungen auseinandergesetzt. Ich habe mich gefragt, ob ich diesem Amt gewachsen bin. Ob ich meine politischen Stärken im Bundesrat einbringen kann. Und ob mir als Bundesrätin genug Freiräume und Zeit für Kreativität bleiben. Das war ein sehr wichtiger Prozess für mich.
Freiräume? Kreativität?
Ich weiss, was für mich lebenswichtig ist: meine Partnerschaft, enge Freundschaften, Klavier spielen, hin und wieder im Garten arbeiten. Und ich will nicht nur Akten lesen, sondern auch Romane, Erzählungen und Märchen.
Sie wollen dafür sorgen, dass die Bevölkerung das Vertrauen in den Bundesrat zurückgewinnt. Mit diesem Anspruch sind schon Doris Leuthard und Didier Burkhalter angetreten – und gescheitert. Warum soll es Ihnen gelingen?
Es wäre vermessen, zu meinen, eine einzelne Person könnte den Wandel schaffen. Aber ich will einen Beitrag leisten. Wenn genug Bundesräte gewillt sind, daran zu arbeiten, wird das Vertrauen in den Bundesrat zurückkehren. Das passiert aber nicht von heute auf morgen. Mit der starken Personalisierung und Mediatisierung der Politik ist es schwierig geworden, Kollegialität zu leben.
Was beinhaltet Kollegialität?
Bundesräte sollen nicht ständig ihre persönliche Meinung hinausposaunen oder gar öffentlich Kollegen schlechtmachen. Und sie müssen bereit sein, sich auf Lernprozesse innerhalb der Regierung einzulassen. Jeder soll mit seinen eigenen Vorstellungen in die Diskussion steigen, aber immer im Bewusstsein, dass der andere recht haben könnte. Zuhören, neugierig bleiben, sich aufeinander zubewegen – solche gemeinsamen Lernprozesse faszinieren mich.
Es heisst, Sie hätten den Gemeinderatskollegen ständig in deren Dossiers hineingeredet. Wollen Sie im Bundesrat besserwisserisch überall eingreifen?
Gut vorbereitet sein, mitreden und mitgestalten – das erwarte ich von jedem Mitglied einer Exekutive. Bundesräte sollen sich Gedanken über die Geschäfte ihrer Kollegen machen. Entscheidend ist aber die Art und Weise, wie sie sich einbringen. Falsch ist es, zuerst an die Öffentlichkeit zu gelangen und erst dann im Kollegium zu diskutieren. Damit eine Regierung funktioniert, sind zudem menschliche Qualitäten wichtig. Man muss einander respektieren.
Die Medien stellen Sie als Lichtgestalt dar – als hochkompetente Brückenbauerin mit Feingefühl und Kommunikationstalent. Ist Ihnen die Topstar-Rolle nicht unheimlich?
Ich bin ein nüchterner Mensch. Heute wird man hochgejubelt und morgen abgeschrieben – so funktionieren die Medien. In den nächsten Wochen werden Dinge eine Rolle spielen, die ich nicht beeinflussen kann. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier kennen mich als Person und wissen, was ich geleistet habe. Wenn sie mich wählen, freut mich das. Aber ich werde mich nicht verbiegen, um gewählt zu werden.
Keine Angst vor dem Obama-Syndrom? Davor, dass Sie die hoch gesteckten Erwartungen nur enttäuschen können?
Es stimmt, ich spüre schon jetzt einen grossen Erwartungsdruck. Aber es ist absurd, so zu tun, als könnte eine neue Bundesrätin das ganze Land verändern. Eine solche Haltung führt zwangsläufig zu Enttäuschungen. Solange ich aber ich selber bleibe, habe ich nicht das Gefühl, ungerechtfertigte Erwartungen zu wecken und Menschen zu enttäuschen.
ANALYSE:
Wenn Frauen laut reden, klingt es oft schrill, unangenehm, nervös. Störend ist es, wenn sich dazu noch die Stimme überschlägt. Wer auch noch unkoordiniert fuchtelt, überzeugt nicht. Viele Politikerinnen haben nicht gelernt, nicht in die Stimmfalle zu tappen. Simonetta Sommaruga hat auch eine recht hohe Stimme. Doch die Stimmfarbe ist angenehm. Sie spricht ausbalanciert und zurückhaltend sanft. Man hört gerne zu. Mir fiel auf, dass sie sich nie provozieren lässt. Sie versteht es - mit einem Lächeln, das die Aussage nicht abschwächt für sich einzunehmen.
Nach meinen Informationen nahm die Politikerin Schauspielunterricht und hat ein Stimmtraining hinter sich. Die Stimmbildung wirkt sich positiv auf die Stimmung aus, die sie verbreitet. Sommarugas Rhetorik beweist einmal mehr, dass Stimme und Art und Weise des Sprechens das Publikum oft stärker beeinflussen als der Inhalt. Bundesrat Furgler tappte beinahe in die Perfektionsfalle, er sprach zu perfekt. Simonetta Sommaruga müsste bei einer Wahl bedenken, dass jene Politiker, die sie wählen sollen, eine herausragende, zu perfekte Kollegin nicht mit Herzblut wählen.
Die protokollierten Interviews haben mich vor allem deshalb überzeugt, weil die Kandidatin die oben erwähnten Kernbotschaften konsequent wiederholt und geschickt in ihre Antworten einbaut.
KOMMENTAR:
Etwas machte mich stutzig: Die Kandidatin betont, dass sie als Bundesrätin weiterhin Klavier spielen möchte, dass sie die Partnerschaft und ihre Freunde weiterhin voll und ganz pflegen werde. Auch wolle sie weiterhin ab und zu im Garten arbeiten. Ferner möchte sie sich auch noch Zeit nehmen, Romane, Erzählungen und Märchen zu lesen.
Wenn Simonetta Sommaruga dem Klavierspiel, der Unterhaltungslektüre und ihrer privaten Gesellschaft eine solch grosse Bedeutung zumisst - aber alle wissen, dass der Bundesrat ein sehr forderndes Geschäft ist - erlaube ich mir die Frage: Kann die Bundesrätin mit ihren Freiräumen den aufreibenden Job in der Praxis noch ungebremst ausüben?
Worauf ist sie stolz? Und welches Fluchwort rutscht ihr am häufigsten heraus? Simonetta Sommaruga stellt sich dem Frontalinterview.
41 Fragen, zwei Kameras und eine Kandidatin: Simonetta Sommaruga (50), Berner SP-Ständerätin, wurde im Videointerview von 20 Minuten Online auf die Probe gestellt
* Marcus Knill, Experte für Medienrhetorik (www.knill.com). Autor des im virtuellen Buches www.rhetorik.ch
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marcus knill
um
19:25