Ueli Maurer – David gegen Goliath
Im Fokus der Festrede
von VBS-Vorsteher Ueli Maurer steht das Verhältnis der Schweiz zur EU
und den USA. Maurer sieht die Schweiz dabei von grösseren Nationen
«unter Druck gesetzt und erpresst». Dazu bemüht der SVP-Bundesrat die
biblische Geschichte vom kleinen David, der dem grossen Goliath mutig
entgegentritt.
Für Kommunikationsstratege Marcus Knill ist
diese Analogie ein geschickter Schachzug: «Die Schweiz wird als
siegreicher Kämpfer gegen das übermächtige Ausland dargestellt.» Das
sei zwar normale SVP-Taktik, komme aber besonders am patriotischen
Nationalfeiertag gut an, sagt Knill. Dabei bestehe aber die Gefahr,
komplexe Entwicklungen und Problemstellungen auf ein simples
Schwarz-Weiss-Schema zu reduzieren.
Johann Schneider-Amman – Keine klare Haltung
«Der
Vorrat an Gemeinsamkeiten in fundamentalen Fragen droht zusehends, zu
schwinden», stellte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amman in seiner
Rütli-Rede fest. Dem mit stärkerer Regulierung zu begegnen, sei aber
der falsche Weg. Dazu brauche es Freiheit, die mit Verantwortung
getragen wird. Das sei «echter Liberalismus», so Schneider-Amman.
«Der
Widerspruch von Freiheit und Regulierung ist nicht neu», sagt Knill.
«Auch Bundesrat Schneider-Amman kann darauf keine Antwort geben.
Teamgeist und Solidarität sind zwar schöne Worte, als Lösung reichen sie
aber nicht.» Für den Kommunikationsexperten zeigt sich hier die
Schwierigkeiten der FDP, sich klar zu positionieren.
Didier Burkhalter - SVP-nahe Rhethorik
Der
Aussenminister Didier Burkhalter betont die Wichtigkeit der bilateralen
Abkommen mit der EU, «die die Eigenständigkeit der Schweiz
sicherstellen.» Laut Burkhalter liegt die Entscheidungsgewalt dabei beim
Schweizer Volk. «Einen wie auch immer gearteten Automatismus wird es
nicht geben», sagt der FDP-Bundesrat in seiner Ansprache in der
lettischen Hauptstadt Riga.
Dass der Aussenminister den
bilateralen Weg verteidige, sei zu erwarten gewesen, sagt Marcus Knill.
«Das Schweizer Volk aber als einzigen Entscheidungsträger zu
postulieren überrascht. Das ist SVP-nahe Rhethorik», meint der
Kommunikationsberater.
Doris Leuthard - Unoriginell
Gleich
wie Bundesrat Schneider-Amman beschwörte auch die Umwelt- und
Verkehrsministerin «die Bereitschaft, für einander da zu sein» als
typisch schweizerische Tugend. Anstehende Reformen sollten mit
Dialogbereitschaft angegangen werden. «Doch dies sei eigentlich Jammern
auf hohem Niveau», bilanzierte die CVP-Bundesrätin.
Leuthard
stelle Wilhelm Tells Aussage «Der Starke ist am mächtigsten allein» in
Frage, sagt Experte Knill. «Das ist ein deutlicher Wink mit dem
Zaumpfahl gegen alle politischen Kräfte, die eine Isolationspolitik
huldigen.» Stattdessen solle man am gleichen Strick ziehen und
zusammenstehen. «Die Schweiz, ein einig Volk. Das ist schon lange kein
originelles Motiv mehr», so der Kommunikationsprofi.
Simonetta Sommaruga - Trotz neuer Frisur die Gleiche
Veränderung
führe nicht automatisch zur Auflösung von Identität, stellte die
Justizministerin in ihrer Ansprache fest. Sie habe sich unter anderem
mit einer neuen Frisur persönlich stark verändert, «und doch bin ich
kein anderer Mensch geworden.» Dasselbe gelte für die Schweiz und ihre
Bewohner.
Auch Sommaruga stellt sich mit ihrem Aufruf zu mehr
Offenheit gegen die isolationistische Rede Maurers, stellt Knill fest.
Der Politberater weist aber darauf hin, dass Wandel nur gut sei, wenn er
zu Verbesserungen führe. «Ob das beim von der Bundesrätin angeführten
Niedergang des Bankgeheimnisses so ist, ist zumindest fraglich», sagt
Knill.
Alain Berset - Tritt ans Schienbein der SVP
Der
SP-Bundesrat sieht «Fortschritt und Beharren, Veränderung und
Kontinuität» als die Pfeiler, auf denen das Selbstverständnis der
Schweizer beruht. Berset plädiert in seiner Festrede für einen
pragmatischen Dialog mit der EU in Bezug auf den Finanzplatz. Dabei gäbe
es «keinen Grund, eine Wagenburg zu bilden.» Vielmehr solle die Schweiz
selbstbewusst und pro-aktiv auftreten, so der Vorsteher des
Departementes des Innern (EDI).
«Berset verknüpft geschickt
Tradition und Fortschritt», sagt Knill. «So fühlen sich konservative
Kräfte und progressive Leute gleichermassen angesprochen.» Der Aufruf zu
einem pragmatischen Dialog mit der EU widerspreche dabei der Haltung
der SVP diametral. Mit dem Satz «verharren und beharren, bis es nicht
mehr geht – das ist eine Haltung, die schlicht unter dem Niveau der
Schweiz ist» kritisiere Berset direkt die Starrhalsigkeit der
Volkspartei, so Knill.
Eveline Widmer-Schlumpf - Verteidigt sich selbst
Die
Erfolgsgeschichte der Schweiz könne mit Offenheit, Realitätssinn,
Selbstbewusstsein und Mut fortgeschrieben werden, sagte die
Finanzministerin. Dazu müsse man zusammen arbeiten, «denn die Schweiz
geht uns alle etwas an, auch wenn wir nicht alle gleich sind und gleich
denken.»
Die Ansprache der BDP-Bundesrätin sei klar eine
Verteidigungsrede, stellt Knill fest. «Sie betont, dass man der Realität
ins Auge sehen müsse. Das heisst, dass sie die Tatsachen erkennt,
während andere träumen», sagt er. «Mit den Schlagwörtern
Selbstbewusstsein und Mut versucht sie sich wahrscheinlich nach den
politischen Attacken der letzten Monate selber aufzubauen.»
Wenig Fleisch am Knochen
Bei den wenigsten Zuschauern dürfte wirklich etwas hängen geblieben
sein, bilanziert der Kommunikationsexperte Marcus Knill. «Es wird zuviel
Phrasendrescherei betrieben.» Von einer Festrede eines Bundesrats am
Nationalfeiertag erwarte er Antworten auf drängende Fragen, sagt Knill.
«Das ist aber gar nicht das Ziel der Reden. Die Landesregierung will bei
der Bevölkerung einfach ein wohliges Wir-Gefühl erzeugen.»
Kommentar zu meinen Gedanken:
Was in der Zusammenfassung nicht Platz finden konnte: Bei Bundesrätin Leuthard hat mir gefallen, dass sie immer wieder Bezug genommen hatte zur Gemeinde Lavizarra. Die Uebertragung der Gemeindeprobleme auf die Schweiz war ein guter Ansatz. Die Schweiz muss den Geist von Lavizarra leben. In ihrer ersten Rede am 1. August in Eischoll (2006) sprach sie noch über die Köpfe der Walliser Bevölkerung hinweg.
LINKS:
Dateiformat: PDF/Adobe Acrobat
KRAFTVOLLE STIMME – VAGE AUSSAGEN. 1. August-Rede: Die neue Bundesrätin Doris Leuthard trat mit einer 1. August-Rede im Walliser Dorf. Eischoll auf.
www.rhetorik.ch/Aktuell/06/08_06/08_2006.pdf
2. Aug. 2006 ... Augustrednerin wusste Doris Leuthard noch nicht, dass diese Rede im Walliser ... Das Medieninteresse und der Publikumsandrang war denn auch am 1. ... ihrer ersten Rede hautnah erleben und die Stimmung in Eischoll mitverfolgen. ... Obwohl ich auf eine ausführliche Analyse der Augustrede verzichten ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/06/08_02.html
Die persönlichen Gedanken von
Simonetta Sommaruga haben
mir gut gefallen. Die Bundesrätin
wirkt recht glaubwürdig. Das stellte ich
bereits bei Ihren Auftritten vor der Wahl
zur Bundesrätin fest.
Ihre Kernbotschaft
war damals immer synchron
und sie überzeugte mich.
Ihre Dachbotschaft
lautete:
"Ich höre gut zu und lege in erster
Linie Wert auf die Lösung
von Problemen."
Bundesrat Schneider Ammanns
zweite Rede auf dem Rütli war weniger
abstrakt und kompliziert.
Der Bezug zum Sport und zu
den Fussballern machte die Rede
viel redundanter.
LINKS:
1. Aug. 2011 ... Simonetta Sommaruga und Ueli Maurer sind zwei Magistraten, die kommunikativ stark sind. Beide überzeugen durch Stimme und Person.
www.rhetorik.ch/Aktuell/11/08_01/
17. Sept. 2010 ...
Frage: Herr Schneider-Ammann, Sie gelten als erfolgreicher Unternehmer.
Aber sind Sie auch Politiker genug, um ein erfolgreicher Bundesrat ...
www.rhetorik.ch/Aktuell/10/09_17/