Samstag, 22. November 2008

Medienrhetorik:

HINTERGRUND BERUECKSICHTIGEN!

Der Hintergrund kann die Message enorm beeinflussen - also: Hintergrund bei Fernsehaufzeichnungen immer mit berücksichtigen.

Eine Lehrerin wehte sich in einem Lokalfernsehen, eine Ferientchnikerin zu sein und erzählte, was sie alles in der unterrichtsfreien Zeit macht. Sie merkte nicht, dass hinter ihr ein Plakat mit einem Palmenstrand hing. Damit wurde die verbale Aussage negativ beeinflusst.

Ein Schulkommandant mit einem Schiessunfall wurde vom Fernsehjournalisten im Büro vor zwei gekreuze Gewehr an der Wand positioniert. Er war jedoch ausgebildet und verlangte einen anderen Aufnahmeort. Er sprach dann vor dem Gebäude vor einem Brunnen. Ich hat dann auch glaubwürdig gesprochen. Deshalb gilbt: Hintergrund beachten:

Ich zitiere bild-online:

Während eines Interviews werden Truthähne hinter Sarah Palin geschlachtet

Truthahn-Schlachtung bei Palin-Interview

Hat die ehemalige Vize-Präsidentschaftskandidatin gewusst, was sich hinter ihr abspielt?

Sarah Palin , Gouverneurin von Alaska (USA) und ehemalige Vizepräsidentschaftskanditatin der Republikaner, ist immer für einen Lacher gut: Sie gab auf einer Farm in Wasila ein Interview, während hinter ihrem Rücken Truthähne getötet werden.

Seit 1947 ist es Tradition, dass der US-Präsident ein bis zwei Truthähnen zum „Thanksgiving” das Leben schenkt. Diesen Brauch übernahmen schließlich auch Gouverneure. Das Fest wird am vierten Donnerstag im November in den USA gefeiert. Jährlich werden in den USA 50 Millionen Truthähne verspeist. So auch an diesem Donnerstag.

Die Gouverneurin von Alaska ist auf einer Farm in Wasilla. Ein lokales TV-Team begleitet sie. Palin sucht sich ein Tier heraus, gibt ihm den Namen „Thanksgiving”. Dann folgt das Interview. Die Kulisse: Ein Glasbau, wo die Truthähne auf den Tod warten und ein Truthahn-Mahlwerk.

Während die frühere republikanische
Quelle:

Gouverneurin Palin plaudert sichtlich fröhlich über ihre Arbeit als Gouverneurin. Doch was geschieht im Hintergrund? Palins Gnadenakt wird durch den Tod eines anderen Truthahnes überschattet. Die Szenen sind unwirklich. Schräg hinter ihr steht der Schlachter bei der Arbeit, die Hosen voller Blutflecken. Er schiebt ein Truthahn durch eine Art Trichter.

Der Truthahn zappelt und wackelt. Blut tropft. Der Mann schaut in die Kamera, ist sichtlich irritiert. Dann zieht er den Truthahn wieder heraus, geht weg. Ein paar Sekunden später kommt er zurück, die gleichen Szenen spielen sich ab.

Etwa drei Minuten dauert das Interview. Zum Schluss erzählt die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, dass sie immer für die Zubereitung des Truthahns in ihrer Familie zuständig sei.

Ganz Amerika rätselt? Hat sie gewusst, was sich hinter ihr abspielt?

Laut dem US-Fernsehsender MSNBC sei sie darauf hingewiesen worden. Palins Antwort sei gewesen: „Keine Sorge.”

  • Archiv
Sarah Palin bezeichnet Wahlhelfer als Idioten
Erst verliert sie die Wahl und jetzt die Nerven! Sarah Palin, Ex-Vizekandidatin der Republikaner, beschimpft ihre Kritiker als Feiglinge, ihre Berater als Idioten. mehr ...

Kommentar: Es ist nicht das erste Mal, dass Palin ins Fettnäpfchen tritt

Freitag, 21. November 2008

Michael Jackson ist jetzt Muslim und heisst Mikaeel

Aus Tagi-online:

Michael Jackson konvertiert von den «Jehovas Zeugen» zum Islam. Das Outfit dafür hat er auch bereits.

Verhüllt von Kopf bis Fuss: Jackson mit einem seiner Kinder in Bahrain in tradtioneller Frauenkleidung.

Verhüllt von Kopf bis Fuss: Jackson mit einem seiner Kinder in Bahrain in tradtioneller Frauenkleidung.

Kommentar: Wenn man Jacksons Gesichtszerstümmelung betrachtet, ist das Konvertieren nachvollziehbar. Jetzt kann er das Resultat der misglückten Operationen legal abdecken.

Niemand hat das Recht, der SVP bei den Kandidaten Bedingungen zu stellen

Weder Darbellay noch Couchepin

Aus NZZ- online:

«Bundesrat Couchepin hat zu schweigen»

SVP reagiert verärgert auf Interview-Aussagen des Innenministers

Nicht zum ersten Mal sind sich Bundesrat Pascal Couchepin und die SVP in die Haare geraten. In einem Zeitungsinterview hat der Innenminister die Voraussetzung genannt, die erfüllt sein müssen, wenn die SVP zurück in die Regierung will.

Pascal Couchepin und die SVP geraten sich einmal mehr in die Haare. Grund sind Interview-Aussagen des Bundespräsidenten über die Voraussetzungen für eine Rückkehr der SVP in die Regierung und Bemerkungen zu Christoph Blocher. Dieser wird bei der Bundesratswahl auch von der Tessiner SVP unterstützt.

Entscheidend für die Rückkehr der SVP in den Bundesrat sei ein Bekenntnis zur Konkordanz, sagte Couchepin in einem Interview des Zürcher «Tages-Anzeigers» (Freitagausgabe). Der Verweis auf die Arithmetik reiche nicht. Wenn die SVP zurück in die Regierung wolle, müsse sie bereit sein, zusammen mit den anderen Parteien Lösungen zu suchen. Dies sei unabdingbar für ein kleines Land wie die Schweiz. Angesichts der verschiedenen Sprachregionen und anderer divergierender Interessen sei die Konkordanz das beste System für die Schweiz.

Kommentar: Es ist erstaunlich, dass Couchepin es einfach nicht lassen Blocher und die SVP zu provozieren. Ich habe alle früheren Aussagen in rhetorik.ch beschrieben, Es lohnt sich - in meinem Suchfenster Couchepin einzugeben. Dann können alle Vorfälle im nachgelesen werden. Mich erstaunt, dass man mit dem Alphatier im Bundesrat immer so nachsichtig ist. Er kann sich alles ohne Konsequenzen leisten. Für mich ist dieser Schuss vor den Bug verständlich. Pascale Couchepin fürchtet die Rückkehr des Erzfeindes in das Bundesratskollegium, so wie der Teufel das Weihwasse.

Lautsprecher Rhetorik

Die Verkehrsbetriebe unternehmen viel, die Kommunikation mit den Kunden zu verbessern. In Zürich ist der Kontakt mit den Kunden nur noch über die Lautsprcher gewährleistet, denn das Fahrpersonal befindet sich in der abgeschotteten Kabine.

Nun macht Tagi- online auf eine neues Problem aufmerksam:

Fluchende Tramchauffeure ärgern VBZ-Kunden

Die Aussenlautsprecher des Trams dienen ausschliesslich der Kundeninformation. Zu Ohren kommen Passanten und Fahrgästen jedoch auch üble Beschimpfungen und Flüche von Tramchauffeuren.

Aussenlautsprecher beim Tram

Ein Tramchauffeur kann nicht nur mit den Passagieren innerhalb des Trams kommunizieren. Jedes Tram, die älteren Modelle des Typs «Mirage» ausgeschlossen, hat einen so genannten Aussenlautsprecher. Die Funktion dieser Lautsprecher erklärt VBZ-Sprecherin Daniela Tobler folgendermassen:

«Die Aussenlautsprecher gelten ausschliesslich zur Information von Fahrgästen. Sie kommen beispielsweise bei Verspätungen, Umleitungen und an Haltestellen ohne Lautsprecher zum Einsatz.»

Nachts verzichten die VBZ auf den Gebrauch des Aussenlautsprechers, um niemanden aus dem Schlaf zu reissen.

Roberto Sartori* rannte beim Balgrist auf das Tram der Linie 11 und verpasste es knapp: «Es fuhr mir vor der Nase weg, da hab ich gegen die Tür getreten, ich weiss, kein feiner Zug von mir.» Die Antwort des Tramchauffeurs kommt postwendend und via Aussenlautsprecher: «Machen Sie das zuhause auch, Sie Idiot?»

Ähnliches berichtet Velofahrer Thomas Burkhard*. Er sieht ein heranfahrendes Tram und hält an der Ecke Kreuzbühlstrasse/Merkurstrasse oberhalb des Bahnhofs Stadelhofen: «Plötzlich schreit es ‹Arschloch› aus dem Aussenlautsprecher, ich war baff.»

Tanja Meier* steht am Bellevue und wartet auf das 4er-Tram. Die Linie 15 fährt weg, im Vorbeifahren lässt ein enervierter Tramführer verlauten: «Du dumme Kuh!» Da weit und breit keine andere Frau an der Haltestelle wartet, fühlt sich Tanja Meier angesprochen: «Keine Ahnung was den Tramführer geritten hat, aber er muss ziemlich frustriert gewesen sein.»

VBZ ermahnen fluchende Tramführer

Die VBZ erreichen immer wieder Reklamationen über fluchende Tramführer.

Dass das Tram immer Vortritt hat, gilt für die spitze Zunge der Chauffeure aber nicht:

«Wir akzeptieren fluchende Wagenführer selbstverständlich nicht. Haben wir eine konkrete Reklamation, wird der Betroffene ermahnt. Wegen Fluchens mussten wir bis anhin jedoch niemanden entlassen.»

Einen Knigge für Tramführer gibt es gemäss Tobler nicht: «Konkrete Benimmregeln haben wir nicht. Wir gehen von den normalen Anstandsregeln aus. Bei der Ausbildung werden Wagenführer jedoch in Sachen Konfliktbewältigung mit Fahrgästen, Autofahrern und anderen Verkehrsteilnehmern geschult. Hier wird Deeskalation gross geschrieben.»

Auch positive Reaktionen

Tobler betont, dass der missbräuchliche Einsatz des Aussenlautsprechers auch Freude bereiten kann: «Es gibt aber auch positive Reaktionen auf den Aussenlautsprecher, wenn etwa ein Wagenführer jemandem ein Kompliment macht. Der Lautsprecher ist trotzdem auch nicht für Komplimente gedacht.» Vielleicht meinte der Tramführer am Bellevue ja gar nicht «Du dumme Kuh», sondern «Du schöner Schuh»? «Kaum, der gehässige Unterton war nicht zu überhören», so VBZ-Fahrgast Tanja Meier.

* Namen von der Redaktion geändert

Donnerstag, 20. November 2008

Fortsetzung Blocher Phänomen;

Blick-online:

Was führt Blocher im Schild?

Christoph Blocher (68) provoziert mit seiner Bundesratskandidatur Spott - und Stirnrunzeln. Warum tritt er an, obwohl er keine Chance hat?

Die Winkelried-Variante

Es geht Blocher gar nicht um sich selbst. Er will nur sicherstellen, dass ein Mann seiner Gefolgschaft gewählt wird. Bringt nämlich die SVP ein Zweierticket « Blocher plus X», wäre der Mister X so gut wie gewählt. Auch wenn er Maurer, Baader oder Amstutz heisst. Alle drei gehören zu den SVP-Hardlinern und würden unter anderen Umständen bei grossen Teilen des Parlaments auf Widerstand stossen.

Das spricht dagegen: Das Parlament will – ausser im Fall Blocher – eh nicht nochmals einen SVP-Kandidaten übergehen. Das Blocher -Theater wäre gar nicht nötig.

Die Oppositions-Variante

Blocher will mit seiner SVP gar nicht in den Bundesrat zurück, sondern vorläufig in der Opposition bleiben. So hat er nämlich mehr Einfluss auf die Partei. Ausserdem müsste die SVP nicht selbst die Verantwortung für die Armee übernehmen. Solange kein SVP-Vertreter in der Regierung ist, lässt sich auch die Personenfreizügigkeit viel besser bekämpfen.

Das spricht dagegen: Die Bilanz der bisherigen SVP-Opposition ist mager. Die Mehrheit der Fraktion will in die Regierung zurück.

Die Ego-Variante

Vielleicht kann Blocher tatsächlich nicht loslassen, die Schmach seiner Abwahl nicht überwinden. Und schon gar nicht dulden, dass ein anderer «seinen» Sitz erbt. Wie etwa Ueli Maurer, den er zwar als Einpeitscher und Organisator brauchte, aber nie als ebenbürtig anerkannte.

Das spricht dagegen: Man mag kaum glauben, dass ein Mann mit so sicherem Machtinstinkt sich so verrennen kann.

Die Schachspieler-Variante

Blocher denkt weiter, als wir glauben. Die FDP muss wahrscheinlich bald den Couchepin-Sitz verteidigen. Sie braucht dafür die Hilfe der SVP. Damit könnte Blocher den Freisinn erpressen. Oder er spekuliert nicht aufs VBS, sondern auf das wichtige Innendepartement von Couchepin. Tritt der 2009 zurück, könnte die SVP den FDP-Sitz erben.

Das spricht dagegen: Selbst mit der FDP reicht es Blocher nicht. Und der CVP-Schachzug wäre mit etwas gar vielen Unwägbarkeiten verbunden.

Kommentar: Alle Varianten machen bewusst, dass Christoph Blochers sonderbares Verhalten auch eine strategischeKomponente haben kann. Dennoch ist das sonderbare Verhalten des abgewählten Bundesrates unverständlich und weckt bei neutralen Beobachtern Kopfschütteln.

Nachtrag TAGI-online:

Blochers Verzicht wird immer wahrscheinlicher

Immer mehr SVP-Parlamentarier gehen davon aus, dass Blocher seine Bundesratskandidatur zurückzieht. Blocher selber sagt jetzt, die Rückkehr der SVP in den Bundesrat sei wichtiger als seine eigene Kandidatur.

«Ich bringe Ihnen morgen mein Arztzeugnis»

Von Matthias Chapman. Aktualisiert um 07:41 Uhr

In der Sendung Talk Täglich auf Telezüri nahm Christoph Blocher erstmals nach seiner Nominierung zum Bundesratskandidaten ausführlich Stellung. Fragen zu seiner Gesundheit schlug er in den Wind.

«Ich bin gesünder als meine Gegner», sagte Blocher auf den Hinweis von Talkmaster Markus Gilli über Medienberichte betreffend seines Gesundheitszustands. Und weiter: «Ich bringe Ihnen morgen mein Arztzeugnis.» Auch über angeblich von einem Arzt festgestellte Sprachstörungen mochte Blocher nur lachen: «Was ist das für ein Arzt?»

Über die Einleitung Gillis in die Sendung nervte sich Blocher ziemlich. Der Talkmaster scherzte, Ruth Dreifuss würde wieder in den Bundesrat zurückkehren. «Herr Gilli, nehmen Sie mich Ernst», forderte Blocher Gilli auf, endlich auf das eigentliche Thema zu kommen um hinzuzufügen: «Ich schäme mich im Namen des Schweizer Volkes, dass man die Wahl eines Regierungsmitglieds auf diesem Niveau abhandelt.»

Der Wirtschaftsprofi

Insgesamt versuchte sich Blocher als starke Wirtschaftskraft in «schwierigen Zeiten» zu positionieren. Dies, obwohl im Moment ja nur das VBS zur Disposition steht.

Wann ziehen Sie sich zurück, wollte Gilli in Anspielung auf die minimalen Wahlchancen Blochers von seinem Gegenüber wissen. «Ich ziehe mich nicht zurück», entgegnete der SVP-Vizepräsident. Gleichzeitig liess Blocher aber auch durchblicken, dass er auch mit einem anderen Mitglied der SVP im Bundesrat leben könnte.

Tagi- online:

Lässt die CVP doch eine Tür offen für Blocher?

Eine Wahl von Christoph Blocher in den Bundesrat scheint doch nicht so unmöglich, wie es immer heisst. Das zumindest glaubt SVP-Präsident Toni Brunner nach Gesprächen mit der CVP

Kommentar: Die SVP versteht es, die Oeffentlichkeit zu irritieren. Einmal heisst es: Blocher hat eine Chance, dann: Blocher hat null Chance , später: Blocher könnte es doch noch schaffen. Dabelley machte zwar heute in der Tagesschau einmal mehr eine diffuse Aussage (Nur schriftlich). Jedenfalls deckt sie sich nicht mit dem Interview Brunners.

20 Min:

Brunner optimistisch - Darbellay dementiert

Die Spitzen von SVP und CVP haben sich zu einem Gespräch über eine Kandidatur Christoph Blochers als Nachfolger von Bundesrat Samuel Schmid getroffen. Das Ergebnis des Gesprächs wird von den beiden Seiten allerdings sehr unterschiedlich interpretiert.

Christoph Blocher - das Ende einer Machtmaschine

Tagi-online:

Nun kämpft er wieder: chancenlos, aber furchtlos. Und rücksichtslos, nicht zuletzt der eigenen Partei gegenüber. Was treibt ihn an?

Christoph Blocher: Industrieller, Vater, Oberst, Parteichef, Alt-Bundesrat, Sammler, Zauberer.

Christoph Blocher: Industrieller, Vater, Oberst, Parteichef, Alt-Bundesrat, Sammler, Zauberer. Bild: Keystone

Diesen September tanzte er mit seiner Frau Silvia am Presseball, als irgendein schlecht tanzender Anfänger ihm auf die Lippe schlug. Erst machte er einen Witz, aber das Blut stoppte nicht. Lange vor allen anderen verliessen die Blochers vor Mitternacht den Ball.

Es war der erste böse Schlag in einem bösen Herbst. Noch ein Jahr zuvor funkelte alles vor Triumph; Christoph Blocher war Bundesrat, seine SVP hatte die Wahlen gewonnen, die Blochers tanzten bis tief in die Nacht.

Damals sagte sein Bruder, der Bundesrat sei ein Gefängnis, aber Christoph der Gefängnisdirektor. Und Ueli Maurer erklärte, die SVP Zürich dominiere heute die SVP Schweiz total - dank dem «beispiellosen Vorbild Christoph Blocher».

In diesen Tagen sah man Christoph Blocher fast entspannt: Er trug das Lächeln einer gut gefütterten Katze.

Heute trägt er den Ausdruck eines alten Boxers. Inzwischen abgewählt, bewirbt sich der Alt-Bundesrat erneut - ohne zählbare Chance. Dafür mit Konkurrenz in der eigenen Partei. Neben ihm kandidiert in der SVP ein lächerlich grosser Haufen für den Bundesrat: darunter ein Lastwagenchauffeur und ein Masttierzüchter.

Der ehemals gefürchtetste Politiker der Schweiz verbreitet nun Schrecken vor allem im engsten Kreis seiner Getreuen, die als Einzige noch nicht wagen, gegen ihn anzutreten.

Wie ein Verkäufer muss er sich selber als «Nummer eins» loben.

So also sieht der Verlust von Macht aus: Galt Blocher noch vor kurzem als grosser Redner und genialer Stratege, so raunen seine Fraktionsmitglieder nun von «langen unklaren Reden», Ärzte analysieren öffentlich seinen Geisteszustand, kleine Tiere der eigenen Partei verbeissen sich in seine Zehen.

Es ist ein bitterer Kampf. Umso bitterer, als dass Christoph Blocher die wuchtigste Machtmaschine des Landes aufbaute: In vierzig Jahren schaffte er eine Multikarriere zum Milliardär, Parteiführer, Oberst, Industriellen, Doktor, Familienvater und konservativen Intellektuellen.

Wie schaffte er das? Und warum fliegt ihm die Maschine nun um die Ohren?

Der erste Coup

Die erste Gelegenheit nutzte er. «Christoph Blocher brach in die Firma ein wie ein Eber in einen Kartoffelacker», sagte ein Mitarbeiter später.

Blocher war damals 29 Jahre alt. Er war Rechtsstudent, arm, gerade verheiratet, und ein Schulfreund hatte ihn seinem Vater vorgestellt: Heinrich Oswald, dem Besitzer der Ems-Chemie.

Der fremde junge Jurist imponierte dem Vater auf den ersten Blick. Er stellte ihn als Rechtskonsulent ein, und bald stand er dem Fabrikanten näher als seine drei Söhne. Innert drei Jahren war Blocher Direktor der Ems-Chemie.

Einige Jahre darauf starb Vater Oswald. Seine Söhne wussten nicht, was tun. Der junge Chef Blocher malte die Zukunft in düsteren Farben - kaum Eigenmittel, miserable Marktchancen. Bald waren die Söhne bereit zum Verkauf. Sie gaben Blocher den Auftrag, einen Käufer zu suchen. Blocher fand einen ungenannten Investor und empfahl dringend den Verkauf.

Einige Wochen später stellte sich heraus, dass die Person, die den Konzern so düster beurteilt hatte, nicht nur dieselbe Person gewesen war, die den Käufer gesucht hatte, sondern auch dieselbe Person, die ihn gekauft hatte: Christoph Blocher.

Und es war auch dieselbe Person, die den Kaufpreis ausgehandelt hatte: 20 Millionen Franken für einen Konzern, dessen innere Werte die Presse damals auf 80 Millionen Franken schätzte.

Christoph Blocher, der sich mit 20 Millionen verschulden musste, sprach immer von «schlaflosen Nächten», «meinem mutigsten Entscheid».

Aber es war auch sein bester: Kaum waren die Gebrüder Oswald ausgekauft, florierte der Konzern. Der mausarme Pfarrerssohn war nun Industrieller.

Der zweite Coup

Es folgten ruhige, arbeitsame Jahre; Blocher wurde 1977 Parteipräsident der Zürcher SVP, 1979 Nationalrat - und blieb unauffällig. Seinen ersten grossen Abstimmungskampf (gegen die Besserstellung der Frau im neuen Eherecht) verlor er deutlich, dafür machte er sich bei der Beerdigung des Atomkraftwerkes Kaiseraugst einen Namen als Kompromisspolitiker: Blocher erkannte, dass das Projekt keine Chance hatte und schlug möglichst viel Entschädigung für die Energiekonzerne heraus.

Dann fiel die Berliner Mauer, und in der Euphorie plante die Schweiz, dem EWR beizutreten. Alle waren dafür: die Presse, linke und bürgerliche Parteien, die Industrie.

Es war die zweite Geburt des Politikers Blochers. Allein gegen alle tourte er Monate durch Säle, investierte eine Million, schickte Klarstellungen in alle Haushalte: Am Ende gewann er die wichtigste Abstimmung des Jahrzehnts mit 50,3 Prozent. Am Abstimmungsabend, als die halbe Schweiz feierte und die andere deprimiert war, ging Blocher zu Tode erschöpft um halb acht ins Bett. Ein halbes Jahr verschwand er aus der Öffentlichkeit.

Das Anti-Establishment

Dann kam er zurück und änderte das Land für immer. In den Jahren zuvor hatte er die ehemals harmlos dahindümpelnde Gewerbepartei SVP mit Programmtag nach Programmtag zu einer fitten Organisation gemacht. Nun nutzte er sie.

Eine radikal neue Art von Politik warf die restlichen Parteien aus der Bahn: ein Dauerwahlkampf von «Puurezmorge», Pressekonferenzen, Inseraten. Und das mit groben, aber präzisen Schlagworten: «Linke und Nette», «Sozialschmarotzer», «Heimatmüde», «die in Bern», «Weichsinnige», «Expertokraten», «Scheininvalide».

Die Angegriffenen antworteten mit Empörung und Protest - sie wurden eine leichte Beute der entschlossen vorbereiteten Parteiarmee SVP. Durchgedacht und durchgedrückt wurden vor allem die Parolen: Jedes Problem, jede Lösung war in harter Arbeit auf drei Sätze heruntergefeilt worden. Mit diesen konnte auch der dümmste SVPler auf Parteilinie argumentieren. Das beeindruckte. Auch wenn selbst die klügsten bald alle gleich klangen.

Blochers Beute wurden die Freisinnigen. Das Zürcher Bürgertum war gemütlich geworden von 100 fetten Jahren Regentschaft über die Schweiz. Nun hieb ihnen die SVP ihre alte Parole «Mehr Freiheit - weniger Staat» um die Ohren. Der Freisinn, der den Staat ja geführt hatte, spaltete sich in verwirrte Staatstragende und verwirrte Staatsabbauer - als gemeinsame Basis blieb nur die Verwirrung.

Aber auch im Geschäft liess Blocher die Bürgerlichen zittern - erst vor Angst, später vor Gier. Einer seiner wenigen ebenbürtigen Partner seiner Karriere war ein blasser Bankier namens Martin Ebner. Sie trafen sich an der Uni. Wie Blocher war Ebner ein Rebell.

«Ich bin 68er - nur von der anderen Seite», sagte Blocher später. Tatsächlich hatte er in der linken Universität den konservativen Studentenring gegründet. Dort lernte er Ebner kennen. Beide verachteten die Linken - aber auch das Establishment: «die bürgerliche Dekadenz».

Der Krieg um die Bankgesellschaft

Beide wählten die Strategie, gegen den Strom zu schwimmen. Blocher tat dies etwa, indem er ein linkes 68er-Propaganda-Rezept für die SVP übernahm: die Wucht der Provokation. Je mehr «Anständige» sich über eine Frechheit empörten, desto bekannter wurde die Frechheit. Und desto leidenschaftlicher wurden die Anhänger. Man durfte nur nie die Nerven verlieren und sich entschuldigen. Sondern man setzte eine weitere Frechheit drauf.

Ebner dagegen importierte. Er importierte die neusten Finanzinstrumente aus Amerika - Optionen und Derivate. Und den neusten Trick: Aktien von unterbewerteten Firmen im grossen Stil aufzukaufen, dann das Management zwecks höherer Rendite unter Druck setzen, dann die Aktien mit Gewinn abstossen.

Die Freunde Blocher und Ebner spielten dieses Spiel über die Jahre mit mehreren Firmen: Bank Leu, Sandoz, ABB, Alusuisse, Roche, Winterthur. Längst war die Ems-Chemie unter der Mithilfe Ebners zur Hälfte eine lukrative Finanzboutique mit eingebauten Steuersparvehikeln. So machte Blocher seine erste Milliarde.

Die grösste Schlacht war aber diejenige um die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG). Es war der brutalste, schmutzigste Wirtschaftskrieg, den die Schweiz je gesehen hatte. Grossaktionär Ebner und der SBG-Verwaltungsrat Blocher verlangten unter dem Kampfbegriff «Shareholder Value» von der SBG Verkauf von Abteilungen, mehr Rendite, einen kleineren Verwaltungsrat. Die SBG wehrte sich und warf Blocher raus. Dieser schwor Rache.

Der Kampf tobte zum Entsetzen braver Bürger drei Jahre durch Presse, Gerichte und Aktionärsversammlungen: Am Ende gewann schwach und blutend die Bank, die bald vom Bankverein übernommen wurde.

Ebner und Blocher verloren den Kampf; dafür gewannen sie bei der Fusion viel Geld; und sie gewannen den Krieg der Ideen - Shareholder Value mit seiner Forderung nach schlanken Firmen mit mindestens 15 Prozent Eigenkapitalrendite wurde breit akzeptierte Norm.

Die Akzeptanz dafür blieb - selbst nachdem die Internet-Blase 2001 platzte, Ebner fast Pleite ging und von seinem Freund Blocher gerettet werden musste. Erst nach der Kreditkrise 2007 geriet die hohe Eigenkapitalrendite in Verruf.

Innenpolitik des Politikers

Blochers bleibendstes Vermächtnis ist sicher sein neuer Stil in der Politik: ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne ihn gäbe es keine straffe Organisation der SVP, keinen Dauerwahlkampf, kein Ultimatum wie jenes von 2004, das ihn in den Bundesrat brachte. «Ich führe eine Offensive gegen die herrschende politische Kultur. Die will ich zerstören. Die muss man zerstören», sagte Blocher etwa am Wahlabend 1999.

Kein Wunder, hat er wie jeder ernsthafte Rebell Feinde. Man bekämpfte, beschimpfte, belächelte, ignorierte ihn. Er überlebte alles. Nur wie?

Christoph Blocher ist ein schillernder Mensch: Bauernknecht, Ehemann, Chef, Oppositionsführer, Minister, Kunstsammler, Hobbyzauberer für seine Enkel.

Das sind viele Hüte. Doch wer steckt darunter? Am ehesten sagt das Blocher selbst: «Ich habe erst immer im Nachhinein studiert. Ich habe gehandelt.» Und sieht man auf Blochers Taten, zeigt sich eine Sache immer: Was immer er anstellte, am Ende wuchs seine Macht.

In der Tat kann man von Blocher sehr viel über Macht lernen: etwa sein Timing, nicht dauernd präsent zu sein, sondern sich zurückzuziehen, zuzuschlagen, die Wirkung nachbeben zu lassen.

Oder die Gelassenheit gegenüber böser Presse: «Dreck soll man nicht abwischen, sondern antrocknen lassen. Irgendwann hat man einen Panzer.»

Am Unwiderstehlichsten ist wohl die schamlose Wucht, mit der Blocher Bundeshaus und Chefbüros stürmte: In diesem friedlichen Land folgten auf diesen Machtwillen nur Unglauben, Panik, Kapitulation.

Wie der Protestant Blocher innen funktioniert, hat er oft geschildert. Sein Glaube an die «Erlösung» Gottes und einen «Auftrag». Dann das Ringen mit seinem Engel: Wie er Nächte lang wach liegt, sich fürchtet, zweifelt - und dann umso unbedenklicher handelt.

Amateure der Macht verdrängen Zweifel und Furcht; Könner benützen sie als nie versiegenden Treibstoff ihres Motors.

Das süsse Gift des Erfolgs

Am heftigsten warnte Blocher immer vor dem Erfolg. «Freuen Sie sich nach Ihrem Wahlsieg?», fragten die Journalisten jeweils. «Nein. Ich habe Angst», knurrte Blocher. «Die Verantwortung ist gewachsen.»

Misstrauisch warnte er seine SVP-Leute vor Bequemlichkeit, Posten und der Sehnsucht nach Lob. Misstrauisch bezeichnete er seine Erfolge als Last. Misstrauisch begab er sich als Bundesrat ins Gefängnis nach Bern.

Und dann erwischte es ihn doch. Nach dem Wahlsieg 2007 liess er sich an SVP-Anlässen feiern, er veröffentlichte ein Handbuch mit seinen Führungsprinzipien, es gab Fotos mit Strohhut am Pool und mit Silvia vor der Limousine.

«Es taget!», sagte er fröhlich bei einer Pressekonferenz, sprach von einer «konservativen Revolution». Und tatsächlich: Seine Wiederwahl schien unbestritten. Und plötzlich hörte man, in Salons und Redaktionen, einen neuen, warmen Ton, wenn von ihm gesprochen wurde: Alles hatte er sicher nicht schlecht gemacht, oder?

Beflügelt gab sein Bruder ein Interview, wie stolz er war, dass Christoph all die Feiglinge in Bern niedergekämpft hatte. Und die SVPler fanden es an der Zeit, ihre Bündner Parteigenossen zu demütigen.

Die Revolte kam dann von den Parteien, die er längst besiegt glaubte. Wer hätte gedacht, dass die SP organisieren konnte? Wer, dass die CVP Mut hätte? Und wer, dass jemand in der SVP wagte, gegen ihn zu kandidieren? Was Blocher stürzte, war eine Revolte derer, die er beleidigt hatte: Sie entstand über Nacht und zerfiel sofort nach seinem Sturz.

Aber sie brachte ihn um. Denn für seine Abwahl hatte der ewig Misstrauische nichts vorbereitet. Kein Konzept für eine Opposition, nichts. Chaos brach aus um die Personenfreizügigkeit, Chaos um Parteiausschlüsse, Chaos herrscht bei der jetzigen Bundesratswahl.

Nur eines bleibt: Dieser Mann, alt und angeschlagen, mit fast nur noch seiner Frau als Verbündeter, der zäh, chancenlos, furchtlos, rücksichtslos um das kämpft, worum er immer kämpfte: um die Macht. (Tages-Anzeiger)

Mittwoch, 19. November 2008

Kommunikations-Experte Marcus Knill über Christoph Blocher
«Er macht den Eindruck eines verletzten Tieres»
BLICK:

«Ich habe das Gefühl, ich muss das jetzt machen»: Christoph Blocher am Montag zu seiner Kandidatur. Der Kommunikationsexperte Marcus Knill analysiert Blochers Gebaren.

Nicht mehr der Alte Christoph Blocher am Treffen des Zürcher SVP-Vorstands am Montagabend. (Keystone)
Sprache

Der früher so eloquente Redner hatte mehrfach Sprachfindungsstörungen, Formulierungsprobleme, regelrechte Aussetzer. Das kannte man früher von Christoph Blocher nicht. Aber seit seiner Abwahl treten die Aussetzer öfter auf. Für alle sichtbar auch in der Arena-Diskussion mit Evelyne Widmer-Schlumpf. Irgendetwas stimmt nicht mehr mit Christoph Blocher.

Gestik

Sein Gesicht wirkte verhärtet. Sein Ausdruck strahlte Sturheit, Verbissenheit und Ich-Bezogenheit aus. Er scheint in sich selbst gefangen. Auf mich machte Blocher den Eindruck eines verletzten Tieres. Die Wunde seiner Abwahl schmerzt unvermindert weiter. Obwohl er vor der Bundesversammlung keinerlei Chance hat, stiert er seine Kandidatur durch. Lieber opfert er sich selbst – und seine Partei –, als sich in sein Schicksal zu fügen. Auf die Frage, was aus der SVP im Falle einer erneuten Nicht-Wahl würde, antwortete Blocher mit einem Anflug von Schadenfreude im Gesicht: ‹Dann bleiben wir in der Opposition.› Was wohl heissen soll: Wenn ich nicht kommen kann, dann ist die beste Lösung ausgeschaltet.

Botschaft

Trotz allem besitzt Blocher nach wie vor grosse Sugges-ti­onskraft. Er kann Menschen beeinflussen, fast wie ein Sektenprediger. Interessant die Momente, in denen er voll Sendungsbewusstsein über seinen neuen Auftrag sprach: ‹Meine Partei hat in dieser schwierigen Situation gesagt, du bist der Kandidat, der jetzt antreten sollte.› Blochers Augen leuchteten regelrecht. Man hat unweigerlich das Gefühl: Dieser Mann glaubt wirklich, was er da sagt. Sein Auftrag ist für ihn wie Religion. Das Wort Religion kommt ja vom Lateinischen re-ligio – Zurückbindung. Blocher fühlt sich fest an diesen Auftrag gebunden. Nämlich die Schweiz zu bewahren vor allem Bösen. Blochers Botschaft hat messianische Züge. Deshalb ist er auch felsenfest davon überzeugt, dass er allein diesen Auftrag erfüllen kann.

NZZ-online

«Weil ich der Fähigste bin»

Warum Christoph Blocher mit dem Kopf durch die Wand will

Toolbox
Druckansicht Artikel kommentieren Artikel versenden
Was treibt diesen Mann an? Christoph Blocher besteht darauf, dass die SVP allein entscheidet, wer die Nachfolge Samuel Schmids antreten soll. Von seiner Partei, in die er soviel Kraft und Geld investiert hat, fordert der Baumeister des Erfolgs nochmals Gefolgschaft ein.

«Niemand in der SVP bestreitet, dass ich der Fähigste bin.» Diesen Satz sprach Christoph Blocher in zahllose Mikrofone, nachdem ihn seine Zürcher Kantonalpartei als alleinigen Bundesratskandidaten lanciert hatte. «Ich muss das machen in dieser schwierigen Zeit.»

Die öffentlichen Auftritte von Christoph Blocher irritieren. Der 68-jährige Polit-Haudegen wirkt fahrig, angespannt, erschöpft. Er argumentiert nebulöser als früher. Man erinnert sich auch nicht daran, dass er sich schon einmal derart ostentativ als ungekröntes Oberhaupt der SVP tituliert hat. Ist sein Versuch, den am 12. Dezember 2007 verlustig gegangenen Bundesratssitz zurückzuerobern, die Zwängerei eines Gekränkten?

Ausserhalb der SVP versteht jetzt niemand, weshalb Altbundesrat Blocher glaubt, er allein sei dazu befähigt, die Armee zu disziplinieren, die Wirtschaft anzukurbeln, die Schweiz zu retten.

Die politische Karriere von Christoph Blocher
Periode Politische Tätigkeit
1964 - 1971 Mithilfe bei der Gründung der bürgerlichen Studentengruppe Studentenring an der Universität Zürich. Präsident der juristischen Fachschaft, Mitglied des Grossen Studentenrates
1974 - 1978 Mitglied des Gemeinderates Meilen
1975 - 1980 Zürcher Kantonsrat
1977 - 2003 Präsident der SVP Kanton Zürich
1979 - 2003 Nationalrat
1986 - 2003 Präsident der Auns (Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz)
2003 - 2007 Bundesrat, Vorsteher des EJPD (Justizminister). Abwahl am 12. Dezember 2007 durch das Parlament
ab 2008 Vizepräsident der SVP Schweiz

Christoph Blocher hat, obschon er selber nie die SVP Schweiz präsidierte, seinen Nimbus als unantastbare Galionsfigur der Volkspartei konsequent kultiviert. Das Zürcher Albisgütli avancierte zum Wallfahrtsort für seine Fangemeinde. Er hat Millionenbeträge in politische Kampagnen investiert. Er hat Standortbestimmungen («Zehn Jahre nach dem Nein zum EWR-Vertrag», Dezember 2002), Entgegnungen («Lappi tue d'Augen uf», Februar 2003) und Wahlzeitungen («Blocher stärken! SVP wählen!», Herbst 2007) millionenfach unters Volk gebracht. Die Rechnung ging für die SVP auf.

Ebenso konsequent hat Christoph Blocher SVP-intern seine politische Linie durchgesetzt. Wer sich ihm in den Weg stellte, musste früher oder später mit Sanktionen rechnen. Die Grabenkämpfe zwischen Bernern und Zürchern wurden zwar mit offenem demokratischem Visier ausgetragen, aber auch mit Haken und Ösen. Sachpolitisch hatte sich Blochers Zürcher Linie spätestens 2003 durchgesetzt. Vorher und nachher blieben parteiintern auf der Strecke: Die Bundesräte Adolf Ogi, Samuel Schmid, Eveline Widmer-Schlumpf, die Bündner SVP in corpore und all jene Enttäuschten, die sich jetzt in der neuen BDP zusammenraufen.

Loyale Entourage – treue Basis

Die heutige Basis der SVP akzeptiert Blochers parteiinterne Vormachtstellung fast uneingeschränkt. Das gilt erst recht für seine engste Entourage: Der nationale Parteipräsident Toni Brunner, dessen Vorgänger Ueli Maurer und Fraktionschef Caspar Baader tragen die Kandidatur Blochers vorbehaltlos mit. Nationalrat Christoph Mörgeli schlüpfte zeitgleich mit Samuel Schmids Rücktrittserklärung in seine jahrelang erprobte Rolle als erster Sekundant Blochers. Nationalrat Hans Fehr, als Geschäftsführer der jahrelang von Blocher präsidierten Auns von Amtes wegen zum Gleichschritt verpflichtet, sieht für die SVP-Fraktion keine andere Möglichkeit, als Blocher zu nominieren: «Weil er der Fähigste ist.»

Bevor Christoph Blocher ins Rennen gestiegen ist, hat er strategisch kalkuliert. Er versicherte sich, dass die SVP-Führung hinter ihm steht. Er weiss auch, dass das SVP-Fussvolk hinter ihm steht – jene immer grösser gewordene Basis, die ihm an Parteitagen, an Kundgebungen und Inszenierungen mit Ovationen überschüttet hat. Jetzt geht er davon aus, dass er seine Basis vor den Kopf gestossen hätte, wenn er nicht nochmals angetreten wäre. Handkehrum erwartet er, dass ihm die SVP-Bundeshausfraktion Gefolgschaft leistet. Ohne Wenn und Aber. Das ist die rationale Rechnung Christoph Blochers.

Der «Plan Blocher»

Hinzu kommt die emotionale Komponente. Weder Christoph Blocher noch seine SVP haben den 12. Dezember 2007 vergessen. Die Abwahl des amtierenden Bundesrats Blocher bedeutete für die meisten Mitglieder der SVP einen Affront sondergleichen.

Was für Aussenstehende eine bittere Pille sein mochte, war für die SVP ungleich schlimmer. Eine Demütigung. Auch Blocher gelingt es zurzeit nicht, seine Wut zu kaschieren. Die Verbitterung über seine Abwahl ist mit Sicherheit eine Triebfeder seines Handelns.

Viele spekulieren, dass der alternde Fuchs noch einmal politisch taktiere. Christoph Blocher stellt dies in Abrede. Für «Schlaumeiereien» im Vorfeld der Bundesratswahl sei er nicht zu haben. Das mag wohl sein. Allerdings: Jene Exponenten innerhalb der SVP, die dem «Plan Blocher» der Zürcher Kantonalpartei kritisch gegenüberstehen, sollten sich wappnen. Die Sekundanten werden alles daran setzen, dem «Plan Blocher» parteiintern zum Durchbruch zu verhelfen. Falls die Bundeshausfraktion anders entscheiden würde, wäre das für die SVP ein Desaster.

Von aussen betrachtet, überzeugt die Übungsanlage gleichwohl nicht. Die Bundesversammlung entscheidet am 10. Dezember nach eigenem Gutdünken und in demokratischer Wahl, wer für die Nachfolge Samuel Schmids am besten befähigt ist.

Der Weg ins Bundesratszimmer hat noch nie mit dem Kopf durch die Wand geführt.

Montag, 17. November 2008

Ich werde dieses Interview übermorgen in einem Schulleiterweiterbildungskurs vorlegen und diskutieren lassen

aus Spiegel-online:

Autorin Brose: "Die Kinder sind uns Lehrern ausgesetzt"
Sehnaz Seker

Autorin Brose: "Die Kinder sind uns Lehrern ausgesetzt"

Brose: Seit 1980 jedenfalls nicht mehr, als ich in den Hamburger Schuldienst eingetreten bin.

SPIEGEL: Müssten die Lehrer nicht regelmäßige Leistungstests befürworten?

Brose: Lehrer sind von Natur aus sehr ängstlich. So ein Lehrerdasein ist ja eine grottenkomische Geschichte. Man geht zur Schule, dann geht man zur Uni, also wieder eine Art Schule, und dann geht man zurück zur Schule. Es ist immer ein Schutzraum. Lehrer müssen sich kaum beweisen, viele bekommen niemals Einblick in die Härte der Berufswelt außerhalb der Schule.

MEHR AUS DEM NEUEN SPIEGEL

TITEL Das Kapital- Verbrechen Anatomie einer Weltkrise, die gerade erst begonnen hat
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie einige Lehrertypen: den Komiker, den Kumpel oder den Aussitzer. Warum haben Sie angeblich so viele merkwürdige Kollegen?

Brose: Problematische Kollegen finden Sie in allen Berufen. Aber bei Lehrern läuft etwas grundlegend falsch. Die Auswahl der Bewerber für den Job stimmt einfach nicht. Wir sind ungenau und legen auf die falschen Dinge Wert, wenn es darum geht, Nachwuchs für den Beruf zu gewinnen. Die Studienabschlussnote allein sagt noch nichts aus.

SPIEGEL: Was genau läuft falsch?

Brose: Jeder kann Lehramt studieren. Es wird überhaupt nicht darauf geschaut, ob die Person belastbar ist oder welche Fähigkeiten sie besitzt. Das führt dazu, dass viele Lehrer am falschen Platz sind. Neben vielen qualifizierten und engagierten Kollegen gibt es leider auch die, die den Belastungen nicht gewachsen sind.

SPIEGEL: Warum?

Brose: Man sollte es nicht glauben, aber sogar von Referendaren höre ich Sätze wie: "Ich will Lehrer werden, weil ich dann regelmäßig Ferien habe, ganz ordentlich verdiene und nicht gekündigt werden kann." Solche Leute bekommen wir nicht aus dem System raus, es sagt denen niemand: Du kannst das nicht. Wir sollten uns das aber trauen und nur noch die Besten zulassen.

SPIEGEL: Wie sollen die Bundesländer dann noch genügend Lehrer finden? Schon jetzt herrscht in vielen Fächern Mangel.

ZUR PERSON

Karin Brose, 58, arbeitet an einer Hamburger Haupt- und Realschule. Sie war Mitglied der Enquete- Kommission "Konsequenzen der neuen Pisa- Studie für Hamburgs Schulentwicklung", setzt sich für einheitliche Schulkleidung ein und hat soeben einen Überlebensratgeber für Lehrer veröffentlicht.
Karin Brose, Wolfgang Pfaffe: "Survival für Lehrer". Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; 160 Seiten; 16,90 Euro
Brose: Ich glaube, dass eine strengere Auswahl den Lehrerberuf aufwerten und dann auch mehr gute Bewerber anziehen würde. Die Wertschätzung gegenüber Lehrern ist heute ja nicht gerade überragend. In der Bevölkerung herrscht die Auffassung: Was ihr Lehrer gemacht habt in den letzten Jahren, hat dazu geführt, dass wir so schlechte Pisa-Ergebnisse haben.

SPIEGEL: Sehen Sie das nicht ähnlich?

Brose: Dass Bundesländer wie Bayern im Vergleich stets besser abschneiden als etwa Hamburg, liegt sicher auch daran, dass dort die Lehrerauswahl besser ist. Doch das ist nur ein Faktor. Was Lehrer im Moment zu leisten haben, ist kolossal. Die Arbeitsbedingungen sind ganz anders als noch vor 20 Jahren. Kinder aus Problemfamilien gibt es mittlerweile in allen Stadtteilen. Man geht nach Hause, aber die Arbeit geht weiter. Man muss Eltern anrufen, die Ämter oder auch mal die Polizei. Ich war schon mit Kindern beim Zahnarzt oder habe ihnen die Haare geschnitten.

SPIEGEL: Wer ist schuld? Die Eltern?

Brose: Na, die Kinder werden ja nicht von allein so. Sie sind der Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Was soll ich als Lehrerin denn noch machen, wenn die Kinder mit elf Jahren zu uns kommen und sagen: "Schule ist scheiße"? Das Bewusstsein, dass ich in die Schule gehe, weil ich später Arbeit und zu essen haben muss, das ist nicht da. Außerdem demontieren viele Eltern die Lehrer. Sicherlich eher an Hauptschulen, aber auch an Gymnasien. Dort spielen manche Väter und Mütter lieber Golf, als ihre Kinder zu erziehen. Dieser Egoismus nimmt zu.

FORUM

SPIEGEL: In Ihrem Buch empfehlen Sie den Berufskollegen, zur Stärkung der eigenen Autorität auf ihr Äußeres zu achten. Brauchen Deutschlands Lehrer wirklich solchen Rat?

Brose: Die Kinder sind uns Lehrern ausgesetzt. Wenn Lehrer nicht gepflegt sind, können die Kinder das nicht lernen. Und es kommt leider vor, dass Lehrer Mundgeruch haben oder wahnsinnig schwitzen. Lehrer gelten ja als die am schlechtesten angezogene Berufsgruppe überhaupt. Es sagt keiner was, wenn ich den Selbstgestrickten aus den Siebzigern trage oder mich wie ein Punk anziehe. Mein Buch soll aber keine Hetze gegen Lehrer sein, sondern jungen Leuten helfen, die richtige Berufsentscheidung zu treffen.

SPIEGEL: Gibt es schon Reaktionen?

Brose: Gerade wurde mir aus Berlin von der Reaktion der Leiterin eines Lehrerseminars berichtet: Es sei ein sehr realistisches Buch, sie werde es auf keinen Fall empfehlen - es könnte die Referendare abschrecken. Was für eine Logik!

SPIEGEL: Erhoffen Sie sich von Pisa eine Besserung?

Brose: Mich interessiert dieses Bohei um Pisa überhaupt nicht. Natürlich ist es gut zu wissen, wo wir stehen. Ich bin aber viel zu nahe dran, ich sehe, was Kinder brauchen, und ich sehe, wie erschöpft Kollegen sind. In der Schule haben wir wirklich andere Sorgen al